«Ich will das Ertrinken im Mittelmeer nicht akzeptieren!»

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Das völlig überladene Schlauchboot mit 123 Menschen an Bord, kurz bevor es von der Sea-Eye evakuiert wurde. Fotos: Arno Hummel

André Linhardt über seinen Hilfseinsatz auf der «Sea-Eye»

Von Daniel Staffen-Quandt (epd)

 

Der Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer hat einen Fischkutter für die Seenotrettung umbauen lassen. Seit Februar kreuzt die «Sea-Eye» vor der Küste Libyens und sucht nach Flüchtlingsbooten. André Linhardt aus Lauf war als Helfer an Bord.

 

Lauf a.d. Pegnitz (epd). André Linhardt erinnert sich noch genau an seinen ersten Morgen auf der «Sea-Eye». Der ehemalige Fischkutter, der jetzt dem Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer gehört, hat gut 24 Stunden nach dem Ablegen in Malta am 5. Mai sein Zielgebiet erreicht: die «Anschlusszone» vor der libyschen Küste, ein zwölf Seemeilen breiter Korridor. In dieser Zone, die direkt an die Hoheitsgewässer grenzt, kommt die «Sea-Eye» in Seenot geratenen Flüchtlingen zu Hilfe, versorgt die Menschen, verteilt Schwimmwesten, Trinkwasser und Essen. Es ist 7.45 Uhr an diesem Tag, als im Fernglas ein völlig überladenes Schlauchboot auftaucht.

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Eng an eng ins Schlauchboot gepfercht. Nur wenige Flüchtlinge haben Schwimmwesten

Auf das an sich große Schlauchboot haben Schleuser 123 Menschen gepfercht, darunter eine Hochschwangere im neunten Monat – es ist hoffnungslos überfrachtet. «Solche Boote kann man auf dem Markt gar nicht regulär kaufen, sie werden extra für diesen Zweck von Firmen in Libyen hergestellt», sagt Linhardt. Die Tragfähigkeit der Schlauchboote schätzt er auf maximal 50 Personen, hochseetauglich wären sie jedoch selbst mit dieser Personenzahl keinesfalls: «Die Menschen werden ohne jedes Rettungsmittel in die Boote gesetzt.» Das Boot war am Vorabend gegen 23 Uhr in See gestochen, der Benzinvorrat fast verbraucht.

Die Geflüchteten mussten weitere viereinhalb Stunden in ihrem Boot ausharren, nachdem sie von der Besatzung der «Sea-Eye» entdeckt und versorgt wurden. Der ehemalige Fischkutter ist schlicht zu klein, um so viele Menschen aufzunehmen – und außerdem nicht als Transportschiff ausgebaut. «Wir haben einen Seenotruf abgesetzt und gewartet, bis uns die ‚Dignity 1‘ der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen erreicht und die Flüchtlinge an Bord genommen hat», erzählt Linhardt. Die Menschen stammten aus Eritrea, Sudan, Kamerun und anderen Ländern. Wohin sie genau gebracht wurden, weiß er nicht. Nur Europa, das ist sicher.

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Das Schlauchboot nach der Evakuierung

Linhardt, im Hauptberuf Pilot, ehrenamtlich seit Jahren als Sanitäter, in der Seewacht und auch bei Mission EineWelt in Neuendettelsau aktiv, hat nicht lange überlegt, als er vom Engagement des Regensburger Unternehmers Buschheuer gehört hatte. Politisch sei sein Engagement nicht, sagt er, eher humanitär: «Ich will einfach nicht akzeptieren, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken müssen, nur weil sie für sich und ihre Familie nach einem guten Ort zum Leben oder zum Überleben suchen.» Der passionierte Freizeitsegler hat dann doch eine Forderung an die Politik: «Es muss einen legalen, sicheren Weg nach Europa geben».

Die Flüchtlingsrettung für den größten Teile des Mittelmeers wird von der Leitstelle für Seenotrettung MRCC in Rom koordiniert. Das Zentrum entscheidet, wohin ufgesammelte Flüchtlinge gebracht werden – und es plant auch mit, welche Schiffe von welchen Hilfsorganisationen das Mittelmeer an welcher Stelle absuchen sollen.

Seit 22. Februar dieses Jahres beteiligt sich auch die «Sea-Eye» daran, rund eine Viertelmillion Euro kostet die Mission pro Jahr mindestens – ohne Spenden geht das nicht, und schon gar nicht ohne das Engagement Ehrenamtlicher wie André Linhardt. Er war zwölf Tage auf der «Sea-Eye» als Helfer.

Das Schwierigste auf See ist, neben der Tatsache, dass man die Not und das Leid der Geflüchteten hautnah miterlebt, die Suche selbst. Die Schlauchboote sind klein, haben in der Regel keine Funkgeräte. «Man muss sie also mit dem Fernglas entdecken», sagt Linhardt. Die «Sea-Eye» fährt langsam, rund drei Knoten, es stehen immer zwei Mann mit ihren Ferngläsern auf dem Ausguck. «Es dauert rund sieben Minuten, bis man das aktuell sichtbare Gebiet aus den Augen verliert – wer wachsam ist, übersieht nichts», sagt Linhardt. Die meiste Zeit starrt man jedoch auf Wasser, das ermüdet, eine Schicht dauert daher nur vier Stunden.

Für den 45-Jährigen aus Lauf an der Pegnitz war der Einsatz auf der «Sea-Eye» eine Bereicherung. Man sehe sehr deutlich, wie gut man es selbst habe, allen möglichen eigenen Problemen zum Trotz. Wer würde sich als Deutscher oder als Europäer freiwillig in ein völlig überladenes Schlauchboot pferchen lassen, dafür fast sein gesamtes Hab und Gut zu Geld machen – unwissend, ob nach der Überfahrt wirklich ein besseres Leben auf ihn wartet? Linhardt atmet tief ein. Was er weiß, ist, dass er sicher nicht zum letzten Mal auf der «Sea-Eye» angeheuert hat, um dem massenhaften Ertrinken im Mittelmeer ein bisschen Einhalt zu gebieten.

Herzlichen Dank an den Evangelischen Pressedienst (epd) für die Freigabe dieses Beitrags.