Günther Pirnke (Kapitän der Mission 7): Gedanken zum Einsatz vor Libyen

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pirnke

Günther Pirnke, Kapitän der Mission 7, ist pensionierter Polizeibeamter aus Schwandorf. Er ist schon rund 100.000 Seemeilen gefahren, überquerte bereits den Atlantik

Was muß einen Menschen dazu bewegen, um so eine tödliche Gefahr auf sich zu nehmen?
Allerwidrigste Lebensumstände, totale Armut, Verfolgung, Trostlosigkeit

Die Schlepperbanden nutzen diese Umstände, suggerieren ihnen ein besseres Leben in Europa und nehmen ihnen dafür das letzte Geld ab. Sie pferchen diese Leute in Schlauchboote, bis zu 140 auf eine Boot, das  7 x 2,5 Meter misst und schicken sie mit einem 50-PS-Motor aufs offene Meer, mit dem Versprechen, bald von Rettungsbooten erkannt und abgeborgen zu werden.
Nun sind aber diese Schlauchboote nicht für so viele Personen konstruiert. Keinesfalls sind sie seetauglich.
In aller Regel starten diese Rubber-Boats gegen Mitternacht, begleitet von ihren Schleppern auf deren eigenen Motorbooten. Voraussetzung für diesen Start ist gutes Wetter und günstige Windverhältnisse. Bei stärkerem Wind aus Nord ist an der flachen libyschen Küste kein Start möglich, weil die daraus resultierende Dünung jedes Schlauchboot zum Kentern bringen würde. Wehen die nördlichen Winde jedoch moderater (etwa bis 2 BfT), so bildet sich an der Küste ein eigenes Windsystem. Dieses thermische Windsystem bewirkt in Küstennähe einen Landwind, der zu See hinaus bläst. Er beginnt ab Mitternacht und endet gegen 05.00 Uhr. Genau dieser Landwind wird genutzt, um zu starten. Dieser Wind erweist sich aber nur als ein Küstenphänomen. Er endet meist ein paar Seemeilen.
Nun sind diese Boote den offenen Meerverhältnissen, mit meist hohen Wellen und stärkeren Winden, ausgesetzt. Aufgrund des hohen Ladegewichts knicken die aufgeblasenen Gummischwimmer meist in der Mitte ein. Spätestens ab hier beginnt allerhöchste Lebensgefahr, zumal keiner der Flüchtlinge mit einer Rettungsweste ausgestattet ist. Wer rausfällt, ersäuft jämmerlich.
Nun können die Leute auf ihren untauglichen Schlauchbooten damit rechnen, ab etwa 14 Seemeilen Küstenabstand auf ein privates Rettungsunternehmen oder auf ein dort wartendes Kriegsschiff zu treffen. Wer vorher absäuft, oder nicht gesehen wird, hat keine Chanche auf Rettung.
Wenn man weiß, dass in der Regel die Schlauchboote – meist Einheitsgrößen – mit bis zu 140 Personen vollgestopft werden, kann man sich vorstellen, was passiert ist, wenn ein Boot mit nur 112 Leuten aufgefischt worden ist…
Man spricht  bei 27 Überlebenden von einem, der es nicht geschafft hat.

Ich war mit meiner achtköpfigen Mannschaft auf der Sea-Eye. Wir bildeten die Mission 7 in der Zeit vom 7. bis 21 Juli 2016. In der ersten Woche hatten wir mit starken Nordwinden zu tun. Zu einem Rettungseinsatz kam es hierbei nicht. Aus wie erwähnt, windtechnischen Gründen. Die zweite Woche zeigte sich diesbezüglich freundlicher. An drei Tagen kam es zu dramatischen Rettungseinsätzen:

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Mo., 18.07.16
05.50 Uhr:Aquarius (privates Rettungsunternehmen) bittet über Funkkanal 16 um Unterstützung. Sie haben ein voll besetztes Schlauchboot auf Pos. 33 Grad 27 Min. N, und 013 Grad 27 Min. E gesichtet. Wir nehmen sofort Kurs auf.
08.20 Uhr – Weg bis zu Einsatzort waren ca. 19 sm. Aquarius war noch immer mit der Bergung der 112 Personen, darunter Frauen und Kinder, beschäftigt.
Unsere Einsatz war nicht mehr erforderlich.
12.00 Uhr – MRCC Rom beordet uns per Satellitentelefon ca. 20 Seemeilen weiter nach Norden. Wir sollen dort ein Seegebiet von etwa 20 x 20 Meilen nach einem Holzboot, mit bis zu 500 Flüchtlingen besetzt, absuchen.
16.30 Uhr – MRCC Rom teilt mit, dass wir die Suche nach dem Holzboot einstellen können. Sonst keine weitere Erklärung.

