Ein Jahr nach Zidens Rettung

2019 wurde Ziden Allagui durch die ALAN KURDI auf dem Mittelmeer aus Seenot gerettet. Reporterin Carolin Unger hat die Rettung damals begleitet. Ein Jahr später hat sie Ziden in Frankreich wiedergetroffen und berichtet, wie es ihm heute geht. Wir freuen uns, dass Ziden in Europa gut angekommen ist!

Quelle: RTL Nachtjournal

Italienische Behörden schienen unvorbereitet

Die ALAN KURDI erreichte Freitagvormittag (25.09.20) den Hafen in Olbia auf Sardinien. Es sollte bis Samstagmittag um 13:15 Uhr dauern, bis alle geretteten Menschen das Schiff verlassen durften. Der Vorgang, die Menschen zu registrieren und einem Gesundheitscheck zu unterziehen, dauerte erheblich länger als üblich.

Am gestrigen Tag mussten unsere Gäste daher viele Stunden in Kälte, Wind und Regen an Deck der ALAN KURDI warten. 61 Menschen mussten sogar eine weitere Nacht an Bord verbringen, da die italienischen Behörden gestern gegen 20:30 Uhr den Vorgang der Registrierungen aussetzten und erst am Samstagvormittag neu begannen.

Gerettete mit Decke

Warum es so lange gedauert hat, können wir nur vermuten. Es sieht aber danach aus, dass die italienischen Behörden einfach überfordert waren. Für unsere Gäste, die frierend in Decken gehüllt im Regen warten mussten, war dies kein freundlicher Empfang, aber sie ertrugen es mit großer Geduld“ berichtet Kai, Menschenrechtsbeobachter an Bord der ALAN KURDI.

Vorbereitungen in Olbia

Die Crew wurde mittlerweile auch auf Covid-19 getestet. Die Ergebnisse stehen noch aus. Die italienischen Behörden hatten bereits gestern angekündigt, dass die Crew der ALAN KURDI eine 14-tägige Quarantäne in Olbia absolvieren soll. Die Bitte des Kapitäns, den Zielhafen Marseille anzulaufen, wurde abgelehnt.

Wir haben während dieser Mission von keinem EU-Staat Unterstützung in unserer Arbeit erfahren. Aber wir sind froh, dass wir 133 Menschen an einen sicheren Ort bringen konnten. Wir wünschen diesen Menschen alles erdenklich Gute“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye zum Abschluss der Mission.

Die Crew bereitet das Rettungsschiff derweil auf den nächsten Einsatz vor.

Menschen frieren den gesamten Tag in Kälte und Regen

Am Freitagmorgen durfte die ALAN KURDI wie angekündigt in den Hafen von Olbia einlaufen. Doch die italienischen Behörden weigerten sich, alle Geretteten an Land gehen zu lassen. Den ganzen Tag froren die Menschen in Decken gehüllt an Bord der ALAN KURDI, denn es regnete schwer und ein kalter Wind fegte über den Hafen.

Frierende Gerettete mit Decken im Regen

Nachdem der Kapitän mehrere Stunden insistierte, gaben die Behörden an, dass alle Menschen die ALAN KURDI verlassen dürften. Daraufhin konnten die ersten der 125 Geretteten von Bord gehen. Gegen 20:30 Uhr stoppten die italienischen Behörden diesen Vorgang, obwohl noch viele Menschen an Bord sind. Die verbliebenen 61 Menschen sollen bis morgen früh in Kälte und Wind an Deck der ALAN KURDI bleiben.

Kind mit Rettungsring

Italien zeigt sich hier von seiner hässlichsten Seite. Auf diesem Schiff warten Menschen, die aus einem Bürgerkriegsland geflohen sind, darauf, dass man ihnen einen warmen Platz zum Schlafen gibt. Ist das zu viel verlangt?, fragt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Die geretteten Menschen ertrugen diese Tortur den gesamten Tag mit großer Geduld.

Der Crew der ALAN KURDI wurde bereits eine 14-tägige Quarantäne angekündigt, so wie es zuvor bei anderen Schiffen ebenfalls verordnet wurde. Die Bitte des Kapitäns, nach der Ausschiffung weiter nach Marseille fahren zu dürfen, wurde abgelehnt.

Kapitän der ALAN KURDI
Joachim Ebeling, Kapitän der ALAN KURDI

Die französische Regierung appelierte an Italien

ALAN KURDI soll vor Sardinien ankern
Nach der Ankündigung von Sea-Eye am Dienstagmorgen, dass die ALAN KURDI ihren Port of Call Marseille anlaufen wird, wurde dem deutschen Rettungsschiff nun doch ein italienischer Hafen auf Sardinien zugewiesen. Ob Arbatax der Ausschiffungshafen für die 125 Geretteten werden kann, bleibt aber offen. Bisher darf die ALAN KURDI nur vor Sardinien ankern, um Schutz vor einem Unwetter zu suchen.

