Die Grenzen menschlicher Belastbarkeit auf hoher See

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Was Rettern und Geretteten an Bord der Seefuchs abverlangt worden ist

 

Von Gorden Isler 31.05.2018

 

Am 18. Mai verließ die Seefuchs mit 13 ehrenamtlichen Crewmitgliedern den Hafen von Valletta. Der 60 Jahre alte, zum Rettungsschiff umgebaute Fischkutter, trägt zum 6. Mal in diesem Jahr ehrenamtliche Helfer ins zentrale Mittelmeer, um in den internationalen Gewässern vor den libyschen Küsten bereit zu sein. Bereit sein zu helfen, Leben zu bewahren und fliehenden Menschen in den schwersten Stunden ihres Lebens die Hand zu reichen.

Die Crew der Seefuchs bildet einen Querschnitt der deutschen Gesellschaft ab. Schiffsführer Prof. Sampo Widmann ist Architekt. Zu seinen Helfern gehören ein Unternehmensberater, ein Versicherungsmakler, ein Informatiker, ein Bauingenieur, zwei RettungssanitäterInnen, zwei ÄrztInnen, ein Konditor und zwei Studenten der Politikwissenschaften. Sie alle sind sich in einem wesentlichen Punkt einig: Man lässt Menschen nicht ertrinken, um andere von der Flucht abzuschrecken.

Sieben von 13 Crewmitglieder nehmen erstmalig an einer Rettungsmission teil. Sie wollen helfen und haben sich mit verschiedenen Crewtrainings gut vorbereitet.

Am Pfingstsonntag erreicht die Seefuchs das Search-and-Rescue-Einsatzgebiet im südlichen Mittelmeer. In Abstimmung mit den anderen NGOs patrouilliert die Seefuchs zusammen mit der Sea-Watch 3 östlich von Tripolis, nördlich der libyschen Hoheitsgewässer. Die Aquarius von SOS Mediterranee patrouilliert westlich von Tripolis. Selten sind die Such- und Einsatzgebiete so gut abgedeckt, wie in diesen Tagen. Ziel der drei NGOs ist, dass kein Flüchtlingsboot an ihnen vorbei fährt, um auf hoher See ungesehen und ungehört verloren zu gehen. Diese Boote sind meist nicht stabil genug, um das offene Meer zu überqueren. Die zivilen Rettungsschiffe patrouillieren ca. 30 Seemeilen von der Küste Libyens entfernt. Sie greifen nur dann ein, wenn sie selbst Boote entdecken oder von der italienischen Rettungsleitstelle, dem MRCC Rom, gemeldet bekommen.

Die See in den ersten Tagen bleibt unruhig. Es gibt auflandige Winde, d.h. der Wind drückt Boote zurück an die Strände. Die Crew der Seefuchs hat Zeit, sich von ihren Symptomen der Seekrankheit zu erholen. So beginnen die ersten intensiven Übungen mit den Rettungsbooten. Das Aus- und Einkranen der beiden Rettungsboote ist auf dem offenen Meer eine ganz andere Herausforderung, als im ruhigen Wasser des Hafens von Valletta. Die ersten Übungen verlaufen holprig. Mensch-über-Bord Übungen werden durchgeführt. Die Crew will vorbereitet sein, insofern Sie auf ein gekentertes oder sinkendes Boot trifft. Zu diesem Zeitpunkt wissen die übenden Helfer noch nicht, dass diese Fähigkeiten in wenigen Tagen gebraucht werden.

Die Rettungsschiffe Seefuchs und Sea-Watch 3 führen östlich von Tripolis gemeinsame Übungen mit ihren Rettungsbooten durch. Crewmitglieder der Seefuchs beschreiben ihre Begeisterung über die gute Zusammenarbeit mit den Crewmitgliedern von Sea-Watch. „Sie geben uns Sicherheit in einem Terrain, das für von uns völlig neu ist“, beschreibt der Hamburger Unternehmensberater Jörn Bruhn.

