Michael Buschheuer: Brief an die Sea-Eye-Freunde

Sea-Eye-Gründer Michael Buschheuer hat sich heute in einer Mail an die Mitglieder und Freunde der Seenotrettung gewandt. Hier der Wortlaut:

 

Liebe Freundinnen und Freunde von Sea-Eye,
unsere Fahrenszeit neigt sich nun im Winter dem Ende zu, die Wellen werden höher, der Wind rauer, die Aussichten, Notleidende zu finden, immer schlechter und die Fahrten immer riskanter.

So gleicht die saisonale Entwicklung auch der allgemeinen Lage.

Mehr und mehr Steine finden wir auf unserem Weg, und so manche Fahrt bringt statt Geretteter eine Menge Frustration zurück in den Hafen.

Frustration über die oft fehlende Möglichkeit, denen zu helfen, die vor Ort in großer Not sind, über die Unterdrückung ihrer Rettung, über die Kaltschnäuzigkeit aller politischer Akteure.

Was sich aber so völlig unberührt zeigt in dieser harten Phase, ist der Wille unserer Crews, unserer unzähligen aktiven Logistiker, Ausbilder, Organisatoren, Mediziner, Berichterstatter und Agenten, sich weiterhin in vollem Umfang für die Seenotrettung einzubringen.

Keine Einzige und kein Einziger haben seit Anbruch der schweren Phase ihre Arbeit eingestellt oder sich abgewandt.

Niemand hat sich von der Frustration in die Knie zwingen lassen.

Niemand kam vom Weg ab, weil er steinig wurde.

Das ist ein sehr gutes Zeichen für die Seele unseres Vereins. Die Seele, die aus Humanität und grundlegenden Bekenntnissen besteht und nicht aus modischem Aktivismus.

Am Anfang unserer Initiative stand die Notwendigkeit des persönlichen Eingreifens, wenn Menschen ertrinken und die daraus resultierende Möglichkeit zum Handeln.

An dieser Situation hat sich nichts geändert.

Es ertrinken Menschen, und wir besitzen zwei Schiffe.

Das verpflichtet uns noch mehr als in den Pioniertagen unseres Vereins, und niemand macht Anstalten, dies in Zweifel zu stellen.

Ein schönes Gefühl hier beheimatet zu sein. Hier mit anderen zu leben, was wir unser Leben lang gelehrt wurden:

  • Nicht weglaufen, nicht sitzenbleiben.
  • Gestalten und nicht verwalten.
  • Taten statt warten.
  • Stärke zeigen und für einander und den Fremden einstehen.

Nirgends konnte ich so viel gelebte, gestaltende Geschichte atmen wie in dieser Gruppe.

Nirgends traf ich stärkere Menschen in stärkeren Momenten.

Doch die Zeiten haben sich für uns geändert. Die anfängliche Sympathie für unser Handeln ist Skepsis und Feindseligkeit gewichen. Die Gegner der Seenotrettung haben mit ihrer Propaganda ganze Arbeit geleistet. Eine neue Politik der militärischen Bekämpfung der Fluchtbewegung, die Unterstützung eines menschenverachtenden Regimes von unseren Steuergeldern hat zur Errichtung einer Mauer auf dem Mittelmeer geführt.

Trotzdem gelingt es immer wieder Menschen, dieser Gefangenschaft zu entrinnen und einen Weg durch die Mauer zu finden. Ein Glück für sie, dass wir immer noch vor Ort sind und helfen können.

Ich will mich an dieser Stelle auch bei jenen bedanken die uns aus der Ferne unterstützt haben.

All jene, die unsere Arbeit durch ihre Spenden und ihre ideelle Unterstützung erst ermöglicht haben.

Alle die unsere Arbeit flankiert haben und ihr einen festen stützenden Rahmen gegeben haben.

Der beste Maschinist kann ohne Diesel nicht für Antrieb sorgen, und eben diesen Antrieb haben wir von Hunderten erhalten, die ihr Geld bei uns im Vertrauen an unsere Mission angelegt haben.

Sie haben wir nicht enttäuscht. Alle Investoren bekamen eine Rendite namens Menschlichkeit.

Mit ihrer Hilfe konnten wir 13.207 Menschen im schwersten Moment ihres Lebens die Hand reichen.

In diesem Sinn will ich Sie auch auffordern, nicht aufzuhören uns zu unterstützen. Wir brauchen Sie. Genau Sie!

Verteidigen Sie mit uns unsere gemeinsamen Werte und das Leben anderer. Stehen sie in jeder hässlichen Diskussion erneut auf und wehren sie sich gegen primitive Parolen und vermeintlich einfache Lösungen.

Erzwingen sie Bildung. Gehen sie nicht in die Knie vor der kalten Front. Stehen sie jeden Tag auf und gestalten sie.

Nur so haben wir ein Recht, die Zukunft nach unseren Wünschen zu gestalten.

Mein persönliches großes Vorbild Dr. Reinhard Erös hat mich mit zwei sehr einfachen Sätzen verblüfft und über die Zeit haben sie mich geprägt:

„Der Klügere gibt eben nicht nach, weil sonst der Dümmere gewinnt!“ und „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“

Einfach, pragmatisch aber zutiefst wahrhaft.

In diesem Sinne wünsche ich

Ihnen eine ruhige Adventszeit,

uns eine ruhige Winterpause 

und uns zusammen einen weiteren gemeinsamen Weg.