SOS Mediterranee: Tweet

22. April 2021, 21:35 Uhr

Bevor ich anfing, diesen Text zu schreiben, war ich mit dem normalen Tagesgeschäft einer humanitären Organisation beschäftigt. Vor allem mit dem Schreiben von E-Mails und der Arbeit an Dokumenten. Dann schaute ich auf mein Telefon und was ich sah, war erschreckend. Ich musste mit dem, was ich tat, aufhören und schrieb stattdessen die folgenden Zeilen – es sind meine Gedanken und Gefühle, und es ist ein Plädoyer – ein Plädoyer für die Menschlichkeit.

Heute Abend piepte mein Handy und es erschien ein Tweet unserer Kolleg*innen von der Seenotrettungsorganisation SOS Méditerranée. Gestern hatten wir bereits von einer Frau und einem Kind gehört, die bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, gestorben sind. Es ist also nicht gerade eine Vorahnung, wenn man ein komisches Gefühl im Bauch bekommt, wenn man einen Tweet aus der Such- und Rettungszone im Mittelmeer erhält. Schon als ich die ersten Worte las, spürte ich, wie ich mich verschluckte. Ich krampfte meinen Kiefer zusammen. Ein nur allzu vertrautes Gefühl, seit ich vor drei Jahren begonnen habe, bei der zivilen Seenotrettung mitzuarbeiten.

Sophie Weidenhiller

In diesem Tweet berichtet die Organisation, dass „nach stundenlanger Suche [ihre] schlimmste Befürchtung wahr geworden ist“. Sie sprechen über einen der Such- und Rettungsfälle, zu denen sie alarmiert wurden: 130 Menschen an Bord eines seeuntüchtigen Bootes mitten auf dem zentralen Mittelmeer bei rauer See. Sie versuchten ihr Bestes, um diese Menschen zu retten, mussten aber erleben, was die schlimmste Befürchtung für jede*n in der Seenotrettung ist: Sie kamen zu spät.

Ca. 130 Menschenleben gingen auf See verloren, wieder einmal. Es gab keine staatliche Unterstützung für die Suche und die Rettung dieser Personen. Alle Behörden weigerten sich, die Verantwortung zu übernehmen, um diesen Verlust von Menschenleben zu verhindern, wie sie es sich so bequem angewöhnt haben.

Lediglich die leblosen Körper einiger der Menschen wurden von der Crew der OCEAN VIKING geborgen. Die Crew an Bord dieses Rettungsschiffes musste sich heute Nacht dem stellen, vor dem sich europäische Politiker*innen verweigern: von Menschen verursachtes menschliches Leid jenseits aller Vorstellungskraft.

Das Folgende passiert mir immer wieder: Wenn ich über die zivile Seenotrettung schreibe, recherchiere ich die Zahl der Opfer, die bis zum heutigen Tag gestorben sind. Und fast jedes Mal ist die Zahl in der kurzen Zeitspanne, bis der Text oder das Interview veröffentlicht wird, gestiegen. Erst vor wenigen Stunden habe ich ein Radiointerview gegeben und über die bisher 448 dokumentierten Todesfälle in diesem Jahr berichtet. Kurz darauf habe ich noch einmal nachgeschaut und auf der Webseite der vermissten Migrant*innen der IOM wurden bereits 450 Tote angezeigt. Und da sind die Opfer, über die uns SOS Méditerranée und Alarmphone gerade informiert haben, noch gar nicht mit eingerechnet. Diese gelben Zahlen auf der Karte zwischen Afrika und Europa sind für mich zu einem quälenden Ticker geworden: eine ständige Erinnerung daran, wie wir weiterhin darin versagen, diejenigen zu schützen, die am dringendsten Rettung, Schutz und Unterstützung brauchen.

Menschenrechte enden nicht einfach an unseren Grenzen, aber genau dort werden sie derzeit ertränkt.

Im Jahr 2021 sind bereits hunderte Menschen bei dem Versuch, ihr Leben zu retten und sich in Sicherheit zu bringen, gestorben. Sie haben ihr Leben aufgrund der rücksichtslosen, grausamen, unmenschlichen und tödlichen sogenannten EU-Migrations- und Asylpolitik verloren. Und die Zahl der Todesopfer wäre noch höher, wenn es nicht zivile Seenotrettungsorganisationen gäbe – wie unsere mutigen und engagierten Kolleg*innen – die nicht aufgeben oder zurückweichen und weiterhin Seenotrettungsmissionen durchführen, egal mit welchen Schwierigkeiten sie konfrontiert werden.