Am Abend des 22. Mai bittet Schiffsführer Sampo Widmann seine Crew um absolute Konzentration und Wachsamkeit, denn die See wird ruhiger und der Wind dreht. Die Crew ist in drei Wachschichten eingeteilt, die nahtlos aufeinander folgen. An jeder Wache nehmen 3 Crewmitglieder teil. Tagsüber wird 4 Stunden gewacht, nachts 3 Stunden. Wachfrei bleiben der Maschinist, der Koch, der Kapitän und der Kommunikator. Besonders anspruchsvoll ist die sogenannte Hundewache. Sie dauert von 02.00 – 05.00 Uhr. In den Wachen unterhalten sich Menschen miteinander, die sich vorher nicht kannten. Die Gespräche sind persönlich, teils emotional, manchmal politisch. Jedes Crewmitglied kennt und berichtet von Freunden oder Familienmitgliedern, die Zweifel an der Arbeit von Sea-Eye haben. Auch für sie fahren sie den Notleidenden entgegen, weil man einem Freund mehr glaubt, als der Boulevardpresse.

Wir reden darüber, wie wichtig es ist auch dann bereit zur Hilfe zu sein, wenn keine Hilfe benötigt wird. Schließlich ziehen Rettungsschwimmer auf Sylt auch nicht jeden Tag Menschen aus dem Wasser und doch ist es absolut wichtig und erforderlich, dass sie da sind, sagt Jörn. Doch mit dem Klingeln des Telefons, am Morgen des 24. Mai, auf der Brücke der Seefuchs, sind diese Überlegungen nicht mehr nötigt. Die libysche Küstenwache kontaktiert die Seefuchs. Die Kommunikation ist völlig unverständlich und endet abrupt. Schiffsführer Sampo ist skeptisch. Er kontaktiert das MRCC Rom und berichtet von dem unverständlichen Anruf der Libyer. Der italienische Offizier am Telefon informiert darüber, dass es tatsächlich einen Notruf gibt. Unweit der Seefuchs sollen Menschen in Seenot sein.

Der Kapitän nimmt Kurs auf die benannten Koordinaten und kontaktiert die Sea-Watch 3, die ebenfalls vom MRCC Rome informiert worden war. Beide Schiffe machen sich auf die Suche. Die Sea-Watch 3 lässt ihre RIBs (Rettungsboote) Tango und Delta zu Wasser. Sie sind deutlich schneller als die großen Schiffe und erhöhen die Chance, das Ziel schneller zu entdecken. Tatsächlich entdecken die Rettungsboote der Sea-Watch 3 das gesuchte Boot mit 157 Menschen. „Es gibt keinen absurderen Anblick, als ein überfülltes Schlauchboot, dass Menschen aufs Meer transportiert ohne dazu gedacht oder geeignet zu sein, irgendwo anzukommen. Ein Symbol für die tiefe Verachtung des Lebens anderer Menschen, um schnelles Geld mit deren Not zu verdienen“, sage ich zu meinem Schiffsführer. Als die Seefuchs das Flüchtlingsboot erreicht, haben die Rettungsboote Tango und Delta bereits mit der Verteilung von Rettungswesten begonnen. Die Seefuchs entsendet ebenfalls ein Rettungsboot mit Rettungswesten. Besorgnis macht sich breit. Auf dem Radar wurde ein sich schnell näherndes Schiff gesichtet. Tatsächlich handelt es sich um die libysche Küstenwache. Aus Sorge, dass die Bootsflüchtlinge das Schiff der Libyer entdecken, bittet die Sea-Watch 3 die Seefuchs um Unterstützung. Die Sorgen sind berechtigt. Allzu oft sind Menschen bei Rettungen durch die libysche Küstenwache ums Leben gekommen, weil sie vor Panik ins Wasser sprangen. Die einzige Lösung, um sich dem Zugriff derer zu verweigern, denen sie zu entkommen versuchen. Die Rettungsboote der Sea-Watch 3 schubsen das Gummiboot vorsichtig an Steuerbord zu ihrem Mutterschiff. In einem spektakulären Manöver verlegt Schiffsführer Sampo Widmann die Seefuchs an die Steuerbordseite des Rubberboats, um den Menschen auf dem Gummiboot den Blick auf die Libyer zu nehmen, um Raum für Sicherheit zu schaffen und um zu vermeiden, dass die Libyer eines der lebensgefährlichen Manöver durchzuführen, die allen Schiffsführern von Rettungsschiffen bekannt sind. Das Manöver hat funktioniert. Das Flüchtlingsboot zwischen beiden Rettungsschiffen, umfährt die libysche Küstenwache umständlich die Szene und ziehen an der Steuerbordseite der Seefuchs vorbei ohne Funkkontakt aufzunehmen.  Als alle Personen an Bord der Sea-Watch 3 sind, lässt das Schiff das Gummiboot los und es fällt hinter den Rettungsschiffen zurück. Das RIB der Libyer wird zu Wasser gelassen. Deren Fahrer machen Fotos mit ihren Smartphones von der Seefuchs und winken uns. Sie fallen zurück und zerstören das Fluchtmittel, um kurz darauf noch einmal aufzuholen und ein unnötiges Manöver um beide Rettungsschiffe zu fahren, und dann abzudrehen. „Offenbar wollte man noch ein Zeichen der Stärke setzen“, mutmaßt Sampo Widmann.

