Nächtlicher Einsatz der Seefuchs: Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Bericht von Bord der Seefuchs:

Nachdem wir gestern Abend (16. September) um 21:51 Uhr die Seenotmeldung erhalten haben,
sind wir die uns übermittelte Position mit maximaler Geschwindigkeit angefahren. Alle Crewmitglieder wurden aus der Freiwache bzw ihrem warmen Bett auf die Brückennock gerufen um in alle Richtungen sorgfältig Ausguck zu halten. An der Position angekommen: sehr viel Dunkelheit, ein paar Lichtverschmutzungen am Horizont – aber kein Kleinschiff zu sehen.

Die nächtliche Suche in einem ca 10 x 10 Seemeilen (20 x 20 km) umfassenden Suchgebiet mittels Ausguck gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die Nadel wäre allerdings auf dem Radar zu sehen – Holzboote oder Schlauchboote tauchen erst auf sehr kurze Distanz als kleines Echo auf dem Radar auf. Die Seefuchs rollt und stampft bei dem Wellengang um die ein Meter Höhe schon ordentlich und es fällt schwer, das Fernglas ruhig vor den Augen zu halten – geschweige denn in der
Dunkelheit etwas zu erkennen. Wir suchen stundenlang nach einem unbeleuchteten, vermutlich 5 – 10 Meter langen Schiff mit 17 Menschen an Bord – irgendwo dort draußen auf dem Mittelmeer.

Nachdem wir das betreffende Seegebiet mittels Ferngläser und Radar abgesucht haben, fuhren wir in die Richtung, in die das Boot von Wind und Wellen vermutlich getrieben wurde. Etwa nach zwei Stunden Suchfahrt wurden wir von einem europäischem Kriegsschiff unterstützt – aber auch
auf deren leistungsfähigem Radar war kein Kleinschiff auszumachen. Ein zwischenzeitlich aufgetauchter Radarkontakt erwies sich als Fischer. Erst nach mehreren Stunden tief in der Nacht eine neue Information: Ein Versorgungsschiff hat ein Schlauchboot mit fünf Menschen fast 25 Seemeilen (50 km) von der angegebenen Position gesichtet und diese sicher an Bord
gebracht. Mit Sorge namen wir die unterschiedlichen Personenzahlen zur Kenntnis – war dies ein separater Seenotfall? Oder waren zwölf Menschen über Bord gegangen? Stimmte die erste Information über 17 Personen nicht? Nach fast sieben Stunden im Einsatz kam dann vom MRCC Rom die Entwarnung: kein separater Seenotfall, die Information über 17 Personen
stimmte nicht. Nach einer kurzen Nacht, langen Einsatzstunden und sehr wenig Schlaf geht an Bord der normale Wachalltag weiter.

Ein Taxidienst im Mittelmeer?

Jeder Person, die im bequemen Deutschland meint dass Nichtregierungsorganisationen (NGO) einen „sicheren Taxidienst“ im Mittelmeer betreiben… Wir empfehlen ein paar Stunden auf der windigen, schwankenden und dunklen Brückennock im Ausguck oder in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer bei Wellengang. Möglicherweise ist diese Erfahrung lehrreich.

Mast- und Schotbruch, Jens von den Berken