Essay: Kleiner Junge ganz groß

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Von Ursula Putz (Einsatz 24.10.2016, M14)

…nun sitze ich hier, bin gerade nach Hause gekommen. Draußen regnet es, es ist dunkel. Als ich mit meinem Fahrrad losfuhr und meinen Regenponcho überzog, meinte ein Gast zu mir: „Es gibt Schlimmeres“…und ich: „ja durchaus“.
Wasser ist lebensnotwendig…lebensnotwendig? Wasser ist lebensnotwendig…nicht nur, Wasser kann auch todbringend sein… Tot…welches Wort, welche Schwere, wenn uns der Tod im Familienkreis begegnet, welche Trauer, welche Last. Unaussprechlich. Wenn uns der Tod in der Ferne begegnet? Oder auch das Leben? Welche Gedanken umkreisen mich da?

Nicht umsonst, war ich nicht vor gut zwei Wochen mit einem Seenotrettungsschiff auf hoher See unterwegs? Hohe See im wahrsten Sinne des Wortes. Es ging hoch her. Zuerst war sie ruhig, aber dann zeigte sie ihre Macht. Sah ich nicht in weiter Ferne Schlauchboote. Weiße Schlauchboote angefüllt mit Menschen, dicht zusammengedrängt, kaum in der Lage sich zu bewegen. Ohne Motor, dahintreibend.

kleiner-junge-schwimmweste_shrinkUnd da war er. Ein kleiner Junge mit großen braunen Augen. Das erste Mal sah ich ihn, als wir ihn mit seiner Mutter auf eine Rettungsinsel begleiteten. Ich reichte ihm die Hand, er nahm sie und setzte sich neben seine Mutter. Ruhig, den Blick staunend um sich schweifend. Und es dauerte. Seine Mutter legte ihm als Schutz vor der Sonne ein Tuch um den Kopf. Und beide schliefen ein. Irgendwann gab sie mir zu verstehen, dass er Hunger hätte. Ich nickte. Jedoch war es in dieser Situation nicht vorgesehen, Essen an die Flüchtlinge zu verteilen. Zu leicht könnte eine Unruhe entstehen und die Rettungsinsel zum Wanken bringen. Ein unkalkulierbares Wagnis.

Jedoch konnte ich mir nicht vorstellen, dass auf einer Rettungsinsel, auf der sich hauptsächlich Frauen befanden, einem kleinen Jungen eine Kleinigkeit zum Essen versagt werden würde. Ich schlich mich in die Schiffsküche und stahl dem Koch…halt…kein Ei, sondern eine Banane. Ich verbarg sie in meiner Hosentasche und kletterte zurück auf die Rettungsinsel.

Wie blitzten die großen braunen Augen, als ich ihm die Banane reichte. Später kam die Schale der Banane feinsäuberlich neben seinen Füßen zu liegen. Und die Zeit verging. Es wurde später, die Dämmerung brach herein und schlussendlich entschloss sich die Mannschaft der Sea-Eye, die Menschen an Bord zu nehmen. Und es sollte noch länger dauern und der kleine Junge war mit dabei, eingehüllt in eine silbern glänzende Rettungsdecke. Die Innenseite war golden. Gold. Wie sehr wünschte ich mir, dass auch sein weiteres Leben mit Gold geschmückt wäre. Sein Lächeln war es auf alle Fälle. Und ich werde es in meinem Herzen im Gedächtnis behalten.