Am Abend arbeiten beide Crews zusammen auf der Sea-Watch 3  an der Verteilung von Essensportionen.  Die Geflüchteten kommen überwiegend aus dem Sudan und Süd-Sudan. Der Sudan ist ein Land, dass von einem Mann regiert wird, gegen den ein Haftbefehl wegen schwerster Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen vorliegt. Dennoch verhandelt die Bundesregierung Deutschland über Möglichkeiten, die Flucht innerhalb des Sudans zu erschweren. Es lässt mich besorgt und frustriert zurück, dass mein Land mit Verbrechern spricht, diese finanziell unterstützt und uns, auf Basis privater Spenden, im Stich lässt. Menschenrechte, so scheint es mir, gelten nur für die Menschen Europas.

Beflügelt von der großartigen Zusammenarbeit, kehren wir auf unsere Seefuchs zurück. In der Nacht treiben beide Schiffe in Sichtweite nebeneinander.

Der nächste Einsatztag (25.05) beginnt bereits mit einem Anruf des MRCC Rom um 7:25 Uhr. Die Seefuchs wird auf eine Position entsandt, die nur ungewöhnlich knapp an der Zwölf-Seemeilen-Zone angrenzt. Wir mutmaßen, dass die Libyer an diesem Tag wohl ungewöhnlich viel zu tun haben und folgen der Anweisung aus Rom. Heute sind wir jedoch auf uns allein gestellt, denn die Sea-Watch 3 hat selbst einen Einsatz erhalten, bei dem die libysche Küstenwache die Rettung behinderte und letztlich mehrere Personen als vermisst gelten, wie wir später erfahren haben. Um 9 Uhr entdecken wir schließlich das überfüllte Schlauchboot. Einer, der zwei Schläuche verliert bereits Luft. 79 Männer, 42 Frauen, 9 davon schwanger und 7 Kinder sind in Lebensgefahr. In Absprache mit dem MRCC Rome evakuieren wir das Boot vollständig. An Bord des RIBs brechen die Frauen in Tränen aus und beten. Sie realisieren schlagartig, dass sie sich in Sicherheit bei uns befinden. Als ich meinem Freund Jörn ein Baby auf die Seefuchs übergebe, kommen auch mir die Tränen.

Nachdem wir das Rubberboat zerstört haben, machen wir uns auf dem Weg zum nächsten Einsatz, den uns das MRCC Rom zuwies. Wohin nur mit den Menschen, wenn wir ein zweites überfülltes Bootentdecken, frage ich mich. Auf der Brücke empfangen wir den Funkspruch eines Piloten, der ein Flugzeug der Frontex-Mission steuert. Er klingt sehr besorgt und meldet mehrere Boote in Seenot, weitab von unserer Position. Wie es sich wohl anfühlt Menschen aus seiner Perspektive zu sehen, die in Lebensgefahr sind, ohne selbst helfen zu können. An seiner Stimme höre ich, dass es ihn keinesfalls kalt lässt. Die Lage an dem Tag ist so dramatisch, dass auch Kriegsschiffe in Rettungseinsätze beordert worden sind. „Das ist wie Krieg“, sagt Jörn. Wir erreichen ein italienisches Kriegsschiff, das uns bittet, vier Seemeilen Abstand zu halten. Durch unsere Ferngläser beobachten wir, wie die RIBs dieses beeindruckenden Schiffes zwischen dem Gummiboot und dem Kriegsschiff hin- und hersausen. Derweil versorgen wir unsere Gäste an Bord und kommen mit ihnen ins Gespräch. Ich lerne einen jungen Mann aus Nigeria und seine Frau kennen. Er ist 26 und sagt mir, dass sie die Chance auf dem Mittelmeer zu überleben, 50/50 einschätzten. Dieses Risiko sei aber besser gewesen, als in Libyen zu bleiben.

