(Deutsch) Der traurige Mann

Ci spiace, ma questo articolo è disponibile soltanto in Tedesco e Inglese Americano. Per ragioni di convenienza del visitatore, il contenuto è mostrato sotto nella lingua principale di questo sito. Puoi cliccare su uno dei links per cambiare la lingua del sito in un'altra lingua disponibile.

Ci spiace, ma questo articolo è disponibile soltanto in Tedesco e Inglese Americano. Per ragioni di convenienza del visitatore, il contenuto è mostrato sotto nella lingua principale di questo sito. Puoi cliccare su uno dei links per cambiare la lingua del sito in un’altra lingua disponibile.

sea-eye-m14-imgp7217_shrink

“Der traurige Mann” lebt jetzt in einer westdeutschen Großstadt. Er möchte anonym bleiben und nicht fotografiert werden. Er fürchtet um sich und das Leben seiner Angehörigen.

 

Von Karin Völkner

„Es war ganz dunkel. Als wir näher kamen habe ich das Meer gehört, es war so ein lautes Geräusch. Zuerst dachte ich, das ist eine Maschine. Die Wellen waren sehr hoch, das Wasser war oben, unten, überall. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Meer sah. Ich hatte so viel Angst. Aber die Männer hatten Waffen, ich konnte nichts sagen.“ So beginnt die Geschichte, die mir ein junger somalischer Freund erzählt. Er ist einer der vielen tausend Flüchtlinge, die an der libyschen Küste mit einem Schlauchboot losgefahren sind, in der Hoffnung, Europa zu erreichen.

Mit 15 hat er Somalia verlassen. Allein. Seine Mutter sah keinen anderen Ausweg als ihn wegzuschicken, um ihn vor der Zwangsrekrutierung durch die extremistische Al-Shabab Miliz zu bewahren. Sie blieb zurück mit den kleinen Geschwistern; der Vater ist schon vor langer Zeit verstorben. Ich fragte ihn einmal, wie es seiner Familie gehe. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Leise sagte er: „Ich kann nicht darüber sprechen. Es geht sehr schlecht.“ Dieses Mal frage ich nicht.

„Es ist besser im Meer zu sterben als in Libyen zu leben. Da gibt es kein richtiges Leben.“

Ein Jahr lang war er in Libyen. Auch im Gefängnis. Wie viele andere Flüchtlinge wurde er einfach auf der Straße aufgegriffen. Geschlagen, gefoltert. „Ich habe gesehen, wie andere Leute gefoltert wurden. Ich wurde auch gefoltert.“ Er seufzt tief und zeigt mir große, dunkle Narben, die sich sein Bein hochziehen. „Ich muss die Folter vergessen, aber es ist schwierig, es geht nicht immer.“ Seine Familie sollte Lösegeld zahlen, um ihn freizukaufen, aber sie hatten kein Geld. Er musste Zwangsarbeit verrichten, in glühender Hitze, ohne Wasser, endlose Stunden. „Ich war so müde, und ich hatte immer so viel Durst,“ sagt er, „und sie haben uns immer weiter geschlagen.“ Wenn ein Insasse in diesem libyschen Gefängnis Geld von der Familie erhielt, wurde geteilt, um, wenn irgend möglich, auch anderen zu helfen. So kam auch er schließlich wieder frei. Diese Hilfeleistung hat ihn tief beeindruckt.

Er musste unbedingt weg aus Libyen, sagt er. „Es ist besser im Meer zu sterben als in Libyen zu leben. Da gibt es kein richtiges Leben.“

Wie war das, als du in das Schlauchboot gestiegen bist, frage ich. Hast du gewusst, dass man mit so einem Boot niemals Europa erreichen kann? „Nein, das habe ich nicht gewusst. Die Libyer sagten, das Boot fährt schnell und gleich seid ihr in Italien.“ Aber das Boot erschien ihm trotzdem unheimlich. Vier Männer pumpten es auf, aber „es war so klein, und wir waren so viele, so viele…..Frauen und Kinder, Männer, junge Leute, ältere Leute. So viele, über 100. Und alle mussten in das kleine Boot.“ Die Männer mit den Waffen trieben die Menschen hinein.

