Lage an Bord der „Alan Kurdi“ spitzt sich zu

Vor 6 Tagen rettete der Hamburger Kapitän Werner Czerwinski 64 Menschenleben und wartet nur auf einen sicheren Hafen vor Malta (Foto: Fabian Heinz/sea-eye.org)

Einsatzleitung beschreibt Nahrungs- und Trinkwasserknappheit

  • 64 Menschen, darunter 12 Frauen, ein Kind und ein Baby warten an Bord der
    „Alan Kurdi“ auf einen sicheren Hafen
  • EU Kommission verhandelt mit Mitgliedsstaaten über die Aufnahme Geretteter
  • Grundlegende Menschenrechte und Grundbedürfnisse werden verletzt
  • Einsatzleitung informiert maltesische Behörden über knappe Trinkwasser und Lebensmittelvorräte
  • Gerettete berichten in Interviews von Folter, Menschenhandel und sexueller Gewalt in Libyen

Inzwischen sind 6 Tage seit der Rettung von 64 Menschenleben vor der Libyschen Küste vergangen. Noch immer werden 50 weitere Menschen seit nunmehr 8 Tagen vermisst. Die „Alan Kurdi“ wurde zunächst harsch vor Lampedusa von Italiens Behörden abgewiesen, nachdem Italiens Regierung die Trennung zweier Familien von ihren Vätern als „humanitäre Hilfe“ bezeichnete. Crew und Gerettete empfanden Italiens unbegründete Maßnahme dagegen als erniedrigend und unmenschlich.

Der Flaggenstaat der „Alan Kurdi“ hat inzwischen die EU Kommission eingeschaltet. Bis Montagabend gab es aus Brüssel jedoch noch keine messbaren Erfolgsmeldungen. „Die andauernden Verhandlungen und die politische Frage über die Verteilung der Geretteten, über verschiedene EU Mitgliedsstaaten, überlagern die Menschenrechte der einzelnen Individuen an Bord der Alan Kurdi.“ sagt Dominik Reisinger, Sprecher von Sea-Eye e.V. Das Festhalten der Menschen an Bord des deutschen Schiffes könnte in der Tat ein juristisches Nachspiel haben. So befasst sich bereits ein Team aus internationalen Anwälten mit dem Fall der „Alan Kurdi“. Schließlich regeln die UN Menschenrechtskonventionen u.a. das Recht auf Freiheit, Sicherheit und körperliche Unversehrtheit. Ebenso regeln diese Gesetze die Schutzpflichten eines Staates der Familie. „Man muss eigentlich davon ausgehen, dass es bereits zu umfangreichen Verletzungen dieser Menschenrechte und staatlicher Schutzpflichten gekommen ist, allein weil sich bereits mehrere Staaten weigerten uns unverzüglich einen sicheren Hafen zur Verfügung zu stellen.“ sagt Reisinger weiter.

Einsatzleiter Jan Ribbeck beschreibt die Situation an Bord des Sea-Eye-Schiffes so, dass die Geretteten bisher größtenteils an Deck schlafen mussten. Dort sind sie weder vor dem Wetter, noch vor dem Meerwasser geschützt. „Sie Menschen frieren, sie werden immer wieder nass und natürlich hat niemand Wechselkleidung dabei.“ sagt Ribbeck. Aufgrund des schlechten Wetters, mussten die Menschen unter Deck gebracht werden. Auf einem Raum der für 20 Personen ausgelegt ist, leben seit Sonntagabend 81 Menschen. Ribbeck ist Arzt und weiss genau, was solche Zustände auf Dauer für Probleme verursachen können. Gut ein Drittel der Personen litt in den letzten 24 Stunden unter Seekrankheit. „Es macht mich sprachlos, dass Europa nicht dazu in der Lage ist, 81 Menschen solche Torturen zu ersparen.“ sagt Ribbeck weiter. Sorge macht ihm der rasante Wasserverbrauch. „Man muss sich klarmachen, dass das ganze Trinkwasser nicht einfach weggetrunken wird. 81 Menschen müssen auf die Toilette, sie müssen sich waschen, es wird gekocht und auch die Maschine des Schiffes verbraucht Wasser.“ beschreibt Ribbeck die Lage. Auch die Nahrungsmittel der „Alan Kurdi“ werden schneller aufgebraucht. Am Dienstagmorgen informierte der Einsatzleiter deshalb die maltesischen Behörden, dass spätestens am Mittwoch Nahrungsmittel, Trinkwasser und Wechselkleidung benötigt wird. „Die Leute hier tragen ihre Kleidung teilweise schon seit Wochen am Leib. Das sind unsägliche Umstände an Bord eines europäischen Schiffes.“ kommentiert Ribbeck.

Crew und Gerettete teilen nicht nur den Raum miteinander. Viele Gerettete berichten von ihrer Flucht, Ihren Gründen die Heimat zu verlassen und den Verbrechen, denen sie in Libyen zum Opfer fielen. Frauen berichten von sexueller Gewalt und von Menschenhandel. Männer von Erpressung, Folter und sogar von Ermordungen jener Migranten, die ihre Peiniger nicht mehr bezahlen können. Einige von ihnen geben dem Field Media Coordinator (FMC) Interviews. „Es ist für einen Menschen kaum vorstellbar, was ich hier für Geschichten höre und dokumentiere.“ sagt Fabian Heinz, FMC an Bord der „Alan Kurdi“.
„Nach all dem Leid auf dem Weg nach Europa hat genau der Kontinent, auf dem seine Politiker nur allzu gern von europäischen Werten schwadronieren nur eine klare Botschaft für unsere Geretteten: ‚Wir wollen euch hier auch nicht!‘ Damit sind diese Menschen auf ihren Schlauchbooten zwischen zwei Welten gefangen, die ihnen einfach nur unterschiedliche Arten der Verachtung entgegenbringen. Wir sehen heute genau, wie unsere Generation sich anstelle unserer Groß- und Urgroßeltern verhalten hätten, nur dass es heute wirklich alle sehen und wissen.“  sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e.V.


 


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