Wir werden gebeten uns gemeinsam mit zwei Kriegsschiffen zu einer Position zu begeben, an der das große Schiff CP941 der italienischen Küstenwache alle Geretteten übernehmen soll. Die Szene ist unwirklich. Ein Kriegsschiff an Backbord, ein Kriegsschiff an Steuerbord. Beide passen sich unserer Maximalgeschwindigkeit von knapp acht Knoten an und begleiten uns. Selbst als wir eine kurze Pause machen müssen, hält das Kriegsschiff an Steuerbord, um uns dann weiter zu eskortieren. Das verursacht bei uns ganz unterschiedliche Gefühle. Kurz vor Mitternacht übergeben wir alle Gäste sicher und wohlbehalten an CP941. Die RIBs des Kriegsschiffes brauchen nur kurze Zeit, um 128 Menschen abzuholen. Besonders freundlich gehen die Mitarbeiter der Küstenwache jedoch nicht mit den Geflüchteten um. So nennen sie die Menschen in Not: „Migrants“.Ein Beamter gibt einem Mann einen Tritt, um ihn dazu zu motivieren, sich schneller zu bewegen. Kurz vor Mitternacht ist das Manöver abgeschlossen und wir beginnen mit der ersten Reinigung des Schiffes. Unsere Gäste hatten ihre nassen Sachen, ihre Wärmedecken und Trinkflaschen bereits selbst in Müllsäcke getan, so dass wir diese nur noch zusammentragen mussten.

Unsere größte Herausforderung wartete jedoch auf uns. Am Sonntagmorgen entdeckt Matthias ein seltsames schwarzes Objekt am Horizont. Der Thüringer Olaf bestätigt die Sichtung. Nur selten werden Boote selbst entdeckt, denn das Suchgebiet ist sehr groß. Der Kapitän löst Alarm aus und mobilisiert die Crew. Inzwischen sind wir ein eingespieltes Team. Schnell erreichen wir das überladene Stück Gummischlauch und klären die Lage mit unseren Rettungsbooten auf. Es handelt sich erneut um ein völlig überfülltes Rubberboat. Es scheint kürzer zu sein, als das vom Vortag. Es ist so eng, dass sich nicht alle Menschen setzen können. Sampo informiert das MRCC Rom, doch diesmal leht es die Zuständigkeit ab und fordert ihn auf, sich an den Flaggenstaat zu wenden.

Wir beruhigen sie und verteilen Schwimmwesten. Die Schwimmwesten bringen zusätzliches Volumen in das ohnehin überladene Boot. Während der Schwimmwestenverteilung fallen mehrere Personen vom instabilen Backbordschlauch ins Wasser. Glücklicherweise hatten die Personen bereits eine Rettungsweste. Ein Mann konnte nicht schwimmen und trieb verkrampft im Wasser.  Die Besatzung des RIB konnte ihn rechtzeitig aus dem Wasser retten, aber die Situation führt zunehmend zu einem panischen Zustand der Geflüchteten, die immer schwer beherrschbar ist.

Die Situation ist dramatisch. Der Backbordschlauch verliert augenscheinlich zunehmend Luft und wird nur aufgrund des Drucks der Menschen in Form gehalten, die auf ihm sitzen. Es dringt bereits Wasser in das Boot ein, es riecht nach Benzin und Fäkalien, die Menschen berichten von Verletzungen und Hautverätzungen durch das Gemisch in dem sie sitzen oder stehen. Zwei Frauen sind schwanger. Ein kleiner Junge sucht Augenkontakt zu den Helfern. Die Menschen flehen um Hilfe.

Der Schiffsführer beschließt mit der Evakuierung zur Seefuchs zu beginnen, um die dramatische Situation zu entschärfen. Die Menschen verlangen nach Rettung. Sie zeigen auf das Wasser im Boot, auf die Fäkalien, auf die wenigen Trinkflaschen, die inzwischen mit Urin gefüllt sind.

Sampo Widmann kommuniziert fortlaufend mit dem MRCC Rom. An Bord der Seefuchs angekommen, können die die Menschen vorerst mit Trinkwasser, Wärmedecken und medizinischer Behandlung versorgt werden. Viele schlafen direkt vor Erschöpfung ein.

