Bochum Rettet

Seit Anfang April wird in der Bochumer Zivilgesellschaft dafür geworben, die Aktion „Bochum Rettet“ zu unterstützen. Ziel der Kampagne ist es, eine Patenschaft für das Seenotrettungsschiff SEA-EYE 4 von Sea-Eye e. V. zu übernehmen. Die Stadt Bochum hat dabei als Kommune beschlossen, jeden gespendeten Euro aus der Zivilgesellschaft bis zu einer Gesamthöhe von 30.000 € durch Mittel der Stadt zu verdoppeln. Dieses Ziel wurde in den drei Monaten des Kampagnenzeitraums weit übertroffen: Insgesamt sind somit über 60.000 € für die zivile Seenotrettung aus Bochum zusammengekommen, um das Sterben von Flüchtenden im Mittelmeer zu verhindern.

Die gespendeten 35.894 Euro zeigen, wie groß die Bereitschaft innerhalb der Zivilgesellschaft ist, die zivile Seenotrettung zu unterstützen. Denn immer noch ist das Mittelmeer die gefährlichste Fluchtroute der Welt, auf der jährlich mehrere Tausend Menschen sterben. Mit dem Projekt ‚Bochum Rettet‘ wollen wir dafür ein Bewusstsein schaffen und aufzeigen, dass wir vor Ort Verantwortung übernehmen können und müssen“, sagt Carla Scheytt, Mitglied des Organisationsteams der Aktion.

Sie fügt hinzu: „Neben sehr vielen Einzelpersonen haben auch Vereine und Organisationen gespendet. An dieser Stelle bleibt es bei uns, Danke zu sagen! Ohne den Einsatz und das Engagement so vieler Menschen wäre das nicht möglich gewesen! Wir sehen den Erfolg der Spendenkampagne als Zeichen der Solidarität der Bochumer Zivilgesellschaft mit Menschen auf der Flucht.

Besonders der Organisationskreis und die Mitarbeiter*innen von Sea-Eye e. V. freuen sich über dieses Ergebnis. Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V., ist zuversichtlich, dass Bochum damit ein Vorbild für weitere Städte werden kann: „Bochum hat gezeigt, dass eine Kommune einen aktiven Part in einer humanitären Fluchtpolitik einnehmen kann. Das gesammelte Geld kommt konkret dort an, wo es gebraucht wird. Mit den eingegangenen Spenden haben wir kürzlich den Schiffstank für die aktuellen Missionen gefüllt.“ Weiterhin sieht er diesen Erfolg nicht als Ende, sondern Beginn einer Projektreihe: „Es gibt bereits Planungen, dieses Erfolgsmodell auch in andere Städte zu tragen. Daran werden wir jetzt mit viel Einsatz arbeiten.

Über eine Abschlussveranstaltung zum Erfolg des Projekts wird das Organisationsteam nach Ende der Sommerferien informieren.

Sea-Eye verurteilt Ungleichbehandlung von Schutzsuchenden

Nachdem die 476 geflüchteten Menschen eine Woche auf engstem Raum auf der SEA-EYE 4 ausgeharrt hatten, hat heute, den 22.06.2022, die Ausschiffung in Messina begonnen. Gestern hatte die italienische Küstenwache der SEA-EYE 4 Messina als sicheren Hafen zugewiesen.

Die Crew der SEA-EYE 4 hatte in der Woche zuvor 494 flüchtende Menschen aus verschiedenen Booten in Seenot gerettet. Während der Wartezeit auf einen Hafen mussten 18 Menschen aus medizinischen Gründen von Bord evakuiert werden. Die Menschen waren mit seeuntauglichen Booten aus dem libyschen Bürgerkrieg geflüchtet. Viele waren zuvor jedoch bereits aus ihren Heimatländern geflüchtet. Die Menschen stammen aus 23 unterschiedlichen Herkunftsländern. Darunter Afghanistan, Äthiopien, Eritrea, Mali oder Syrien.