Mehr als zweimal so viele Menschen sind in diesem Jahr bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, gestorben, verglichen mit dem letzten Jahr. Insgesamt sind mehr als zweimal so viele Menschen gestorben wie im gleichen Zeitraum des Jahres 2020. Diese Route wird von Tag zu Tag tödlicher, während die EU sich weigert, sich an internationale Gesetze zu halten oder auch nur einfachen menschlichen Anstand zu zeigen. Dies geschieht, während die verantwortlichen Behörden untätig herumsitzen und damit eine Beihilfe zu dieser vorsätzlichen Fahrlässigkeit leisten.

Ich schicke meine Grüße der Besatzung der OCEAN VIKING. Ich hoffe, es reicht ihnen irgendwie, zu wissen, dass sie wenigstens ihr Bestes versucht haben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sie sich fühlen müssen, nur noch Leichen bergen zu können, denen die Angst vor dem Tod noch im Gesicht steht. Anstatt lebenden, atmenden Menschen helfen zu können.

Ich fühle mich wütend. Ich fühle mich tief betrübt. Ich fühle mich frustriert. Ich fühle viele Dinge. Ich werde weiterhin alles fühlen, jedes einzelne Mal, bei jeder einzelnen Todesnachricht. Denn ich weigere mich, mich daran zu gewöhnen. Das kann ich nicht und werde ich nicht. Niemals. Und ich weiß, dass es so viele Menschen gibt, denen es genauso geht. Und das ist entscheidend: Denn es geht nicht um mich, nicht im Geringsten. Es geht um die Menschen, die alles verloren haben, was sie hatten, einschließlich ihres Lebens.

Sophie Weidenhiller

Wir müssen weiterhin traurig sein und wir müssen wütend bleiben, wachsam bleiben, wir dürfen nicht aufhören, uns zu sorgen. Aber diese Gefühle müssen uns zum Handeln leiten. Wir müssen handeln. Wir müssen uns für die Menschen einsetzen, die an unseren Grenzen durch den Willen unserer Politiker*innen sterben, und wir müssen laut und deutlich sagen: Wir wollen und akzeptieren nicht, dass es zu diesen Todesfällen kommt. Wir, als Europäer*innen, müssen es besser machen. Jetzt!

Und schließlich, und das ist das Wichtigste, gehen meine Gedanken, meine Gebete und mein Herz an diejenigen, die heute auf so tragische und vermeidbare Weise ihr Leben verloren haben, diejenigen, die um Hilfe schrien und niemand kam, niemand schaffte es rechtzeitig. Das Gleiche gilt für jeden einzelnen Menschen, der ein solches Schicksal erlitten hat oder einen geliebten Menschen durch diesen Wahnsinn, den wir Grenzpolitik nennen, verloren hat. Ich weiß, dass es nichts gibt, was irgendjemand sagen oder tun kann, um ihren Schmerz zu lindern oder jemanden zurück ins Leben zu holen.

Das Einzige, was wir tun können, ist zu versprechen, es besser zu machen, besser zu helfen, bessere Verbündete zu sein, weiter für die Menschenrechte zu kämpfen und den Verlust von Menschenleben auf See so gut es geht zu verhindern.

Europa, wir können es besser machen. Wir müssen es besser machen.

Sophie Weidenhiller,
Pressesprecherin von Sea-Eye, SEA-EYE 4 Crewmitglied, aber vor allem: Mitmensch

Quelle:
https://sosmediterranee.com/statement-ocean-viking-witnesses-aftermath-of-deadly-shipwreck-off-libya/
https://missingmigrants.iom.int/region/mediterranean?migrant_route%5B%5D=1376&migrant_route%5B%5D=1377&migrant_route%5B%5D=1378

Fotos von einem Rettungseinsatz unter Beteiligung von Sophie Weidenhiller von 2018.

Pressemitteilung der Rostocker Fraktionen SPD, DIE LINKE.PARTEI und Bündnis 90/DIE GRÜNEN

Die Rostocker Bürgerschaft hat sich auf ihrer Sitzung am 21.04.2021 mehrheitlich dafür ausgesprochen, eine Patenschaft für das Seenotrettungsschiff Sea-Eye 4 zu übernehmen. Ab 2022 stellt die Hanse- und Universitätsstadt Rostock dafür jährlich 7.000 € zur Verfügung. Nach zwei Jahren erfolgt eine Evaluierung der Patenschaft.