„Als der Motor ausging, dachte ich: Jetzt ist es vorbei. Heute ist mein letzter Tag. Ich habe an meine Familie gedacht. Ich hatte Angst, so viel Angst!“
Sie waren 24 Stunden lang unterwegs. „Wir haben nichts gegessen und nichts getrunken. Ich war sehr unruhig, wir alle waren unruhig, wir hatten solche Angst. Es gab Wellen und immer mehr Wasser kam ins Boot. Es lief um meine Beine. Wir haben versucht, es auszuschöpfen. Benzin ist ausgelaufen und hat sich mit dem Wasser vermischt. Manche Leute haben sich daran verbrannt. Alle haben geweint.“ Einem Mann hatten die Libyer ein Satellitentelefon gegeben, er versuchte immer wieder, Hilfe herbei zu rufen. Dreimal setzte der Motor während der Fahrt aus, das erste Mal nach 8 Stunden. „Als der Motor ausging, dachte ich: Jetzt ist es vorbei. Heute ist mein letzter Tag. Ich habe an meine Familie gedacht. Ich hatte Angst, so viel Angst!“

Er sagt, er erinnere sich an vieles nicht mehr genau, es sei nicht mehr klar in seinem Kopf, es war zu schlimm. Wer genau sie gerettet hat, weiß er nicht. „Das Schiff war nicht sehr groß. Vielleicht vom Militär. Ein Mann hat mit uns italienisch gesprochen, er hat gesagt, er hilft uns. Wir sind alle auf das Schiff gegangen. Da haben wir etwas zu essen bekommen, und ein Arzt war da für die, die krank waren. Und später auf ein viel größeres Militärschiff. Dann wieder auf ein kleines Schiff, und am Ende wieder auf ein sehr großes. Das war wie eine Stadt, so groß.“ Alle auf seinem Boot haben dank der Retter überlebt.

Das Schiff brachte sie nach Sizilien. Nach der Ankunft wurden Erwachsene und Minderjährige getrennt. Die Erwachsenen kamen in ein Flüchtlingscamp, die Minderjährigen in ein Haus. Dort blieb er nur sieben Tage und fuhr dann mit dem Bus nach Deutschland.

Nach der Erstaufnahme in Deutschland durchlief er mehrere Monate in der Inobhutnahme für Minderjährige, dann weitere Zeit in einer Wohngruppe. „Am Anfang war es sehr schwer, ich konnte nicht vergessen,“ erzählt er. Inzwischen geht er zur Schule. Er will Menschen helfen, das ist Teil seines Glaubens und seiner Überzeugung, und das soll auch zu seinem Beruf werden. Krankenpfleger, vielleicht eines Tages in ferner Zukunft Arzt. inzwischen 18, lernt er mit großer Disziplin für seinen Schulabschluss und seine Praktika im Krankenhaus. Auch wenn er sagt, „manchmal ist das Lernen schwierig. Die Lehrerin sagt, du musst lernen, aber manchmal ist mein Kopf nicht da. Wirklich!“

Als ich ihm sage, dass ich für diese Geschichte nicht seinen richtigen Namen verwenden möchte und dass er sich einen Namen aussuchen solle, sieht er mich mit seinem sanften Lächeln an und sagt, „es gibt keinen guten Namen für mich. Ich bin ein trauriger Mann, und so sollst du mich nennen. Der traurige Mann.“

Würdest du gerne die Helfer nochmal treffen, die dich im Mittelmeer gerettet haben? frage ich. „Ja,“ sagt er voller Überzeugung, „das waren gute Menschen.“ Sie haben ihm das Leben gerettet. Und dieses Leben gibt dem traurigen Mann hoffentlich irgendwann auch die Lebensfreude zurück.