Bis an die Grenze der Belastbarkeit – und darüber hinaus

Sea-Eye Mission 5/2017

Mit dem Beiboot „Charlotti II“ im Einsatz – von Klaus Becker (Mission 5)

Samstag, 13.05.2017, 8.10 Uhr. Die Crew wird vom Skipper geweckt. Kurze Lagebesprechung an Deck: Das MRCC meldet Schlauchboote und gibt die Koordinaten durch. Wir haben noch etwas Zeit für flüchtige Morgentoilette, ein kleines Frühstück und Ausrüsten mit Schwimmweste, Helm und was sonst noch notwendig ist.

Sitze noch einige Zeit alleine in der Messe und versuche, mich innerlich auf das Kommende einzustimmen. Was wird auf mich zukommen? Wird alles funktionieren wie geplant und mit der Crew eingeübt? Wie viele Menschen warten auf unsere Hilfe? Bin ich bereit? Körperlich, psychisch? Mit wieviel Leid, Freude, Hoffnung, Leben und Tod werde ich konfrontiert werden?

Mit dem Wissen, alleine die Situation meistern zu müssen, da weder andere NGOs noch offizielle Schiffe vor Ort sind, starten wir um 9:30 Uhr in einen extrem langen, arbeitsreichen, aufregenden Tag auf dem Mittelmeer. Das Meer, das viele von uns bislang nur vom Badeurlaub kennen.

Das erste Boot, das wir anfahren, ist ein blaues Schlauchboot, es wirkt nicht sehr stabil, Wasser ist bereits eingedrungen, die Steuer-Bord-Kammer hat bereits viel Luft verloren. Etwa 120 Menschen oder mehr harren darin aus. Angst, Freude, Verzweiflung, Hoffnung, Erwartung sind in den Gesichtern und Gesten der Menschen zu sehen und zu spüren. Seraja versucht, den Menschen mit freundlicher Begrüßung, mit Winken und Lachen Zuversicht zu vermitteln. „Hello. We are here to help you. We are from Germany. We bring you Life Jackets…“

Vom Heck des Schlaubootes aus verteilen wir die Rettungswesten. Die Menschen geben sie relativ zügig in den vorderen Bereich, bisher klappt alles sehr gut. Jetzt beginnt der Dauertransfer der Rettungswesten von der Sea-Eye zu den Schlauchbooten. Einmal, zweimal, dreimal…..immer wieder hin und zurück. Rettungswesten aufnehmen, zu den Schlauchbooten fahren, Rettungswesten verteilen… Die Leute beruhigen, wenn wir wieder von ihrem Boot wegfahren müssen, um neue Westen zu holen oder zu einem anderen Schlauchboot zur Übergabe hinfahren müssen.

Wind und Welle werden stärker. Wir haben an diesem Tag 1 – 2 Meter Welle, bei 3 – 5 Windstärken, wechselnd während des Tages. Es wird immer beschwerlicher, mit der Charlotti die Wege fahren zu müssen. Wir sitzen inzwischen von der Gischt durchnässt, intensiv geduscht in unserem Beiboot. Doch egal: Nässe und Wind trotzend fahren wir hin und her, hin und her, hin und her… Wir bringen mit den Rettungswesten auch Hoffnung und Zuversicht.

Nachdem wir das blaue Schlauchboot mit Rettungswesten versorgt haben, geht es zum nächsten, dem ersten von drei weißen Booten, die in unmittelbarer Nähe im Meer treiben. Auch diese Boote sind mit jeweils über 100 Menschen hoffnungslos überfüllt. Bei jedem nun das gleiche Procedere: Umfahren, Lage peilen, nach Verletzten, Frauen, Kindern, Schwangeren fragen, Rettungswesten verteilen…

Und in jedem Boot die gleichen ängstlichen, aber trotzdem hoffnungsvollen Gesichter. Junge Männer, Frauen, Kleinkinder und Säuglinge, ältere Männer, Familien, die darauf warten, aus ihrer misslichen lebensbedrohlichen Situation herausgeholt zu werden. Einige Menschen sind erkennbar seekrank, manche müssen sich übergeben, wirken auf uns geschwächt, aber durchaus stabil.

