Drohungen in internationalen Gewässern

Am frühen Mittwochmorgen bedrohte die sogenannte libysche Küstenwache das Rettungsschiff SEA-EYE 4 und forderte es dazu auf, „libysches Territorium“ zu verlassen. Die SEA-EYE 4 befand sich zu diesem Zeitpunkt jedoch in internationalen Gewässern, wo sich Schiffe laut internationalen Gesetzen frei bewegen dürfen.

Das libysche Kriegsschiff mit der Kennzeichnung 660 umrundete die SEA-EYE 4 für 50 Minuten mit einem Abstand von etwa 500 Metern und wiederholte seine Drohungen mehrfach, um dann Richtung Westen abzudrehen.

Der Einsatzleiter der SEA-EYE 4 informierte die Seenotleitstelle in Rom und die deutschen Behörden über den Vorfall. Die sogenannte libysche Küstenwache hat in den vergangenen Jahren Rettungsschiffen mehrfach mit Gewaltanwendungen gedroht und sogar Warnschüsse abgegeben. Auch laufende Rettungseinsätze wurden von der sogenannten libyschen Küstenwache immer wieder gestört, in einigen Fällen sind dadurch Menschen ertrunken.

Sogenannte libysche Küstenwache

Die EU-Mitgliedsstaaten finanzieren die sogenannte libysche Küstenwache, um Menschen von der Flucht aus Libyen abzuhalten. Damit unterstützen diese EU-Staaten gewaltbereite und unberechenbare Akteure. Diese skrupellosen Milizen sind ein politisches Werkzeug. Jedes Mal wenn die sogenannte libyschen Küstenwache Menschen in den Bürgerkrieg zurück verschleppt, Rettungen behindert oder Seenotretter*innen bedroht, dann müssen sich die EU-Mitgliedsstaaten einen bedeutenden Anteil an Verantwortung für diese Verbrechen zurechnen lassen. Die EU muss die Zusammenarbeit mit der sogenannten libyschen Küstenwache beenden und für sichere Fluchtwege für alle schutzsuchenden Menschen sorgen“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Sogenannte libysche Küstenwache

Sicherheit und Rettung, ja! Hotspot und Militarisierung, nein!

Wir sind beeindruckt von der Initiative des Bürgermeisters von Lampedusa und Linosa, Totò Martello, der die Inseln auf einen „Weg für den Frieden“ führen will – ein visionärer Prozess für Menschlichkeit, der auch alle zivilen Akteur*innen auf See einbezieht.

Wir glauben an Lampedusa als „rettende Insel“, als natürlichen Landeplatz für Tausende von Frauen, Männern und Kindern, die das Meer überqueren, um zu migrieren oder vor unmenschlichen Bedingungen zu fliehen. Aber wir müssen zwei wichtige Dinge unterscheiden und voneinander trennen: Menschen zu retten bedeutet nicht, Menschen in Lagern oder Hotspots zu halten. Wie wir an der Behandlung von Flüchtlingen aus der Ukraine sehen können, ist es eine mögliche politische Entscheidung, Menschen sich frei in ganz Europa bewegen zu lassen, wo sie Verwandte und Freunde oder andere Kontakte haben, die es ihnen ermöglichen, aufgenommen zu werden und auf die bestmögliche Weise zu leben. 

Wir sehen, wie schrecklich die gegenteilige Situation sein kann, wie z. B. auf den griechischen Inseln wie Lesbos oder Samos, wo Menschen auf der Flucht in riesigen Lagern monatelang oder sogar jahrelang festgehalten werden und wo eine permanente Krisensituation politisch und künstlich geschaffen wird. Das Hotspot-System – die Umwandlung von Grenzinseln in militarisierte Notstandsgebiete – kann niemals akzeptiert werden. Und in Lampedusa sollte es durch den „Weg zum Frieden“ überwunden werden.

Als konkreten Schritt in diese Richtung unterstützen wir die Forderung des Bürgermeisters, die Quarantäneschiffe in Fähren umzuwandeln. Die italienische Regierung hat den Einsatz der Quarantäneschiffe bis zum 30. April 2022 verlängert. Für diese Schiffe gab es nie einen triftigen sanitären Grund zur Bekämpfung der Pandemie. Vielmehr wurden sie als schwimmende Hotspots genutzt. Sie verschärfen die Diskriminierung bei der Behandlung von Migranten, die auf dem Meer gerettet werden oder nach langen und gefährlichen Überfahrten an der italienischen Küste ankommen, auch in Bezug auf Covid. Der Vorschlag des Bürgermeisters, sie wieder als Fähren zu nutzen, um die rasche Überführung der Menschen nach Sizilien zu erleichtern und die Vermehrung permanenter Notsituationen auf der Insel zu vermeiden, ist von entscheidender Bedeutung, um das Recht auf Rettung mit dem Recht auf rasche Umsiedlung und menschenwürdige Aufnahme zu verbinden, auch wenn es sich um eine große Anzahl handelt.