Auch in Ländern wie Afghanistan, Äthiopien, Eritrea, Libyen, Mali oder Syrien gibt es langjährige bewaffnete Konflikte oder es werden sogar Kriege geführt. Derzeit gibt es aber nur für die Menschen sichere Fluchtwege in die EU, die aus der Ukraine fliehen. Menschen aller anderen Herkunftsländer müssen sich weiterhin für die Chance auf Sicherheit und ein Asylverfahren der Gefahr aussetzen, an den europäischen Grenzen zu sterben. Es handelt sich klar um strukturellen Rassismus. Wir brauchen sichere Fluchtwege für alle schutzsuchenden Menschen, ganz egal welche Hautfarbe sie haben und vor welchen Gewaltherrschern sie fliehen“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Italienische Küstenwache evakuiert vier Menschen

Die SEA-EYE 4, deren Crew im Laufe der Woche 494* Menschen aus Seenot gerettet hat, erreichte am Freitagmorgen, den 17.06., Sizilien. Aufgrund der hohen Anzahl an Menschen, ist es für das dreiköpfige medizinische Team schwer, allen Personen eine angemessene Versorgung zukommen zu lassen. Zwar befindet sich die Mehrheit der Menschen in einem stabilen Zustand, aber es gibt viele Patient*innen, die eine umfassendere, medizinische Versorgung benötigen.

Die italienische Küstenwache evakuierte deshalb am Freitagmittag vier Personen aufgrund ihres Gesundheitszustands von Bord.

Eine Patientin, die evakuiert wurde, ist im achten Monat schwanger, hat jedoch Komplikationen und kann ihr Baby nicht mehr spüren. Zudem hat sie Verätzungen an den Beinen. Eine weitere Person hat eine gebrochene Hand und benötigt eine Röntgenuntersuchung sowie weitere Behandlung. Bei einer Person mit Epilepsie gingen die Langzeitmedikamente zur Neige. Eine vierte evakuierte Person leidet an starken Verätzungen.

Medizinische Evakuierung

Insgesamt haben mehrere Patient*innen Verätzungen und einige Patient*innen hatten auf den Booten Dämpfe von Kraftstoff eingeatmet. Viele Patient*innen haben deshalb körperliche Beschwerden. Einige Menschen zeigen Anzeichen von schwerer Erschöpfung bis hin zu Traumatisierung. Andere Patient*innen wurden wegen Unterkühlungen behandelt. Nach der Evakuierung einer Schwangeren sind nun noch zwei schwangere Frauen an Bord. Eine Frau im achten Monat und eine Frau im vierten Monat. Ihr Zustand ist derzeit stabil.

Medizinische Evakuierung

Mit so einer hohen Anzahl an vulnerablen Menschen an Bord, besteht auch ein hoher medizinischer Versorgungsbedarf, den unser medizinisches Team auf Dauer allein nicht abdecken kann. Dank unserer Kooperation mit der Bonner Hilfsorganisation German Doctors sind wir zwar für Erstversorgungs- und Notsituationen sehr gut aufgestellt – aber nicht alle weiterführenden Behandlungen und notwendigen Untersuchungen können in unserem Bordhospital durchgeführt werden. Derzeit behandeln wir z.B. viele Menschen mit Wunden und Verätzungen, die durch den Kontakt mit einem Salzwasser-Treibstoffgemisch in den Booten entstanden sind, sodass unser Verbandsmaterial knapp wird. Damit es nicht zu weiteren medizinischen Evakuierungen kommen muss, benötigen alle Menschen an Bord schnellstens einen sicheren Hafen und medizinische Hilfe“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

*Hinweis: Am 15.06. wurde die Gesamtzahl der Geretteten mit 492 angegeben. Bei einer späteren Zählung wurden 494 Menschen erfasst. Durch die heutige Evakuierung von vier Patient*innen befinden sich derzeit 490 geflüchtete Menschen an Bord der SEA-EYE 4.

