Deckmanager Roman über seine Erfahrungen auf See
Häufig werde ich gefragt: Was genau macht ihr eigentlich da draußen?
Im Wesentlichen sind es drei Dinge:
Wir retten Menschen auf der Flucht aus Seenot.
Wir dokumentieren und bezeugen die Vorgänge auf dem Mittelmeer.
Und wir sind in gewisser Weise auch Repräsentant*innen einer Welt mit einer offenen, solidarischen, helfenden Grundhaltung. Wir versuchen, soweit wie möglich die Geschichten der Menschen auf der Flucht zu erzählen, um Einsicht und Verständnis zu schaffen. Aber dazu später mehr.
Mit der Sea-Eye 5 und der Sea-Eye 4 konnten wir in einer gemeinsamen Mission mit Sea-Watch im Jahr 2025 in 15 Rotationen 694 Menschen retten – Menschen, die in untauglichen Booten die riskante Flucht über das Mittelmeer wagen. Menschen, die vor Krieg, Gewalt, Armut oder Unterdrückung aus ihrer Heimat fliehen.
Wir konnten ihnen einen sicheren Platz bieten, sie mit Nahrung, Kleidung und medizinischer Versorgung unterstützen. Wir hatten Babys an Bord (das jüngste war eine Woche alt), Kinder und unbegleitete minderjährige Jugendliche. Neben der Versorgung der Grundbedürfnisse konnten wir ihnen auch ein Lächeln schenken – etwas Ruhe, Freundlichkeit, Wärme und Würde.
Wir haben mit den Kindern gespielt, für sie Bäume und Lastwagen gezeichnet, ihnen vorgelesen und ihnen auch die Brücke gezeigt; eine Sechsjährige möchte jetzt Kapitänin werden.
Das größte Boot, das wir antrafen, war mit 144 Menschen besetzt. Zum Glück kam uns nach einigen Stunden die italienische Küstenwache zu Hilfe und übernahm 53 Menschen, da wir komplett überlastet waren.
Wir dokumentieren und bezeugen die Vorgänge auf dem Mittelmeer. Wir beobachten, wie libysche Milizen – oft zu Unrecht als „libysche Küstenwache“ bezeichnet – Boote in internationalen Gewässern gewaltsam abfangen und Menschen zurück nach Libyen bringen. Dies stellt nach internationalem Seerecht Piraterie und Entführung dar.
Die Europäische Gemeinschaft finanziert diese Milizen und stellt ihnen Boote sowie Ausbildung zur Verfügung – ebenso wie über Frontex technische Infrastruktur in Form von Flugzeugen und Drohnen.
Wir beobachten außerdem, dass die Menschen immer höhere Risiken eingehen und auch bei schlechtem Wetter und widrigen Bedingungen aufs Meer hinausfahren. Die Anzahl der verunglückten oder verschollenen Boote ist im vergangenen und insbesondere in diesem Jahr dramatisch angestiegen.
Unsere Präsenz als Zeug*innen beeinflusst das Verhalten staatlicher Akteure. Wenn ein Notruf von einem europäischen zivilen Schiff wie unserem ausgeht, können ihn auch die italienischen Behörden nicht dauerhaft ignorieren. Sie werden zur Unterstützung genötigt.
Unsere Präsenz rettet somit ebenso Menschenleben wie unsere aktiven Rettungseinsätze. Genau aus diesem Grund werden wir von Behörden nach wie vor – unter bewusstem Verstoß gegen internationales Seerecht – in weit entfernte Häfen zur Ausschiffung geschickt, damit wir als Zeug*innen möglichst lange ausfallen.
”Und wir sind in gewisser Weise auch Repräsentant*innen einer Welt mit einer offenen, solidarischen, helfenden Grundhaltung. Wir versuchen, soweit wie möglich die Geschichten der Menschen auf der Flucht zu erzählen, um Einsicht und Verständnis zu schaffen.
Roman Rösener
Zum dritten Punkt möchte ich eine kleine Geschichte erzählen.
Auf einer der letzten Missionen führte ich ein Gespräch mit einem jungen Mann aus Somalia. Er war mit 14 Jahren aus seinem Zuhause geflohen – aus einer ländlichen Gegend, in der es weder Handys noch Internet gibt und vor allem keine funktionierenden staatlichen Strukturen mehr bestehen.
Das Gebiet wird seit Jahren von der Al-Shabaab-Miliz, einem Ableger von Al-Qaida, kontrolliert.
Diese verlangt von jeder Familie einen 14-jährigen Jungen als Tribut. Die Kindersoldaten werden brutaler Indoktrination unterzogen, gebrochen und gefügig gemacht. Um sie endgültig aus ihrem sozialen Umfeld zu lösen, werden sie oft gezwungen, Menschen aus ihrer eigenen Verwandtschaft zu erschießen. Danach gibt es kein Zurück mehr.
Der Vater des jungen Mannes war bereits vor einigen Jahren verstorben. Die Familie besaß noch drei Kamele, einen Hengst, eine Stute und ein Fohlen – ein bescheidener Wohlstand mit Zukunftsperspektive.
Als der ältere Bruder 14 Jahre alt wurde, verkaufte die Mutter alle Kamele, um ihm die Flucht zu ermöglichen und gleichzeitig eine aufschiebende Abgabe an die Miliz zu leisten. Damit verlor die Familie ihre wirtschaftliche Grundlage.
Der Bruder floh zunächst nach Äthiopien und später in den Sudan, wo er Arbeit in einer Autowerkstatt fand und mit seinem Einkommen die Familie unterstützte.
Als der jüngere Bruder schließlich ebenfalls 14 wurde, finanzierte der ältere auch seine Flucht, um ihm das Schicksal eines Kindersoldaten zu ersparen. Der junge Mann gelangte über Äthiopien in den Sudan und arbeitete ebenfalls in der Werkstatt, wo er sehr gut Englisch lernte.
Doch die politische Lage im Sudan verschlechterte sich, und er konnte nicht bleiben. Sein Bruder gab ihm Geld für die Weiterreise nach Libyen, um von dort aus ein Boot zu erreichen.
In Libyen wurde er zunächst inhaftiert. Durch Zwangsarbeit konnte er sich freikaufen, verlor jedoch sein Handy und hatte seit Monaten keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter. Gleichzeitig fürchtete er die Rache der Miliz an ihr, da sie ihr auch den zweiten Sohn entzogen hatte. Für sie war das Leben und die Zukunft ihrer Kinder wichtiger als ihr eigenes.
Als ich ihn fragte, ob er wisse, wohin er wolle, sagte er, dass er keinerlei Vorstellung von Europa habe – keine Verwandten, keine Freunde, keinen Anhaltspunkt. Ganz allein.
Schließlich sagte er, er wolle nach Deutschland. Deutschland müsse ein gutes Land sein, meinte er, wenn es dort Menschen gebe, die sich auch fern ihrer Heimat um andere kümmern. Die gesamte Crew habe auf ihn freundlich und offen gewirkt – deshalb wolle er dorthin.
Er hatte aus dieser ersten Begegnung neue Kraft geschöpft und blickte hoffnungsvoll in die Zukunft. Ich wollte ihm dieses Bild nicht zerstören. Ich wollte ihm nicht sagen, dass es auch bei uns Menschen gibt, die abweisend sind, Stimmung gegen andere machen und denen es – aus welchen Gründen auch immer – an Empathie mangelt.
In diesem Gespräch wurde mir erst wirklich klar, was wir dort auf dem Meer tun:
Wir geben Hoffnung. Und wir schenken Zukunft.
Vielen Dank, dass Sie uns dabei unterstützen. Wir würden uns sehr freuen, wenn wir diesen Weg auch in Zukunft gemeinsam weitergehen.