Wir brauchen ein einladendes Lampedusa und nicht eine militarisierte Insel mit einem geschlossenen Flüchtlingslager. Wir brauchen und fordern einen friedlichen Anlande- und Überbrückungspunkt in der Mitte des Mittelmeers.

Daher rufen wir alle Menschenrechtsorganisationen und alle Migrantenrechtsorganisationen auf, die Veranstaltung am 28. April zu unterstützen und mit realen und digitalen Sirenen den Beginn des „Wegs zum Frieden“ durch die Gemeinde Lampedusa und Linosa und ihren Bürgermeister zu verstärken.

Unterschriften:
Alarm Phone
MEDITERRANEA Saving Humans
Borderline Europe
EMERGENCY ong onlus
IUVENTA Crew
Louise Michel
MSF
Mission LIFELINE
R24sailtraining
RESQSHIP
Salvamento Maritimo Humanitario
SARAH Seenotrettung 
SEA EYE e.V.
SEEBRÜCKE

Rettungsschiff SEA-EYE 4 bricht in den nächsten Einsatz auf

Das Rettungsschiff SEA-EYE 4 brach am Freitagnachmittag, den 22. April 2022, zur zweiten Rettungsmission in diesem Jahr auf. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind in 2022 bereits 561 Menschen auf der Flucht im Mittelmeer gestorben.

Man würde es dieser Tage in Berlin als beispiellose Schande bezeichnen, wenn in diesem Jahr 561 ukrainische Menschen auf ihrer Flucht und auf der Suche nach Schutz an den Grenzen der Europäischen Union gestorben wären. Regierungen müssten sich erklären, Rücktrittsforderungen wären zu hören, von politischem Totalversagen wäre die Rede. Es braucht sichere Fluchtwege für alle Menschen, die Schutz benötigen!“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

SEA-EYE 4

EU-Mitgliedsstaaten würden doch auch keine bewaffneten Milizen ausrüsten und dafür bezahlen, um Ukrainer*innen von der Flucht aus der Ukraine in die Europäische Union abzuhalten. Aber genau dies geschieht jeden Tag anderen Schutzsuchenden, indem die EU die sogenannte libysche Küstenwache und selbst modernste Militärtechnologie einsetzt, um Menschen von der Flucht aus Libyen abzuhalten oder Zurückweisungen dorthin zu koordinieren“, so Isler.

Sea-Eye und German Doctors fordern anlässlich der insgesamt sechsten Rettungsmission der SEA-EYE 4 die Bundesregierung ausdrücklich dazu auf, alle flüchtenden Menschen gleich zu behandeln und dies auch bei allen anderen europäischen Mitgliedsstaaten einzufordern. Die Menschenrechte gelten universell für alle Menschen, ungeachtet ihrer nationalen oder sozialen Herkunft, Hautfarbe, Religion oder sonstigen Attributen. Das bedeutet, dass die EU-Mitgliedsstaaten sofort eine staatliche Rettungsmission im Mittelmeer einsetzen müssen und jede Kooperation mit der sogenannten libyschen Küstenwache beendet werden muss.

SEA-EYE 4

Unterstützt wird der 6. Einsatz des Bündnissschiffes SEA-EYE 4 wiederholt von der Bonner Hilfsorganisation German Doctors e.V.

Auch diese Mission unterstützten wir aus vollster Überzeugung sowohl finanziell als auch personell. Wir freuen uns, die sehr erfahrene Notfallmedizinerin und German Doctors-Einsatzärztin Dr. Daniela Klein zum dritten Mal auf die SEA-EYE 4 entsenden zu dürfen. Sie und wir alle sehen es als unsere moralische Pflicht, Menschen in Not zu helfen – ungeachtet ihrer Herkunft oder sonstigen Unterscheidungsmerkmalen. Das tut unser Verein in Ländern des globalen Südens, in Griechenland, der Ukraine und auch auf dem Mittelmeer, solange es nötig ist und wir die dafür notwendige Unterstützung erhalten. Selbstverständlich hoffen wir, dass die Politiker*innen das Leiden auf dem Mittelmeer schnellstmöglich beenden, ebenso wie in der Ukraine und an allen anderen von Leid überschatteten Orten der Welt“ sagte Dr. Harald Kischlat, Vorstand von German Doctors e. V.