Zuvor hatte die italienische Rettungsleitstelle die Koordinierung abgelehnt. Das deutsche Verkehrsministerium unternahm unterdessen keine sichtbaren Bemühungen, die italienischen Kolleg*innen um Koordinierung zu bitten.

Die deutschen und italienischen Behörden müssen jetzt erklären, warum man sich ganze vier Tage in Stillschweigen aus der Verantwortung gestohlen hat“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Die französische Regierung drängte am Mittwochabend auf eine Lösung und appellierte erfolgreich an die italienische Regierung, die humanitären Grundsätze im Falle der ALAN KURDI zu beachten. Am Mittwoch um Mitternacht kontaktierte die italienische Rettungsleitstelle den Kapitän der ALAN KURDI, um über die „weitere Koordinierung“ zu sprechen. Man schlug dem Kapitän einen Hafen auf Sardinien vor, um vorerst Wetterschutz zu finden.

Gerettete Familie auf der ALAN KURDI

Selbstverständlich folgen wir diesem Vorschlag, schließlich bitten wir seit fünf Tagen um die Koordinierung unseres Falles“, sagt Isler weiter.

Lage an Bord der ALAN KURDI
Die ALAN KURDI hat inzwischen den Hafen von Arbatax erreicht und wurde von der Hafenmeisterei angewiesen, dort vorerst zu ankern und auf weitere Instruktionen zu warten. Die Lage an Bord der ALAN KURDI wird von Menschenrechtsbeobachter Kai Echelmeyer als stabil beschrieben. Auch wenn einige Menschen wegen Seekrankheit behandelt werden müssen, gibt es keine schwerwiegenden Probleme oder Konflikte an Bord.

Wir haben jedoch noch immer mehr als 50 Minderjährige an Bord, darunter viele Unbegleitete und auch kleine Kinder“, sagt Echelmeyer.

Spielende Kinder auf der ALAN KURDI

Doch auch die wiederholten Bitten von Sea-Eye, die besonders schutzbedürftigen Personen unverzüglich auszuschiffen, blieben unbeantwortet.

EU-Kommission fordert im Migrationspakt Koordinierung und schnelle Ausschiffung
Am Mittwoch stellte die EU-Kommission ihren Migrationspakt vor.

„Such- und Rettungseinsätze in Notsituationen erfordern Koordinierung und rasche Ausschiffung an einen sicheren Ort sowie die Achtung der Grundrechte der geretteten Personen in Übereinstimmung mit den Verpflichtungen aus der EU-Charta der Grundrechte, einschließlich des Grundsatzes der Nichtzurückweisung, und mit den gewohnheitsmäßigen und konventionellen internationalen Menschenrechten und dem Seerecht“, heißt es unter Punkt 7 des von der Kommission vorgestellten Papiers.

EU-Kommissarin Ylva Johannson betonte die besondere Bedeutung der zivilen Seenotretter*innen und deren Unterstützung.

Doch an genau diesem Punkt funktioniert im zentralen Mittelmeer derzeit nichts mehr. Die Kommission fordert hier rechtliche Selbstverständlichkeiten“, sagt Isler.

Dass Italien die Zuständigkeit für einen Seenotfall gänzlich ablehnt, ist für Sea-Eye neu.

Es deutet daraufhin, dass Italien aus Seenot gerettete Menschen gar nicht mehr als Seenotfall einstuft“, sagt Isler.

In einem Gespräch zwischen der italienischen Küstenwache und Sea-Eye Vertreter*innen im vergangenen Juni, sprach ein Jurist der italienischen Küstenwache von einem „service for migrants at sea“, als er den Einsatzzweck der ALAN KURDI aus Sicht der italienischen Küstenwache beschrieb.

Dies zeigt, dass sich die italienische Sicht nicht nur auf die Rettungsschiffe der humanitären Organisationen, sondern insbesondere auf die Geretteten geändert hat. Denkt man das zu Ende, dann kommt man zu dem beängstigenden Ergebnis, dass die Küstenwache die Sicht von rechtspopulistischen Politiker*innen übernommen hat und nun von Passagieren spricht, um die Schiffe aus technischen Gründen festhalten zu können“, sagt Isler weiter.