Die Vorsitzenden der antragstellenden Fraktionen, Dr. Steffen Wandschneider Kastell (SPD), Eva-Maria Kröger (DIE LINKE.PARTEI) und Uwe Flachsmeyer (Bündnis90/Die Grünen) erklären: „Menschen vor dem Ertrinken zu retten, ist ein Gebot der Menschlichkeit! Jeder Mensch, der mal zu See gefahren ist, weiß, wie gefährlich es auf dem offenen Meer werden kann. Durch den Einsatz von Rettungsorganisationen wie Sea-Eye können Menschleben gerettet werden. Die Arbeit der Seenotretter*innen verdient unsere Wertschätzung. Diese wollen wir durch eine finanzielle Zuwendung der Stadt verdeutlichen.

Der Vertreter der Hilfsorganisation Sea-Eye e. V., Kim-Jesko Tamm, zeigt sich erfreut über den gefassten Beschluss und erklärt: „Es freut uns, dass Rostock unsere Arbeit durch eine Patenschaft unterstützen wird. Neben ihr gehören auch Städte wie Greifswald und Konstanz oder auch die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland zu unseren Partner*innen. Neben der finanziellen Hilfe hoffen wir auch darauf, dass unsere Organisation und Arbeit noch stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden und Unterstützung erfahren. Wenn andere Gemeinden dem Beispiel Rostocks folgen, können wir unsere Arbeit längerfristig und sicher planen.

Der Oberbürgermeister Rostocks, Claus Ruhe Madsen, sieht in der Annahme des Antrags eine Bekräftigung der bisherigen Aktivitäten der Stadt Rostock im Bereich der zivilen Seenotrettung: „Seit zwei Jahren ist Rostock Mitglied im Bündnis ‚Städte Sicherer Häfen‘. Die Patenschaft für die Sea-Eye 4 zeigt, dass dies nicht nur Worte sind, sondern dass wir die zivile Seenotrettung auch mit Taten unterstützen. Und natürlich freut es uns sehr, dass die Sea-Eye 4 in Rostock getauft wurde und auf einer Rostocker Werft für ihren Einsatz vorbereitet wurde.

Interview mit Michael Wüstenberg von Bord der SEA-EYE 4

Nach sechs Monaten Umbau wird die SEA-EYE 4 von Rostock nach Spanien überführt. Dort werden die letzten Vorbereitungen getroffen, bevor das Schiff in den ersten Einsatz starten kann. Ermöglicht wurde der Umbau durch den Einsatz hunderter ehrenamtlicher Helfer*innen und durch United4Rescue, die mit einer großen Spendenkampagne nicht nur den Kauf, sondern auch den Umbau maßgeblich finanziert haben. Mit an Bord bei der Überführung wird auch Michael Wüstenberg sein. Er ist römisch-katholischer Theologe und lebte und arbeitete fast 30 Jahre in Südafrika – zuletzt als Bischof von Aliwal.

Weshalb ist es dir wichtig, die Überführung der SEA-EYE 4 ins Mittelmeer zu begleiten?

Mein erster Schritt hätte eigentlich die Teilnahme an einer Rettungsmission über Ostern 2020 sein sollen. Das ging leider nicht, wegen der Politik und wegen Corona. Als zu Afrika gehörender Bischof hat mich schon lange der europäische Umgang mit der Emigration aus Afrika über das Mittelmeer traurig gemacht und bedrückt. Ich möchte nun einfach ein Zeichen setzen, dass diese Einsätze wichtig sind. Ich möchte meine Hochachtung für die Crews ausdrücken, die ohne Ansehen der Person Menschen in Lebensgefahr retten. Und ich habe gern mit Hand angelegt bei den letzten Maßnahmen der Instandsetzung. Viele Ehrenamtliche haben da Tolles geleistet, und ich freue mich, dass ich Teil davon sein konnte.

Michael Wüstenberg

Wie engagiert sich die katholische Kirche bisher gegen das Sterben im Mittelmeer? Was wünscht du dir hinsichtlich des Engagements deiner Kirche?

Ein Lichtblick war der Besuch von Papst Franziskus auf Lampedusa am 8.7.2013. Dort feierte er den Gottesdienst an einem Altar, gebaut aus dem Wrack eines Bootes. Einige Diözesen, Gemeinden, die Caritas und auch Einzelpersonen beteiligen sich bei United4Rescue. Sie unterstützen die neue Mission der SEA-EYE 4. Etliche Bischöfe haben mir ihre positive Haltung ausgedrückt, auch gegenüber den zivilen Rettungsorganisationen. Da Kirche ja alle ihre Mitglieder sind, wünsche ich mir, dass sie sich beteiligen, ein positives Klima entgegen aller anderslautenden Parolen in der Gesellschaft zu schaffen. Als Kirche sind wir Klimaarbeiter, Mentalitätsarbeiter: und hier geht es um das Klima der Menschlichkeit.

