Osterdrama: Aus dem Logbuch des Sea-Eye Kapitäns Thomas Nuding

Kapitän der Mission 3: Thomas Nuding. Foto: Friedhold Ulonska

Am Morgen des Karsamstag erhielten wir einen Funkspruch über die Position eines Holzbootes durch Phoenix (Schiff der Hilfsorganisation MOAS) und Iuventa (Schiff von Jugend rettet), die sich zu diesem Zeitpunkt beide bereits im Einsatz befanden. Auf dem Holzboot befanden sich 25 Männer, die wir nach Aufforderung durch das MRCC (Seenotleitstelle in Rom) komplikationslos mit Charlotti (Beiboot der Sea-Eye) bargen und auf das Achterdeck der Sea-Eye aufgenommen haben.

Auf dem Weg zum Einsatzort der Phoenix, die dort von vier Schlauchbooten und einem Holzboot umringt war (Gesamtschätzung ca. 1000 Personen) wurden wir von Iuventa über die Seenot eines Holzbootes informiert. Wir nahmen Kurs auf die Position und unterstützten die Bergung des Holzbootes mit 200 Schwimmwesten (zwei Fahrten mit Charlotti voraus). Unmittelbar danach suchten wir nach einem weiteren Rubberboat, dessen Position uns nach einer Sichtung des Suchflugzeugs Moonbird (von Sea-Watch) durchgegeben wurde.

Während der Suche gegen 8:30 Uhr kam der dringende Notruf, dass sich Personen im Wasser befänden, die von einem mit geschätzten 500 Personen besetzten Holzboot sprangen.

Sea-Eye und unser Schlauchboot sind mit maximaler Geschwindigkeit dorthin geeilt. Vor Ort bot sich der RIB-Besatzung ein Bild des Grauens. Unzählige, im Wasser befindliche Personen und starke Unruhe auf einem ca. 15 Meter langen und 2,5 Meter hohen schwankenden Holzboot, von dem kontinuierlich Menschen herunter ins Wasser sprangen. Die Schreie der Personen, die im Wasser sowie der Tumult auf dem Holzboot waren bis zur Sea-Eye zu hören, die zu diesem Zeitpunkt noch eine halbe Seemeile entfernt war.

Die Besatzung der Iuventa mobilisierte alle verfügbaren schwimmbaren Materialien wie Rettungsinseln, Centerfloat und Rettungswesten. Eines der bereits leeren Schlauchboote wurde zu einem Zwischenlager für Rettungswesten der Iuventa und Sea-Eye umfunktioniert. Damit wurden mit  die im Wasser schwimmenden Menschen versorgt. Menschen mit Schwimmwesten wurden bereits von der Sea-Eye über Strickleitern aufgenommen. Das Deck des Holzbootes war hoffnungslos überfüllt, nach Angaben von Geretteten gab es insgesamt drei Ebenen auf diesem Boot, so dass davon auszugehen war, dass sich noch mehrere hundert Menschen an Bord befanden, schlimmstenfalls auch bereits tote Personen.

Um ein Kentern des Holzbootes zu vermeiden, versuchten Charlotti und Iuventa  Rescue Menschen direkt vom Holzboot abzubergen. Der Versuch, zuerst die an Bord befindlichen Frauen und Kinder zu bergen schlug fehl, da die Massenpanik dazu führte, dass unzählige Menschen vom etwa 2,5 Meter hohen Deck auf unsere Boote sprangen. Viele landeten im Wasser und schlugen panisch um sich. Es gelang uns, mehrere Dutzend Menschen, darunter auch einen einjährigen Jungen und seinen Vater vom Boot durch Shuttlefahrten zu bergen, allerdings führte der Umstand, dass sich ein Schlauchboot dem Holzboot näherte dazu, dass Menschen vermehrt ins Wasser sprangen, in der Hoffnung, dort von uns gerettet zu werden.

So kam es zu grauenhaften Szenen, da Menschen neben unseren Schlauchbooten schwammen und panisch schrieen, während wir versuchten, Frauen und Kleinkinder an Bord unserer Schlaucboote springen zu lassen und die Menschen im Wasser nicht alle bergen konnten. Wir warfen Rettungswesten zu den Schwimmenden und instruierten sie zu den diversen Rettungsinseln, zur Sea-Eye oder Iuventa zu schwimmen.

Dieses Szenario zog sich über mehrere Stunden hin. Das Deck des Holzbootes wurde nicht merklich leerer, da nach dem Bergen stets neue Menschen aus den Unterdecks nach oben kamen. Entgegen aller ursprünglichen Erwartungen beim Eintreffen am Unglücksort gelang es im Verlauf, alle Menschen in irgendeiner Form zu bergen und retten, während ca. 200 Menschen auf dem Holzboot verblieben.