Rettungsleitstellen koordinieren nicht

Nach der Rettung von 133 Menschen am vergangenen Samstag (19.09.2020) übernahm bis zum Dienstagabend keine europäische Rettungsleitstelle die Koordinierung für die geretteten Menschen auf der ALAN KURDI. Die maltesische Rettungsleitstelle lehnte schlicht ab. Die italienische Rettungsleitstelle verwies auf die deutsche Leitstelle in Bremen und von dort aus wurden die Anfragen an das Bundesverkehrsministerium und das Auswärtige Amt weitergeleitet.

Am Dienstagmorgen evakuierte die italienische Küstenwache zwei Frauen, einen Mann und fünf Kinder, darunter ein fünf Monate altes Baby. Die Kommunikation dazu fand ausschließlich mündlich über Funk statt. Jan Ribbeck, Rettungsleiter und Vorstand bei Sea-Eye, kritisiert das Vorgehen der italienischen und der deutschen Behörden. Am Dienstagabend schrieb er der Rettungsleitstelle Rom:

Evakuierung bei Nacht

Das zuständige JRCC in der libyschen SAR-Zone hat weder vor noch nach der Rettung über E‑Mail, Funk oder Telefon Kontakt mit dem Schiff aufgenommen. Alle weiteren der SAR-Zone nächstgelegenen Behörden haben sich bis zum heutigen Tag trotz mehrfacher Kontaktversuche und Einwendungen nicht auf eine Zuständigkeit geeinigt. Die gemeinsame Pflicht zur Koordination von Seenotfällen endet nicht in Stillschweigen und Untätigkeit der Behörden. Sie gilt solange weiter, bis die Rettungsoperation mit der Verbringung der geretteten Menschen in einen sicheren Hafen abgeschlossen ist. Wegen der Untätigkeit der italienischen und deutschen Behörden muss der Kapitän konsequenterweise unseren nächsten Hafen, den sogenannten Port of Call, für die schnellstmögliche und sichere Versorgung und Evakuierung der geretteten Menschen ansteuern. Um jedoch eine lange und stressige Überfahrt zu vermeiden, müssen wir auf die sofortige Ausschiffung aller geretteten Personen innerhalb der nächsten Stunden drängen.

Rettungsschiff ALAN KURDI setzt Kurs auf Frankreich

Wenn die Rettungsleitstelle in Tripolis ausfällt und seine Verantwortung nicht wahrnehmen kann, dann sind alle anderen europäischen Rettungsleitstellen verantwortlich und zur Kooperation verpflichtet, denn schließlich geht es um Menschenleben“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Die Seenotretter*innen informierten die Rettungsleitstellen von Italien, Malta, Deutschland und Frankreich sowie das Auswärtige Amt am Dienstagabend über ihre Absichten und wiederholten ihre Anfrage auf einen sicheren Hafen erneut, doch keine Leitstelle antwortete.

Die ALAN KURDI nahm deshalb Dienstagnacht Kurs auf ihren Port of Call, den ursprünglichen Zielhafen, den das Schiff planmäßig anlaufen sollte, um dort den Crewchange durchzuführen und den nächsten Einsatz vorzubereiten. Der französische Hafen von Marseille wurde auch deshalb gewählt, weil er von Deutschland einfacher für die Helfer*innen von Sea-Eye erreicht werden kann und für das Rettungsschiff OCEAN VIKING bereits ein geeigneter Stützpunkt ist.

Gerettete und Crewmitglied

Natürlich kann auch der Port of Call ein Place of Safety sein. Die Untätigkeit der italienischen und deutschen Behörden zwingt uns zu diesem Schritt“, sagt Isler weiter.

Neu ist die Wahl eines weiter entfernten Hafens nicht. Rupert Neudeck von Cap Anamur brachte ab 1979 so über 10.000 vietnamesische Geflüchtete, die sogenannten boat people, in Sicherheit.

Weitere Blockade vor Italien inakzeptabel

Zuletzt hatten die italienischen Behörden das spanische Rettungsschiff OPEN ARMS vor Sizilien so lange blockiert, bis dutzende Menschen vor Verzweiflung von Bord sprangen, um selbst an Land zu schwimmen.

In eine solche unkontrollierbare Situation wollen wir uns nicht bringen lassen. Eine weitere Blockade werden wir nicht akzeptieren“, sagt Isler.

Nach Rücksprache mit der nautischen Crew hält Isler die Risiken der Überfahrt für vertretbar.

Da wir vor Sardinien, vor Korsika und vor Südfrankreich an vielen Hafenstädten vorbeifahren, werden wir auch überall um Unterstützung bitten können“, so Isler

Die französische Regierung hatte sich zuletzt immer wieder an der Verteilung von aus Seenot geretteten Menschen beteiligt.