Die EU-Staaten setzen seit jeher auf Abschottung gegen flüchtende Menschen. Ihre Maßnahmen aber werden immer drastischer und verstoßen direkt gegen Menschenrechte. Wie muss sich die Migrationspolitik der EU-Staaten ändern?

In dem komplexen Problem müssen Ursachen anerkannt und bekämpft werden. Trotz wohlmeinender Politiker ist die koloniale wie postkoloniale Wirtschaft sehr auf den Vorteil des „Westens“ ausgerichtet. Da muss sich etwas ändern. Auch die Fluchtursachen im Nahen Osten sind ein westliches Produkt, in einer Kettenreaktion ausgelöst durch einen mit Täuschung begründeten Krieg im Irak. Da gilt es Verantwortung zu übernehmen, der sich mächtige westliche Staaten gern entziehen. Teil der Verantwortung muss sein, zum Beispiel das Immigrationsrecht entsprechend zu verändern. Es gilt dabei, das Wort Partner ernst zu nehmen und Menschen nicht bloß als Objekt auch herablassender Behandlung, als „Flüchtling“ zu verstehen.

Michael Wüstenberg

Muss sich unsere gesellschaftliche Sicht auf schutzsuchende Menschen ändern, um zu einer menschenrechtskonformen Politik zu finden? Was kann die Kirche hierfür leisten?

„Batho pele“, Menschen zuerst, hieß es in Südafrika nach der rassistischen Apartheidszeit. Die Kirchen zusammen hatten gelernt, miteinander und mit anderen Gruppen der Menschlichkeit wegen zu netzwerken. Apartheid verschwand, nicht aber die Tendenzen, Menschen an den Rand zu drängen. Da gilt es wachsam zu sein: Für Schutzsuchende, auch für die Armen in der eigenen Gesellschaft. Die Güter der Welt sind für alle bestimmt, sagt die katholische Soziallehre. Und sie spricht von Solidarität, davon, dass Gemeinwohl wichtig ist. Sie sagt das für alle Menschen. Überall. Ich erwarte, dass Kirchen in den verschiedenen europäischen Ländern auch gegenüber ihren Regierungen entschieden dafür eintreten.

Zur Person:

Michael Wüstenberg lebt als emeritierter Bischof in Hildesheim. Von 2008 bis 2017 war er Bischof der Diözese Aliwal in Südafrika. Sein Arbeitsschwerpunkt war das Netzwerken kleiner christlicher Gemeinschaften und die Ausbildung von verantwortlichen „Ehrenamtlichen“ in Gemeinden unter dem Leitbild einer Kirche, die der Menschlichkeit dient. Armut und HIV/AIDS waren da die wesentlichen Herausforderungen. Er beschäftigt sich weiter mit den Themen Rassismus und Immigration. Ihn interessiert kirchliches Leben, in dem das Herzblut der Menschlichkeit klar erkennbar ist.

Das Auslaufen der SEA-EYE 4 war für uns alle ein bewegender Moment, den wir mit Ihnen teilen möchten. Dafür haben wir das Ablegen und die ersten Meilen filmisch begleitet. Viel Freude beim Anschauen!

Sea-Eye und United4Rescue senden die SEA-EYE 4 ins Mittelmeer

Das neue Rettungsschiff SEA-EYE 4 hat am Samstagvormittag, 17.04.2021, seinen Rostocker Werfthafen verlassen und ist zur Überfahrt ins Mittelmeer aufgebrochen. Sechs Monate lang wurde das Rettungsschiff von rund 250 ehrenamtlichen Helfer*innen umgebaut und für den ersten Einsatz vorbereitet. Vor wenigen Tagen erhielt die SEA-EYE 4 die deutsche Flagge und die deutsche Flaggenstaatsverwaltung gab grünes Licht für den Betrieb. Die Ankunft der SEA-EYE 4 in Spanien ist für Ende April geplant, von dort aus wird sie dann so schnell wie möglich in den ersten Rettungseinsatz aufbrechen.

