Die Sicherheit der Menschen in Libyen muss höchste Priorität haben.

Wenige Tage nachdem dem Sea-Eye-Gründer Michael Buschheuer für die Gründung der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye der Georg-Elser-Preis für besondere Zivilcourage und zivilen Ungehorsam gegen Staatsgewalt in München verliehen wurde, empfängt die Bundesregierung am darauffolgenden Sonntag Diktatoren und Warlords in der deutschen Hauptstadt.

Anlässlich des sogenannten Libyen-Gipfels in Berlin adressiert Sea-Eye wichtige Forderungen an die Bundesregierung und die Bundeskanzlerin.

Europa muss den Weg zu einer menschenrechtsbasierten und humanitären gemeinsamen Außenpolitik finden. Die Bundesregierung muss ihren Einfluss geltend machen, um den Frieden in Libyen zu fördern und sichere Schutzräume für Geflüchtete in Libyen zu schaffen, die idealerweise unter der Kontrolle der Vereinten Nationen und nicht von libyschen Milizionären, Menschenhändlern oder Warlords stehen. Die Zusammenarbeit mit einem undurchsichtigen, gewaltbereiten Geflecht von libyschen Küstenwächtern muss durch eine europäische Marineoperation ersetzt werden, die darauf ausgelegt ist, möglichst viele Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Zivile Seenotrettungsorganisationen müssen in ihren Bemühungen Menschenleben zu retten unterstützt und gefördert werden. Die Rettungsleitstellen von Rom und Valletta müssen zu einer Kooperation mit den Hilfsorganisationen zurückkehren. Deren Zusammenarbeit rettete zwischen 2016 und 2018 zehntausenden Menschen das Leben. Familien mit Kindern und unbegleitete Minderjährige müssen aus humanitären Gründen sofort aus Libyen evakuiert werden. Menschenhandel und Schlepper bekämpft die Europäische Union am besten mit humanitären Korridoren und sicheren Fluchtwegen.

„Wie kann man in Berlin einerseits ernsthaft mit Warlords über einen Waffenstillstand in Libyen verhandeln und zeitgleich zu der Ansicht gekommen sein, dass es in Ordnung ist, systematisch Menschen von der Flucht abzuhalten und sie in das Bürgerkriegsland zurückzuzwingen?“ fragt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Die Bundesregierung unterstützt und finanziert zusammen mit anderen EU-Mitgliedsstaaten die sogenannte libysche Küstenwache, um Menschen auf der Flucht auf dem Mittelmeer abzufangen und zurück in das Bürgerkriegsland zu bringen. Völkerrechtler reden von einer Untergrabung grundlegender Menschenrechte.

„Genau durch diesen Kreislauf aus unkontrollierbaren Lagern, dem Abfangen von Menschen auf dem Mittelmeer und dem Zurückbringen in eben diese Lager entstand ein unerträglicher Mechanismus systematischer Menschenrechtsverletzungen, dessen politische Architekten in den Regierungen Europas sitzen“, sagt Julian Pahlke, Sprecher von Sea-Eye.

Die ALAN KURDI wurde im Oktober 2019 selbst bei einem Seenotfall von einer bewaffneten libyschen Miliz überfallen und bedroht. Für die sogenannte Seepolizei von Zuwara blieb dieser Vorfall ohne Konsequenzen. Eine gerettete Frau berichtete den Menschenrechtsbeobachtern an Bord der ALAN KURDI im November, dass sie in einem Lager mit ansehen musste, wie ein Neugeborenes einer Somalierin an einen wilden Hund verfüttert wurde.

„Die Bundesregierung kann die gesunkene Zahl der Asylanträge in Deutschland und Europa nicht als Erfolg verkaufen, während die Menschen in Libyen den höchstmöglichen Preis dafür zahlen. Die Verbrechen an den Menschen in Libyen gehen über die Bedeutung des Wortes Gewalt hinaus. Wir erwarten, dass die Sicherheit fliehender Menschen höchste Priorität bei den Gesprächen in Berlin hat. Die Bundesregierung ist in der Verantwortung“, sagt Isler weiter.

Hamburg ist der neue Heimathafen des Sea-Eye Schiffs

  • ALAN KURDI auf dem Weg in den zehnten Einsatz
  • Mehr als 1.500 Menschen in den letzten Wochen auf dem Mittelmeer in Seenot
  • Forderung zur Libyen-Konferenz: Schutz von Flüchtenden oberste Priorität

Das Rettungsschiff ALAN KURDI hat am Freitagmittag den Hafen von Palermo verlassen und ist auf dem Weg ins zentrale Mittelmeer. Während des Aufenthalts in Palermo wurde die vorherige Crew abgelöst und Wartungsarbeiten am Schiff vorgenommen.

Die Freie und Hansestadt Hamburg ist nun der offizielle Heimathafen des unter deutscher Flagge fahrenden Schiffs. Die Hamburger Bürgerschaft hatte Sea-Eye als erste Stadt im vergangenen Jahr finanziell gefördert. Außerdem haben hier alle relevanten Schifffahrtsbehörden ihren Sitz.

Während der letzten Wochen versuchten trotz des schlechten Wetters mehr als 1.500 Menschen über das Mittelmeer zu flüchten. Aufgrund der Witterungsbedingungen ist die Flucht zu dieser Zeit besonders gefährlich. Dabei wurden fast 1.000 Menschen in das Bürgerkriegsland Libyen zurückgebracht, wie Berichte der IOM (International Organisation for Migration) zeigen.

„Das Menschen zurück nach Libyen gebracht werden, ist ein schwerwiegender Verstoß gegen die Menschenrechte. Vielen droht, in den berüchtigten Zentren zu landen, in denen massive Gewalt, Misshandlung, sexuelle Gewalt und teilweise Tötungen an der Tagesordnung sind“, sagt Sea-Eye Sprecher Julian Pahlke.

Am 26. Dezember 2019 rettete das Schiff ALAN KURDI zuletzt 32 Menschen von einem seeuntauglichen Boot. Alle waren libysche Staatsangehörige.

„Die Entwicklung zeigt uns, dass auch für Libyer*innen die Situation in dem Land durch die Konflikte immer gefährlicher wird. Wenn am Sonntag in Berlin mit und über Libyen verhandelt wird, muss der Schutz der Bevölkerung und vor allem von Menschen auf der Flucht oberste Priorität haben. Europa darf keine gewaltbereiten Milizen zur Rettung beauftragen, die die universellen Rechte systematisch verletzen, sondern muss selbst Schiffe zur Rettung möglichst vieler Menschenleben entsenden. Libyen ist kein sicherer Ort für Menschen auf der Flucht“, sagte Pahlke weiter.

„Die letzten Wochen zeigen erneut, wie wichtig der Rettungseinsatz aber auch der Schutz und die Beobachtung von Menschenrechten ist. Wir dürfen auf See keinen schutzlosen Raum entstehen lassen, in dem Menschen ertrinken und niemand mehr so schwerwiegende Verbrechen bezeugt“, sagt die Berliner Einsatzleiterin Johanna Pohl von Bord des deutschen Rettungsschiffs.

Die ALAN KURDI wird voraussichtlich am Sonntag die libysche Such- und Rettungszone erreichen.

Man muss sich klarmachen, dass wir im Schnitt mehr als ein Menschenleben pro Tag bewahrt haben. Ein Blick zurück.

Vier dieser Menschen möchten wir euch heute vorstellen und in Erinnerung rufen. Denn es geht nicht um Zahlen oder um Statistik, sondern um persönliche Einzelschicksale: um Lebenswege, Familie, Hoffnung, Angst und um Träume.

Geflüchteter

Alpha Jor floh aus Sierra Leone. Einsatzleiter Jan Ribbeck und seine Crew fanden den Jungen zusammen mit 16 weiteren Überlebenden orientierungslos auf dem Meer. Trotz grausamer Erfahrungen brachte er sein Lächeln und seinen Frohsinn mit aus einem überfüllten Holzboot auf die ALAN KURDI. Er musste fast ein Jahr auf Malta ausharren, bis ihn ein anderes EU-Mitgliedsland aufnahm. Seine Retter haben Kontakt zu ihm. Wir wissen, wie hart es für ihn war und dass er nun wieder optimistisch in die Zukunft sieht.

Geflüchteter in eine Decke gehüllt

Qeyz floh mit 16 aus Somalia. An einem Morgen im Juni entdeckte die FAZ-Journalistin Julia Anton mit einem Fernglas das blaue Schlauchboot, auf dem er sich mit weiteren 59 Geflüchteten befand. Julia Anton hatte die Morgenwache. Später sagte ein Geretteter zu ihr: “We would have died without it.“ Heute lebt Qeyz zusammen mit vier weiteren Überlebenden aus diesem Boot in Finnland.

Manuel wurde zusammen mit seiner Mutter und seinem Vater im April gerettet. Die nigerianische Familie lebte bereits seit einigen Jahren in Libyen. Der Vater reparierte Klimaanlagen, um die Familie zu ernähren, bis das Leben dort unerträglich wurde. “As a foreigner you have no rights and no protection in Libya. Your family can become victims of serious violence at any time.“ Die Familie ist nun in Sicherheit.

Evakuierung eines Babys durch die italienische Küstenwache

Fatima’s Leben hatte gerade erst vor acht Wochen begonnen, als Bordärztin Barbara H. das Kind im November direkt vom Rettungsboot durchnässt vom Meerwasser entgegennahm. Sie wachte die ganze Nacht über das dehydrierte und unterernährte Mädchen und übergab es am nächsten Morgen zusammen mit den Eltern an die italienische Küstenwache.

Diese Menschen leben, weil Sie uns unterstützen. Ohne Ihre Hilfe kann die ALAN KURDI nicht ablegen. Ohne Ihre Zuwendungen kann unser Schiff keine Crews in die libysche Rettungszone tragen, um dort Menschen wie Fatima, Manuel, Qeyz und Alpha Jor in den schwersten Stunden ihres Lebens beizustehen.

Wir bitten Sie heute, uns mit einer Schiffspatenschaft für die ALAN KURDI regelmäßig zu unterstützen. Den Betrag bestimmen Sie selbst. Durch Ihre regelmäßige Unterstützung machen Sie unsere Arbeit sicherer und planbarer.

Von Herzen Danke und ein frohes, gesundes, neues Jahr für Sie und Ihre Lieben!

Einsatz vom 2. Weihnachtsabend findet gutes Ende

  • ALAN KURDI legt in Pozzallo an
  • 32 gerettete Personen können an Land gehen
  • Malta lehnte eine Evakuierung von geschwächten Frauen und Kindern ab
  • Guiseppe Conte kündigte eine Überarbeitung der strengen Sicherheitspolitik an

Am Sonntagmorgen legte das deutsche Rettungsschiff ALAN KURDI im Hafen von Pozzallo an. Die 32 Überlebenden sendeten am zweiten Weihnachtsabend einen Notruf an die Hilfsorganisation AlarmPhone. Sofort wurden die libyschen Behörden und die zivilen Rettungsschiffe ALAN KURDI und OCEAN VIKING informiert. In der Nacht zum Freitag fand die Crew der Regensburger Organisation insgesamt 32 Menschen in einem überfülltem Kunststoffboot. Alle Überlebenden gaben an, libysche Staatsbürger zu sein.

Nachdem sich das Rettungsschiff ALAN KURDI am Samstagabend erst wenige Stunden in der italienischen Such- und Rettungszone befand, wies die italienische Seenotleitstelle unserer Einsatzleitung einen sicheren Hafen zu. Zuvor war für zehn Gerettete bei der maltesischen Rettungsleitstelle um Evakuierung gebeten worden. Zwei Frauen und mehrere Kinder nahmen aufgrund der Seekrankheit und des Stresses keine Nahrung und kein Wasser zu sich und waren dehydriert. Trotzdem lehnte die maltesische Leitstelle eine Evakuierung ab.

„Wir sind wirklich erleichtert, dass die Geretteten nicht länger an Bord unseres Schiffes ausharren mussten. Der medizinische Zustand einiger Menschen und der aufziehende Sturm bereitete uns zunehmend Sorgen“, sagte Vorstand Gorden Isler.

Die Menschenrechtsbeobachterin an Bord der ALAN KURDI interviewte einige Überlebende. Ein Mann berichtete, dass er zum Militärdienst für den libyschen Bürgerkrieg herangezogen werden sollte und floh deshalb, weil er keine Menschen töten wolle. Seine Partnerin und er gaben weiter an, die Flucht über das Mittelmeer als letzten Ausweg gesehen zu haben. Sea-Eye wertet die Interviews zur Zeit noch aus.

Am Samstag äußerte sich der italienische Staatspräsident Guiseppe Conte, dass er Salvini’s Sicherheitspolitik überarbeiten wolle. Unter dem ehemaligen Innenminister Matteo Salvini wurden drakonische Strafen gegen Rettungskräfte und Rettungsschiffe eingeführt.

Julian Pahlke, Sprecher von Sea-Eye zu den politischen Entwicklungen Italiens: „Salvinis Politik der geschlossenen Häfen muss sofort beendet werden. Die sogenannten Sicherheitspakete haben nicht nur das fremdenfeindliche Klima angeheizt, sie widersprechen auch dem Völkerrecht und fundamentalen Menschenrechten. Der Ankündigung des Staatspräsidenten müssen nun Taten folgen. Wir müssen zu einer humanitären Sicht auf diese Krise an unseren gemeinsamen Außengrenzen zurückfinden. Im gleichen Zuge müssen aber alle EU-Mitgliedsstaaten zusammen, die Mittelmeeranrainerstaaten unterstützen und sich auf eine gemeinsame Verteilung aller Geretteten einigen.“

Crew der ALAN KURDI rettet 32 Menschenleben

Am zweiten Weihnachtsabend empfing die Crew der ALAN KURDI einen Notruf. Das deutsche Rettungsschiff hatte die libysche Such- und Rettungszone erst wenige Stunden zuvor erreicht. Der Notruf wurde um 22:31 Uhr von der Hilfsorganisation AlarmPhone an die libysche Rettungsleitstelle und an die Rettungsschiffe ALAN KURDI und Ocean Viking weitergeleitet.

Das Schiff der Regensburger Seenotretter benötigte rund zwei Stunden zur übermittelten Koordinate, die sich nur etwa 17 Seemeilen von der libyschen Küste entfernt befand. Dennoch reagierten die libyschen Behörden überhaupt nicht auf den weitergeleiteten Notruf.

Auf dem überfüllten Kunststoffboot befanden sich insgesamt 32 Personen, darunter 10 Kinder und 5 Frauen. Eine Frau ist schwanger. Das jüngste Kind ist gerade einmal 3 Monate alt. Alle Überlebenden geben an libysche Staatsbürger zu sein.

„Wie sicher kann Libyen schon sein, wenn sich die Libyer selbst mit ihren Familien auf dem Meer in Lebensgefahr begeben, um das Land zügig zu verlassen?“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Bis zum heutigen Freitagvormittag hat sich keine Rettungsleitstelle als zuständig erklärt. Die ALAN KURDI hat inzwischen Kurs auf die italienische Insel Lampedusa gesetzt, denn der nächste Sturm zieht auf.

„Die Flucht ist zu dieser Jahreszeit besonders gefährlich, weil sich das Wetter ständig ändert“, sagt Julian Pahlke, Sprecher von Sea-Eye. „Hätten wir die Menschen nicht gefunden, wären sie spätestens morgen in einen Sturm geraten. Ihre Überlebenschancen wären dadurch drastisch gesunken.“

Katholische Kirche in Paderborn finanziert Weihnachtsmission von Sea-Eye

  •     Bürgermeister von Palermo verabschiedet die Crew der ALAN KURDI
  •     Rückenwind für Regensburger Seenotretter aus dem Erzbistum Paderborn
  •     Unterstützung durch die Stadt Konstanz
  •     Sea-Eye errichtet Seenotrettungsstützpunkt in Palermo

Am Freitagabend verließ das deutsche Rettungsschiff ALAN KURDI den Hafen von Palermo. Bürgermeister Leoluca Orlando erschien persönlich, um der Crew eine erfolgreiche Mission und sichere Heimkehr zu wünschen. Zuvor hatte er die Crew im Rathaus von Palermo empfangen und die Flagge von Palermo an den Kapitän Uwe Doll überreicht.

Rückenwind erhalten die Regensburger Seenotretter ebenfalls aus dem Erzbistum Paderborn. Im Oktober wurden die Spenden bei Sea-Eye knapp. Eine Mission musste deshalb ausfallen. Generalvikar Alfons Hardt nahm Kontakt mit Sea-Eye auf und sicherte sofortige Unterstützung des Erzbistums zu, um die Einsatzfähigkeit der ALAN KURDI zur Jahreswende sicherzustellen.

„Die Unterstützung aus Paderborn kam keinen Tag zu früh. Die Flucht über das Meer ist zu dieser Jahreszeit besonders gefährlich. Wir sind Erzbischof Hans-Josef Becker unendlich dankbar, der so wiederholt deutlich macht, dass es unser aller Menschenpflicht ist, das Leben Schutzsuchender zu retten“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Dem Hilferuf im Oktober folgten auch die Abgeordneten der Stadt Konstanz. So erhielt Sea-Eye eine schnelle Nothilfe über 5.000 €. Konstanz ist neben Hamburg die zweite, deutsche Stadt, die Sea-Eye finanziell unterstützt und dem Bekenntnis zum sicheren Hafen weitere, konkrete Maßnahmen folgen lässt.

Palermo soll der neue Seenotrettungsstützpunkt für die ALAN KURDI werden. So soll das Schiff ab sofort von Palermo aus in Rettungseinsätze starten.

„Nach der Bruchlandung des italienischen Innenministers Matteo Salvini, sind die italienischen Häfen wieder offen“, sagt Julian Pahlke, Sprecher von Sea-Eye.

Zuvor musste die ALAN KURDI von Spanien aus starten. Die kürzere Anfahrt ins Einsatzgebiet ermöglicht höhere Anwesenheitszeiten der ALAN KURDI in der libyschen Such- und Rettungszone und geringere Einsatzkosten.

„Wir sind gern in Palermo. Der Bürgermeister und die Menschen dort haben uns mit offenen Armen empfangen. Daher wollen wir hier unseren neuen Stützpunkt errichten“, sagt Pahlke weiter.

Deutsches Rettungsschiff darf in Messina anlegen

  • 61 Gerettete gehen in Messina von Bord
  • Situation hatte sich am Dienstagabend durch aufziehenden Sturm verschärft

Nach einer sechstägigen Seeblockade hat das deutsche Rettungsschiff von Sea-Eye am frühen Mittwochmorgen in Messina anlegen dürfen. Die Situation an Bord hatte sich am Dienstagabend noch weiter zugespitzt.

Die ALAN KURDI durchquerte am Dienstagabend die Straße von Messina, um an der nördlichen Küste Siziliens Schutz vor schwerem Wetter zu finden. Zu diesem Zeitpunkt wartete die Einsatzleitung seit beinahe 6 Tagen auf einen sicheren Hafen. Am Mittwochmorgen gegen 9:00 Uhr konnten die verbliebenen 61 Geretteten schließlich in Messina von Bord gehen. Ohne einen solchen, sicheren Hafen hätten die Sicherheit und Gesundheit der Geretteten nicht weiter gewährleistet werden können.

Die ALAN KURDI hatte am 28. November in zwei Rettungen 84 Menschen aus Seenot gerettet. In den folgenden Tagen mussten 23 Menschen in drei Evakuierungen durch die italienische Küstenwache von Bord gebracht werden. Zwölf Menschen brachen während der tagelangen Wartesituation zusammen und benötigten schnellstmöglich medizinische Hilfe an Land. Zudem war ein Neugeborenes in einem kritischen Gesundheitszustand.

Julian Pahlke, Sprecher der Organisation Sea-Eye, übt schwere Kritik an dem Verfahren der europäischen Minister und der EU-Kommission:

„Monatelang feierten sich die Ministerinnen und Minister selbst für den sogenannten „Malta-Deal”, der eine schnelle Verteilung und Anlandung sicherstellen sollte. Seehofer sagte selbst am Montag noch, er sei mit dem Fortschritt bisher sehr zufrieden. Dafür haben wir kein Verständnis. Menschen sind keine Verhandlungsmasse. Es dürfte keine politischen Deals geben, wo das Gesetz längst alles regelt.”

Der Vorsitzende der Organisation Sea-Eye, Gorden Isler, äußerte sich entsetzt über die erneute Erfahrung einer Seeblockade:

„Die grundlegendsten Rechte von Menschen auf der Flucht, werden diesen Menschen so weiter abgesprochen. Die Geretteten haben unseren Crewmitgliedern von Fluchterfahrungen berichtet, die auch uns an Land schlaflose Nächte besorgten. Wir kümmern uns nach dem Anlegen um unsere Besatzung und vertrauen Europa 84 hoffnungsvolle und verletzte Seelen an.”

Während das Schiff ALAN KURDI vor den Häfen wartete, wurde ein Holzboot mit vermutlich 70 Personen vermisst. Es wurde bis heute nicht gefunden. Die Suche wurde Samstagnacht von der maltesischen Army abgebrochen. Der Verbleib dieser 70 Menschen ist ungeklärt.

Maltesische Rettungsleitstelle telefonisch nicht erreichbar

  • vier Personen kollabiert
  • kein sicherer Hafen für die ALAN KURDI

Die Situation an Bord des deutschen Rettungsschiffes ALAN KURDI hat sich über das Wochenende zugespitzt. Am Samstag mussten acht Personen von Bord des Schiffes nach Lampedusa evakuiert werden, darunter zwei Säuglinge jeweils vier und acht Wochen alt. Ein Neugeborenes nahm keine Nahrung mehr zu sich, war dehydriert, unterernährt und deshalb in kritischer Verfassung.

Seit Sonntagnachmittag kollabierten an Bord des deutschen Rettungsschiffes vier Personen. Sie werden seither im Bordhospital behandelt. Die mit Dringlichkeit angefragten Evakuierungen wurden von der maltesischen Rettungsleitstelle wiederholt abgelehnt. Die italienische Leitstelle antwortet auf eine entsprechende Anfrage nicht. Die maltesische Seenotleitung teilte dem Schiff zudem per Mail mit, dass die Menschen an Bord der ALAN KURDI für sie keinen Notfall darstellen.

Die Seenotleitstellen in Rom, Malta und Bremen weisen seit Samstagmittag die Verantwortung von sich und erklären jeweils eine andere Leitstelle für zuständig. Die deutsche Seenotleitstelle MRCC Bremen verwies nach der Rettung sogar an die libysche Navy, obwohl sich das Schiff inzwischen in der maltesischen Koordinierungszone befand.

„Wir sind entsetzt über die Verantwortungslosigkeit europäischer Seenotleitstellen. Die Leitstellen verweigern sich förmlich und unterlaufen ihre Pflicht, die Rettung zu koordinieren und uns einen sicheren Hafen zuzuweisen. Noch nicht einmal kollabierte Personen können vom Schiff evakuiert werden. Uns gehen die Superlative für die Ignoranz Europas aus”, sagt Julian Pahlke, Sprecher von Sea-Eye.

Am Montagmorgen sind an Bord der ALAN KURDI zwei weitere Person kollabiert. Auf das Ersuchen des Schiffes bei den drei Seenotleitstellen kam erneut keine Antwort.

„Wir sind ausgerüstet wie ein moderner Krankenwagen, aber wir können bald nicht mehr für die Gesundheit aller Menschen garantieren. Die Geretteten sind durchweg in schlechter Verfassung. Mit unseren Bordmittel werden wir die Situation in absehbarer Zeit nicht mehr bewältigen können”, sagt die Bordärztin der ALAN KURDI, Barbara Hammerl-Kraus.

„Wir befürchten an Bord das Schlimmste. Wir haben das Auswärtige Amt darum gebeten, dass man die italienischen und maltesischen Partner auf die humanitäre Dringlichkeit hinweist. Es kann nicht sein, dass europäische Leitstellen telefonisch nicht erreichbar sind und sich schlicht verweigern. Deutschland muss darauf drängen, dass internationale Gesetze und seerechtliche Verpflichtungen eigehalten werden, statt sich für rein medienwirksame, sogenannte Deals zu feiern”, fügt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye hinzu.

Erstmalig war die maltesische Rettungsleitstelle für die Einsatzleitung von Sea-Eye telefonisch nicht mehr erreichbar. Ebenfalls neu ist, dass Italien an die Zuständigkeit der deutschen Rettungsleitstelle in Bremen verweist und dort um die Koordinierung bittet.

„Offenbar leidet auf Malta nicht nur die Regierung unter Auflösungserscheinungen. Die Rettungskette dieser beiden Mittelmeeranrainer hat sich in Luft aufgelöst hat“, sagt Isler weiter.

Rettungsschiff ALAN KURDI rettet 84 Menschen auf dem Mittelmeer

  • Unter den Geretteten sind drei Kleinkinder und drei Neugeborene
  • Eine Frau wurde bewusstlos geborgen
  • Zustand eines Neugeborenen ist kritisch

Am Donnerstagmorgen wurde das zivile Rettungsschiff ALAN KURDI der Regensburger Organisation Sea-Eye über den ersten der beiden Seenotfälle informiert. Die Organisation „Watch the Med Alarm Phone“ kontaktierte die Einsatzleitung und übermittelte die Position. Sea-Eye informierte die zuständigen Behörden und das Schiff nahm Kurs auf die kommunizierte Koordinate.

Am späten Vormittag erreichte die ALAN KURDI das seeuntaugliche Schlauchboot und evakuierte die 44 Menschen unverzüglich. Unter ihnen sind 21 Frauen, eine von ihnen ist schwanger. Ebenfalls wurden ein Kleinkind und zwei Neugeborene gerettet, eines vier und ein anderes 8 Wochen alt. Einige Frauen berichten dem Medizinerteam, dass sie bereits seit drei Jahren in Libyen festgesessen haben. An Bord des Schiffes wurden sofort alle Geretteten medizinisch betreut.

Zeitgleich wurde die ALAN KURDI von Alarm Phone über einen weiteren Seenotfall informiert. Am Nachmittag entdeckte das zivile Suchflugzeug „Colibri“ der französischen Hilfsorganisation Pilotes Volontaires das zweite Schlauchboot. Das Sea-Eye-Schiff erreichte die Position gegen 17 Uhr. Auch hier befanden sich drei Kleinkinder unter den Geretteten. Eine Frau wurde bewusstlos von Bord des Schlauchbootes geborgen und musste im Bordhospital behandelt werden. Ihr Zustand ist instabil. Der Zustand eines Neugeborenen wird ebenfalls als kritisch beschrieben. Das Kind konnte zwei Tage nicht mit Wasser versorgt oder von der Mutter gestillt werden.

„Wir sind sehr froh, zur richtigen Zeit vor Ort gewesen zu sein. Die ALAN KURDI ist in diesen Stunden das einzige zivile Rettungsschiff vor der libyschen Küste. Vor allem das Schicksal der sechs Kleinkinder, teilweise nur wenige Wochen alt, bereitet uns in diesen Stunden große Sorgen. Ein Schiff ist noch kein sicherer Ort für Gerettete und schon gar nicht für Neugeborene. Die Behörden müssen sofort handeln und Verantwortung übernehmen“, sagt Sea-Eye Vorsitzender Gorden Isler.

Sea-Eye hat bereits am Nachmittag um Zuweisung eines sicheren Hafens für die Geretteten der ALAN KURDI gebeten. Eine Antwort der europäischen Seenotleistellen blieb bisher aus. Die libyschen Behörden boten am Nachmittag wiederholt Tripolis als Ausschiffungshafen an.

„Wäre Libyen ein sicherer Ort, dann hätten diese Menschen nicht ihr Leben riskiert, um diesen Ort zu verlassen“, sagt Isler weiter.

Sea-Eye lehnt es daher weiter kategorisch ab Menschen zurück nach Libyen zu bringen.

„Es darf jetzt kein Geschacher um Menschen auf der Flucht geben. Das internationale Recht schreibt klar vor, dass die Geretteten in einen sicheren Hafen gebracht werden müssen und der kann nur in Europa liegen. Wir drängen deshalb darauf, schnellstmöglich einen sicheren Ort zugewiesen zu bekommen“, sagt Sea-Eye Sprecher Julian Pahlke.

