Report: Sea-Eye rettet abermals 103 Menschen

„In den vergangenen Stunden haben die meisten von uns mehr Menschlichkeit erfahren, als in den 2 Jahren zuvor“

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Am Montag Vormittag 12.39 Uhr erreichte die Sea-Eye die Einsatzorder der italienischen Rettungsleitstelle Rom. Ein Rubberboot sei in der Nähe ihrer Position gesichtet worden. Der erfahrene Schiffsführer ändert sofort den Kurs und macht seine Mannschaft einsatzbereit. Die Crew sucht mit Ferngläsern nach den Bootsflüchtlingen. Nur eine halbe Stunde später tatsächlich die schnelle Sichtung. Auf dem Meer treiben mehr als 100 Menschen manövrierunfähig in einem Gummiboot.

Unter den Rettern sind der Unternehmer Markus Groda (35) aus Reutlingen als Decksmanager und der Unternehmer Thomas Ewald-Nifkiffa (45) als Maschinist aus Nord-West-Mecklenburg. Alles muss ganz schnell gehen. Das Rettungsboot wird ausgekrant und macht sich sofort mit Rettungswesten auf den Weg zu den Flüchtlingen.

In enger Absprache mit der Rettungsleitstelle wird entschieden die 103 Personen an Bord der Sea-Eye zu nehmen, denn ein zweites Gummiboot wird vermisst und soll von der Sea-Eye gesucht werden. Das Rettungsboot schleppt das Gummiboot zur Sea-Eye, wo Markus Groda und Thomas Ewald-Nifkaffa jeden einzelnen Flüchtling durch die Luke der Sea-Eye an Bord des Schiffen ziehen.

Markus Groda berichtet davon, dass er schnell Augenkontakt zu dem jungen Sudanesen Gandhi herstellen konnte. Er ist erst 22 Jahre alt, spricht gutes englisch, hat einen klaren Blick und wirkt gefasst. Thomas bittet ihn die Leine zu halten, macht ihn verantwortlich und bittet ihn das Gummiboot als Letzter zu verlassen. Am Abend berichtet er seinen beiden Helfern von Folter, Gewalt und zeigt ihnen die Narben, die ihm seine libyschen Peiniger zufügten. Gandhi ist dankbar und sagt, dass es ihn bewegt, dass sich die Europäer mehr für ihn interessieren, als seine eigenen Leute.

Die Suche nach dem zweiten Flüchtlingsboot wird in den Abendstunden abgebrochen. Es muss von anderen Einsatzkräften gesucht und gefunden werden. Ein junger Mann klagt, dass die Schlepper ihn von seinem Bruder trennten. Sein Bruder ist noch auf dem zweiten Boot.

Die Crew versorgt die 103 Menschen mit Trinkwasser, Sonnenschutz und Zwieback. Ein Drittel der Flüchtlinge sind seekrank. 6 Menschen müssen Medizinisch behandelt werden. Ein 17 Jahre alter Sudanese bricht zusammen. Er braucht dringend medizinische Behandlung und wird um 0.30 Uhr von der Italienischen Marine evakuiert. In der Nacht frieren die Menschen. Die Crew der Sea-Eye hat alle Hände voll zu tun. Niemand schläft. Alle helfen. Retter und Gerettete reden miteinander. Die Geretteten sind glücklich und dankbar. „In den vergangenen Stunden haben die meisten von uns mehr Menschlichkeit erfahren, als in den zwei Jahren zuvor“, sagt ein erschöpfter, junger Sudanese.

Erst am nächsten Tag erreicht die Sea-Eye Hilfe aus Italien. Die italienische Küstenwache übernimmt 102 Menschen und bringt sie ans italienische Festland.

Die Crew ist erschöpft. „Mir geht es gut. Wir haben so viel Dankbarkeit erfahren und doch machen wir uns große Sorgen um das zweite Boot, dass bis jetzt nicht gefunden worden ist. Es lässt mich verzweifeln“, sagt Markus Groda.

„Aus meiner Erfahrung bei der Freiwilligen Feuerwehr kenne ich kritische Situationen. Es war aber mein erster SAR-Einsatz auf einem Rettungsschiff. Mich bewegte Gandhis Geschichte. Es ist einfach etwas ganz anderes die Geschichten von Betroffenen selbst zu hören, statt sie nur aus Medienberichten zu kennen“, sagt Thomas Ewald-Nifkiffa.



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