Deutsches NGO-Schiff mit über 100 Menschen an Bord nach Seenotrettung in Gefahr

28.05.2018 – zentrales Mittelmeer – Das deutsche NGO-Schiff Seefuchs befindet sich momentan in einer gefährlichen Situation. Auf dem Schiff befinden sich momentan 13 Crewmitglieder. Zusammen nehmen sie als ehrenamtliche Helfer an der 6. Rettungsmission des 60 Jahre alten, zum Rettungschiff umgebauten Fischkutters Seefuchs teil. Die Seefuchs ist eines von 2 Rettungsschiffen, die von der deutschen NGO Sea-Eye e.V. im Zentralen Mittelmeer zur Rettung Schiffbrüchiger, seit 2 Jahren betrieben werden. Insgesamt konnte sich der Verein damit an der Rettung von 13.800 Menschen beteiligen. Die Seefuchs ist ein Ersthelfer. Das Einsatzkonzept der Sea-Eye-Schiffe sieht vor, Menschen in Seenot mit Schwimmwesten zu versorgen und Erste Hilfe zu leisten. Für den Transport von Menschen sind die Schiffe nicht geeignet. Die Rettungen und der Transport der Menschen wird dann von offiziellen Stellen und anderen Schiffen durchgeführt. Trotz aller Bemühungen der NGOs sind in dieser Zeit tausende Menschen im Mittelmeer ertrunken, da es an staatlichen Seenotrettungskapazitäten fehlt. Seit über 24 Stunden muss die Seefuchs jedoch über 100 Menschen auf Anweisung der Seenotrettungsleitstelle nach Italien transportieren.

Vor 24 Stunden (am Sonntag den 27.05.2018 um 10 Uhr) entdeckten wir mit dem Fernglas auf hoher See ein Objekt auf dem Wasser, das auf dem Radar und AIS nicht erkennbar war. Schiffsführer Sampo Widmann lässt zunächst die 2 Rettungsboote (sogenannte RIBs) zu Wasser, um die Situation aufzuklären. Aus näherer Entfernung erkennen die Helfer, dass es sich um ein völlig überfülltes Gummiboot handelt, dass schutzlos auf Hoher See trieb und augenscheinlich mehr als 100 Menschen trug. Zum Glück konnten wir das Boot rechtzeitig finden, da jede weitere Zeit auf dem Boot die Lebensgefahr für Menschen auf dem Rubberboot weiter erhöht hätte. Die Helfer versuchten die Menschen zu beruhigen. Denn jede Panik auf dem überfüllten Boot könnte Leben kosten.

Die Crews der Rettungsboote informierten den Schiffsführer darüber, dass sich an Bord des Gummibootes 138 Personen befinden. Sofort wurde die Seenot Rettungsleitstelle (MRCC Rome) der Italiener informiert und Hilfe angefordert. Anschließend werden von den beiden Rettungsbooten die lebensnotwendigen Rettungswesten ausgehändigt.

 

Die Schwimmwesten brachten zusätzliches Volumen in das ohnehin überladene Flüchtlingsboot. Während der Schwimmwestenverteilung fielen mehrere Personen vom instabilen Backbordschlauch ins Wasser. Glücklicherweise hatten die Personen bereits eine Rettungsweste, denn ein Mann konnte nicht schwimmen und trieb verkrampft im Wasser. Mehrere Menschen konnten das Rubberboot rechtzeitig erreichen. Das eingesetzte RIB konnte die Person rechtzeitig aus dem Wasser retten, aber die Situation führte zunehmend zu einem panischen Zustand der Geflüchteten, die schwer beherrschbar war

 

Die Situation war dramatisch. Der Backbordschlauch verliert augenscheinlich zunehmend Luft und wird nur aufgrund des Drucks der Menschen in Form gehalten, die auf ihm sitzen. Es dringt bereits Wasser in das Boot ein, es riecht nach Benzin und Fäkalien, die Menschen berichten von Verletzungen und Hautverätzungen durch das Gemisch in dem sie sitzen oder stehen.. 2 Frauen sind schwanger. Ein kleiner Junge sucht Augenkontakt zu den Helfern. Die Menschen flehen um Hilfe.

 

Der Schiffsführer beschließt mit der Evakuierung zu beginnen, um die Menschen aus der Seenot retten. Alle Menschen verlangen die Rettung. Sie zeigen auf das Wasser im Boot, auf die Fäkalien, auf die wenigen Trinkflaschen, die inzwischen mit Urin gefüllt sind.

 

Sampo Widmann kommuniziert fortlaufend mit dem MRCC Rome, die Seenotfälle in diesen Gewässern koordinieren. An Bord der Seefuchs können die die Menschen vorerst mit Trinkwasser, Wärmedecken und medizinischer Behandlung versorgt werden. Viele schlafen direkt vor Erschöpfung ein.

 

Doch die wirkliche Herausforderung beginnt gerade erst. Laut Aussage des MRCC Rome muss das 26 Meter lange 60 Jahre alte Schiff die Menschen nach Italien bringen. Allen Beteuerungen zum Trotz, dass das Schiff für den Transport von so vielen Menschen nicht ausgelegt ist und diese Fahrt eine Gefahr für Leib und Leben der Besatzung und Gäste bedeutet, änderte an der Entscheidung nichts. Die Crew verteilt Couscous mit Brühe, um den Hunger der Menschen zu stillen. Um Mitternacht trifft das Patrouillenboot CP 286, der italienischen Küstenwache ein. Es übernimmt 24 Personen. Vor allem die Frauen, 2 Kinder und die Verletzten werden von den Italienern übernommen und sollen nach Lampedusa gebracht werden. Leider hat sich CP 286 geweigert, alle Familienangehörigen der Menschen an Bord zu nehmen, sodass Familien. getrennt wurden. Außerdem werden 120 Liter Trinkwasser, 15 Liter Birnensaft und ca. 200 kleine Snacks und einige Kekse übergeben. Das Essen reicht nicht aus, um die Menschen für längere Zeit angemessen zu versorgen. Einige berichten davon, dass sie seit Tagen und Monaten zu wenig Essen auf der Flucht bekommen. Die vielen Menschen an Bord angemessen zu versorgen, eine menschenwürdige oder sichere Situation für die Überfahrt sicher zu stellen, ist unter den momentanen Bedingungen unmöglich.

 

Die Seefuchs ist nun auf dem Weg nach Sizilien. Wir erwarten in der Nacht vom Montag, den 28.05.2018 dort einzutreffen. Laut MRCC Rome soll das Schiff nun den noch weiter entfernten Hafen Augusta anlaufen. An Bord gehen die Trinkwasservorräte zur Neige. In der Nacht konnte die Crew praktisch keinen Meter an Deck mehr betreten, weil überall Menschen lagen und schliefen. Der Frischwasservorrat der Seefuchs ist beinahe aufgebraucht. Das restliche Frischwasser brauchen wir für die Motorkühlung. Wir haben noch einiges Wasser in Flaschen und hoffen, dass wir Crew und Gäste damit versorgen können, bis wir in einen sicheren Hafen kommen. Leider war es bisher nicht möglich, die Behörden davon zu überzeugen, dass die unhaltbare Situation durch den Einsatz anderer Schiffe oder die Genehmigung einen näheren italienischen anzulaufen beendet und die Menschen aus der Situation schnellstmöglich gerettet werden können.


 


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