Gegen 14:20 Uhr erreichte der Bundeswehr-Tender Rhein das Szenario. Auf diesem Schiff waren bereits im Vorfeld Menschen von einem Schlauchboot evakuiert worden.

Die Rhein brachte zwei Schlauchboote aus, die die verbliebenen Personen auf dem Holzboot bargen. Danach kooperierten alle vier Rettungs-Schlauchboote beim Transport der Geretteten zuerst von den Rettungsinseln der Iuventa, dann von der Iuventa selbst und danach von der Sea-Eye und ihrer Rettungsinsel.

Insgesamt befanden sich während des Tages bis zum Ende des Transportes gegen 00:30 Uhr am Folgetag insgesamt 286 Menschen an Bord der Sea-Eye. Nach Beendigung der Rettungsaktivitäten wurden bei diesem Seenotfall 750 Menschen plus ca. 150 Menschen gerettet.

Unmittelbar nach dem Ende der Rettungsaktion gegen 0:30 Uhr musste die Sea-Eye zu einem weiteren Szenario aufbrechen.

Der Seenotfall mit großem Holzboot und neun Schlauchbooten war ca. sechs Seemeilen entfernt. Diese Situation, die bereits am Morgen begonnen hatte, wuchs während des Tages auf insgesamt 1700 in Seenot befindliche Menschen an.

Gegen 01:45 Uhr waren wir vor Ort und fanden vier größere Rettungsschiffe (Iuventa mit über 250 Personen, Phoenix mit ca. 500 Personen, OOC Panther (ziviler Bohrinselversorger) mit ca. 800 Personen sowie Rhingio (kleiner Hafenschlepper) mit ca. 40 Personen an Bord vor.

Zusätzlich befanden sich noch Menschen in mindestens fünf weiteren Schlauchbooten auf dem Wasser, wobei nur ein Teil bereits mit Rettungswesten ausgestattet war. Eines der Schlauchboote wurde komplett auf die Sea-Eye evakuiert, 75 Personen, davon ein Mann mit einer großen infizierten Schusswunde im linken Sprunggelenk. Er berichtete, dass sein Freund in Libyen erschossen und er angeschossen wurde).

Die Rettungsmaßnahme war um ca. 5 Uhr morgens abgeschlossen.

Um 7 Uhr sollte ein weiterer Bohrinselversorger eintreffen, um die verbliebenen Personen zu übernehmen. Dieser Bohrinselversorger verspätete sich jedoch aufgrund der Tatsache, dass er unterwegs bereits 600 Menschen retten musste.

Das Suchflugzeug Moonbird meldete um 09:20 Uhr ein sinkendes Schlauchboot. Die Sea-Eye hat unmittelbar danach Fahrt aufgenommen und diese Position gegen 10:10 Uhr. Es waren bereits drei RIBs vor Ort, die begannen, ertrinkende Menschen im Wasser zu retten, jedoch war deren Kapazitätsgrenze sehr schnell  erreicht. Nach Eintreffen der Sea-Eye übernahmen wir die Menschen von den drei Schlauchbooten unmittelbar, weil noch weitere Menschen im Wasser trieben. Wir haben diese Menschen sofort aus dem Schlauchboot direkt auf die Sea-Eye übernommen. Zum großen Teil waren sie erschöpft und stark  unterkühlt, teilweise nicht mehr fähig, den Transfer vom Schlauchboot auf die Sea-Eye aus eigener Kraft zu bewerkstelligen.

Nachdem das Schlauchboot leer war, mussten wir leider feststellen, dass in der Panik mindestens vier Personen im eingeströmten Wasser des Schlauchboots ertrunken waren. Weitere Leichen trieben neben der Sea-Eye im Wasser. Mehrere Tote ohne Schwimmhilfen sind direkt versunken.

Insgesamt wurden unmittelbar bei der Rettungsaktion acht bis zehn treibende Leichen gesehen. Weitere vier Personen versanken im Meer. Bei der Rettung wurde eine 20- bis 25-jährige Schwangere in sehr schlechtem Zustand an Bord genommen. Innerhalb weniger Minuten mussten wir mit der Wiederbelebung der jungen Frau beginnen, die leider nach langen Reanimationsversuchen an Bord der Sea-Eye verstarb.