Sea-Eye-Crew meistert umfangreiche, italienische Hafenstaatskontrolle

  • Die katholische Kirche, die Mennoniten und Heinrich Bedford-Strohm für die EKD sprechen Segen für die ALAN KURDI aus
  • Gesammelte Spenden von TUA, Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf kommen zum Einsatz

Das Rettungsschiff ALAN KURDI hat am Donnerstagvormittag den Hafen von Tarent in Süditalien verlassen und befindet sich nun auf dem Weg in die libysche Such- und Rettungszone.

„Nach dem gewalttätigen Zwischenfall mit libyschen Küstenwächtern beginnen wir nun mit großer Sorge den nächsten Einsatz. Wir betrachten die sogenannte libysche Seepolizei als ernstzunehmende Bedrohung für Menschen auf der Flucht und die Retter an Bord unseres Schiffes. Die Tatsache, dass solche Milizen als Partner der Bundesregierung und der EU bewusst und willentlich Menschenrechte brechen, ist durch nichts zu entschuldigen. Die Rettung von Menschenleben scheint keine Priorität mehr zu sein”, sagt Julian Pahlke, Sprecher von Sea-Eye.

Nach der erstmaligen Ankunft der ALAN KURDI in einem italienischen Hafen kam es unmittelbar zu einer intensiven, tagelangen Hafenstaatskontrolle des Schiffes.

„Durch die schnelle Reaktion der deutschen Behörden und die professionelle Arbeit unserer Crew, konnte die aufwendige Inspektion gemeistert werden. Dabei bestätigten die deutschen Behörden den italienischen Kollegen ausdrücklich, dass der Zustand und die Papiere der ALAN KURDI ausdrücklich in Ordnung sind”, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Die Abfahrt aus dem Hafen von Tarent verzögerte sich weiterhin wegen eines starken Sturmes, der über weite Teile Italiens hinwegzog. Dabei hat das Schiff schwere Schäden in Höhe von rund 30.000 € erlitten, die aufwendig behoben werden mussten.

Für die achte Mission des Sea-Eye-Schiffes ALAN KURDI senden am Donnerstag verschiedene Kirchen ihre bewegenden Segenssprüche an die Regensburger Seenotretter.

„Die Mennoniten sind wichtige Unterstützer der ersten Stunde. Die katholischen Bistümer München-Freising, Paderborn, Hildesheim und Regensburg sind zusammen die größten, kirchlichen Förderer von Sea-Eye. Seit 2018 werden wir auch aus dem Raum der EKD gefördert. Wir sind auf die Unterstützung der Kirchen dringend angewiesen”, sagt Isler weiter.

Die Kirchen stehen Sea-Eye nicht nur finanziell zur Seite. Zur achten Mission der ALAN KURDI senden Dekan Roman Derl von der Diözese Regensburg für die katholische Kirche, Präses Dr. Michael Diener und Ratspräsident Heinrich Bedford-Strohm für die EKD, sowie Doris Hege als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden, ihren Segen für die Arbeit der Regensburger Seenotretter.

Bei der Finanzierung der anfallenden Kosten helfen unter anderem der Rapper TUA, der sein neues Video „Wenn ich gehen muss” für Sea-Eye veröffentlichte und zu Spenden für die Regensburger Seenotretter aufrief (zur Spendenseite). Aber auch der Treuhandfonds, in dem die gesammelten Spenden von Jan Böhmermann und Klaas-Heufer Umlauf verwaltet und verteilt werden, trägt maßgeblich zum aktuellen Einsatz bei. Insgesamt wurden 60.000 € für den Rettungseinsatz und die nachhaltige Organisationsentwicklung von Sea-Eye e. V. bewilligt und bereitgestellt.

Der Berliner Rapper Tua spendet ein Musikvideo und sammelt Spenden für die ALAN KURDI

„Es ist ein wichtiges Zeichen, dass die Zivilgesellschaft so zusammensteht und gemeinsam sicherstellt, dass die ALAN KURDI in den nächsten Einsatz aufbrechen kann. Vor allem, dass junge Künstler wie TUA oder Jan Böhmermann dieses wichtige Thema zunehmend aufgreifen und die Kirchen Deutschlands sich immer wieder insistierend für die Seenotrettung einsetzen, lässt uns zuversichtlich bleiben. Wir sind gerade jetzt wieder auf Spenden angewiesen, weil mit diesem schweren Sturmschaden einfach nicht zu rechnen war”, sagt Isler weiter.