Flüchtling Ghandi: „Ihr bringt uns dem Frieden näher“

Gerettet an Bord der Sea-Eye: Ghandi (22) aus dem Sudan


Am 23.04.2018 bekamen wir als Crew der Sea-Eye den Auftrag vom MRCC Rom ein in Seenot geratenes Fluchtboot zu retten. Innerhalb von 30 Minuten entdeckten wir das zwölf Meter lange Gummiboot, verteilten Rettungswesten und begannen dann auf Anweisung des MRCCs die Geflüchteten auf unser Schiff abzubergen. An Bord befanden sich 103 Personen.

Einer von ihnen ist der 22-Jährige Ghandi aus dem Sudan. Stellvertretend für alle Menschen, deren Geschichten im Mittelmeer „untergehen“, möchte ich meine Begegnung mit ihm weiter erzählen.

Ich heiße Felix und bin als Paramedic Teil der Crew des Rettungsschiffs Sea-Eye. In meiner täglichen Arbeit in der Notfallrettung bin ich bereits mit vielen emotionalen Geschichten konfrontiert worden, dennoch ist die Geschichte Ghandis und unsere Begegnung von besonderer Art.

Die Geschichte seiner Flucht aus dem Bürgerkriegsland Sudan beginnt vor ungefähr zwei Jahren. Mit dem Bus schlägt er sich bis nach Ägypten durch, wo er versucht im UN-Konsulat eine sogenannte Yellow ID, eine Art provisorischen Flüchtlingspass, zu bekommen. Zunächst gelingt ihm dies nicht. Nach einigen Monaten Obdachlosigkeit in einem fremden Land bekommt er im Oktober 2016 die ersehnten Papiere ausgestellt.

Von Ägypten aus begibt sich Ghandi auf einen zweimonatigen Fußmarsch Richtung Libyen. Allein. Nach seiner gefährlichen Reise ist die Ankunft in Libyen sehr ernüchternd. Anfang April 2017 wird Ghandi von einer unbekannten Gruppe verhaftet und ohne Anklage bis Januar 2018 inhaftiert. Acht quälend lange Monate, in denen der junge Mann Schikane und Folter erlebt. Noch auf der Sea-Eye zeigt mir Ghandi seine Verletzungen und Narben.

Die Narben auf der Stirn und im Gesicht stammen von Verhören, bei denen sein Kopf unzählige Male gegen die Tischkante geschlagen wurde. Eine kreisrunde, schlecht verheilte Narbe am Übergang von der linken Schulter zur Achselhöhle stammt von einem Messer, welches man ihm qualvoll und langsam eingestochen und dann mehrfach um die eigene Achse gedreht hatte. Um die Folter nicht nur punktuell zu gestalten, wurde den Inhaftierten an manchen Tagen lediglich Salzwasser zum Trinken gegeben. Alles, um Geld zu erpressen. Alles in einem staatlichen, libyschen Gefängnis nahe Ben Waled.

Nach seiner plötzlichen Freilassung im Januar 2018 arbeitet der geschwächte Mann in Libyen, um das Geld für die Schlepper zu sammeln. Kontakt zu diesen zu bekommen, so betont er, sei sehr einfach und sogar teilweise über die Polizei und andere staatliche Institutionen möglich.

Immer wieder unterbrechen wir das Gespräch, sitzen schweigend auf Deck und schauen aufs Meer. Ghandi und ich sind beide den Tränen nahe. Zum Beispiel dann als er von seiner Familie berichtet, die er zurücklassen musste. Der Vater sei tot, die Mutter am Leben. Vier jüngere Brüder und zwei Schwestern setzen ihre Hoffnung in ihn. Die Verantwortung lastet schwer auf ihm, das ist stark zu spüren.

Ende März 2018 erfolgt der erste Versuch, das Mittelmeer zu bezwingen. Etwa drei Stunden nach dem Start platzt eine der fünf Luftkammern des völlig überladenen Bootes. Ghandi und die anderen 120 Menschen können sich mit dem zunehmend sinkenden Boot zurück an die libysche Küste retten. Jetzt, 40 Tage später, versucht er es erneut. 300 Dollar kostet die Fahrt. Die, die schon vom Ausland nach Libyen geschleust werden mussten, zahlen bis 1500 Dollar.

Beim zweiten Versuch Ghandis, aus Libyen zu fliehen, sei mit ihnen noch ein zweites Boot gestartet. Ghandi beschäftigt, dass zwei Brüder auf die beiden Fluchtboote verteilt und dadurch getrennt wurden. Zum Zeitpunkt des Gesprächs, ungefähr 24 Stunden nach dem Beginn der Überfahrt, fehlt von dem zweiten Boot und somit von dem Bruder des Mitreisenden noch jede Spur. Die Sorge darüber spiegelt sich auch bei uns in der Crew wieder, da auch unsere Suchbemühungen ohne Erfolg blieben.

Eine Frage brennt mir auf der Seele. Ich frage ihn: „Wenn du den Menschen in Europa eine Nachricht übermitteln könntest – was würdest du ihnen sagen?“ Ghandi wird still und überlegt. Wieder ist er den Tränen nahe.


Dann antwortet er: „Es gibt keine Worte, die meine Dankbarkeit ausdrücken können, dass ihr uns gerettet habt, euch für uns interessiert und uns ermöglicht, dem Frieden ein Stück näher zu kommen.“


 


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