76 Menschen aus sinkendem Schlauchboot gerettet

Nachdem die SEA-EYE 4 bereits in drei Rettungseinsätzen 416 Menschen gerettet hatte, wurde dem Rettungsschiff am Mittwochabend, den 16.06.2022, erneut ein Seenotfall gemeldet. Die Organisation Alarm Phone berichtete den Behörden bereits im ersten Notruf, dass das Schlauchboot beschädigt sei, Wasser eindränge und die Menschen um Hilfe riefen. Als die SEA-EYE 4 den Unglücksort erreichte, war in den Schläuchen kaum noch Luft. Mit Lichtern versuchten die Menschen bei Nacht auf sich aufmerksam zu machen.

Die Menschen hatten großes Glück, dass die SEA-EYE 4 zum Zeitpunkt des Notrufs weniger als drei Stunden entfernt war und dass sie bei Nacht noch rechtzeitig gefunden worden sind, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Der schwierige Rettungseinsatz zog sich bis Mitternacht hin. Die Einsatzboote brachten 76 Menschen auf die SEA-EYE 4.

Rettungseinsatz

Sehr viele der in der Nacht geretteten Menschen, haben Verätzungen und müssen deshalb im Bordhospital der SEA-EYE 4 behandelt werden. Denn wenn in den Schlauchbooten Kraftstoff ausläuft und sich mit Meerwasser mischt, entsteht ein chemisches Gemisch, das die Haut sehr stark verätzt. Die Geretteten leiden außerdem an Unterkühlung, Dehydrierung und schwerer Erschöpfung. 

Die SEA-EYE 4 ist nun mit 492 geretteten Menschen auf der Suche nach einem sicheren Hafen.

Die zivilen Hilfsorganisationen Sea-Eye und Alarm Phone haben heute Nacht ein schweres Unglück verhindert. Von staatlichen Akteuren gab es erneut keine Reaktionen. Die sogenannte libysche Küstenwache reagierte überhaupt nicht und das ist kein Einzelfall. Genau deshalb sind nun erneut so viele Überlebende auf der SEA-EYE 4, für die wir nun ganz dringend einen sicheren Ort zur Ausschiffung benötigen. Dieser Ort kann nach internationalem Recht nur in Europa liegen“, so Isler.

Die heute Nacht geretteten Menschen müssen nach der Erstbehandlung an Bord nun zügig an Land kommen, um adäquat weiter behandelt werden zu können. Es ist erschütternd, dass die Rettung weiterhin von NGOs wie uns und auch vom Glück abhängig ist, dass Seenotretter gerade in der Nähe sind. Die EU muss sich endlich gemeinsam um eine menschenwürdige Lösung kümmern“, so Dr. Harald Kischlat, Vorstand German Doctors e. V.

Die Bonner Hilfsorganisation unterstützt den Betrieb des Bordhospitals substanziell und stellt regelmäßig German Doctors-Einsatzärzte, um die medizinische Erstversorgung auf der SEA EYE 4 zu gewährleisten.

Rettungseinsatz

Sogenannte libysche Küstenwache behindert Rettungsaktionen und entführt Menschen zurück nach Libyen

Die Crew der SEA-EYE 4 hat in zwei Tagen bei drei Einsätzen 416 Menschen aus Seenot gerettet. Am vergangenen Montagnachmittag, dem 13. Juni, kam das Rettungsschiff 63 Menschen,  darunter 30 Minderjährige und ein Baby,  zur Hilfe, als diese mit ihrem Schlauchboot auf der Flucht über das Mittelmeer in Seenot geraten waren. Am heutigen Mittwochmorgen, dem 15. Juni, erreichte die Crew ein großes, stark überfülltes Holzboot. Viele der Insassen waren unter Deck zusammengedrängt. Die Crew evakuierte das Holzboot und brachte alle 290 Menschen, darunter 19 Minderjährige, sicher an Bord der SEA-EYE 4. Am Mittwochnachmittag fand die Crew ein weiteres Schlauchboot und rettete 63 Menschen, darunter 13 Minderjährige.

Rettungseinsatz

Während der Rettung am Mittwochmorgen war die sogenannte libysche Küstenwache zugegen und beobachtete den Rettungseinsatz. Als dieser abgeschlossen war, näherte sich die sogenannte libysche Küstenwache und schleppte das Holzboot ab.