Seit vielen Jahren sterben Menschen im Mittelmeer. 2021 sind es bereits mindestens 406 Tote. Der Aufbruch der SEA-EYE 4 ist ein wichtiges Signal eines breiten zivilgesellschaftlichen Bündnisses an die EU-Mitgliedstaaten. Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen, um die Zahl der Asylanträge in Europa zu reduzieren und andere von der Flucht abzuschrecken, ist menschenverachtend. Diese verantwortungslose Politik findet in der Zivilgesellschaft keinen Rückhalt. United4Rescue mit 744 Bündnispartnern, die evangelische und katholische Kirche und tausende Spender*innen haben dies heute erneut deutlich gemacht“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

SEA-EYE 4

Finanzieller Rückenwind aus breiten Teilen der Zivilgesellschaft

Kauf und Umbau des Rettungsschiffs wurden maßgeblich von United4Rescue, dem Bündnis für die zivile Seenotrettung, ermöglicht und auch ein großer Teil der Missionskosten werden vom Bündnis getragen. Die Überfahrt der SEA-EYE 4 ins Mittelmeer wird durch Zuwendungen der katholischen (Erz-)Bistümer München und Freising, Paderborn und Trier finanziert.

„Die SEA-EYE 4 ist nicht nur ein weiteres Rettungsschiff, welches im Mittelmeer Menschen vor dem Ertrinken rettet. Sie ist auch ein Symbol dafür, dass wir als United4Rescue gemeinsam mit unseren vielen Bündnispartnern und Unterstützer:innen nicht nachlassen werden im Einsatz für Menschlichkeit. Wir wollen dem Sterben im Mittelmeer nicht tatenlos zusehen – deshalb sind wir sehr froh, mit der SEA-EYE 4 einem weiteren Schiff den Einsatz zu ermöglichen“, sagt Thies Gundlach, Vorsitzender von United4Rescue.

SEA-EYE 4

Wir möchten uns bei allen bedanken, die es möglich gemacht haben, dass nun ein weiteres Rettungsschiff ins Mittelmeer aufbrechen kann. Ein besonderer Dank geht an die vielen ehrenamtlichen Werfthelfer*innen, die vielen Spender*innen und unsere Partner*innen. Nur weil alle an einem Strang gezogen haben, sehen wir nun ein Rettungsschiff in Bewegung, um Menschenrechte gegen alle Widerstände weiter zu verteidigen“, so Isler.

Ausstattung und Bauweise der SEA-EYE 4

Die Bauweise des ehemaligen Offshore-Versorgungsschiffes ist sehr gut für Seenotrettungseinsätze geeignet und bietet viel Platz für die Erstversorgung geretteter Menschen. Die Krankenstation verfügt über einen modernen Standard und ist auch auf Corona-Patient*innen vorbereitet.

Zur Durchführung von Rettungseinsätzen verfügt die SEA-EYE 4 über zwei Kräne, die die zwei Einsatzboote sicher und schnell zu Wasser lassen können. Im Einsatzfall nähern sich die Einsatzboote den Menschen in Seenot, verteilen Rettungswesten und evakuieren die hochseeuntauglichen Boote.

Die SEA-EYE 4 (Baujahr 1972) ist 53 m lang, 11,5 m breit, hat eine Höchstgeschwindigkeit von 10,5 Knoten und wird ihre Einsätze mit bis zu 26 Crewmitgliedern durchführen.

Neues Hostelzimmer im Sea-Eye Design

Das DOCK INN Hostel in Rostock-Warnemünde ist, während die SEA-EYE 4 zum Rettungsschiff in einer lokalen Werft umgebaut wurde, zum Partner von Sea-Eye geworden. Das politisch engagierte Hostel setzt sich seit Jahren für die Seenotrettung ein, unter anderem durch Unterstützung der Seebrücke und Rostock Hilft.

Ab sofort ist es möglich, ein Sea-Eye Zimmer im DOCK INN zu buchen. Werfthelfer*innen von Sea-Eye gestalteten den Raum mit Original-Exponaten vom Rettungsschiff, die sie als Dekoration verwendeten oder zu Möbeln umbauten. Mit der Gestaltung des Raums möchten die Helfer*innen dem Hostel für seine tatkräftige Unterstützung – unter anderem bei den Übernachtungen für die Werftcrew während der Werftzeit in Rostock – danken.

DOCK INN Hostel

Sobald ich von dem Raumprojekt gehört habe, habe ich mich bereit erklärt, dabei zu helfen. Das DOCK INN hat uns großartig unterstützt. Ohne sie wäre das Projekt SEA-EYE 4 nicht möglich gewesen. Deshalb wollten wir unser Bestes tun, um unsere Dankbarkeit zu zeigen. Mit der Hilfe und Unterstützung von großartigen Freund*innen – Simon, Timme, Fabi und Prinzi – konnte ich die verrückten Ideen, die in meinem Kopf auftauchten, realisieren“, sagt Kasia, Werfthelferin auf der SEA-EYE 4.

Wir hatten eine wunderbare Zeit mit den Menschen von Sea-Eye und freuen uns, einen kleinen Beitrag zum Gelingen dieses wichtigen Projektes gleistet zu haben. Durch das neue Zimmer werden wir auch zukünftig eng verbunden bleiben und können damit auf die humanitäre Krise an den europäischen Außengrenzen aufmerksam machen. Kasia und den beteiligten Künstler_innen ist es gelungen einen Raum zu gestalten, der sich durch das authentische, maritime Ambiente, die vielen Details und Informationen wunderbar in das Hostel einfügt und einen interessanten Aufenthalt verspricht“, sagt Christoph, Eigentümer des DOCK INN.

DOCK INN Hostel

Zukünftig wird das DOCK INN einen Teil der Einnahmen durch den Raum an Sea-Eye spenden. Außerdem wird es in dem Raum und an der Rezeption durch Infomaterial die Möglichkeit geben, mehr über die Arbeit von Sea-Eye zu erfahren.

Die enorme Unterstützung vom DOCK INN hat wesentlich zum Gelingen des Projekts SEA-EYE 4 beigetragen. Dass wir uns während eines so stressigen Projektes im Hostel so wohlfühlen konnten, war fantastisch. Wir sind Anne, Christoph und den Mitarbeiter:innen sehr dankbar“, betont Carlotta aus dem Büro der SEA-EYE 4.

Die SEA-EYE 4

Die SEA-EYE 4 wurde sechs Monate lang in Rostock zum Rettungsschiff umgebaut. Die Bauweise des ehemaligen Offshore-Versorgungsschiffes ist sehr gut für Seenotrettungseinsätze geeignet und bietet viel Platz für die Erstversorgung geretteter Menschen. Das Rettungsschiff (Baujahr 1972) ist 53 m lang, 11,5 m breit, und hat eine Höchstgeschwindigkeit von 10,5 Knoten und wird ihre Einsätze mit bis zu 26 Crewmitgliedern durchführen.

SEA-EYE 4

Italienischer Richter beendet 6-monatige Festsetzung

Am Mittwochmorgen wurde vor dem regionalen Verwaltungsgericht von Sardinien in Cagliari über die Festsetzung des Rettungsschiffes ALAN KURDI verhandelt. Die italienische Küstenwache hatte die ALAN KURDI am 9. Oktober 2020 festgesetzt, nachdem deren Crew 133 Menschenleben gerettet hatte. Gegen die Festsetzung klagte Sea-Eye im Eilverfahren.

Am Freitag entschied der Richter, dass das Schiff nicht länger festgehalten werden darf, da Sea-Eye „schwere finanzielle Schäden durch die Festsetzung“ erleidet und „weitere Schäden komplexer Art“ entstehen können, wenn Sea-Eye nicht gestattet wird, das Schiff rechtzeitig zu seiner zweijährigen Inspektion und geplanten Wartungen nach Spanien zu überführen. Der Verhandlungstermin in der Hauptsache, wo über die Rechtmäßigkeit der Festsetzung entschieden wird, wurde auf den 3. November 2021 gelegt.

Während der Verhandlung führte ein Vertreter des italienischen Verkehrsministeriums an, dass der Flaggenstaat Deutschland seiner Verantwortung nicht gerecht würde, wenn für deutsche Schiffe, die zur Rettung von Menschen im zentralen Mittelmeer eingesetzt werden, keine strengeren Regeln bestimmt werden. Sea-Eyes Anwälte trugen hingegen vor, dass sowohl die deutschen, als auch die spanischen Fachbehörden sowie eine international anerkannte Schiffsklassifikationsgesellschaft der ALAN KURDI die nötige Schiffssicherheit bescheinigt hätten.

