(Deutsch) Fluchtgeschichten: Das Donnern der Wellen

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Von Karin Völkner

“Da waren zwei Boote, die in derselben Nacht losfahren sollten. Es war Januar, und das Wetter war sehr schlecht. Man hat das Meer schon von weitem gehört; die Wellen haben so laut gedonnert!” Aliou (Name geändert), ein junger Mann aus Guinea, spricht mit mir über seine Erlebnisse während der Nacht, als er Libyen in einem Schlauchboot verließ.

Als er dort vor Kälte zitternd an der Küste stand, hatte Aliou bereits eine überstürzte Flucht aus seinem Heimatland hinter sich, eine lebensgefährliche Fahrt durch die Sahara und mehrere Monate des Elends in Libyen. Die zwei vorhergehenden Tage hatte er in einem Connection-Haus (Sammelstelle für Bootsflüchtlinge) verbracht.“ Es gab nur einen Zaun und ein Dach, keine Wände, und es war windig. Keine Matratzen, wir schliefen auf der Erde. Wir waren nicht sicher da. Die Schleuser sind Soldaten oder Polizisten, und das Connection-Haus war nah an den Barracken. Wir konnten sie lachen und reden hören.” Nur manchmal brachten die Soldaten etwas zu essen.

An dem Abend passierte etwas Unerwartetes. “Die Leute, die das andere Boot besteigen sollten, rannten weg. Sie hatten zu große Angst, weil das Wetter so schlecht war,” erzählt er. “Sie liefen in alle Richtungen. Einer kam zu uns, um sich zu verstecken. Er wollte unbedingt losfahren und bat uns, ihm eine zweite Chance zu geben. Die Schleuser haben ihn gesucht, aber wir haben ihn nicht verraten. Wir beschützten ihn.”

Schockiert von der Flucht der Passagiere des ersten Boots, wandte sich der Schleuser an Aliou’s Boot. “Er flehte uns an,” sagt Aliou, “Er hat beinahe geweint, es war das dritte Mal in einer Woche, dass so etwas passiert war. Er sagte, dass sein Geschäft einen Riesenverlust erleiden würde, Millionen von Dollar, wenn er uns nicht „losschieben“ würde.” Ich äußere meine große Überraschung, dass ein Schleuser, dessen Geschäft nur aus Gier und brutaler Ausbeutung besteht, es wagt, sich hilfesuchend an die Flüchtlinge zu wenden.

“Es ist besser im Meer zu sterben als in Libyen im Gefängnis zu sein.”
Aber Aliou sagt: “Er hat uns angefleht für sein Geschäft. Und wir machten mit, weil es schlimmer ist dort zu bleiben als zu gehen. Wir konnten das Connection-Haus nicht mehr ertragen. Rund um das Haus gab es dauernd Geschrei, und wir waren sicher, dass uns bald die Polizei angreifen und ins Gefängnis werfen würde. Und das wäre das Schlimmste. Es ist besser im Meer zu sterben als in Libyen im Gefängnis zu sein. Und auch draußen auf den Straßen war es so gefährlich für uns. Junge Libyer greifen dich draußen an, du kannst jederzeit erstochen oder überfahren werden. Manche Verletzungen im Leben sind so schlimm, dass der Tod besser ist. Und ein langsamer Tod ist schlimmer als ein schneller Tod im Meer.”

Die Flüchtlinge sprachen sich gegenseitig Mut zu. “Wir sagten zueinander, lasst uns als Team arbeiten und auf Gott vertrauen. Was auch immer geschieht, es ist Gottes Wille. Hier zu leben ist ein Risiko, aufs Meer zu gehen ist auch ein Risiko. Vielleicht sterben manche. Und andere werden leben. Aber falls wir es schaffen, haben wir vielleicht die Aussicht auf ein besseres Leben.” Diszipliniert stellten sie sich hintereinander auf, gingen hinunter an den Strand und setzten sich in den Sand. “Der Schleuser war sehr beeindruckt,“ erzählt Aliou. „Und dann sind wir ins Boot gestiegen. 130 Personen; einer nach dem anderen. Und ich war der letzte, ganz hinten, denn ich war einer von den kleinsten.”

Dann fuhren sie los. “Die ersten 200 Meter waren furchtbar,” erinnert er sich. “Wir sind vorwärts gefahren, und das Wasser drückte uns wieder zurück. Die Wellen waren so hoch. Es war sehr kalt an dem Tag. Ich hatte mehrere Kleidungsstücke übereinander an.“ Geliebte persönliche Dinge gingen verloren. „Ich musste mein Armband da lassen,” sagt er traurig. “Die Schleuser haben es mir weggenommen. Und meinen Ring.” Er seufzt. “Maman hat ihn mir geschenkt, er war sehr schön.”

Die Küstenwache begleitete sie in einer Entfernung von etwa 300 Metern. “Am Anfang müssen sie einem den Weg zeigen,” erklärt er. “Jedes Mal wenn der Fahrer des Boots sich verfahren hat, blitzte ein Licht auf. Als wir das sahen, hatten wir zuerst Angst, dass sie uns festnehmen und ins Gefängnis werfen. Das machen sie manchmal. Aber der Bootsführer, ein Senegalese, sagte, dass sie uns bloß eskortieren.” Die beiden als Bootsführer und Navigator bestimmten Männer waren im Connection-Haus von den anderen getrennt und von den Schleusern instruiert worden.