Ebenfalls am Mittwochmorgen erreichte das spanische Rettungsschiff AITA MARI unweit der Position der SEA-EYE 4 einen Seenotfall mit über 100 Menschen, die sich in einem überfüllten Schlauchboot auf der Flucht befanden. Der Einsatz wurde jedoch von der sogenannten libyschen Küstenwache gestört. 17 Menschen, die ins Wasser gesprungen waren, konnten von der Crew der AITA MARI gerettet werden. Die auf dem Schlauchboot verbliebenen Menschen wurden von der sogenannten libyschen Küstenwache auf deren Schiff gezwungen und nach Libyen entführt.

Rettungseinsatz

Heute mussten wir erneut beobachten, wie gefährlich die sogenannte libysche Küstenwache agiert. Von den EU-Staaten finanziert, verschleppt die sogenannte libysche Küstenwache flüchtende Menschen in ein Bürgerkriegsland, wo sie schwersten Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sind. Es ist hinlänglich bekannt, dass es Verbindungen zwischen der sogenannten libyschen Küstenwache und den Schleppern gibt. Vor dem Hintergrund allen Wissens über die sogenannte libysche Küstenwache ist es ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, mit so gefährlichen Akteuren zu kooperieren. Deshalb hat die EU den Friedensnobelpreis genauso wenig verdient wie diese Milizen die Bezeichnung Küstenwache. Jede Zusammenarbeit mit der sogenannten libyschen Küstenwache muss von europäischer Seite endlich eingestellt werden“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Auf dem Mittelmeer spielen sich im Schatten der medialen Berichterstattung rund um den Ukraine-Krieg nicht weniger dramatische Szenen ab. Menschen, die aus Angst vor einer sogenannten Küstenwache ins Wasser springen und auf der Flucht ihr Leben riskieren – dem muss die Politik endlich ein Ende setzen! Es ist zutiefst irritierend, dass wir als EU offensichtlich weiterhin den möglichen Tod  von Kindern, Frauen und Männern, die über das Mittelmeer vor Armut und Gewalt in ihren Herkunftsländern fliehen, in Kauf nehmen“, so Harald Kischlat, Vorstand German Doctors e. V.

Geflüchtete

An Bord der SEA-EYE 4 befinden sich nun 416 Menschen, für die ein sicherer Ort zur Ausschiffung benötigt wird. Die Crew und das medizinische Personal kümmern sich um die Versorgung der Menschen.

Zahl der Notrufe bei AlarmPhone nimmt im gesamten Mittelmeerraum zu

Die SEA-EYE 4 ist am Samstag (04.06.2022) zur dritten Rettungsmission in 2022 von Burriana aus aufgebrochen. Das Bündnisschiff wird das Einsatzgebiet im zentralen Mittelmeer voraussichtlich am Donnerstagabend erreichen. Seit das Schiff im Mai 2021 in Dienst gestellt wurde, konnten die Besatzungen mehr als 1.600 Menschen vor dem Ertrinken retten.

Von Januar bis Ende Mai 2022 hat die Organisation AlarmPhone bereits 339 Notrufe von Menschen in akuter Lebensgefahr auf See erhalten. Im Vergleichszeitraum 2021 waren es 286 Notrufe. In 2020 waren es 225. (Quelle: AlarmPhone)

Über 700 Menschen sind laut IOM in diesem Jahr im Mittelmeer ums Leben gekommen. In den Sommermonaten versuchten in den letzten Jahren besonders viele Menschen dem Bürgerkrieg in Libyen zu entkommen. Denn in diesen Monaten gibt es deutlich weniger Schlechtwetter-Phasen.