Wir können uns gar nicht vorstellen, dass die Menschen sich ohne Schwimmweste auf diese gefährliche Reise begeben. Offensichtlich haben sie ebenfalls keinerlei Vorstellung von den Entfernungen auf dem Mittelmeer. Nach einer Stunde Fahrt mit der Sea-Eye wird uns später ein Geflüchteter an Bord  fragen, ob wir jetzt bald in Italien sind. Es wird uns allen abermals klar: die Menschen auf der Flucht wissen nicht, dass sie die Überfahrt in Schlauchbooten nach Italien nie schaffen könnten. 200 Seemeilen von Libyen nach Italien/Malta bedeuten bei  der Geschwindigkeit eines Schlauchboots mindestens 80 bis 100 Stunden Fahrt. Tatsächlich ist dafür in keinem Fall genügend Benzin an Bord. Und selbst bei ausreichend Benzin würde keines der Schlauchboote jemals Italien erreichen. Vorher verlieren die Boote die Luft oder gehen anderweitig unter. Kein Schlauchboot aus Libyen hat bisher jemals Italien oder Malta erreicht. Nur, dass scheint kein Flüchtender zu wissen.

Zurück zum Einsatz: noch läuft alles nach Plan. Wir verteilen die Rettungwesten, die Menschen in den Schlauchbooten kooperieren gut, wenig Hektik in den Booten, die Kommunikation funktioniert.

Wir ahnen noch nichts von den Schwierigkeiten, die noch kommen werden.

Endlich: um 11:30 sind alle Menschen in den vier Schlauchbooten mit Rettungswesten versorgt. Erst mal durchatmen. Die Leute sind jetzt zumindest vor dem sofortigen Ertrinken geschützt. Mit den Rettungswesten kann sich jeder einige Minuten über Wasser halten. Unser erster Auftrag ist erüllt. Nun müssen sie noch abgeborgen und an ein sicheres Festland gebracht. Wohin sagt immer die Seenotleiststelle in Rom. Das ist deren Verantwortung.

Für uns der Moment, kurz mal durchzuschnaufen, eine Kleinigkeit essen, Wasser trinken, das weitere Vorgehen besprechen.

Von einem Abbergeschiff noch weit und breit nichts zu sehen. Information vom MRCC in Rom, dass in ca. fünf Stunden Schiffe der italienischen Küstenwache eintreffen werden. Fünf Stunden sind auf diesen Schlauchbooten und speziell auf dem instabilen blauen Boot eine verdammt lange Zeit.

Es wird Zeit, die Schlauchboote zu entlasten. Daher beschliessen wir, Frauen und Kinder zur Sea Eye zu fahren. Wir beginnen natürlich mit dem ersten, dem blauen Schlauchboot. Auch hier gute Kooperation der Menschen an Bord der Boote. Einige Frauen geben uns als erstes ihre Kinder. Und so sind unsere ersten Gäste an Bord der Sea-Eye drei Mädchen mit 1 ½ Jahren, 5 Jahren und ca. 6 Monaten. Der Skipper berichtet später, dass ihm die Tränen kommen, als wir der Sea-Eye diese Menschlein übergeben. In der nächsten Fahrt kommen die Frauen, die wir völlig entkräftet an Bord bringen. Die Frauen und Kinder sitzen zitternd und nass in unserem Boot, erleichtert und erschöpft und schaffen alle den – gerade bei diesen Wetterbedingungen – nicht ganz einfachen Umstieg auf die Sea-Eye.

