Mission 5 rettete 484 Menschen vor dem Ertrinken

„Die Menschen sprangen vor Panik aus dem Boot“

Aus dem Logbuch von Kapitän Chris Orlamünder:

 

– Um 08:00 informierte uns das MRCC Rom (Seenotleitzentrale in Rom) über die Sichtung von vier Schlauchbooten und gab die Koordinaten durch. Auf Anweisung nahmen wir sofort Kurs auf die angegebene Position und begannen, nach den Booten zu suchen.

– Um 09:30 sahen wir das erste Schlauchboot. Während der nächsten Stunde sichteten wir drei weitere Schlauchboote. Ein Suchflugzeug war vor Ort und begann, über den vier schiffbrüchigen Booten zu kreisen. Nachdem wir das MRCC kontaktiert hatten, begannen wir, Schwimmwesten an die vier völlig überfüllten Boote mit etwa 500 Menschen auszuteilen.

– Um 10:05 informierte das MRCC uns, dass zwei Schnellboote der italienischen Küstenwache von Lampedusa aus zu uns kommen, aber etwa fünf Stunden brauchen würden. Wir erhielten auch Information über einen Tanker, den das MRCC aufgefordert hatte, Kurs auf unsere Position zu nehmen.

– Um 11:40 fordert das Sea-Eye-Rettungsschlauchboot (RIB) drei Rettungsinseln an, um ein teilweise luftleeres Schlauchboot mit verzweifelten Menschen zu stabilisieren. Während die Menschen auf die Rettungsinsel gebracht wurden, sprangen 20-30 Menschen ins Wasser und mussten zur Rettungsinsel und dem Rettungsboot zurückgebracht werden. Einige der Menschen im Wasser wurden zur Sea-Eye gebracht. Die Crew des Rettungsbootes wurde von Menschen auf dem Schlauchboot auf Leichen an Bord aufmerksam gemacht.

– Um 11:45 bekamen wir Kontakt mit dem Tanker OHIO  (Länge 250 Meter), der Hilfe bei der Situation auf der Leeseite anbot und uns schließlich Windschatten für unseren Einsatz bot. Die OHIO war vom MRCC angewiesen worden, diesen Rettungseinsatz vor Ort zu koordinieren.

– Um 12:15, nachdem Schwimmwesten an alle Menschen auf den vier Schlauchbooten ausgeteilt worden waren, entschied die Sea-Eye, die Frauen und Kinder aus dem weiterhin instabilen blauen Schlauchboot aufzunehmen. Nach dieser Operation und Information durch das MRCC, dass die Hilfsschiffe um ca. 19:00 eintreffen würden, entschieden wir aus Sicherheitsgründen, alle Frauen und kleinen Kinder aus allen vier Schlauchbooten zu übernehmen: 5 Kinder und 32 Frauen.

– Während der Wartezeit versuchten wir, alle vier Boote zu unterstützen und sie mit Hilfe unseres RIBs zusammenzuhalten. Bei starkem Wind und hohen Wellen schafften wir es, drei zusammenzuhalten, während eines nach Süden abdriftete. Es wurde später von der italienischen Küstenwache gefunden.

– Während der Wartezeit gerieten die Menschen auf einem Boot in Panik und fingen an, ins Wasser zu springen, selbst noch als unser RIB sich rückwärts zurückzog. Wir mussten sie schließlich mit dem RIB aus dem Wasser retten. Wir retteten so 20-30 Menschen und brachten sie auf die Sea-Eye. Dies passierte mehrmals, bis die Rettungsschiffe eintrafen.

– Um 19:00 kamen die beiden Schnellboote der italienischen Küstenwache an. Eines half uns dabei, Menschen aus dem Wasser zu retten (ein Mensch ertrank; die Wiederbelebung auf der Sea-Eye war erfolglos). Das andere Schnellboot suchte nach dem vierten Schlauchboot, das abgetrieben war.

– Um 19:30 kam der Schleppkahn und fing an, die Menschen von dem instabilen Schlauchboot und den Rettungsinseln zu transferieren.

– Um 20:00 erschien die italienische Marine vor Ort und unterstützte die Küstenwache mit ihrem Marine-RIB.

– Um etwa 20:30 erschien die CP 941 vor Ort und übernahm die Koordination.

– Um etwa 20:45 verließ die OHIO das Geschehen.

– Bis 23:00 wurden die meisten Menschen auf die CP 941 transferiert, außer denen von der Sea-Eye. Marine, Schleppkahn und Rettungsschnellboote verließen das Geschehen.

– Um 23:00 forderte die CP 941 uns auf, unser RIB hochzuziehen und die aktuelle Position  (13 Seemeilen vor der Küste) zu verlassen und einige Meilen nach Norden zu fahren. Schließlich übernahm die CP 941 auch die Menschen auf der Sea-Eye und brachte die Schwimmwesten zurück.

– Um 00:15 trennten sich die Sea-Eye und die CP 941 und fuhren in nördliche Richtung.

Die Sea-Eye-Crew dankt allen an diesem Rettungseinsatz Beteiligten!