Wir müssen uns wieder klarmachen, dass das kein Normalzustand ist. Dass jeden Tag Menschen um Hilfe rufen, dass regelmäßig Menschen ertrinken und dass es kein europäisches staatliches Seenotrettungsprogramm gibt, dass die nötige Ausstattung mitbringt, um das Sterben im Mittelmeer zu beenden. Die EU-Staaten lassen ein weiteres, tödliches Jahr einfach so zu und auch die neue Bundesregierung blieb bisher untätig und lässt das Ertrinken weitergehen. Eigentlich sollten in Berlin nun nach so vielen Monaten alle ihren Platz gefunden haben und wissen, was zu tun ist“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Crewmitglied

Gemeinsame Pressemitteilung von Sea-Eye, German Doctors, Refugee Rescue und United4Rescue

Organisationen fordern: EU-Staaten müssen Politik der Abschreckung sofort beenden

Am Samstag, den 21.05.22, beginnt in Trapani auf Sizilien die Vorverhandlung gegen 21 Seenotretter*innen. Ihnen wird vorgeworfen, „Beihilfe zu illegaler Migration“ geleistet zu haben. Zahlreiche Organisationen bekunden im Vorfeld ihre Solidarität mit den Angeklagten. So findet am Samstag ein deutschlandweiter Aktionstag statt, bei dem Sea-Eye-Gruppen sowie Aktivist*innen der Seebrücke und anderen Organisationen auf die Straße gehen.

Anlässlich der Vorverhandlung veröffentlichen Sea-Eye, German Doctors, Refugee Rescue und United4Rescue, die als Partnerorganisationen mit dem Rettungsschiff SEA-EYE 4 Seenotrettung betreiben, ein gemeinsames Statement.

Gemeinsames Statement:

21 Seenotretter*innen sind angeklagt, weil sie Menschen vor dem Ertrinken gerettet haben. Dieser Satz darf niemals zur Normalität werden, er muss uns immer tief im Herzen weh tun, denn sonst verlieren wir nicht weniger als das Menschenrecht auf Leben.

Bei der Vorverhandlung am 21. Mai 2022 sitzen die Seenotretter*innen zur Abschreckung auf der Anklagebank, denn in Trapani geht es nicht um „Beihilfe zu illegaler Migration“. Der gesamte Prozess mit seinem 5-jährigen Ermittlungsverfahren verfolgt nur ein Ziel: Abschreckung. Seeleute sollen es sich zweimal überlegen, ob sie flüchtende Menschen aus Seenot retten.

Nachdem die EU-Mitgliedsstaaten 2015 ihre Seenotrettung im Mittelmeer eingestellt hatten, begannen sie, die lebensrettende Arbeit der Seenotrettungsorganisationen zu blockieren oder zu behindern. So wurden Rettungsschiffe festgesetzt und die Ausschiffung von geretteten Menschen verzögert oder verwehrt. Dass europäische Rettungsleitstellen Notrufe von Menschen in Seenot ignorieren und ihre Pflicht zur Koordinierung von Rettungsmaßnahmen verweigern, ist traurige Realität geworden.

All diese Maßnahmen sind Bestandteile einer grausamen Abschottungspolitik, die sich nicht scheut, Seenotretter*innen zu kriminalisieren und anzuklagen. Den 21 Angeklagten drohen bis zu 20 Jahre Haft und eine Geldstrafe von 15.000 € pro gerettete Person.

Dieser menschenverachtenden Abschreckungspolitik stellen sich Sea-Eye, German Doctors, Refugee Rescue und United4Rescue entschieden entgegen und fordern die sofortige Einstellung der Verfahren gegen die angeklagten Seenotretter*innen.

Doch nicht nur Seenotretter*innen finden sich auf europäischen Anklagebänken. Immer wieder werden auch flüchtende Menschen in Italien, Griechenland und anderen EU-Ländern der „Beihilfe zur illegalen Migration“ beschuldigt. Allein in Italien wurden seit 2013 mindestens 2.500 Menschen inhaftiert.

Daher fordern wir, dass die inhaftierten Geflüchteten freigelassen werden und die EU-Mitgliedsstaaten ihren menschenfeindlichen Kurs der Abschottung und Abschreckung sofort beenden. Die EU muss Menschen auf der Flucht endlich unterstützen und schützen, statt sie zu kriminalisieren und in überfüllte Lager einzusperren.