Als wir die Frauen und Kinder der Sea-Eye übergeben haben, übermannen mich meine Gefühle. Ich weine vor Erleichterung und Freude, aber auch aus Trauer und Wut über die Umstände, die diese Menschen in diese schreckliche Situation gebracht haben. Hunger, Kriege, Klimawandel, ein verbrecherisches Wirtschaftssystem… und die Schwächsten müssen die Folgen ertragen – oder eben versuchen, sich woanders einen sicheren Platz zum Überleben erkämpfen.

Weg damit. Weitermachen. Funktionieren. Der Tag ist noch lang. Wir sind noch nicht fertig….

Wir transferieren weiter von den Schlauchbooten zur Sea-Eye. Manchen auf den Booten dauert es nun zu lange. Die ersten springen aus den Booten, versuchen schwimmend die Charlotti zu erreichen. Jetzt wird es richtig gefährlich. Einen oder zwei oder drei können wir natürlich aufnehmen. Die Gefahr besteht nun darin, dass viele Nachahmer das gleiche tun könnten und wir dann nicht mehr in der Lage sein werden, uns um alle zu kümmern.

Wir schicken einige lautstark zurück und entfernen uns mit der Charlotti von den Booten. Wenn wir weiter weg sind, wagen weniger den Sprung in die See. Trotzdem werden es mehr. Und natürlich können wir sie nicht im Wasser alleine lassen. Wir fahren zurück zur Sea-Eye und holen die erste Rettunginsel. Leider ist ein koordiniertes Einsteigen in die Insel nicht mehr möglich. Die Leute im Wasser sind in ihrer Panik und Hilflosigkeit nicht mehr aufnahmefähig. Sie besteigen die Insel nach eigenem Gutdünken, so dass die Insel kippt. 5 oder 6 Leute sitzen nun eben auf der falschen Seite der Insel, aber immerhin gesichert. Bei der 2. Insel die gleiche Situation. Erst bei der dritten Insel gelingt ein koordiniertes Besteigen, da wir nun Seraja darin ausgesetzt haben, der das Besteigen von der Insel aus koordiniert. Das Beste an der Situation besteht darin, dass die Schlauchboote weiter entlastet wurden und damit die Gefahr des Kenterns verringert wurde. Nochmal gut gegangen. Blaues Boot entlastet durch 3 Rettungsinseln.

Immer wieder springen Menschen von Bord. Natürlich ist es kontraproduktiv, aber ebenso natürlich ist, dass wir diese Menschen aus dem Wasser holen. 

Einmal werden wir dabei von Delphinen begleitet – haben jedoch kaum ein Auge dafür, da wir so auf unsere Arbeit konzentriert sind. Bei einem der weißen Rettungsboote funktioniert der Ausßenbordmotor noch. Der Mann am Motor versucht, die Sea-Eye zu erreichen. Diese versucht immer wieder, den Abstand zu dem Schlauchboot zu halten, um einer möglichen Panik vorzubeugen. Gefährliche Situation.

Wir holen derweil immer wieder Leute aus dem Wasser und bringen sie zur Sea-Eye. Sie bedanken sich wortreich, gestenreich, wollen uns umarmen und küssen. Ob sie wissen, in welche gefährliche Lage sie sich selbst gebracht haben, indem sie aus den recht sicheren Booten ins Meer gesprungen sind? Über den Tag verteilt holen wir so ca. 20 – 30 Menschen aus dem Wasser, die wegen Wind und Wellen sich schnell im Wasser verteilen und Richtung Süden treiben.

Die letzten sind inzwischen ein gutes Stück von uns entfernt. Wir fahren zu ihnen, um sie in die Charlotti zu holen.  Das wird schwierig, weil alle in einem Pulk auf unser Beiboot zuschwimmen. Ich fahre von der Gruppe weg, wir machen ihnen klar, dass wir sie nur nach und nach, einer nach dem anderen aufnehmen können und beginnen damit. Es sind zu viele, wir können nicht alle auf einmal aufnehmen.