An diesem Montag, 18.07.2016 wurden von den fünf privaten Rettungskreuzern zwischen der Zeit von 04.00 Uhr und 15.00 Uhr auf 21 Flüchtlingsbooten ca. 3200 Personen aus akuter Seenot gerettet. Die Anzahl derer, die es nicht bis zur Rettung geschafft haben, kennt niemand.

Di., 19.07.2016
04.00 Uhr – Pos: 33, 17 N, 012,57 E,
04.20 Uhr Funkmeldung: Schlauchbootsichtung auf Pos. 32,08 N, 012,23 E
Motor Start, Pos. Ansteuern.
05.40 Uhr – Funkspruch Rettungsboot Astral: 3 Schlauchboote gesichtet in Entfernung zu unserem Standort 16 sm.
08.00 Uhr – Unser Navigationsrechner fällt aus. Ab jetzt Navigation per Hand auf Seekarte.
09.20 Uhr – Zwei kleine Holz-Motorboote gesichtet. Besatzung zwei Personen. Vermutlich Schlepper, die nach ihren Flüchtlingsbooten Ausschau halten, um die teuren Aussenbordmotoren nach der Abbergung zu ergattern.
10.15 Uhr Sea Watch 2 bittet um Rettungswesten. Fahren Kurs 260 Grad zur Sea Watch 2, Abstand ca. 7 sm. Meine Mannschaft macht alles klar zum Beibooteinsatz.
10.30 UhrSea Watch 2 meldet zwei weitere Schlauchboote in unserer Richtung, in ca. 4 sm Abstand. Nach ca. ½ Stunde Fahrt kommen wir dorthin.
Die Bourbon Argos und die  Astral waren aber schon da und haben die Schlauchbootflüchtlinge bereits mit Rettungswesten versorgt.
17.00 Uhr – Motor aus, Pos. 33,14 N, 012,39 E , treibend in die Nacht

Mi., 20.07.2016

03.00 Uhr – Motor an. Stehen ca. 24 sm vor Libyens Küste, westlich von Tripolis. Absuche nach Flüchtlingsbooten beginnt.
07.50 Uhr – Eigene Sichtung von zwei Schlauchbooten. Pos: 33,04 N, 012,37 E
Eigenes Beiboot mit Kran ins Wasser gehoben. Beibootbesatzung mit vorher bestimmten Einsatzleiter, zwei weitere, bestückt mit Rettungsausstattung und Handsprechfunk, fährt zu den Flüchtlingsbooten. Zu unserer Unterstützung wird die nahe gelegene Astral gerufen.
Gemeinsam statten wir zunächst die insgesamt 244 Personen mit Rettungswesten aus. Trinkwasserflaschen werden verteilt.
Die Phoenix, ebenfalls privater Retter, kommt dazu. Alle Beibootbesatzungen helfen zusammen und bringen die durch Rettungswesten gesicherten Menschen, viele Frauen und Kinder, zur Phoenix. Sie kann alle im Zwischendeck und Oberdeck aufnehmen.
Nachdem wir wieder unsere etwa 200 verteilten Rettungswesten wieder zurückbekommen haben, war unser Einsatz beendet.
Unsere Mission 7 war hiermit erfolgreich zu Ende gegangen. Wir nahmen Kurs zu unserem derzeitigen Heimathafen, La Valetta auf Malta. Die etwa 200 sm dorthin waren in etwa 28 Stunden geschafft.

Wir acht Sea-Eyer waren mit unserem Einsatz sehr zufrieden. Die Sea-Eye war an der Rettung von etwa 3550 Personen beteiligt. Davon wurden insbesondere 244 direkt von uns gerettet.

Nicht vergessen werde ich die übermäßige Freude in den Augen der Geretteten. Ihre Gesten der Freude. Die Dankbarkeit beim Reichen der Rettungswesten.
Bei einem der beiden Schlauchboote war schon ordentlich Wasser im Inneren. Viele von den Flüchtlingen waren mit Wasserschöpfen beschäftigt. Lange hätte es nicht mehr gedauert…
Auf diesem Boot saßen 128 Personen. Alles junge Leute, mit einem hoffentlich schönerem Leben als ihr vergangenes.
Ich persönlich empfinde jetzt tiefste Zufriedenheit , die ich in meinen 63 Lebensjahren noch nicht so in dieser intensiven Art erlebt habe. Dafür bin ich dankbar. Das ist der Lohn für meine doch nicht so ungefährliche Mission. Auch meine Crew empfindet so. Wir werden wieder fahren, um Menschen zu retten, die auf ein besseres lebenswertes Leben hoffen.
Mein Wunsch wäre natürlich, dass die großen Regierungen dieser Welt endlich aktiv was tun, um diesen Leiden ein Ende zu bereiten.
Einigkeit wäre gefragt.
Günther Pirnke