Doch die wirkliche Herausforderung beginnt gerade erst. Der Duty Officer der Küstenwache unseres Flaggenstaates, den Niederlanden, benennt Libyen als nächsten Ort, um die Menschen abzuliefern. Wir sind entsetzt und verunsichert. Dann entscheidet das MRCC Rom schließlich, dass die  26 Meter lange Seefuchs, unser 60 Jahre alter Fischkutter die 128 Menschen nun selbst nach Italien bringen soll. Allen Beteuerungen zum Trotz, dass das Schiff für den Transport von so vielen Menschen nicht ausgelegt ist und diese Fahrt eine Gefahr für Leib und Leben der Besatzung und Gäste bedeutet, änderte an der Entscheidung nichts.

Die Crew verteilt Couscous mit Brühe, um den ersten Hunger der Menschen zu stillen. Um Mitternacht kommt ein das Patrouillenboot (CP 286) der italienischen Küstenwache. Es übernimmt  Frauen, zwei Kinder und die Verletzten, insgesamt 24 Personen, fährt zurück nach Lampedusa.. Bei dem „Einsammeln“ von Frauen und Kindern durch das CP 286 wurden Familien auseinander gerissen, die Männer blieben verstört zurück.

In der Nacht kann sich die Crew an Bord kaum noch bewegen. Überall liegen Menschen in gold-silber schimmernden und raschelnden Wärmedecken. Man kann die eigene Koje nicht erreichen, ohne auf eine Hand oder einen Fuss zu treten. Am nächsten Tag bekommen wir als unseren Zielhafen Porto Empedocle auf Sizilien genannt. So wird klar, dass wir eine weitere Nacht mit unseren Schützlingen verbringen. In der Nacht haben die Menschen gefroren und sich gegenseitig gewärmt. Sie haben Verständnis für unsere Situation und verstehen die Probleme ihrer ehrenamtlichen Helfer. Es ist ein bemerkenswertes Miteinander zwischen Rettern und Geretteten. Wir reden miteinander, hören sie, sehen sie und sie werden endlich wieder als Menschen wahrgenommen.

Nach und nach gehen unsere Frischwasservorräte zur Neige. Für die eigene Körperpflege nutzen wir nur noch Seewasser. Beständig gehen auch unsere Trinkwasservorräte zur Neige. Die hygienischen Zustände sind fatal. . Alles in allem bleibt jedem Menschen an Bord weniger als ein halber Quadratmeter Lebensraum. Alle 114 Passagiere haben nur eine Außenbordtoilette. Unsere Gäste leiden zunehmend unter Erschöpfungszuständen und Seekrankheit.

Am Abend des 28.05 feiern wir meinen 36. Geburtstag mit einer Pizza, die Konditor Henry Klarholz und Herzchirurg Dr. Victor Mendes zubereiteten. Unsere Gäste erhalten erneut Couscous. Es gibt nur einen Ort, wo ich jetzt lieber wäre. Bei meiner Frau und meiner Tochter, die in Vallatta auf mich warten. Doch die Seefuchs ist mir an diesem Abend der zweitliebste Ort. Der Ort an dem wir unsere Grenzen überschritten haben, an dem wir mit Würde und Kraft der Entwürdigung von außen entgegentraten. Der Ort, an dem wir dem Gesang unserer Gäste lauschten, die in Freude und Tränen ausbrachen, als sie die Lichter Siziliens erblickten.

 Am Morgen des 29.05.2018 erreichen wir den Hafen Porto Empedocle. Die Italiener sind gut vorbereitet. Um 9:00 Uhr machen wir am Kai fest. Mehr als 60 Menschen (Polizei, Frontex, Ärzte, Hafenmitarbeiter, Presse) sind vor Ort, um sich um unsere Gäste zu kümmern. Sie werden freundlich empfangen und zunächst medizinisch untersucht, erhalten Schuhe und Trinkwasser. Unsere Crewmitglieder sind an Land und helfen jedem Gast beim ersten Schritt auf europäischen Boden. Wir dürfen sofort wieder ablegen und haben den Wind nun nicht mehr im Rücken. Auf dem Rückweg erinnert uns Mittelmeer  daran, wie es sich hätte anfühlen können, mit gutem Wind und bootsgerechter Besatzung unterwegs zu sein. Noch einmal verschärft sich unsere Wahrnehmung und das vorherige Risiko ist glasklar. Wie haarscharf wir Gefahren entgangen sind, in denen sich die 114 Gäste und 13 Crewmitglieder befanden.

In den letzten zwei  Tagen hatten wir viel Glück. Mit Ausnahme von europäischen Politikern waren alle Kräfte auf unserer Seite und ermöglichten uns eine sichere Fahrt nach Sizilien und inzwischen eine Sichere Heimkehr zu unseren Familien.


 


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