Wir fahren mit zehn Migranten zur Sea-Eye und versichern den Verbliebenen, dass wir zurückkommen werden. Auf dem Weg zum Mutterschiff informieren wir die inzwischen eingetroffene italienische Küstenwache über die Menschen, die sich noch im Wasser befinden. Die Küstenwache macht sich sofort auf den Weg, von der Sea-Eye aus sehen wir, dass Menschen abgeborgen werden. Inzwischen haben wir von den Rettungsaktionen ca. 200-300 Liter Wasser in der Charlotti und kommen nur noch schwer voran.

Unser Skipper entdeckt einen weiteren Menschen. Hat die Küstenwache diesen übersehen? Wir also wieder ins Beiboot, auf der Suche nach diesem Menschen im Wasser. Auf  dem Küstenwacheschiff macht sich ein Schwimmer bereit. Er springt ins Meer und schwimmt zu dem Mann, der in der Nähe treibt. Als wir mit der Charlotti dort ankommen, nehmen wir den Mann auf. Er ist nicht mehr bei Bewusstsein. Wir liefern den Schwimmer ab, den Ohnmächtigen wollen sie nicht an Bord nehmen. Also schnellstens zurück zur Sea-Eye. Wir nehmen noch Lebenszeichen wahr, geben ihn in die Hände unseres Arztes.

Nach 45 Minuten mit Reanimationsversuchen stellt unser Arzt den Tod des jungen Mannes fest.

Doch der Letzte Gerettete, der vom Skipper von der Brücke entdeckt wird sollte überleben. Während wir kurz mit Charlotti an Bord der Sea-Eye gehen, meldet Chris eine Person im Wasser einige hundert Meter Steuerbord voraus. Da Charlotti gerade festgemacht ist fährt er mit der Sea-Eye näher hin. Als Charlotti wieder ablegen kann, retten wir den Mann aus 2 Metern Welle. Er hat es geschafft.

Der Einsatztag neigt sich dem Ende zu. Gegen 00:15 Uhr sind alle Migranten aus den Schlauchbooten und von der Sea-Eye zu einem Schiff der italienischen Küstenwache gefahren worden. Ganz am Schluß wurde es dann nochmal angespannt. Als die italienische Küstenwache nachts bei 1 – 2 Meter Welle die Menschen abholt, teilweise minutenlnges manövrieren, damit alle Menschen sicher übergeben werden. Hoch ist das Risiko, dass einer zwischen schwankender Sea-Eye und Küstenwache ins Wasser fällt und von den Schiffen erdrückt wird. Als der junge Küstenwachoffizier, unser sechs Monate altes Baby entgegen gestreckt bekommt, weicht er kurz zurück fasst sich an den Kopf und schreit „Oh Bambini“. Er sortiert sich neu und die Übergabe läuft so langsam und gleichzeitig so sicher, wie ich es noch nie gesehen habe. Ob er vielleicht selbst ein Baby zuhaus hat? Es macht zumindest den Anschein, dass er sich seiner großen Verantwortung bewusst ist. Krasse Szenen für uns, zu sehen, wie selbst bei der geeübten Küstenwache so viel Emotionen mitspielen.

Als alle weg sind, macht sich Erschöpfung breit. Stundenlanges Fahren mit der Charlotti, im steten Kampf mit Wind und Wellen, keine Zeit, auch nur kurz auszuruhen, einmal komplett umgezogen, da durch und durch nass… körperlich wurden wir extrem gefordert. Dazu die psychische Belastung, das Bangen um Menschenleben, das Warten auf Hilfe durch die Küstenwache, die Fragen, ob wir alles richtig gemacht haben, die Trauer um einen Menschen, den wir nicht kannten, der aber plötzlich ganz nah in unsere Welt gekommen ist… und später erfahren wir die Fakten des Tages:

484 Gerettete und sieben Tote. Und leider können wir nicht sagen, ob und wieviele an diesem Tag im Meer übersehen wurden. Die Crew wird später daran knabbern. Aber zumindest haben wir wirklich alles versucht, damit wir möglichst viele retten.

Das ist das Ende eines Tages, den wir nie vergessen werden.