Wir wissen nicht, wie die französische Regierung auf unser Hilfegesuch reagieren wird. Wir glauben jedoch an die Unterstützung durch die französischen Bevölkerung und dass man die ALAN KURDI nicht vor Marseille stranden lassen wird“, sagt Isler weiter.

Kai, unser Menschenrechtsbeobachter, spricht an Bord mit unseren Gästen über ihre Erlebnisse. Ein Vater aus Libyen berichtete ihm, weshalb seine Familie das Bürgerkriegsland verlassen musste.

„In Libyen gibt es kein Leben mehr. Das Land hat sich verändert und mit ihm die Menschen. Es gibt keine Perspektive dort. Ich habe eine Frau und drei Kinder im Alter von sieben Jahren, vier Jahren und fünf Monaten.

Von 2005 bis 2017 habe ich mit meiner Familie in Dubai gewohnt und ich konnte ohne Probleme reisen. Als wir zurück nach Libyen kamen, war nichts mehr wie vorher.

Unser Haus wurde vom Krieg zerstört, wir haben nichts mehr. Mein Sohn braucht dringend eine Operation, die er in Libyen nicht bekommen kann. Ich habe schon alles versucht und all unser restliches Geld für ihn ausgegeben.

Libyscher Mann

Mein 4-jähriger Sohn kennt mich gar nicht richtig. Weil wir wegen des Bürgerkriegs in ständiger Angst leben, kann ich nicht mit ihm spielen. Ich kann meine Kinder auch nicht nach Draußen lassen, weil das zu gefährlich ist.

„Man lebt in ständiger Angst in Libyen.“

Ich möchte nur, dass es meiner Familie gut geht. Daher musste ich Libyen verlassen.

Ich weiß schon lange, dass viele Menschen in mein Land kommen, um nach Europa zu gehen, aber ich hätte nie gedacht, dass ich mal gehen muss. Und ich hätte nie gedacht, dass ich Libyen so verlassen würde. Meine Familie und Freunde sind teilweise noch da und es tut mir sehr weh, Libyen zu verlassen.“

— Vater aus Libyen (45 Jahre) —

Statement von Kai:

Was diese Familie erlebt hat, ist erschreckend und bestürzend. Gleichzeitig zeigt es deutlich, wie unsicher und instabil Libyen durch den Bürgerkrieg geworden ist. Die Gespräche, die ich bisher mit unseren Gästen führen konnte, zeigen, dass in Libyen auch außerhalb der Foltercamps katastrophale Zustände herrschen.

„Wir sehen wiedermal, dass Libyen kein sicherer Ort ist.“

— Kai, Menschenrechtsbeobachter —

Es tobt seit Jahren ein Bürgerkrieg. Die Menschen leben in Angst und täglich werden Menschenrechte verletzt.

Wir sind froh, unseren Gästen an Bord der ALAN KURDI endlich Schutz und Sicherheit geben zu können.

ALAN KURDI erreicht Lampedusa

Innerhalb von 12 Stunden rettete die Crew am Samstag 133 Menschen aus drei verschiedenen Booten. Zunächst 90 Menschen aus einem Schlauchboot und 24 Menschen aus einem kleinen Holzboot.

Auf beiden Booten gab es kein Satellitentelefon, sodass die Menschen niemals Hilfe hätten rufen können. Sie wären nirgends angekommen“, berichtet Kai, Menschenrechtsbeobachter an Bord der ALAN KURDI.

Die Wache des Schiffes entdeckte beide Schiffe mit dem Fernglas.

Bei der Größe des Suchgebietes ist das reines Glück. Wir fragen uns, wieviele Boote wohl ungehört und ungesehen verschwinden“, so Kai.

Gerettete Familie bei Nacht auf der ALAN KURDI

Nach Einbruch der Nacht fand die Crew ein weiteres Holzboot mit 19 Menschen, deren Notruf von AlarmPhone an die Behörden und die ALAN KURDI weitergeleitet worden war. 18 Personen sind libysche Staatsbürger*innen. Auf die schriftlichen Anfragen des Kapitäns des Sea-Eye-Schiffes reagierten weder die zuständigen libyschen Behörden noch die Rettungsleitstellen in Rom und Valletta.

Viele Kinder wurden gerettet

62 Personen der geretteten Menschen geben an minderjährig zu sein. Es sind mehrere Familien und eine schwangere Frau an Bord. Das jüngste Kind ist noch ein Baby und laut der libyschen Mutter erst fünf Monate alt.

