Die Freunde

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Von Karin Völkner

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Die “Freunde” wollen nicht erkannt werden. Sie haben Angst um sich und ihre Familien. Jetzt leben sie sicher in einer westdeutschen Großstadt

“Die Seenotretter waren so nett und vorsichtig. Zuerst haben sie sich um die Frauen und Kinder gekümmert. Dann haben sie uns gesagt, wie wir das Boot verlassen sollten; zuerst die Leute aus der Mitte, damit das Boot nicht kentert,” sagt mir Jamil. Er hat nur wenige gute Erinnerungen an seine Flucht, aber diese gehört dazu. Jamil und John (Namen geändert) sind Kindheitsfreunde aus Gambia, und sie erzählen mir von ihrer Flucht von Libyen nach Europa.
“Es war so hart in Libyen,” sagen beide. Sie waren 16 Jahre alt, als sie nach ihrer lebensgefährlichen Reise durch die Sahara in Libyen ankamen. Dort wurden sie beide nach kurzer Zeit auf der Straße gekidnappt und erst freigelassen, nachdem sie ihre gesamten Ersparnisse für ihre Überfahrt ausgehändigt hatten. Sie mussten wieder von vorne anfangen und sich als Tagelöhner verdienen, 10 Stunden pro Tag, oft ohne Bezahlung am Abend. Aber sie schafften es, genug Geld zu sparen, um die Schleuser für zwei Plätze auf einem Boot zu bezahlen.
“Wir waren in Tripolis,” erzählt mir John. „Wir sollten in einem Auto zum ‘Connection-Haus‘ fahren. Viele Leute wollten mitfahren. So viele, dass Jamil keinen Platz im Auto mehr bekommen hat. Da wurden wir getrennt.”

Im “Connection House” gibt es nichts zu essen. Die Flüchtenden sollen Gewicht verlieren, damit noch mehr auf das Boot passen
Was ist ein Connection-Haus, frage ich. Sie erklären mir, dass es ein Ort sei, an dem die Flüchtlinge gesammelt werden für die bevorstehenden Überfahrten auf den Booten. Meistens blieben die Flüchtlinge nur einen oder höchstens zwei Tage dort. Es gebe dort nichts zu essen, denn die Flüchtlinge sollen dort noch an Gewicht verlieren, damit die Schleuser noch mehr Leute auf die Boote quetschen können.
John erzählt weiter, “Das Connection-Haus war weit weg von der Stadt, draußen beim Fluss. Wir bezahlten für die Reise; ich gab dem Mann 1000 US Dollar. Dann warteten und warteten wir, zwei Tage lang, aber der Mann kam nicht zurück. Eine Frau hat dort ein Baby bekommen, ein kleines Mädchen. Wir hatten nichts zu essen; wir waren verzweifelt. Nach zwei Tagen kam die Polizei. Wir sind alle losgerannt, panisch, in alle Richtungen, aber sie fingen uns alle und brachten uns ins Gefängnis. Mein Geld war weg.”
“Wenn du krank wirst, dann schlagen sie dich, oh Gott, sie schlagen dich so, weil sie denken, du lügst.”
“Ich war einen Monat lang im Gefängnis,” sagt er. “Sie stecken dich einfach so ins Gefängnis, für illegale Einreise, oder wenn du keinen Pass hast, oder sonst was. Es war auch gar kein richtiges Gefängnis, obwohl die Polizei uns dorthin gebracht hatte. Weißt du, manche Gefängnisse sind nur für ‚Business‘, also für Erpressungen. Die Regierung kannte das Gefängnis, in dem ich war, anscheinend nicht. Du zahlst ein Lösegeld, 500 – 600 Dinar, und dann kommst du raus. Sie geben dir nur weißen Reis zu essen, es ist schrecklich. Und wenn du krank wirst, dann schlagen sie dich, oh Gott, sie schlagen dich so, weil sie denken, du lügst. Da war ein Nigerianer, der ist im Gefängnis verhungert. Ich war zusammen mit ein paar anderen Jungen, die ich da zurückließ, als ich rauskam. Später, als ich sie wieder getroffen habe, haben sie mir erzählt, dass die Regierung das Gefängnis geschlossen und die Insassen befreit hat.”
Wie bist du rausgekommen? frage ich. Es schaudert mich bei dem Gedanken, dass dies alles real ist und so viele Menschen diese Realität leben müssen.
“Ich hatte das Glück, nach einem Monat rauszukommen. Da war ein Araber, der mit einem Gambier zusammenarbeitete. Die Familien der gambischen Gefangenen schickten das Lösegeld an ihn, und er ging ins Gefängnis und kaufte die Gefangenen frei. Der Araber rief die Namen auf. Es gab einen Namen, der so ähnlich wie meiner war, und ich sagte, das bin ich. Der Araber wusste ja nicht, dass es nicht stimmte. Aber als der Gambier mich sah, sagte er, dass ich nicht der Richtige sei. Ich musste noch drei Wochen warten. In der Zeit arbeitete ich für den Gambier, um mir das Geld für meine Freilassung zu verdienen.”
Ich frage Jamil, was er in der Zwischenzeit getan habe, und ob er sich nicht große Sorgen um den Freund gemacht habe. “Ja, ich habe mir große Sorgen gemacht. Ich wusste ja nicht, wo er war. Aber ich musste abreisen als es mir gesagt wurde. Den Termin kann man sich nicht aussuchen. Drei Wochen, nachdem wir getrennt wurden, bin ich gefahren. Sie brachten mich auf ein sehr kleines Boot. Wir waren 93 Personen.” Wusstest du, dass man mit solchen Booten auf keinen Fall Europa erreichen kann? frage ich. “Nein,” antwortet er. ”Das habe ich erst begriffen als ich auf dem italienischen Rettungsschiff war und gesehen habe, dass sogar so ein großes Schiff 24 Stunden braucht, um Italien zu erreichen. Da wusste ich, dass wir keine Chance gehabt hätten. Die Libyer sagten uns, dass wir Italien leicht erreichen könnten, und alle haben das geglaubt.”
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis blieb John noch sechs Monate in Tripolis. “Ich hatte Probleme, das Geld zusammen zu kriegen,” sagt er, “aber dann hat mir der arabische Schleuser gesagt, dass ich ihm den halben Preis, also 600 US Dollar, geben sollte und trotzdem einen Platz auf einem Boot bekäme. Ich musste drei Wochen lang im Connection-Haus schlafen, bevor ich wegkam. Es gab kaum etwas zu essen.”
Dann wurde auch er in ein Schlauchboot gesetzt, 115 Flüchtlinge eng zusammengedrängt. Erneut 115 Menschen, die nicht wussten, in welch tödliche Gefahr sie sich begaben. Jamil und John sagen, dass sie beide von der italienischen Marine gerettet wurden, nachdem sie eine Nacht und einen Tag auf den Booten verbracht hatten. Dank der Retter überlebten alle auf ihren Booten.
John wurde nach Sizilien gebracht. “Nach der Gesundheitsuntersuchung wurden die Leute aufgeteilt,” berichtet er. “Manche Leute, mit denen ich kam, habe ich nie wieder gesehen.” Doch obwohl er minderjährig war, wurde er nicht von den Erwachsenen getrennt. “Es war nicht gut für mich,” sagt er. “Und ich bekam eine schlimme Entzündung an beiden Beinen, aber keine Untersuchung oder Behandlung. Ich konnte dort nicht bleiben.” Nach ein paar Monaten fuhr er in die Schweiz, wo er eine oberflächliche Behandlung erhielt. “Aber es wurde nicht besser. Als sie mich dann fragten, ob ich in der Schweiz Asyl beantragen wollte, sagte ich nein, weil ich nicht die Behandlung bekam, die ich brauchte. Ich wollte weiter nach Deutschland reisen. Ein paar Gambier in Italien hatten mir gesagt, dass es hier besser ist.“
Wie lange warst du in Italien? frage ich Jamil. “Sieben Monate,” sagt er mir. “Wir wurden an einen Ort gebracht, wo wir die ersten Afrikaner waren. Jede Nacht kamen Jugendliche aus der nahen Stadt und griffen unsere Unterkunft mit Steinen und Waffen an. Einmal haben sie auch einen von uns mit einer Waffe verletzt. Es war sehr hart. Es gab da auch kaum Essen und Heizung. Ich bin im Winter angekommen, und es war sehr kalt. Aber die Heizung war elektrisch, und wenn man sie anmachte, gab es einen Kurzschluss. Oft hat es zwei Monate gedauert, bis wir unser Taschengeld bekamen. Und dann mussten wir fünf Kilometer bis zum nächsten Geschäft laufen. Niemand hat jemals über Bildung gesprochen. Ich bin da nie zur Schule gegangen. Es gab keine Zukunft für mich. Ich musste gehen.”
Wie habt ihr euch wiedergefunden? frage ich. “Facebook”, sagen sie. “Ich kam durch John auf die Idee, nach Deutschland zu gehen,” sagt Jamil. “Während meiner Reise dahin habe ich gesehen, dass viele Flüchtlinge in Italien kein Dach über dem Kopf haben und auf der Straße leben.”
John und Jamil durchliefen die verschiedenen Stationen für minderjährige Flüchtlinge in Deutschland. Erstaufnahme, Inobhutnahme, Wohngruppe mit einigen anderen jungen Flüchtlingen. Sie gehen in die Schule, und beide haben gute Noten. Sie hoffen auf die Chance, Ausbildungsplätze zu bekommen. John strahlt, als er mir von seinem Schnupperpraktikum als Anlagentechniker erzählt. “Der Chef hat gesagt, er braucht so motivierte Leute wie mich!” Jamil möchte Elektriker werden; auch er hat schon ein kurzes Praktikum gemacht. “Der Job ist ziemlich kompliziert,” sagt er, “aber ich will das unbedingt machen.” Ihre Asylanträge sind noch nicht durch, und ich hoffe inständig, dass sich ihre Träume erfüllen werden. Ich finde, dass unserer Gesellschaft gar nichts Besseres passieren kann als Menschen in ihre Mitte aufzunehmen, die so viel Hingabe, Mut und Durchhaltevermögen haben.