Embarkation Training

Die Bonner Hilfsorganisation verantwortet die medizinische Versorgung der Flüchtenden auf der SEA-EYE 4. Regelmäßig sind auch ein Einsatzarzt oder eine Einsatzärztin an Bord des Rettungsschiffs.

Köln Rettet

Auftaktveranstaltung der Kampagne „Köln Rettet“

Am Donnerstag, den 21. April 2022, um 19:00 Uhr eröffnete die Lokalgruppe Sea-Eye-Köln zusammen mit dem Kölner Spendenkonvoi die Auftaktveranstaltung der Kampagne „Köln Rettet“ im Bürgerhaus Mülheim in Köln. Die Kampagne geht zurück auf die Bereitstellung von Mitteln im Haushalt der Stadt Köln durch die Ratspolitik, mit denen die Seenotrettung im Mittelmeer mit einer konkreten Schiffspatenschaft über 10.000 € im Jahr für einen Zeitraum von vier Jahren unterstützt werden soll.

Es gibt bis heute keine legalen und sicheren Fluchtwege nach Europa. Über die Fluchtrouten riskieren Schutzsuchende ihr Leben. Eine Gesellschaft, die Wert auf die Einhaltung grundlegender Menschenrechte legt, darf dem Sterben im Mittelmeer nicht tatenlos zusehen. Es braucht jetzt auf allen Ebenen Zeichen der Solidarität. Die Stadt Köln übernimmt Verantwortung und ist Teil des Bündnisses ‚Sichere Häfen‘“, sagt Dîlan Yazicioglu, Ratsmitglied der Stadt Köln.

Köln Rettet

Wir sind stolz und dankbar, dass unser jahrelanger Aktivismus in Köln nun auch dazu führte, dass die Stadt ganz konkret die Seenotrettung unterstützt und dem Versprechen sicherer Hafen für schutzsuchende Menschen sein zu wollen, endlich Taten folgen lässt. So verankern wir das Thema gemeinsam in unserer Stadtgesellschaft und geben den Kölner*innen mit ‘Köln Rettet’ eine ganz konkrete Möglichkeit Teil einer solidarischen Stadt zu sein“, sagt Alina Hansen, Sprecherin der Lokalgruppe Sea-Eye-Köln.

Köln Rettet

Sea-Eye wird auf der Webseite „Köln Rettet“ alle Geldspenden und zukünftigen Aktionen im Kontext Seenotrettung aus Köln sichtbar machen.

Wie groß der Wunsch ist, Verantwortung zu übernehmen, sehen wir in Bochum. Innerhalb von nur zwei Wochen sammelte ‘Bochum Rettet’ mehr als 13.000 € für den nächsten Einsatz der SEA-EYE 4. Dieses Geld kommt direkt an, denn unser Schiff soll schon am Freitag wieder in den Einsatz aufbrechen. Nun muss Köln direkt als zweite Stadt nachlegen“, sagt Hansen weiter.

Prominente Unterstützung erhält die Kampagne vom Kölner Kabarettisten Christoph Sieber, der verschiedene Seenotrettungsorganisationen seit 2015 unterstützt.

Im Mittelmeer ertrinken Menschen, wenn sie niemand rettet. Dass sich meine Heimatstadt Köln daran finanziell beteiligt unterstütze ich. Einfach weil ‚Sterben lassen‘ keine Option ist“, sagt Christoph Sieber.

Christoph Sieber

Über die Kampagne „Deine Stadt Rettet“

„Köln Rettet“ ist eine Aktion der Rahmenkampagne „Deine Stadt Rettet”. „Deine Stadt Rettet” soll Kommunen, die sich als „Sichere Häfen” bekennen, dabei helfen, die Bürger*innen in der Kommune zu aktivieren und in die gemeinsame Arbeit einzubinden, indem sie die zivile Seenotrettung in Form einer Schiffspatenschaft für die SEA-EYE 4 unterstützt und das gemeinsame Engagement sichtbar wird.

Der Beitritt hunderter Kommunen zum Bündnis „Sichere Häfen“ demonstriert die flächendeckende Bereitschaft zur Hilfe für schutzsuchende Menschen. Ein konkreter Umsetzungsschritt ist die finanzielle Unterstützung eines zivilen Seenotrettungsschiffs mit der Übernahme einer Patenschaft. „Deine Stadt Rettet” verbindet Kommunen mit entsprechender Bereitschaft und stellt die Infrastruktur bereit, um sie in ihrem Vorhaben zu unterstützen. Zudem werden Informationsmaterialien sowie eine Online-Präsenz für kommunale Spendenaktionen bereitgestellt.