Um das Sterben im Mittelmeer endlich zu beenden, fordern Sea-Eye, German Doctors, Refugee Rescue und United4Rescue, ein europäisches Seenotrettungsprogramm einzuführen sowie legale und sichere Fluchtwege zu schaffen.

Sea-Eye, German Doctors, Refugee Rescue, und United4Rescue

Boot

Malta lässt 24 Menschen auf See in Lebensgefahr zurück

In der Nacht von Mittwoch (11.05.22) auf Donnerstag erreichte die SEA-EYE 4 ein Notruf über die Organisation AlarmPhone. 24 Menschen waren in einem kleinen Holzboot in der maltesischen Such- und Rettungszone in Seenot und riefen um Hilfe. Die Menschen gaben an, bereits am 08.05.2022 von Benghazi geflüchtet zu sein. Sie stammen aus Eritrea, Sudan, Chad, Libyen, Syrien und Ägypten. Die maltesische Rettungsleitstelle verweigerte auch in diesem Fall die Koordinierung der Rettungsmaßnahmen. 

Im Laufe des Donnerstags (12.05.22) näherte sich der Öltanker ROSS SEA dem Holzboot. Während des Funkverkehrs zwischen der SEA-EYE 4 und der ROSS SEA erklärte der Kapitän der ROSS SEA, dass er versuchte die Rettungsleitstelle in Malta zu erreichen, aber zeitweise keine Antwort erhielt. Der Kapitän der ROSS SEA funkte der SEA-EYE 4: “RCC Malta told me to keep on monitoring. They asked me to just stay around and keep on monitoring from distance.” 

Boot

„Auch wir erhalten regelmäßig bei Seenotfällen keine Antworten der Rettungsleistelle auf Malta. Warum hat Malta die ROSS SEA nicht direkt dazu aufgefordert, die Menschen zu retten? Malta schickte drei Tage keine Hilfe! Malta schreckt inzwischen vor nichts zurück, um schutzsuchende Menschen davon abzuhalten, Malta erreichen zu können“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Hätte Malta die Rettung koordiniert und von der ROSS SEA, deren nächster Zielhafen die maltesische Hauptstadt Valletta gewesen wäre, durchführen lassen, hätte Malta die schutzsuchenden Menschen aufnehmen müssen, denn Malta war der nächste sichere Ort und der Zielhafen der ROSS SEA.

„In den vergangenen Tagen sind wir erneut Zeugen geworden, wie Malta sogar Handelsschiffe, die Hilfe leisten müssen, weil sie rechtlich dazu verpflichtet sind,  anweist, zu schutzsuchenden Menschen in Seenot Distanz zu halten. Diese Methoden sind unmenschlich und verstoßen gegen die grundlegenden Menschenrechte“, so Isler weiter.

Geflüchtete

Die SEA-EYE 4 erreichte das Holzboot in der Nacht zum Freitag (13.05.22). Die Crew konnte alle 24 Menschen sicher an Bord nehmen und erstversorgen.

Sie sind alle extrem erschöpft. Die meistens waren durchnässt und unterkühlt. Man merkt ihnen an, dass sie nach sechs Tagen auf dem Wasser psychisch traumatisiert sind“, sagt Daniela Klein, Einsatzärztin von German Doctors an Bord der SEA-EYE 4.

Bereits am 08.05.22 hatte die SEA-EYE 4 34 Menschen vom Frachtschiff BSG BAHAMAS übernommen, dessen Crew die Flüchtenden aus einem kleinen Holzboot gerettet hatte. Auch in diesem Fall hatte Malta die Koordinierung des Rettungseinsatzes abgelehnt, sodass das MRCC Bremen eingesprungen war. Nun ist die SEA-EYE 4 auf der Suche nach einem sicheren Hafen für die insgesamt 58 schutzsuchende Menschen.