Insgesamt befanden sich mindestens vier Schwangere an Bord. Da diese meist in der Mitte des Flüchtlingsbootes platziert wurden, haben sie ausgedehnte Verätzungen an Beinen, Gesäß und Bauch von der im Boot befindlichen, ätzenden Mischung aus Salzwasser, Benzin und Urin erlitten. Eine der behandelten Frauen berichtete während der Wundversorgung davon, dass zwar ihr Mann auch auf die Sea-Eye gerettet  wurde, jedoch ihr achtjähriger Sohn beim Sinken des Bootes ertrunken ist.

Während der Versorgung der Verletzten fuhr die Sea-Eye zurück zur IuventaPhoenix und Rhingio. Unterwegs haben wir ein Frachtschiff, die Tuna1, gesehen, das von uns aufgefordert wurde, die Rettungsaktion zu unterstützen und Menschen aufzunehmen. Wir vereinbarten mit der Rettungsleitstelle und dem On-Scene-Coordinator Phoenix, dass nach der Rettung der drei Schlauchboote im Wasser und des Holzbootes die Evakuierung der Menschen von Rhingio und Sea-Eye auf die Tuna1 erfolgen sollte.

Um ca. 14:30 Uhr frischte der Wind von einer auf fünf Beaufort auf, die Wellenhöhe nahm dadurch schnell von 0,3 auf zwei Meter zu.

Dies veranlasste Phoenix, den vereinbarten Shuttle von den Menschen auf der Sea-Eye zu Tuna1 zu verschieben. Trotz unserer eindringlichen Warnung, dass die Wetterbedingungen laut Vorhersage des Deutschen Wetterdienstes am Folgetag noch schlechter sein sollten. Tuna1 nutzte die Gelegenheit, um sich mit der Aufnahme von 475 Personen für ausgelastet zu erklären.

Auf der Sea-Eye befanden sich zu diesem Zeitpunkt (ca. 18:45 Uhr) weiterhin ca. 200-220 unterkühlte und verletzte Menschen. Es gelang uns trotz intensiver Bemühungen bis nach Mitternacht nicht,  das MRCC und die Phoenix von einem schnellen Transfer zu überzeugen. Um 03:00 Uhr teilte das MRCC mit, dass wir einen weiteren Treffpunkt anfahren sollten, den wir im Morgengrauen erreichten.  Am vereinbarten Treffpunkt trafen sich die Phoenix, ein Schiff der italienischen Küstenwache sowie die Sea-Eye.

Um 08 Uhr wurde von der Phoenix das Übersetzen der Migranten zum Küstenwachschiff erneut auf ungewisse Zeit verschoben. Das MRCC meldete sich um 08:30 Uhr mit dem Vorschlag, im Konvoi vor die tunesische Küstenlinie zu fahren, alternativ einen tunesischen Hafen (Zarzis) anzulaufen.

Am Ostermontag um 08:53 Uhr setzten wir aufgrund des sich verschlechternden Zustandes der Flüchtenden an Bord einen Mayday Call ab. Das luxemburgische Patrouillenflugzeug LUX SW3 Merlin III leitete unser Mayday an das MRCC weiter. Unmittelbar danach drehte das italienische Küstenwachschiff, das sich zwischenzeitlich entfernt hatte, um und musste zur Sea-Eye zurück kommen.

Wir versuchten verschiedene Kursoptionen gemeinsam aus, allerdings war der vom MRCC vorgegebene Kurs nach Westen mit extremen Rollbewegungen der Sea-Eye verbunden. Die Lage des Schiffs in diesem Zustand der Migranten erachteten wir als nicht sicher. Wir schlugen deshalb einen Kurs nach Norden ein, woraufhin sich das italienische Küstenwachschiff uns als Geleit anschloss.

Eine halbe Stunde vor dem geplanten Transfer trat plötzlich ein medizinischer Notfall bei einer im achten Monat schwangeren 18-Jährigen auf. Die Patientin war bereits seit dem Vortag seekrank und aufgrund des Erbrechens und der Dehydration bewußtlos geworden. Bei der Behandlung im Medizinraum der Sea-Eye (3 x 2 Meter) waren zeitgleich 15 Personen dicht an dicht gedrängt, die meisten verletzte Frauen und Schwangere. Aufgrund der Behandlung verzögerte sich der Transfer auf 18 Uhr, zu diesem Zeitpunkt war die Mutter wieder bei Bewusstsein und spürte die Bewegungen des Kindes. Der Transfereinsatz endete um 21:30 Uhr mit Übergabe der Rettungswesten zurück an die Sea-Eye.

Der gesamte Einsatz dauerte insgesamt 86 Stunden bei etwa sieben Stunden  Schlaf pro Crewmitglied. Bei den Einsätzen am 15. und 16.4. wurden von  der Sea-Eye 25 plus 750 plus 75 plus 120, also insgesamt 970 Menschen vor  dem sicheren Ertrinken gerettet.