Die Festsetzung von Rettungsschiffen ist verantwortungslos, weil sie ausschließlich politisch motiviert ist. Das italienische Verkehrsministerium machte mit seinem Vorwurf an das Bundesverkehrsministerium klar, worum es geht. Es geht bei den Festsetzungen deutscher Rettungsschiffe insbesondere darum, dem Bundesverkehrsministerium eine neue Rettungsschiffklasse aufzuzwingen, weil man davon ausgeht, dass wir die Auflagen nur schwer erfüllen könnten“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Die Festsetzung der ALAN KURDI, der SEA-WATCH 3 und der SEA-WATCH 4 und die Diskussionen über Schiffsklassen sind Maßnahmen Italiens, die zivile Seenotrettung systematisch zu hemmen. 2018 wurde die Seenotrettung im Mittelmeer für Monate blockiert, indem Italien eine Diskussion über die Flaggen der Rettungsschiffe befeuerte. Die Schiffe SEA-EYE, SEEFUCHS und LIFELINE konnten fortan nicht mehr eingesetzt werden. Nachdem sich die Seenotrettungsorganisationen in diesem Punkt angepasst hatten, greift Italien nun die Schiffsklassen der Rettungsschiffe an.

Die Diskussionen über technische Ausstattungen und Zertifikate dienen nur dem Zweck, von der andauernden, humanitären Krise im Mittelmeer abzulenken, die die EU-Mitgliedsstaaten zusammen weiter aufrechterhalten“, so Isler weiter.

Die ALAN KURDI wird nun auf die Überfahrt nach Spanien vorbereitet, um geplante Wartungsarbeiten durchzuführen. Der lange Rechtsstreit, um die ALAN KURDI zu befreien, war eine große finanzielle Herausforderung für Sea-Eye. Auch die kommenden Werftarbeiten werden zusätzliche finanzielle Mittel benötigen, für die Sea-Eye auf Spenden angewiesen ist.

15.000 Euro für die SEA-EYE 4

Es ist eine Tragödie, dass seit Jahren fortdauernd Menschen auf ihrer Flucht über das Mittelmeer ertrinken. Schon viel zu lange fehlt es an effektiven, politischen Lösungen, um dies zu verhindern. Solange die Politik nicht handelt, können wir als Christen nicht tatenlos zusehen“, begründet der Limburger Generalvikar Wolfgang Rösch die Spende für das neue Rettungsschiff SEA-EYE 4.

Generalvikar Wolfgang Rösch

Das Bistum Limburg und der Diözesancaritasverband unterstützen die Rettungseinsätze von Sea-Eye mit 15.000 Euro. Die Spende kommt zur rechten Zeit, denn die Umbauarbeiten an der SEA-EYE 4 sind fast abgeschlossen, die Überführung ins Mittelmeer steht kurz bevor und die Vorbereitungen für den ersten Rettungseinsatz des neuen Schiffs sind im vollen Gange.

Unser großer Dank geht diese Woche nach Limburg. Wenn die EU-Staaten jegliche Motivation Menschenleben zu retten vermissen lassen, dann braucht es eine starke Zivilgesellschaft und starke Unterstützer*innen, um so viele Leben wie möglich zu retten“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

In seiner Pressemitteilung betont das Bistum Limburg, dass die Menschenwürde niemals verhandelbar ist:

Unabhängig von allen migrations- und integrationspolitischen Debatten, die wir in Deutschland führen oder zukünftig noch führen werden, ist eines für uns als Caritas niemals verhandelbar: Die Würde des einzelnen Menschen wie sie in Artikel 1 des Grundgesetzes prominent verankert ist“, erklärt Jörg Klärner, Diözesancaritasdirektor im Bistum Limburg.

Jörg Klärner

Den Geflüchteten, die im Mittelmeer in lebensgefährliche Not geraten, gilt aus unserem humanitären und nicht zuletzt aus unserem christlich geprägten Selbstverständnis heraus unsere uneingeschränkte Solidarität und unsere Fürsprache bei den politisch Verantwortlichen,“ so Klärner.

Dem ist außer einem herzlichen Dankeschön nichts mehr hinzuzufügen.

Spendenbedarf für den Maschinenraum ist gedeckt

In den Tagen vor Ostern hatte uns eine schlechte Nachricht aus dem Maschinenraum der SEA-EYE 4 erreicht. Die Hauptmaschine war nicht mehr richtig ausgerichtet, wodurch die Lager und Wellen innerhalb der Maschine nicht mehr miteinander fluchteten. Bei der Fahrt hätte dadurch eines der Lager heiß laufen können. Ein Totalschaden drohte. Damit standen wir vor zwei Problemen. Erstens musste der Schaden technisch behoben werden und zweitens beliefen sich die Kosten hierfür auf 16.000 €.

Jörg Beiler, Schiffbauingenieur auf der SEA-EYE 4, erklärte das Problem in einer Videobotschaft direkt von Bord des Rettungsschiffs und rief zu Spenden auf. Viele Menschen sind diesem Aufruf in kürzester Zeit gefolgt und spendeten für die Reparatur. Allein die Fachschaft Medizin der Universität Kiel erbrachte mit ihrer jährlichen Spendenaktion für Sea-Eye 8.000 € und damit die Hälfte des benötigten Spendenbedarfs. Somit ist das finanzielle Problem dank des engagierten Einsatzes dieser Spender*innen gelöst. Das technische Problem gehen wir diese Woche an. So ist bereits eine Fachfirma beauftragt, den Schaden zu reparieren. Wenn dieser Schritt gemacht ist, stehen wir kurz vor dem Auslaufen der SEA-EYE 4 und ihrer Überfahrt ins Mittelmeer.

Herzlichen Dank an alle Spender*innen!

Freilassung der ALAN KURDI wird vor Gericht verhandelt

Am 7. April 2021 findet in Cagliari auf Sardinien die Gerichtsverhandlung über die Freilassung des Rettungsschiffs ALAN KURDI statt. Die italienische Küstenwache hatte das Schiff am 9. Oktober 2020 in Olbia auf Sardinien festgesetzt, nachdem es bei drei erfolgreichen Rettungseinsätzen 133 Menschen, darunter 62 Minderjährige, gerettet hatte.

Die Festsetzung des Rettungsschiffs durch italienische Behörden ist Teil eines systematischen Angriffs der EU-Mitgliedsstaaten auf flüchtende Menschen und Seenotretter*innen. Seit Jahrzehnten arbeiten die EU-Staaten daran, schutzsuchende Menschen an ihren Außengrenzen abzuwehren. Ihre eigenen Such- und Rettungsmissionen stellten die EU-Staaten vor Jahren ein und griffen stattdessen zivile Seenotrettungsorganisationen massiv politisch und juristisch an.

Politische und juristische Angriffe auf Seenotretter*innen

Neben politischen Diffamierungskampagnen werden juristische Angriffe auf die Seenotretter*innen ausgeführt. So setzt Italien immer wieder Rettungsschiffe unter fadenscheinigen Begründungen und gegen das Recht der Flaggenstaaten fest. Seit Jahren ermittelt die italienische Staatsanwaltschaft gegen Seenotrettungsorganisationen und hat Anfang März 2021 ein Verfahren gegen 21 Seenotretter*innen der humanitären Hilfsorganisationen Ärzte ohne Grenzen, Jugend rettet und Save the Children eröffnet. Im Fall einer Verurteilung drohen Höchststrafen von bis zu zwanzig Jahren Gefängnis.

Dariush Beigui

Die politischen und juristischen Angriffe auf Seenotretter*innen zeigten sich bereits 2017 deutlich, als Italien die Hilfsorganisation Jugend rettet verleumdete und das Rettungsschiff IUVENTA blockierte. Ein Jahr später übte die italienische Regierung erheblichen Druck auf Flaggenstaaten wie die Niederlande und Panama aus, die daraufhin den damaligen Rettungsschiffen verschiedener Seenotrettungsorganisationen die Flagge entzogen und den Einsatz der Schiffe verhinderten.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Während die EU-Staaten versuchen die europäischen Seenotretter*innen zu stoppen, finanzieren sie die libysche Küstenwache, um die flüchtenden Menschen in das Bürgerkriegsland Libyen und die Folterlager zurückzubringen. Omer Shatz reichte deshalb bereits 2019 Klage beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein, denn er sieht in dieser Politik einen systematischen Angriff auf die flüchtenden Menschen auf See.

Wir fordern anlässlich des Verhandlungstermins der ALAN KURDI nicht nur die Freilassung des Rettungsschiffs, sondern eine Hundertachtziggradwende in der Migrationspolitik der EU-Staaten. Die politischen Angriffe gegen flüchtende Menschen und humanitäre Organisationen müssen sofort beendet werden. Diese Politik hat bereits zehntausende Tote gefordert. Damit muss endlich Schluss sein! Der Name Alan Kurdi sollte der Politik Mahnung genug sein, ihre Politik sofort zu ändern“, appelliert Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V. an die EU-Staaten.

Seenotretter*innen dürfen nicht verfolgt werden!

In der neusten Podcast-Episode spricht Sophie mit Dariush von IUVENTA10 darüber, warum die EU-Staaten flüchtende Menschen bekämpfen und Italien massiv rechtlich gegen Seenotretter*innen vorgeht. Dariush ist einer von jenen Personen, die in Italien dafür angeklagt werden, dass sie Menschen vor dem Ertrinken gerettet haben.