„Schlepperkönig“: Kein Spiel ist grausamer als die Wirklichkeit.

Das Titelbild des „Schlepperkönigs“ auf Facebook

Ein Medienexperiment besonderer Art: Die Agentur „virtual-identity“ hat zusammen mit Sea-Eye eine Kampagne umgesetzt, die aufzeigt, dass die Ankündigung eines provokanten Computer-Spieles zur Flüchtlingssituation im Mittelmeer in vielen Medien mehr Empörung auslöst, als die Tatsache der bis zu 5.000 Toten in diesem Jahr.

„Schleuser sind Mörder. Sie kalkulieren mit dem Tod der Menschen, indem sie ihre Not und Verzweiflung ausbeuten.“
Am 6. Dezember startete auf Facebook die Bewerbung eines Computer-Games namens „Schlepperkönig“. Ziel des Spieles ist, Flüchtlinge möglichst gewinnbringend an Bord von Schiffen nach Europa zu schleusen.

Die Empörung auf Facebook und in etlichen Online- und klassischen Medien war enorm: Das Spiel wurde als „geschmacklos“, „niederträchtig“, und „so widerlich, dass man nur noch kotzen möchte“ bezeichnet. „Astreine Satire … ich rieche auch Böhmermann.“

„Astreine Satire … ich rieche auch Böhmermann.“

Während einige User den Satiriker Jan Böhmermann hinter der Aktion vermuteten, bekundeten erschreckend viele Nutzer auch Interesse an der Veröffentlichung des Spiels. So antworteten bei einer Umfrage der Schweizer Online-Plattform 20min.ch, die Hälfte der 2.300 Teilnehmer die Frage, ob sie das Game gerne spielen würden mit: „Ja. Coole Games sind nun mal selten politisch korrekt.“

Zynisch und realistisch: Szene aus dem angeblichen Spiel

Diesen reale Zynismus und die Tatsache, dass 2016 bisher 4.139 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind, greift nun die Auflösung der Aktion als Kampagne der Seerettungsorganisation Sea-Eye mit der Botschaft auf: „Kein Spiel ist so grausam wie die Wirklichkeit!“

„Das tödlichste Jahr im Mittelmeer“

Webseite von „20min.ch“ mit dem Bericht über den „Schlepperkönig“

Nach UN-Angaben sind 2016 bisher 4.742 Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer ertrunken. Die UNHCR befürchtet, dass die Zahl der Opfer bis Ende 2016 auf 5.000 steigen wird. Im krassen Gegensatz zu diesem Anstieg an Toten, steht das mediale Echo: So gingen die medialen Reaktionen über Schiffsunglücke im Mittelmeer mit zahlreichen Toten im Vergleich zum Vorjahr stark zurück.

„Die humanitäre Situation hat sich im Mittelmeer kein bisschen entspannt – im Gegenteil“, sagt Hans-Peter Buschheuer von Sea-Eye, die seit April 2016 bereits 5568 Schiffbrüchige vor dem Ertrinken gerettet hat. Ziel der Kampagne ist neben Aufmerksamkeit für die humanitäre Tragödie vor den Toren Europas, auch das Generieren von Spenden, um ein zweites Schiff anschaffen zu können.

„Schleuser sind Mörder“

An seiner Abscheu gegenüber Schleppern und Schleusern lässt Buschheuer keine Zweifel: „Schleuser sind Mörder. Sie kalkulieren mit dem Tod der Menschen, indem sie ihre Not und Verzweiflung ausbeuten.“

Hier das Video mit der Auflösung des angeblichen Spiels: