• Sea-Eye fordert EU-Mitgliedsstaaten auf, Seenotrettung zu betreiben
  • neue Marine-Operation braucht humanitäres Mandat

Am 17. Februar hat Josep Borrell, Hoher Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik, die Pläne für eine neue Militär-Mission „Operation EU Active Surveillance“ im Mittelmeer vorgestellt. Ziel der Mission ist es, das beschlossene Waffenembargo für Libyen militärisch zu überwachen. Darauf hatten sich die EU-Außenminister*innen geeinigt.

Sea-Eye kritisiert die Rahmenbedingungen der „Operation EU Active Surveillance“ scharf.

  • Die Schiffe sollen sich nur maximal auf 100 Kilometer der libyschen Küste nähern, um während der Einsätze nicht in die internationale seerechtliche Verpflichtung zu kommen, in Seenot geratene Flüchtende retten zu müssen.
  • Das Einsatzgebiet soll sich ausschließlich im östlichen Mittelmeer befinden. Dort sind so gut wie keine Menschen in Seenot. Nur wenige Stunden westlich müssen hingegen täglich Menschen um ihr Leben fürchten.
  • Falls die Schiffe der Marine zu viele Menschen aus Seenot retten, soll die Mission wieder eingestellt werden.

Die Intention ist eindeutig: Unter keinen Umständen sollen Menschen aus Seenot gerettet werden. Staatliche Seenotrettung ist unerwünscht.

Derweil fliehen weiterhin Menschen aus dem Bürgerkriegsland Libyen und riskieren auf der Suche nach Sicherheit ihr Leben auf dem Mittelmeer.

Forderungen an die Außenminister*innen der EU

Wir fordern deshalb die Außenminister*innen der EU-Mitgliedsstaaten, speziell Außenminister Heiko Maas und seinen österreichischen Amtskollegen Alexander Schallenberg, dazu auf, die Schiffe mit einem ausdrücklichen Mandat zur Suche und Rettung auszustatten und aktiv Menschen aus Seenot zu retten. Die Schiffe müssen zwingend in der libyschen Such- und Rettungszone eingesetzt werden und internationalen Gesetzen Rechnung tragen. Wenn europäische Marineeinheiten im Mittelmeer operieren, müssen diese Schiffe unbedingt zur Seenotrettung eingesetzt werden.

Petition gestartet

Um dieser Forderung zur Einhaltung fundamentaler Menschenrechte auf See Nachdruck zu verleihen, hat Sea-Eye eine Petition gestartet. Damit fordern wir die europäische Gesellschaft dazu auf, sich unserem Appell an die Außenminister*innen der EU-Mitgliedsstaaten anzuschließen.

„Seit Jahren verlassen sich die EU-Mitgliedsstaaten darauf, dass zivile Retter*innen Menschen in Seenot finden und versorgen. Diese zivilen Organisationen gibt es aber nur, weil die EU-Mitgliedsstaaten bis heute keine Schiffe geschickt haben, um dort Seenotrettung zu betreiben. Wir versuchen eine immer größer werdende Lücke zu füllen“, sagt Julian Pahlke, Sprecher der Organisation Sea-Eye e. V.

„Wenn nun zur Durchsetzung des Waffenembargos wieder staatliche EU-Schiffe in das Seegebiet vor Libyen zurückkehren, müssen diese auch einen klaren humanitären Auftrag bekommen. Und dies bedeutet, Menschen in Seenot aktiv zu suchen, zu retten und in Sicherheit zu bringen. Wegschauen ist eine Missachtung der Menschenrechte“ , sagt Lena Meurer, Mitglied des Vorstandes von Sea-Eye e. V.

Sea-Eye errichtet Seenotrettungsstützpunkt auf Sizilien

Am Samstag empfing Bürgermeister Leoluca Orlando die Sea-Eye-Vorstände Jan Ribbeck und Gorden Isler im Rathaus von Palermo. Orlando ist in Italien der wohl lauteste politische Unterstützer der zivilen Seenotretter*innen und der Menschenrechte, für die sie eintreten. In der Zeit von Salvinis „geschlossenen Häfen“ machte er immer wieder deutlich, dass Palermos Häfen für aus Seenot gerettete Menschen offen blieben. Orlando unterstützt auch das Bündnis United4Rescue, ernannte verschiedene Seenotretter*innen zu Ehrenbürger*innen von Palermo und nutzte seinen politischen Einfluss, um die Arbeit der Hilfsorganisationen zu erleichtern.

Sea-Eye Ehrenmitglied Leoluca Orlando

Deshalb hat Sea-Eye nun Leoluca Orlando die Ehrenmitgliedschaft im Verein von Sea-Eye angeboten, um sein unersetzbares Engagement höchstmöglich zu würdigen. Mit den Worten „es ist mir eine große Ehre“ willigte er sichtlich gerührt ein und nahm eine Urkunde der Regensburger Seenotretter*innen entgegen.

„Orlandos Einsatz für Gerechtigkeit und Menschenrechte ist sehr viel älter als Sea-Eye. Ihn auf diese Weise wertschätzen zu dürfen, ist auch eine besondere Ehre für uns“, betonte Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Ribbeck und Isler informierten Orlando über die weiteren Pläne der Organisation. So beabsichtige Sea-Eye, zukünftig mit der ALAN KURDI von Sizilien aus in Rettungseinsätze zu starten und einen Seenotrettungsstützpunkt in Palermo zu errichten.

„Durch die kürzeren Anfahrten schonen wir unsere Ressourcen und erhöhen unsere Anwesenheitszeiten in der libyschen Such- und Rettungszone. Wir erhoffen uns so vor allem, mehr Menschenleben retten zu können“, sagte Jan Ribbeck, stellvertretender Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Ehrenmitgliedschaft für Leoluca Orlando

Aufgrund der rigiden Innenpolitik unter Matteo Salvini musste die ALAN KURDI in 2019 immer wieder von Spanien starten. Die Crews und Geretteten erlebten zahlreiche unwürdige Blockaden. Leoluca Orlando sicherte seine weitere Unterstützung für die Zukunft zu und bat Sea-Eye wiederum, immer offen über die Bedarfe der Rettungskräfte zu sprechen.

„Wir sind unendlich dankbar für einen Verbündeten wie Leoluca Orlando, denn im Vergleich zu den größeren Organisationen bleiben unsere Möglichkeiten sehr limitiert. Dass wir Hilfe brauchen, ist kein Geheimnis“, so Ribbeck weiter.

Die ALAN KURDI soll Mitte März die spanische Werft verlassen und in die libysche Such- und Rettungszone zurückkehren.

Mitglieder würdigen besondere Verdienste von Gründer Michael Buschheuer

  • Sea-Eye-Mitgliederversammlung wählt neuen Vereinsvorstand
  • Herausforderungen durch weiteren Professionalisierungsbedarf
  • Besondere Würdigung des Vereinsgründers Michael Buschheuer
  • ALAN KURDI absolviert Werftaufenthalt in Spanien

Am Samstag trafen sich mehr als 60 der insgesamt 500 Vereinsmitglieder von Sea-Eye zur jährlichen Mitgliederversammlung in Regensburg. In einer achtstündigen Sitzung stellte sich das höchste Vereinsgremium den aktuellen Fragestellungen.

So wählte die Mitgliederversammlung den Hamburger Gorden Isler erneut zum Vereinsvorsitzenden. Als stellvertretender Vorsitzender wurde Jan Ribbeck aus Kempten im Amt bestätigt. Ebenfalls in der Verantwortung blieben der Regensburger Günther Schmidt und der Weidener Dominik Reisinger. Neu im Vorstand ist Lena Meurer. Der Vorstand von Sea-Eye arbeitet nach wie vor ehrenamtlich.

In einer offenen Aussprache ging es insbesondere um die Zukunft der Regensburger Seenotretter*innen. So war man sich darin einig, dass die internationale Staatengemeinschaft derzeit erfolgreicher darin ist, neue Fluchtursachen zu schaffen als sie zu beseitigen. Nie waren so viele Menschen auf der Flucht wie heute. Staatliche Akteure haben die Seenotrettung im zentralen Mittelmeer gänzlich eingestellt und überlassen die dortigen Seenotfälle der sogenannten libyschen Küstenwache. An zivile Seenotrettungsorganisationen werden zunehmend höhere Anforderungen gestellt. Viele mussten aufgeben. Sea-Eye ist mit der ALAN KURDI weiter einsatzfähig. Die Mitglieder wollen mit ihrem Schiff weiter Menschenleben retten, weil es einfach notwendig bleibt. Der Verein wird seine Professionalisierungsstrategie daher weiter fortsetzen und durch Gründung einer Sea-Eye-Akademie noch mehr Menschen dazu befähigen, ehrenamtliche Seenotretter*innen zu werden.

Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung des Regensburgers Michael Buschheuer. Der Verein wurde vor 4 Jahren auf seine Initiative hin gegründet. Michael Buschheuer selbst war zur „Young Security Conference“ im Kontext der parallel stattfindenden Münchener Sicherheitskonferenz als Referent eingeladen worden und konnte deshalb nicht an der Versammlung teilnehmen. Die Mitglieder beschlossen seine besondere Bedeutung und würdigten seine beispielhafte Courage und seinen unermüdlichen Einsatz für Sea-Eye e. V.

„Als Gründer ist Michael Buschheuer in besonderer und wiederholender Weise zu würdigen. Wir sehen in Michael einen sehr wichtigen und unglaublich engagierten Repräsentanten“, sagte Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Das Sea-Eye-Schiff ALAN KURDI absolviert derweil einen Werftaufenthalt in der spanischen Stadt Burriana. Mehr als 60 ehrenamtliche Helfer*innen bereiten das Schiff auf das Einsatzjahr 2020 vor. Nach Absolvierung der Werft soll die ALAN KURDI für den Rest des Jahres wieder einsatzfähig sein.

Sea-Eye-Schiff vor planmäßiger Wartung in spanischer Werft

  • maltesiche Army evakuiert 78 Gerettete
  • Lage in Libyen laut UNHCR außer Kontrolle
  • Gerettete berichten von traumatischen Erlebnissen auf See
  • Sea-Eye sammelt Spenden für Wartungsarbeiten

Am vergangenen Samstag rettete die zehnte Crew des deutschen Rettungsschiffes ALAN KURDI insgesamt 78 Menschenleben von zwei hochseeuntauglichen Booten. Vier Tage später evakuierte die maltesische Army die Geretteten auf See. Noch am Sonntag lehnten die maltesischen Behörden die Ausschiffung der Geretteten ab. So sei Malta weder zuständig, noch habe man weitere Kapazitäten, um aus Seenot gerettete Schutzsuchende aufzunehmen. Es gäbe eine Einigung mit anderen EU-Mitgliedsstaaten. Deshalb solle sich das Schiff an den nächsten Küstenstaat wenden.

Trotz des schlechten Wetters und der gefährlichen Fluchtbedingungen fliehen in diesen Tagen besonders viele Menschen aus Libyen. Hilfsorganisationen wie Sea-Eye retteten in den vergangenen Tagen rund 800 Menschen. Der UNHCR erklärte schon vor einer Woche, dass die Lage in Libyen „außer Kontrolle“ geraten sei und dass man nicht einmal mehr „minimale Sicherheitsstandards für Flüchtlinge“ zu garantieren vermöge. Der Versuch die europäische Marinemission „Sophia“ wiederzubeleben scheiterte an den Regierungen von Österreich und Italien.

Auf der ALAN KURDI mussten 78 Gerettete aus 20 unterschiedlichen Herkunftsländern auf die Zuweisung eines sicheren Ausschiffungshafens warten. Einige der Geretteten berichteten, drei Tage unterwegs gewesen zu sein und das Bouri Oilfield durchquert zu haben. Dabei hätte auch ein Frachtschiff ihren Kurs gekreuzt und sei ihnen ausgewichen. Die Geretteten des zweiten Bootes berichteten dem Sea-Eye-Menschenrechtsbeobachter Todesangst gehabt zu haben, als ihr Boot von mehreren Haien umkreist worden sei.

Als Einsatzleiterin Johanna Pohl die Geretteten am Dienstagabend informierte, dass die Menschen von einem maltesischen Militärschiff abgeholt werden würden, um nach Malta übernommen zu werden, äußerten viele Schutzsuchende große Ängste, zurück nach Libyen gebracht zu werden. Nur mit großer Anstrengung konnte die Crew die Menschen beruhigen und glaubhaft vermitteln, dass dies nicht der Grund dafür sei, dass Malta die ALAN KURDI nicht anlegen lässt.

Die ALAN KURDI hat nun Kurs auf den spanischen Hafen von Burriana gesetzt. Dort wird das 70 Jahre alte Rettungsschiff einer planmäßigen Wartung unterzogen. Zuletzt war die ALAN KURDI im Mai im Trockendock. Seither absolvierte das Schiff sieben weitere Missionen. Keine einzige Mission verlief ohne eine oder mehrere Rettungen.

„Diese vielen, schweren Stunden werden wir nie vergessen. Nun muss es uns gelingen, bis zu 120.000 € für die Wartungen und den Austausch von zwei Generatoren zu sammeln. Wir hoffen, dass wir Mitte März in die elfte Mission starten können“, sagt Gorden Isler – Vorsitzender, von Sea-Eye e. V.

Die Regensburger Seenotretter sind dann für den Rest des Jahres einsatzfähig.

Rettungsschiff ALAN KURDI rettet 78 Menschenleben

Am Samstagmorgen wurde das deutsche Rettungsschiff ALAN KURDI des Regensburger Vereins Sea-Eye e. V. über einen Seenotfall informiert. Die Organisation Watch the Med – Alarmphone erhielt von den Menschen an Bord des Schlauchbootes einen Notruf und leitete diesen an das Rettungsschiff und die zuständigen Behörden weiter.

Nach mehreren Stunden wurde das Boot gegen 9:00 Uhr gefunden. Zu dem Zeitpunkt drang bereits Wasser in das Schlauchboot ein, dessen Hülle aus dünnem Material, ähnlich einer LKW-Plane, bestand. Unter den 62 Geretteten befinden sich 8 Frauen und 7 Kinder, das jüngste Kind ist gerade einmal sechs Monate alt.

Kurze Zeit nach der Rettung war ebenfalls ein Schiff der sogenannten libyschen Küstenwache vor Ort und wies die ALAN KURDI an, die libysche Such- und Rettungszone zu verlassen.

„Die sogenannte libysche Küstenwache behandelt eine Such- und Rettungszone wie ein Territorialgewässer, bedrängt wiederholt zivile Rettungskräfte und erteilt unrechtmäßige Anweisungen. Diese Kompetenz steht ihnen überhaupt nicht zu und die von der EU unterstützten Milizen nehmen damit bewusst die Gefährdung von Menschenleben in Kauf“, sagt die Einsatzleiterin Johanna Pohl von Bord des Schiffes.

Wenige Minuten nach der Rettung erreichte die ALAN KURDI der Hilferuf eines Frachtschiffes, das ein Boot in Seenot gesichtet hatte. Die ALAN KURDI erreichte das mit 16 Personen besetzte Boot am frühen Nachmittag und evakuierte das seeuntüchtige Boot ebenfalls. Drei der Geretteten waren stark dehydriert und wurden an Bord sofort medizinisch behandelt.

Auch wenn sich die Zuweisung eines Hafens für Rettungsschiffe in den letzten Wochen gebessert hat, ist es noch zu früh, von einer Normalisierung der Seenotrettung nach völkerrechtlichen Standards zu sprechen.

„Es ist eine seerechtliche Pflicht, die Menschen schnell an einen sicheren Ort zu bringen. Auch wenn wir Ansätze eines Verteilungsmechanismus sehen, muss der Schutz der Menschen an oberster Stelle stehen. Die EU und alle ihre Mitgliedstaaten müssen Italien dabei unterstützen und sich im europäischen Sinne solidarisch verhalten. Das Mittelmeer darf kein schutzloser Raum bleiben“, sagt der Sprecher von Sea-Eye, Julian Pahlke.

Nach einer längeren Phase mit schlechtem Wetter und hohem Seegang machte sich die ALAN KURDI am 17. Januar auf den Weg ins Such- und Einsatzgebiet. In den letzten Tagen patrouillierte das Schiff im zentralen Mittelmeer. Die deutsch-spanische Crew wird von Rettungskräften von Sea-Eye und der spanischen Hilfsorganisation Proem Aid gestellt.

Die Sicherheit der Menschen in Libyen muss höchste Priorität haben.

Wenige Tage nachdem dem Sea-Eye-Gründer Michael Buschheuer für die Gründung der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye der Georg-Elser-Preis für besondere Zivilcourage und zivilen Ungehorsam gegen Staatsgewalt in München verliehen wurde, empfängt die Bundesregierung am darauffolgenden Sonntag Diktatoren und Warlords in der deutschen Hauptstadt.

Anlässlich des sogenannten Libyen-Gipfels in Berlin adressiert Sea-Eye wichtige Forderungen an die Bundesregierung und die Bundeskanzlerin.

Europa muss den Weg zu einer menschenrechtsbasierten und humanitären gemeinsamen Außenpolitik finden. Die Bundesregierung muss ihren Einfluss geltend machen, um den Frieden in Libyen zu fördern und sichere Schutzräume für Geflüchtete in Libyen zu schaffen, die idealerweise unter der Kontrolle der Vereinten Nationen und nicht von libyschen Milizionären, Menschenhändlern oder Warlords stehen. Die Zusammenarbeit mit einem undurchsichtigen, gewaltbereiten Geflecht von libyschen Küstenwächtern muss durch eine europäische Marineoperation ersetzt werden, die darauf ausgelegt ist, möglichst viele Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Zivile Seenotrettungsorganisationen müssen in ihren Bemühungen Menschenleben zu retten unterstützt und gefördert werden. Die Rettungsleitstellen von Rom und Valletta müssen zu einer Kooperation mit den Hilfsorganisationen zurückkehren. Deren Zusammenarbeit rettete zwischen 2016 und 2018 zehntausenden Menschen das Leben. Familien mit Kindern und unbegleitete Minderjährige müssen aus humanitären Gründen sofort aus Libyen evakuiert werden. Menschenhandel und Schlepper bekämpft die Europäische Union am besten mit humanitären Korridoren und sicheren Fluchtwegen.

„Wie kann man in Berlin einerseits ernsthaft mit Warlords über einen Waffenstillstand in Libyen verhandeln und zeitgleich zu der Ansicht gekommen sein, dass es in Ordnung ist, systematisch Menschen von der Flucht abzuhalten und sie in das Bürgerkriegsland zurückzuzwingen?“ fragt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Die Bundesregierung unterstützt und finanziert zusammen mit anderen EU-Mitgliedsstaaten die sogenannte libysche Küstenwache, um Menschen auf der Flucht auf dem Mittelmeer abzufangen und zurück in das Bürgerkriegsland zu bringen. Völkerrechtler reden von einer Untergrabung grundlegender Menschenrechte.

„Genau durch diesen Kreislauf aus unkontrollierbaren Lagern, dem Abfangen von Menschen auf dem Mittelmeer und dem Zurückbringen in eben diese Lager entstand ein unerträglicher Mechanismus systematischer Menschenrechtsverletzungen, dessen politische Architekten in den Regierungen Europas sitzen“, sagt Julian Pahlke, Sprecher von Sea-Eye.

Die ALAN KURDI wurde im Oktober 2019 selbst bei einem Seenotfall von einer bewaffneten libyschen Miliz überfallen und bedroht. Für die sogenannte Seepolizei von Zuwara blieb dieser Vorfall ohne Konsequenzen. Eine gerettete Frau berichtete den Menschenrechtsbeobachtern an Bord der ALAN KURDI im November, dass sie in einem Lager mit ansehen musste, wie ein Neugeborenes einer Somalierin an einen wilden Hund verfüttert wurde.

„Die Bundesregierung kann die gesunkene Zahl der Asylanträge in Deutschland und Europa nicht als Erfolg verkaufen, während die Menschen in Libyen den höchstmöglichen Preis dafür zahlen. Die Verbrechen an den Menschen in Libyen gehen über die Bedeutung des Wortes Gewalt hinaus. Wir erwarten, dass die Sicherheit fliehender Menschen höchste Priorität bei den Gesprächen in Berlin hat. Die Bundesregierung ist in der Verantwortung“, sagt Isler weiter.

Hamburg ist der neue Heimathafen des Sea-Eye Schiffs

  • ALAN KURDI auf dem Weg in den zehnten Einsatz
  • Mehr als 1.500 Menschen in den letzten Wochen auf dem Mittelmeer in Seenot
  • Forderung zur Libyen-Konferenz: Schutz von Flüchtenden oberste Priorität

Das Rettungsschiff ALAN KURDI hat am Freitagmittag den Hafen von Palermo verlassen und ist auf dem Weg ins zentrale Mittelmeer. Während des Aufenthalts in Palermo wurde die vorherige Crew abgelöst und Wartungsarbeiten am Schiff vorgenommen.

Die Freie und Hansestadt Hamburg ist nun der offizielle Heimathafen des unter deutscher Flagge fahrenden Schiffs. Die Hamburger Bürgerschaft hatte Sea-Eye als erste Stadt im vergangenen Jahr finanziell gefördert. Außerdem haben hier alle relevanten Schifffahrtsbehörden ihren Sitz.

Während der letzten Wochen versuchten trotz des schlechten Wetters mehr als 1.500 Menschen über das Mittelmeer zu flüchten. Aufgrund der Witterungsbedingungen ist die Flucht zu dieser Zeit besonders gefährlich. Dabei wurden fast 1.000 Menschen in das Bürgerkriegsland Libyen zurückgebracht, wie Berichte der IOM (International Organisation for Migration) zeigen.

„Das Menschen zurück nach Libyen gebracht werden, ist ein schwerwiegender Verstoß gegen die Menschenrechte. Vielen droht, in den berüchtigten Zentren zu landen, in denen massive Gewalt, Misshandlung, sexuelle Gewalt und teilweise Tötungen an der Tagesordnung sind“, sagt Sea-Eye Sprecher Julian Pahlke.

Am 26. Dezember 2019 rettete das Schiff ALAN KURDI zuletzt 32 Menschen von einem seeuntauglichen Boot. Alle waren libysche Staatsangehörige.

„Die Entwicklung zeigt uns, dass auch für Libyer*innen die Situation in dem Land durch die Konflikte immer gefährlicher wird. Wenn am Sonntag in Berlin mit und über Libyen verhandelt wird, muss der Schutz der Bevölkerung und vor allem von Menschen auf der Flucht oberste Priorität haben. Europa darf keine gewaltbereiten Milizen zur Rettung beauftragen, die die universellen Rechte systematisch verletzen, sondern muss selbst Schiffe zur Rettung möglichst vieler Menschenleben entsenden. Libyen ist kein sicherer Ort für Menschen auf der Flucht“, sagte Pahlke weiter.

„Die letzten Wochen zeigen erneut, wie wichtig der Rettungseinsatz aber auch der Schutz und die Beobachtung von Menschenrechten ist. Wir dürfen auf See keinen schutzlosen Raum entstehen lassen, in dem Menschen ertrinken und niemand mehr so schwerwiegende Verbrechen bezeugt“, sagt die Berliner Einsatzleiterin Johanna Pohl von Bord des deutschen Rettungsschiffs.

Die ALAN KURDI wird voraussichtlich am Sonntag die libysche Such- und Rettungszone erreichen.

Man muss sich klarmachen, dass wir im Schnitt mehr als ein Menschenleben pro Tag bewahrt haben. Ein Blick zurück.

Vier dieser Menschen möchten wir euch heute vorstellen und in Erinnerung rufen. Denn es geht nicht um Zahlen oder um Statistik, sondern um persönliche Einzelschicksale: um Lebenswege, Familie, Hoffnung, Angst und um Träume.

Geflüchteter

Alpha Jor floh aus Sierra Leone. Einsatzleiter Jan Ribbeck und seine Crew fanden den Jungen zusammen mit 16 weiteren Überlebenden orientierungslos auf dem Meer. Trotz grausamer Erfahrungen brachte er sein Lächeln und seinen Frohsinn mit aus einem überfüllten Holzboot auf die ALAN KURDI. Er musste fast ein Jahr auf Malta ausharren, bis ihn ein anderes EU-Mitgliedsland aufnahm. Seine Retter haben Kontakt zu ihm. Wir wissen, wie hart es für ihn war und dass er nun wieder optimistisch in die Zukunft sieht.

Geflüchteter in eine Decke gehüllt

Qeyz floh mit 16 aus Somalia. An einem Morgen im Juni entdeckte die FAZ-Journalistin Julia Anton mit einem Fernglas das blaue Schlauchboot, auf dem er sich mit weiteren 59 Geflüchteten befand. Julia Anton hatte die Morgenwache. Später sagte ein Geretteter zu ihr: “We would have died without it.“ Heute lebt Qeyz zusammen mit vier weiteren Überlebenden aus diesem Boot in Finnland.

Manuel wurde zusammen mit seiner Mutter und seinem Vater im April gerettet. Die nigerianische Familie lebte bereits seit einigen Jahren in Libyen. Der Vater reparierte Klimaanlagen, um die Familie zu ernähren, bis das Leben dort unerträglich wurde. “As a foreigner you have no rights and no protection in Libya. Your family can become victims of serious violence at any time.“ Die Familie ist nun in Sicherheit.

Evakuierung eines Babys durch die italienische Küstenwache

Fatima’s Leben hatte gerade erst vor acht Wochen begonnen, als Bordärztin Barbara H. das Kind im November direkt vom Rettungsboot durchnässt vom Meerwasser entgegennahm. Sie wachte die ganze Nacht über das dehydrierte und unterernährte Mädchen und übergab es am nächsten Morgen zusammen mit den Eltern an die italienische Küstenwache.

Diese Menschen leben, weil Sie uns unterstützen. Ohne Ihre Hilfe kann die ALAN KURDI nicht ablegen. Ohne Ihre Zuwendungen kann unser Schiff keine Crews in die libysche Rettungszone tragen, um dort Menschen wie Fatima, Manuel, Qeyz und Alpha Jor in den schwersten Stunden ihres Lebens beizustehen.

Wir bitten Sie heute, uns mit einer Schiffspatenschaft für die ALAN KURDI regelmäßig zu unterstützen. Den Betrag bestimmen Sie selbst. Durch Ihre regelmäßige Unterstützung machen Sie unsere Arbeit sicherer und planbarer.

Von Herzen Danke und ein frohes, gesundes, neues Jahr für Sie und Ihre Lieben!

Einsatz vom 2. Weihnachtsabend findet gutes Ende

  • ALAN KURDI legt in Pozzallo an
  • 32 gerettete Personen können an Land gehen
  • Malta lehnte eine Evakuierung von geschwächten Frauen und Kindern ab
  • Guiseppe Conte kündigte eine Überarbeitung der strengen Sicherheitspolitik an

Am Sonntagmorgen legte das deutsche Rettungsschiff ALAN KURDI im Hafen von Pozzallo an. Die 32 Überlebenden sendeten am zweiten Weihnachtsabend einen Notruf an die Hilfsorganisation AlarmPhone. Sofort wurden die libyschen Behörden und die zivilen Rettungsschiffe ALAN KURDI und OCEAN VIKING informiert. In der Nacht zum Freitag fand die Crew der Regensburger Organisation insgesamt 32 Menschen in einem überfülltem Kunststoffboot. Alle Überlebenden gaben an, libysche Staatsbürger zu sein.

Nachdem sich das Rettungsschiff ALAN KURDI am Samstagabend erst wenige Stunden in der italienischen Such- und Rettungszone befand, wies die italienische Seenotleitstelle unserer Einsatzleitung einen sicheren Hafen zu. Zuvor war für zehn Gerettete bei der maltesischen Rettungsleitstelle um Evakuierung gebeten worden. Zwei Frauen und mehrere Kinder nahmen aufgrund der Seekrankheit und des Stresses keine Nahrung und kein Wasser zu sich und waren dehydriert. Trotzdem lehnte die maltesische Leitstelle eine Evakuierung ab.

„Wir sind wirklich erleichtert, dass die Geretteten nicht länger an Bord unseres Schiffes ausharren mussten. Der medizinische Zustand einiger Menschen und der aufziehende Sturm bereitete uns zunehmend Sorgen“, sagte Vorstand Gorden Isler.

Die Menschenrechtsbeobachterin an Bord der ALAN KURDI interviewte einige Überlebende. Ein Mann berichtete, dass er zum Militärdienst für den libyschen Bürgerkrieg herangezogen werden sollte und floh deshalb, weil er keine Menschen töten wolle. Seine Partnerin und er gaben weiter an, die Flucht über das Mittelmeer als letzten Ausweg gesehen zu haben. Sea-Eye wertet die Interviews zur Zeit noch aus.

Am Samstag äußerte sich der italienische Staatspräsident Guiseppe Conte, dass er Salvini’s Sicherheitspolitik überarbeiten wolle. Unter dem ehemaligen Innenminister Matteo Salvini wurden drakonische Strafen gegen Rettungskräfte und Rettungsschiffe eingeführt.

Julian Pahlke, Sprecher von Sea-Eye zu den politischen Entwicklungen Italiens: „Salvinis Politik der geschlossenen Häfen muss sofort beendet werden. Die sogenannten Sicherheitspakete haben nicht nur das fremdenfeindliche Klima angeheizt, sie widersprechen auch dem Völkerrecht und fundamentalen Menschenrechten. Der Ankündigung des Staatspräsidenten müssen nun Taten folgen. Wir müssen zu einer humanitären Sicht auf diese Krise an unseren gemeinsamen Außengrenzen zurückfinden. Im gleichen Zuge müssen aber alle EU-Mitgliedsstaaten zusammen, die Mittelmeeranrainerstaaten unterstützen und sich auf eine gemeinsame Verteilung aller Geretteten einigen.“

Crew der ALAN KURDI rettet 32 Menschenleben

Am zweiten Weihnachtsabend empfing die Crew der ALAN KURDI einen Notruf. Das deutsche Rettungsschiff hatte die libysche Such- und Rettungszone erst wenige Stunden zuvor erreicht. Der Notruf wurde um 22:31 Uhr von der Hilfsorganisation AlarmPhone an die libysche Rettungsleitstelle und an die Rettungsschiffe ALAN KURDI und Ocean Viking weitergeleitet.

Das Schiff der Regensburger Seenotretter benötigte rund zwei Stunden zur übermittelten Koordinate, die sich nur etwa 17 Seemeilen von der libyschen Küste entfernt befand. Dennoch reagierten die libyschen Behörden überhaupt nicht auf den weitergeleiteten Notruf.

Auf dem überfüllten Kunststoffboot befanden sich insgesamt 32 Personen, darunter 10 Kinder und 5 Frauen. Eine Frau ist schwanger. Das jüngste Kind ist gerade einmal 3 Monate alt. Alle Überlebenden geben an libysche Staatsbürger zu sein.

„Wie sicher kann Libyen schon sein, wenn sich die Libyer selbst mit ihren Familien auf dem Meer in Lebensgefahr begeben, um das Land zügig zu verlassen?“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Bis zum heutigen Freitagvormittag hat sich keine Rettungsleitstelle als zuständig erklärt. Die ALAN KURDI hat inzwischen Kurs auf die italienische Insel Lampedusa gesetzt, denn der nächste Sturm zieht auf.

„Die Flucht ist zu dieser Jahreszeit besonders gefährlich, weil sich das Wetter ständig ändert“, sagt Julian Pahlke, Sprecher von Sea-Eye. „Hätten wir die Menschen nicht gefunden, wären sie spätestens morgen in einen Sturm geraten. Ihre Überlebenschancen wären dadurch drastisch gesunken.“