Teilnehmende Kommunen können den Kontakt zu weiteren Kommunen herstellen und sie dabei unterstützen, ebenfalls Teil der Aktion zu werden und in ihren kommunalen Parlamenten über dieses Vorhaben zu beraten. Bei Zustimmung wird mit den Bürger*innen der jeweiligen Stadt eine Spendensammelaktion gestartet. Der gesammelte Betrag und die Mittel der Stadt ergeben schließlich die Fördersumme für die Patenschaft der SEA-EYE 4.

Seenotretter*innen kritisieren Ungleichbehandlung von Flüchtlingen

Das deutsche Rettungsschiff SEA-EYE 4 legte am Mittwochmittag (06.04.2022) in Augusta an und alle 106 geretteten Menschen durften an Land gehen. Die SEA-EYE 4 war am Samstag vor Sizilien angekommen, nachdem Malta die Ausschiffung der Geretteten mehrfach abgelehnt hatte, und wartete seitdem auf die Zuweisung eines sicheren Hafens. Für die SEA-EYE 4 war es die erste Mission des Jahres. Die Mission wurde durch sehr schlechte Wetterbedingungen erschwert.

Dr. Harald Kischlat, Vorstand von German Doctors e. V. sagt dazu: „Die Geflüchteten an Bord der SEA-EYE 4 haben viele Tage auf hochseeuntauglichen Booten ausgeharrt. Sie sind unterkühlt, seekrank, traumatisiert. Es ist unverantwortlich und menschenunwürdig, diesen Menschen den Zugang zu einem sicheren Hafen unnötig lang zu verweigern.

German Doctors e. V. verantwortet die medizinische Versorgung der Geflüchteten auf der SEA-EYE 4 und unterstützt Sea-Eye substanziell beim Betrieb des Bordhospitals. Regelmäßig sind auch ein Einsatzarzt oder eine Einsatzärztin an Bord des Rettungsschiffs.

Disembarkation

Wir müssen jetzt schnell eine Änderung der Politik gegenüber allen schutzsuchenden Menschen sehen“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V. „Denn sonst kommt die Politik in ernsthafte Erklärungsnot und der seit Jahren geäußerte Vorwurf – systemischer Rassismus verhindere die Rettung Flüchtender aus Afrika und Asien – wäre einmal mehr bewiesen.

Sea-Eye kritisiert die Ungleichbehandlung von flüchtenden Menschen: Zivile Rettungsschiffe müssen noch immer tagelang auf Ausschiffungshäfen für Schutzsuchende aus Afrika oder Asien warten und müssen sogar wie im Fall der SEA-EYE 4 vor Malta mit Ablehnungen rechnen. Noch immer sind sich die EU-Mitgliedstaaten bei der Verteilung weniger tausender Menschen uneinig. Noch immer verweigern maltesische und italienische Rettungsleitstellen die Koordinierung für Seenotfälle, die sich in der libyschen Such- und Rettungszone ereignet haben und noch immer kooperieren europäische Behörden mit der sogenannten libyschen Küstenwache, um Menschen von der Flucht aus dem Bürgerkrieg in Libyen abzuhalten.

Disembarkation

Alle Menschen haben das Recht, Schutz und Asyl innerhalb der EU zu suchen. Die Hautfarbe, das Geschlecht, die Herkunft, die Religion oder die politische Überzeugung dürfen für europäische Behörden und die Politik kein Grund sein, einen Unterschied zu machen. Die Menschenrechte sind da unmissverständlich“, unterstreicht Isler.

In 2022 verloren bisher 467 Menschen ihr Leben, bei dem Versuch das Mittelmeer zu überqueren, um Schutz und Freiheit in Europa zu finden. Der von den EU-Mitgliedsstaaten unterstütze Weg die Menschen von der sogenannten libyschen Küstenwache abfangen zu lassen und so die Zahl der Ankünfte in Europa zu verringern, gefährdet Menschenleben, statt sie zu retten.

So versagte die sogenannte libysche Küstenwache in der vergangenen Woche erneut und es ertranken bei einem schweren Schiffsunglück vor Libyen 90 Menschen. Nur vier Menschen überlebten und wurden illegal vom Handelsschiff ALEGRIA 1 zurück nach Libyen gebracht, ohne Chance auf ein faires Asylverfahren, stattdessen drohen ihnen Inhaftierung, Folter und der Tod.

Disembarkation

Ein ukrainischer Kapitän des Handelsschiffes KARINA entschied sich nur wenige Tage vorher mit Verweis auf die Genfer Flüchtlingskonvention und die Situation in Libyen dazu, die SEA-EYE 4 um Unterstützung zu bitten, statt seinen Kurs nach Benghazi fortzusetzen.

Bochum rettet

Auftaktveranstaltung der Kampagne „Bochum Rettet“

Am Dienstag, den 05. April 2022, um 11:30 Uhr eröffnete Carla Scheytt, Sprecherin der Seebrücke Bochum, die Auftaktveranstaltung der Kampagne „Bochum Rettet“ in der Kunstkirche Christkönig am Steinring 28 in Bochum. Die Kampagne geht zurück auf einen Beschluss des Rates der Stadt Bochum aus 2021, mit dem die Stadt eine Patenschaft für das Seenotrettungsschiff SEA-EYE 4 übernimmt. Nun wird die Stadt konkret und lädt die Bochumer*innen ein, sich zu beteiligen.

Um die Einsätze der SEA-EYE 4 finanziell zu unterstützen, startet Bochum mit dem heutigen Tag eine besondere Spendenaktion. Die Stadt ruft alle Bochumer*innen dazu auf, für die Rettungseinsätze zu spenden. Die Stadt wird die so gesammelten Spenden mit bis zu 30.000 € verdoppeln.

Mit dieser Spendenverdopplungsaktion und die Einbeziehung ihrer Bürger*innen hat Bochum die kommunalen Schiffspatenschaften für die SEA-EYE 4 auf eine neue Stufe gehoben. So hilft jeder gespendete Euro der Bochumer*innen doppelt, Menschenleben zu retten“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Die gesammelten Spenden und der Verdopplungsbetrag der Stadt ergeben schließlich den Gesamtbetrag, mit dem die SEA-EYE 4 gefördert wird.

Bochum rettet

Wir danken den Bochumer Kommunalpolitiker*innen, die dafür gestritten haben, dass wir ab heute gemeinsam und vor allem sichtbar für die zivile Seenotrettung arbeiten“, sagt Isler weiter.

Auf der Auftaktveranstaltung präsentierten Carla Scheytt, Sprecherin von Seebrücke Bochum, Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V. und der Bochumer Künstler Sebastian 23 die Kampagne „Bochum Rettet“.

Einzelpersonen, Gruppen, Organisationen aber auch Betriebe können sich im Kampagnenzeitraum mit einer eigenen Aktion oder Veranstaltung einbringen. Wir freuen uns über kreative und öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen und auf tolle Ideen für ‚Bochum Rettet‘“, erläutert Carla Scheytt.

Bochum rettet

Sog. libysche Küstenwache verhindert Flucht aus Bürgerkriegsland Libyen

Am Mittwochmittag, dem 30.03.2022, wurde der SEA-EYE 4 ein Notruf weitergeleitet, den das Alarm Phone an die zuständigen Behörden meldete. Das Rettungsschiff war bereits auf dem Weg nach Malta, weil der Einsatz am Mittwoch planmäßig enden sollte. Doch die SEA-EYE 4 war als einziges Rettungsschiff östlich von Tripolis und kehrte deshalb zurück. Nach mehreren Stunden Anfahrt fand die SEA-EYE 4 das graue Schlauchboot mit 74 Personen, darunter 22 Kinder. Im Bordhospital des Schiffes mussten 15 Personen medizinisch behandelt werden. Die geflüchteten Menschen stammen aus Ägypten, Nigeria, Sudan, Südsudan und Syrien. Mit den Geretteten, die die SEA-EYE 4 am Dienstag von einem Containerschiff übernehmen musste, sind nun insgesamt 106 Geflüchtete an Bord des Schiffes. 

Ein weiterer von Alarm Phone gemeldeter Notruf führte am Mittwoch zu einer Suche nach 90 Menschen, die die ganze Nacht andauerte. Die Suche blieb erfolglos und musste am Donnerstagmorgen abgebrochen werden, weil die Koordinaten eines weiteren in Seenot geratenen Schlauchboots mit 145 Menschen gemeldet wurden. Bevor die SEA-EYE 4 das Boot erreichte, meldete Alarm Phone eine illegale Rückführung durch die sogenannte libysche Küstenwache.

Mit der Erneuerung des IRINI Mandats erklärte die Bundesregierung, dass man die libysche Küstenwache nicht mehr unterstützen und ausbilden könne, doch hier in der libyschen Rettungszone werden wir weiter Augenzeugin völkerrechtswidriger Rückführungen“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Rettungseinsatz

Über den Verbleib von 90 Menschen fehlt jede Information, auch wenn die Wahrscheinlichkeit einer Rückführung auch in diesem Fall sehr hoch ist.

Ein Schiffsunglück, über das niemals wieder jemand spricht, weil es für uns in Europa offenbar Alltag ist, dass Schwarze, flüchtende Menschen so ein Schicksal erleiden, ist leider ebenfalls möglich“, sagt Isler weiter.

Die SEA-EYE 4 muss nun einen sicheren Ort für die Ausschiffung von 106 Menschen aus sechs unterschiedlichen Herkunftsländern finden.

Rettungseinsatz

Wären die Menschen nicht gerettet worden, wäre es sehr unwahrscheinlich gewesen, dass sie überlebt hätten, denn das Wetter schlug in den letzten Tagen immer wieder plötzlich um“, so Isler.

So wurden am Dienstag 32 Menschen bei 4 m Wellengang aus einem kleinen Fischerboot vom Containerschiff KARINA gerettet. Hagen Kopp von Alarm Phone nannte den Fluchtversuch vom Dienstag „hochgradig verzweifelt“, da für die Menschen auf dieser Route ohne Rettung durch ein Containerschiff „kaum eine Überlebenschance“ bestanden habe.Die SEA-EYE 4 wird am Freitag die maltesischen Gewässer erreichen, einen Tag vor dem Besuch des Papstes. Geplant sei auch ein Treffen mit Migrant*innen in einem katholischen Aufnahmezentrum.

Vielleicht kann ein unmissverständlicher Appell des Papstes an die maltesische Regierung bewirken, dass Malta sich als nächstgelegener EU-Staat für 106 schutzsuchende Menschen verantwortlich fühlt“, sagt Isler.

Rettungseinsatz

Norddeutscher Reeder der KARINA ruft SEA-EYE 4 vor Libyen zur Hilfe

Am Montagnachmittag, dem 28.03.2022, rettete die Crew des Handelsschiffes KARINA unter der Schiffsführung des ukrainischen Kapitäns Vasyl Maksymenko 32 flüchtende Menschen in den internationalen Gewässern vor Libyen vor dem Ertrinken. Das Handelsschiff der norddeutschen KLINGENBERG Bereederungs- & Befrachtungs GmbH & Co. KG aus Ellerbek war auf dem Weg von Malta nach Benghazi, als es von der Hilfsorganisation Alarm Phone auf den Seenotfall aufmerksam gemacht worden war.

Das Boot drohte zu kentern. Die Menschen hätten das nicht überlebt. Der Wellengang erreichte inzwischen vier Meter. Aus eigener Kraft hätten sie nirgends mehr ankommen können“, sagt Vasyl Maksymenko, Kapitän der KARINA.

Die SEA-EYE 4 war zu diesem Zeitpunkt rund 50 Stunden von dem Notfall entfernt und konnte keine Soforthilfe leisten. Das Rettungsschiff und die Einsatzleitung der Seenotretter*innen waren jedoch zusammen mit zahlreichen staatlichen und anderen nichtstaatlichen Akteuren in die Korrespondenz zu dem Seenotfall eingebunden.

Handelsschiff KARINA

Aufgrund des dramatischen Schriftwechsels kontaktierte die SEA-EYE 4 das Handelsschiff KARINA und bot Unterstützung an. Gleichzeitig kontaktierte die Einsatzleitung der SEA-EYE 4 die Reederei der KARINA, um Hilfsbereitschaft zu signalisieren.

Reeder Thies Klingenberg war sich der schwierigen Situation sofort bewusst.

Es ist nicht das erste Mal, dass wir Menschen aus dem Mittelmeer retten. Unsere Schiffe sind jedoch nicht für die Verpflegung und die medizinische Behandlung von Schiffbrüchigen geeignet“, sagt Klingenberg.

Am Montagnachmittag baten die Reederei und Kapitän Maksymenko die SEA-EYE 4 um Hilfe.

Handelsschiff KARINA

Der Flaggenstaat von KARINA, Antigua und Barbuda, hat die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet“, schrieb Kapitän Maksymenko an die SEA-EYE 4. Man müsse die Menschen an einen sicheren Ort bringen. „Ein sicherer Ort ist ein Ort, an dem das Leben der Überlebenden nicht bedroht ist und an dem ihre grundlegenden menschlichen Bedarfe abgedeckt werden können. Dabei ist der Schutz ihrer Grundrechte zu berücksichtigen: Für Flüchtende bedeutet das, dass sie nicht in ein Kriegsgebiet zurückgewiesen werden dürfen. Dies verbietet, flüchtende Menschen nach Libyen zurückzubringen!“, fährt Maksymenko fort.

Die KARINA und die SEA-EYE 4 vereinbarten einen Treffpunkt und begegneten sich am Dienstagmittag, rund 55 nautische Meilen von der libyschen Küste entfernt. Ein Ärzteteam und der Einsatzleiter der SEA-EYE 4 betraten die KARINA, um die Situation einzuschätzen. Die flüchtenden Menschen harrten nach eigenen Angaben mindestens drei Tage auf ihrem Holzboot aus. Deshalb werden derzeit einige der geretteten Menschen wegen Unterkühlung und Dehydrierung im Bordhospital behandelt. Die Kapitäne beider Schiffe bewerteten die Situation so, dass die SEA-EYE 4 das geeignetere und sicherere Schiff für die 32 Überlebenden ist. Daraufhin willigte die Sea-Eye-Einsatzleitung ein, die geretteten Menschen zu übernehmen.

Handelsschiff KARINA & SEA-EYE 4

Wir haben genügend Proviant, Unterkünfte und ein Bordhospital, sodass wir eine solche Anzahl von Menschen für eine kurze Zeit sicher an Bord nehmen können“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

So verfügt die SEA-EYE 4 über eine sogenannte Rescue Notation von ihrer Klassifizierungsgesellschaft und die italienische Küstenwache bestätigte der SEA-EYE 4 nach technischen Anpassungen im Sommer 2021 die Eignung, kurzzeitig bis zu 200 Menschen versorgen zu können, wenn anschließend ein sicherer Hafen zur Ausschiffung Überlebender angesteuert wird.

Handelsschiff KARINA

Die SEA-EYE 4 wird in den nächsten Stunden Malta ansteuern.

Malta ist der nächstgelegene EU-Mitgliedsstaat. Wir werden dort um einen Ausschiffungshafen bitten“, so Isler.

Allerdings hat Malta seine Häfen für die Ausschiffung von aus Seenot geretteten Menschen seit einigen Jahren geschlossen. Zuletzt durften Sea-Eye-Schiffe im Sommer 2019 gerettete Menschen auf Malta in Sicherheit bringen. Seither wurde die maltesische Politik gegenüber flüchtenden Menschen immer abwehrender.

Geflüchtete auf der SEA-EYE 4

Wir werden nun sehen, ob Malta die Genfer Flüchtlingskonvention genauso wichtig ist wie dem ukrainischen Kapitän Maksymenko, der eine völkerrechtswidrige Zurückweisung in ein Kriegsgebiet verhinderte“, sagt Isler weiter.

An Bord der SEA-EYE 4 erzählte Monique unserem Crewmitglied Fiona kurz vor Weihnachten ihre erschütternde Geschichte. Sie gibt uns einen Einblick in das Schicksal der jungen Frau, die Gefahren auf der Flucht sowie die Hölle in Libyen.

„Meine Mutter ist aus Sierra Leone und mein Vater aus Mali. Ich wurde als uneheliches Kind geboren. Als ich etwa fünf Jahre alt war, entführte mich mein Vater und wir gingen nach Mali. Dann kam der Krieg und er ging allein in die USA. Ich blieb bei meiner Großmutter. Sie hat mich schlecht behandelt. Meine Mutter suchte nach mir, meine Mutter wusste nicht, wo ich war, und ich hatte keine Nachricht von meinem Vater.

In Mali musste ich mit 15 Jahren heiraten. Ich habe eine arrangierte Ehe bekommen. Der Mann, der mich heiratete, schlug mich den ganzen Tag. Wir bekamen drei Kinder, das dritte wurde als Frühgeburt geboren. Das erste Kind bekam ich mit 15 Jahren und mein letztes Kind mit 20 Jahren.

Gerettete

Ich wusste nicht, was ich tun sollte… Wenn ich bei meinem Mann bleibe, schlägt er mich, wenn ich zu meiner Familie zurückkehre, schickt sie mich weg… Ich kam aus einem winzigen Dorf in Mali, ich hatte kein Geld mehr. Ich floh vor meiner arrangierten Ehe mit einer meiner Töchter. Eine alte Dame, die mit uns eine Wohnung teilte, kümmerte sich um mich. Dann erzählte mir jemand, dass meine Mutter gestorben war. Ich hörte, sie sei obdachlos gestorben.

Ich lernte auf Facebook einen nigerianischen Mann kennen, der in Belgien lebte, und wir verliebten uns ineinander. Ich versuchte über das Mittelmeer zu kommen. Aber dann wurde ich erwischt und kam ins Gefängnis.

Dort habe ich eine Menge gesehen. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber der Schmerz ist zu groß. Sie misshandelten mich, sperrten mich ohne Essen ein. Wenn du krank wirst, wirst du dort sterben. Und wenn du dann nach Hause willst, kannst du nicht mehr zurück.

Sie vergewaltigten Mädchen vor aller Augen.

Boot

Einmal suchten sie sich ein Mädchen aus und baten einen Mann, vor allen Leuten mit ihr zu schlafen. Sie hatte keine andere Wahl, denn sie hatten eine Kalaschnikow in der Hand. Er schlief mit dem Mädchen vor allen Leuten, nur weil sie schwarz war. Es gab einen Mann, der seine schwangere Frau mit seinen beiden Kindern beerdigte. Dann wurde er krank… sein ganzer Körper war abgemagert, aber sie ließen ihn nicht raus, weil er kein Geld hatte. Er starb im Gefängnis, er hatte keine Hoffnung mehr. Auf Leute, die versuchen zu fliehen, wird geschossen. In meiner Zelle sind einige Leute gestorben. Einmal hat einer versucht zu fliehen und sie haben ihn vor unseren Augen so schwer geschlagen, dass sein ganzer Körper mit Blut bedeckt war.

Es sind dieselben, die dir bei der Überfahrt helfen und dann dieselben, die dich ins Gefängnis bringen. Sie fangen dich auf dem Meer, sie misshandeln dich. Sie fangen dich zu Hause, sie misshandeln dich auf der Straße, sie misshandeln dich. Sie sagen dir, du sollst zu Hause anrufen und nach Geld fragen. Sie verlangen 1000, 1500 Euro. Und selbst wenn du diese Summe gibst, können sie immer noch zurückkommen. Im Gefängnis kann man Schwarze kaufen. Ein Typ wollte mich, er wollte eine sexuelle Beziehung haben. Er hat 1000 Euro bezahlt, damit ich aus dem Gefängnis komme. Aber ich wollte ihn nicht, also bin ich geflohen.“

Boot

Monique*, 25 Jahre aus Sierra Leone wurde zusammen mit 223 Menschen auf der Weihnachtsmission der SEA-EYE 4 gerettet und an Heilig Abend sicher in Pozzallo an Land gebracht.
*Name und persönliche Daten wurden zum Schutz ihrer Person geändert.

Ausschiffung für Heilig Abend erwartet

Der SEA-EYE 4 wurde nachmittags am 23.12. ein sicherer Hafen in Pozzallo zugewiesen. Das Rettungsschiff wird den Hafen am 24.12. gegen 07:30 Uhr erreichen. „Wir hoffen, dass die Menschen nun zeitnah an Land gehen dürfen und nicht auch noch die Weihnachtstage an Bord verbringen müssen“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V. Viele der geretteten Menschen mussten an Bord medizinisch versorgt werden und brauchen auch an Land weiterhin medizinische Behandlung.

Die Crew der SEA-EYE 4 hatte am 16. und 17. Dezember in vier Rettungseinsätzen 223 Menschen in der maltesischen Such-, Rettungs- und Koordinierungszone gerettet, Malta hatte sich jedoch geweigert die Koordinierung zu übernehmen. Während die SEA-EYE 4 eine Woche lang auf einen sicheren Hafen wartete, mussten 9 Personen aus medizinischen Gründen von der italienischen Küstenwache in vier Einsätzen evakuiert werden.

SEA-EYE 4

Wir sind unendlich erleichtert, dass die Menschen nun endlich an Land dürfen. Es ist schon bezeichnend, dass auch an Heiligabend Menschen von Seenotretter*innen in Sicherheit gebracht werden. Die humanitäre Krise macht keine Weihnachtsferien. Besonders dankbar sind wir dem zivilgesellschaftlichen Seenotrettungsbündnis United4Rescue, die diesen zusätzlichen Einsatz möglich gemacht haben. Die Mission rettete weiteren 223 Menschen das Leben“, sagt Isler.

Insgesamt hat die SEA-EYE 4 in 2021 auf 4 Rettungsmissionen über 1400 Menschen gerettet.