Geflüchtete

Hapag-Lloyd Containerschiff BERLIN EXPRESS erhält keine Hilfe von Malta

Am Freitagabend (06.05.2022) meldete die Organisation Alarm Phone einen Seenotfall in internationalen Gewässern nördlich von Benghazi. Das Containerschiff BERLIN EXPRESS von der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd war das erste Schiff am Unglücksort und fand ein kleines, überfülltes Holzboot mit 34 Menschen. Der Vorfall ereignete sich in der maltesischen Such- und Rettungszone. Die maltesische Rettungsleitstelle verletzte jedoch wiederholt ihre Koordinierungspflichten und verwies auf die Zuständigkeit des Flaggenstaates. Die BERLIN EXPRESS fährt unter deutscher Flagge und hat ihren Heimathafen in Hamburg.

Das Hamburger Containerschiff konnte aufgrund des Wetters und insbesondere wegen der Höhe des Freibords die Menschen nicht direkt retten, ohne deren Leben zusätzlich zu gefährden. Die  Crew der BERLIN EXPRESS versorgte die Schutzsuchenden mit Lebensmitteln sowie Trinkwasser, ließ eine Rettungsinsel zu Wasser und blieb bis zu deren Rettung bei den 34 Menschen. Gegenüber Sea-Eye erklärte eine Mitarbeiterin von Hapag-Lloyd, dass ein Crewmitglied dabei verletzt wurde. Nach Rückkehr und Behandlung auf der BERLIN EXPRESS geht es dem Crewmitglied gut.

Boat

Die deutschen Behörden kontaktierten Sea-Eye’s Einsatzleitung am Samstagvormittag, um nach Lösungen für die schwierige Situation zu suchen. Die SEA-EYE 4 war zu diesem Zeitpunkt 40 Stunden vom Unglücksort entfernt.

Am Samstagnachmittag kontaktierte die deutsche Rettungsleitstelle MRCC Bremen die SEA-EYE 4 und bat darum, der BERLIN EXPRESS Hilfe zu leisten. Die SEA-EYE 4 verließ daher ihr Einsatzgebiet östlich von Tripolis und nahm Kurs auf die Position der BERLIN EXPRESS.

Mehrere Handelsschiffe erreichten die BERLIN EXPRESS noch vor der SEA-EYE 4. Darunter auch die BSG BAHAMAS, die von der Hamburger CPO Containerschiffreederei GmbH & Co. KG gemanagt wird. Sonntagmittag gelang es der Besatzung der BSG BAHAMAS schließlich, die Rettung der 34 Menschen durchzuführen und auf die BSG BAHAMAS zu evakuieren. Zu diesem Zeitpunkt waren die Menschen bereits vier Nächte auf See.

BSG BAHAMAS

Die von uns gemanagte BSG Bahamas wurde auf dem Weg von Alexandria nach Tanger Med westlich von Malta von MRCC Bremen aufgefordert, an der Rettung von 34 Personen teilzunehmen. Unser Schiff erreichte die Position nach Einbruch der Dunkelheit, mit 7.20m Freibord und 2m Schwell wurde die umgehende Rettung als zu gefährlich für die zu Rettenden eingestuft. Nach Sonnenaufgang entschied unser Kapitän mit voller Unterstützung seitens der Reederei und enger Kooperation mit dem MRCC Bremen, mit seiner Besatzung die Menschen an Bord zu nehmen und zu versorgen. Bis auf zwei offensichtlich seekranke Personen geht es diesen nach bisherigen Erkenntnissen soweit gut. Wir danken unserem Kapitän und seiner Besatzung für die hervorragende Seemannschaft, Voraussetzung für eine erfolgreiche Durchführung einer derartigen Rettungsaktion“, sagte Ortwin Mühr, Sprecher für die CPO Containerschiffreederei GmbH & Co. KG aus Hamburg.

Die BERLIN EXPRESS konnte ihre Fahrt daraufhin fortsetzen.

Unser Kapitän und seine Besatzung haben einen herausragenden Job gemacht und es stand von der ersten Minute an außer Frage, dass wir den Personen in Seenot so gut wir können helfen“, sagte Silke Muschitz, Head of Fleetmanagement bei Hapag-Lloyd. „Wir möchten uns ganz herzlich für die gute Unterstützung von Sea-Eye bedanken. Unsere Kapitäne waren im ständigen Austausch und die Situation hat uns einmal mehr gezeigt, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit bei der Rettung von Personen in Seenot ist“, fügte Muschitz hinzu.

Am späten Sonntagnachmittag traf die SEA-EYE 4 auf die BSG BAHAMAS.  Nachdem der Kapitän des Containerschiffes die SEA-EYE 4 um die Übernahme der Geretteten gebeten hatte, besuchte das gemeinsame medizinische Team von Sea-Eye und German Doctors die BSG BAHAMAS, um die Situation beurteilen zu können.  Beide Schiffsleitungen waren sich darüber einig, dass die 34 Geretteten auf dem Rettungsschiff SEA-EYE 4 besser versorgt und medizinisch behandelt werden können, als auf einem Containerschiff.  Deshalb übernahm die SEA-EYE 4 alle 34 Geretteten am frühen Sonntagabend.  Die SEA-EYE 4 verfügt über ein trainiertes, medizinisches Team, ein Bordhospital, genügend Proviant und Schlafplätze für die 34 völlig erschöpften Überlebenden, die nun schon rund vier Tage auf See ausharren mussten.

SEA-EYE 4

Ohne die Besatzungen der BERLIN EXPRESS und der BSG BAHAMAS hätten die Menschen keine Chance gehabt, zu überleben. Sie wären verdurstet oder ertrunken“, sagte Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.  „Soweit hätte es nicht kommen dürfen. Der Seenotfall ereignete sich schließlich in der maltesischen Such- und Rettungszone. Erneut lehnte Malta die Verantwortung und Koordinierung ab, sodass die deutsche Rettungsleitstelle in Bremen gezwungen war, einen Seenotfall auf dem Mittelmeer zu koordinieren.

Drohungen in internationalen Gewässern

Am frühen Mittwochmorgen bedrohte die sogenannte libysche Küstenwache das Rettungsschiff SEA-EYE 4 und forderte es dazu auf, „libysches Territorium“ zu verlassen. Die SEA-EYE 4 befand sich zu diesem Zeitpunkt jedoch in internationalen Gewässern, wo sich Schiffe laut internationalen Gesetzen frei bewegen dürfen.

Das libysche Kriegsschiff mit der Kennzeichnung 660 umrundete die SEA-EYE 4 für 50 Minuten mit einem Abstand von etwa 500 Metern und wiederholte seine Drohungen mehrfach, um dann Richtung Westen abzudrehen.

Der Einsatzleiter der SEA-EYE 4 informierte die Seenotleitstelle in Rom und die deutschen Behörden über den Vorfall. Die sogenannte libysche Küstenwache hat in den vergangenen Jahren Rettungsschiffen mehrfach mit Gewaltanwendungen gedroht und sogar Warnschüsse abgegeben. Auch laufende Rettungseinsätze wurden von der sogenannten libyschen Küstenwache immer wieder gestört, in einigen Fällen sind dadurch Menschen ertrunken.

Sogenannte libysche Küstenwache

Die EU-Mitgliedsstaaten finanzieren die sogenannte libysche Küstenwache, um Menschen von der Flucht aus Libyen abzuhalten. Damit unterstützen diese EU-Staaten gewaltbereite und unberechenbare Akteure. Diese skrupellosen Milizen sind ein politisches Werkzeug. Jedes Mal wenn die sogenannte libyschen Küstenwache Menschen in den Bürgerkrieg zurück verschleppt, Rettungen behindert oder Seenotretter*innen bedroht, dann müssen sich die EU-Mitgliedsstaaten einen bedeutenden Anteil an Verantwortung für diese Verbrechen zurechnen lassen. Die EU muss die Zusammenarbeit mit der sogenannten libyschen Küstenwache beenden und für sichere Fluchtwege für alle schutzsuchenden Menschen sorgen“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Sogenannte libysche Küstenwache