“Die Leute fingen an zu streiten. Wir konnten unsere Plätze nicht wechseln und durften uns ja kaum bewegen. Aber manche bewegten sich doch und zu stark, und ein paar Mal sind wir fast gekentert.”
Wie lange wart ihr auf dem Boot, frage ich. “Ungefähr 12 Stunden lang. Wir wollten als ein Team handeln, aber im Boot wurde es schwierig. Jemand sitzt zwei oder drei Stunden lang auf deinem Bein, und er ist schwerer als du. Oder wenn dein Bein lange am Knie abgewinkelt ist, kannst du es hinterher erst nicht mehr ausstrecken. Uns sind allen die Füße stark angeschwollen. Manche Leute verletzten sich. Manche haben erbrochen. Die Leute fingen an zu streiten. Wir konnten unsere Plätze nicht wechseln und durften uns ja kaum bewegen. Aber manche bewegten sich doch und zu stark, und ein paar Mal sind wir fast gekentert.” Sie hatten nur eine kleine Menge Wasser und Lebensmittel dabei. Die Schleuser hatten ihnen gesagt, dass sie Italien in ein paar Stunden erreichen würden.

Die italienische Marine rettete sie, begleitet von einem Hubschrauber, dessen Crew von oben Fotos von den Flüchtlingen machte. Aliou erklärt, dass sie den Bootsführer suchten, um ihn als Schleuser festzunehmen. “Aber die Bootsführer sind bloß Flüchtlinge, so wie wir alle,” sagt er. “Der Bootsführer hatte eine rote Jeans an. Und ich hatte auch eine rote Hose an. Später habe ich sie ausgezogen und mir um den Hals gebunden, falls ich ins Wasser falle. Es ist einfacher ohne eine schwere Jeans zu schwimmen. Die Retter versuchten, den Bootsführer zu identifizieren. Ich musste aufstehen. Dann musste der Bootsführer aufstehen, aber glücklicherweise hatte er auch seine rote Jeans ausgezogen.  Sie haben nicht rausgefunden, wer das Boot gefahren hat.”

Nach der Ankunft in Italien wurde jeder Flüchtling einzeln von einem Polizisten vom Schiff geleitet. Dann wurden sie in einen Bus gesetzt, angewiesen, ein mysteriöses italienisches Formular zu unterschreiben, und schließlich ins Gefängnis transportiert. Ohne Übersetzung oder Erklärung. Aliou zeigt mir seine Entlassungspapiere. Tatsächlich ein Gefängnis, kein Flüchtlingscamp. Er glaubt, dass das Gefängnis für Drogenfälle war, und für Ausländer, die auf ihre Abschiebung warten. Viel später wurde ihm und den Anderen gesagt, dass sie das Recht hätten, sich einen Anwalt zu nehmen und Asyl zu beantragen, falls man sie nicht innerhalb von zwei Monaten deportiert hätte.

“Wir waren alle zwei Monate lang im Gefängnis,” erzählt er. “Sie haben uns sehr schlecht behandelt. Aber ein paar von den Aufsehern tat ich leid, weil ich so jung war. Sie gaben mir Schokolade und fragten mich, warum ich im Gefängnis war. Aber ich wusste es ja nicht…”

Nach zwei Monaten wurden sie alle in die Obdachlosigkeit entlassen. “Wir mussten alleine zurechtkommen,” sagt er. Sie erhielten kein Geld, keine Unterkunft, weder Rat noch Unterstützung. Wo bist du hingegangen, frage ich. “Betteln vor einem Supermarkt. Manche Leute haben mir Essen gegeben, manche ein bisschen Geld. Aber manche haben mich nicht mal angeschaut. Ich habe hinter dem Supermarkt geschlafen, im Freien. Ich hatte kein Geld für ein Zelt. Nach zwei oder drei Monaten hatte ich das Geld für ein Zugticket zusammen. Es war sehr schlimm.” Die Erschütterung über die entwürdigende und schmerzvolle Erfahrung ist ihm deutlich anzusehen.

Er reiste nach Deutschland. Inzwischen über 18, wurde er in einem großen Flüchtlingslager untergebracht. Und erhielt fast sofort seinen Abschiebebescheid. Als sogenannter Dublin-Fall sollte er nach Italien zurückgeschickt werden. Der Gedanke, dass die Polizei ihn abholen und ihn wieder in ein Leben auf der Straße zwingen würde, warf ihn fast aus der Bahn. „Ich konnte nachts nicht mehr schlafen. Ich konnte auch nicht essen, meine Gedanken kreisten nur noch um die Abschiebung. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren, nicht die Schule und nicht mal das Fußballtraining. Ich war sehr gestresst und verzweifelt.”

“Das Leben in Deutschland ist vielleicht nicht so perfekt, wie man es gerne hätte, aber es ist besser als das, was ich vorher erlebt habe.”
Dank der Unterstützung verschiedener Menschen und eines guten Anwalts konnte die Abschiebung schließlich abgewendet werden. Aliou spricht inzwischen fließend Deutsch. Im Herbst hat er eine Ausbildung begonnen. Er wird dort geschätzt, nicht nur für sein gutes Bildungsniveau und die schnelle Auffassungsgabe, sondern besonders für seine ruhige Wesensart und seinen sanften Humor. “Das Leben in Deutschland ist vielleicht nicht so perfekt, wie man es gerne hätte, aber es ist besser als das, was ich vorher erlebt habe,” sagt er. Er hat es schon weit gebracht. Und doch ist klar, dass seine Gedanken und Gefühle sich in einem ständigen Aufruhr befinden von Heimweh, Trauer über die Ereignisse, die ihn zur Flucht zwangen, traumatischen Erinnerungen, sowie Angst und Unsicherheit über seinen weiterhin unklaren Asylstatus.

Trotz seiner großen Widerstandskraft ist das bedrohliche Donnern der Wellen in Alious Ohren noch lange nicht verstummt.