Bericht der Seefuchs: Die Rettung der 19 Schiffbrüchigen

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Die Seefuchs kreuzt etwa eine Woche nördlich der libyschen Hoheitsgewässer, als in den frühen Morgenstunden des 12.05.18 die Meldung und der Suchauftrag des Maritime Rescue Coordination Center (MRCC) Rom eingeht: Ein Boot wurde gesichtet, etwa 18 Meilen vor der libyschen Küste. Die Seefuchs macht sich auf den Weg. Als die mobilisierte Crew bei der angegebenen Koordinate ankommt, starrt sie lange in die Dunkelheit, sucht nach Signalen, Lichtern. Endlich – um 5:30 in der Früh – ein schwaches grünes Licht. Bojen? Fischerboote? Es könnte alles sein. Die Crew ruft gegen Wind und Wellen in die Nacht: „Is there anybody???“, „We are here to help!!!” Mit der Zeit werden die Lichter deutlicher, werden zu deutlichen Signalen. Langsam erkennen wir Silhouetten von Menschen, sie winken hektisch, sie rufen etwas, die Stimmung ist aufgeregt.

An Bord des kleinen, blauen Holzbootes befinden sich 19 Menschen. Sie schöpfen Wasser aus dem Rumpf, das durch ein Loch einläuft. Dann geht alles sehr schnell. Wir befestigen das Boot längs. Als Erstes sollen sich alle beruhigen, sie bekommen Schwimmwesten – einer springt trotzdem hastig über Bord. Dann beruhigt sich die Situation und nacheinander klettern die Menschen an Deck der Seefuchs. Jeder bekommt einen Sitzplatz zugewiesen, es gibt medizinische Erstversorgung und Ausgabe von Trinkwasser und Wärmedecken.

Crewmitglied Michael steigt nach der Bergung mit einer Spraydose auf das Holzboot, sprüht „SAR 12/05/2018“ darauf, nimmt die Motorabdeckung herunter und reißt ein paar Kabel und Schläuche aus dem Außenborder. Der Motor soll nicht noch mal zum Schleusen genutzt werden können. Die Wellen schlagen das Holzboot immer wieder gegen die Außenhaut der Seefuchs und das Holz beginnt zu splittern. Weit hätte es die vollgelaufene Nussschale wohl nicht geschafft. Nach Europa, bis an das Ufer von Lampedusa? Sicher nicht.

Als wir uns langsam von dem Boot entfernen, werden wir ein paar Mal besorgt gefragt: „No Libya ok?! Please?!“. Dann wird das MRCC Rom über den Ablauf informiert. Die Seefuchs macht sich auf den Weg Richtung Norden, um potenzielle Konfrontationen mit der libyschen Küstenwache zu vermeiden. Und um möglichst schnell die Passagiere an ein transportfähiges Schiff zu übergeben und danach weiter Suchrouten zu fahren.

Schnell ist organisiert, dass die Aquarius, das Schiff von „Ärzte ohne Grenzen“, sich der Geflüchteten annehmen wird. Das MRCC Rom will die Übergabe koordinieren. Beide Boote sind vorbereitet und alles scheint klar, bis Rom sich anders entscheidet und die Seefuchs anweist, selbst die Menschen nach Sizilien zu transportieren. Keinem ist wohl bei dem Gedanken, das Schiff ist dafür nicht ausgerüstet. Aber der Kurs wird gesetzt, und die Seefuchs macht sich auf die lange Reise, 200 Seemeilen zurück Richtung Europa.

Es gibt viel Zeit, 40 Stunden Fahrt zum Kennenlernen: Essen wird zubereitet, einer der Zugestiegenen kann sogar ein bisschen deutsch. Er hat es sechs Jahre in der Schule gelernt, liebt fremde Sprachen. Während die Seefuchs auf den Wellen tanzt, versucht die Crew sich um die seekranken und erschöpften Passagiere zu kümmern. Das Versorgen der Zugestiegenen und das Bewegen an Bord gestalten sich als eine Herausforderung. Viele der Crewmitglieder sind das erste Mal auf einer Mission und wollen alles richtig machen, aber der Platz ist eng und die Ressourcen begrenzt.

Als die Seefuchs sich der italienischen Küste nähert, sind alle erleichtert, das Festland zu sehen. Die Seekranken liegen apathisch auf Schwimmwesten, in goldene Wärmedecken gehüllt. Die Körper sind geschwächt, keiner hat viel geschlafen. Bei seitlichem Wind und aufgewühltem Wasser schaukelt das Boot ordentlich, und kurz vor der Ankunft wird uns empfohlen, nicht Trapani, sondern Lampedusa anzufahren. Dort würde Unterstützung warten, versichert das MRCC Rom. Uns ist nicht wohl bei dem Gedanken, weitere Fahrten zu machen, die Menschen an Bord nach dem Erlebten auch noch Witterungsgefahren auszusetzen. Nach vielen Verhandlungen und Statusberichten zu Diesel, Wasser und Nahrung an Bord, scheint die römische Leitstelle erleichtert, dass wir die kritischen Wetterbedingungen anmahnen. Mit diesem überzeugenden Argument zum Einlaufen wird uns der Hafen in Augusta im Osten zugewiesen. Bis zur tatsächlichen Einfahrt dauert es aber noch.

Genehmigungen und das Ausfüllen von Listen ziehen sich ewig in die Länge und dann endlich dürfen wir in den Hafen fahren – mit Polizeieskorte legen wir am Kai an, wo das Rote Kreuz, ein Einkaufswagen voll Trinkwasser, Presse und die UNHCR auf uns warten. Jemand von der Gesundheitsbehörde checkt die Geflüchteten durch. Alle Schiffspapiere, Pässe und Crewlisten werden ebenfalls gecheckt, aber noch darf keiner von Bord. Alles wird nochmals überprüft, wieder heißt es warten und dann … nach fast 70 Stunden an Bord der Seefuchs dürfen sie das Schiff verlassen. Wir winken den von Bord gehenden zu. 19 Menschen sind erst mal sicher in einem Hafen angekommen. Die nächsten Schritte sind bürokratische Prozesse, und was dann kommt, weiß keiner. Ob und wohin die Reise jedes Einzelnen gehen wird, ist für alle ungewiss in diesem Moment.

Am Abend des 14.05.18 macht sich die Seefuchs auf den Heimweg nach Malta, in ein paar Tagen kommt schon die nächste Crew. Sie wird schnell wieder Richtung Süden wollen, hoffend, dass in der Zwischenzeit keine Menschen in Seenot zu Schaden gekommen sind. Jede Minute zählt. Direkt nach der Seefuchs auch die Aquarius zurück zum europäischen Festland beordert worden. Nun ist kaum jemand vor Ort in der Search-and-Rescue Zone vor Libyen, um Erste Hilfe zu leisten.


Die Sonne geht auf, Licht ergießt sich in einem warmen Schwall über das Boot. Die Wellen wiegen das Schiff in Richtung der drei zarten Silhouetten der Inselkette Gozo, Camino und Malta.


 


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