Die Familien und die Kinder sind besonders schutzbedürftig. Die ALAN KURDI erreichte inzwischen Lampedusa. Dort haben wir Italien um einen sicheren Hafen gebeten und baten darum, wenigstens die Familien und die Minderjährigen unverzüglich zu evakuieren“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Sea-Eye befürchtet eine weitere Blockade, denn zuvor wurde das spanische Rettungsschiff OPEN ARMS mehr als sieben Tage mit rund 270 Menschen blockiert.

Die italienischen Behörden unterstützen zivile Seenotretter*innen nur noch sehr zögerlich und halten unsere Schiffe lieber über Wochen in ihren Häfen fest. Man scheint dort keine Skrupel zu haben, die geretteten Menschen und die Besatzungen durch Blockaden in Gefahr zu bringen, um anschließend auf eine durchschaubare Weise zu argumentieren, dass die Schiffe für genau diese Situationen nicht geeignet seien“, sagt Isler weiter.

Gerettete Menschen sprechen über Fluchtgründe

Menschrechtsbeobachter Kai sprach mit den geretteten Menschen an Bord der ALAN KURDI über ihre Fluchtgründe.

„There is war in my country. Sunna are being persecuted. I had to flee because they wanted to kill me.“

— 29 Jahre alter Mann aus dem Jemen —

„The government removed me from my home. Some milices catched me in Libya and I had to pay so that they don’t kill me. I had to flee to survive.“

— 28 Jahre alter Mann aus Ägypten —

„The war in Libya destroyed my house and left my family and me without nothing. I spent all I had for a surgery which my son needed but he still needs urgent help which I cannot get in Libya. I never imagined to leave my country like this but there was no other way to protect my family.“

— 45 Jahre alter Mann aus Libyen —

Zahlreiche Seenotfälle in internationalen Gewässern

  • Crew der ALAN KURDI rettet 114 Menschen aus zwei Booten
  • Sogenannte libysche Küstenwache ebenfalls in Seenotfälle verwickelt
  • Sea-Eye unterzeichnet Kaufvertrag für Rettungsschiff GHALIB KURDI

Am Samstagmittag rettete die Crew der ALAN KURDI insgesamt 114 Menschen aus zwei unterschiedlichen Booten. Zunächst sichtete die Wache um 11:45 Uhr ein überladenes Schlauchboot mit 90 Menschen. Kapitän Joachim Ebeling informierte umgehend die deutschen und die libyschen Behörden. Die Menschen auf dem Schlauchboot berichteten über weitere Boote mit Menschen, die aus Libyen geflohen seien.

ALAN KURDI: Rettung

Tatsächlich sichtete die Wache unmittelbar nach der ersten Rettung ein kleineres überladenes Fischerboot mit 24 Menschen, die um Hilfe riefen. Alle 114 Personen, darunter acht Frauen und acht Kinder, befinden sich nun auf der ALAN KURDI. Auf der Krankenstation werden in diesen Stunden vier Personen versorgt. Darunter eine schwangere Frau und ein Mann mit schweren Kreislaufbeschwerden. Eine weitere Frau und ein Mann werden mit Schnittwunden behandelt.

Aus Angst davor, von libyschen Milizen zurückverschleppt zu werden, hatten diese Menschen keinen Notruf abgesetzt. Damit gingen sie ein sehr hohes Risiko ein und hatten unwahrscheinliches Glück, dass die Wache sie mit dem Fernglas sehen konnte“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Sogenannte libysche Küstenwache ebenfalls in Seenotfälle verwickelt

Kurze Zeit nach dem zweiten Rettungseinsatz näherte sich die sogenannte libysche Küstenwache mit hoher Geschwindigkeit. Das libysche Patrouillenboot war jedoch selbst in einen Seenotfall verwickelt und war dadurch völlig überladen. Die Libyer kontaktierten die ALAN KURDI nicht, nahmen sich das leere Fischerboot und drehten Richtung Libyen ab. Weder die libyschen Behörden, noch die europäischen Rettungsleitstellen reagierten telefonisch oder per E-Mail auf die Notfallmeldungen der ALAN KURDI.

Inzwischen hat man jede Kommunikation mit Hilfsorganisationen eingestellt und in Europa sieht sich niemand mehr für diese Menschen zuständig. Sie werden den Libyern oder dem Meer ausgeliefert. Doch sie sind jetzt auf einem deutschen Schiff und werden endlich wieder wie Menschen behandelt“, sagt Jan Ribbeck aus der Einsatzleitung von Sea-Eye.

Sea-Eye unterzeichnet Kaufvertrag für Rettungsschiff GHALIB KURDI

Am Donnerstagabend unterzeichnete Sea-Eye nun den Kaufvertrag für das neue, größere Rettungsschiff, das den Namen GHALIB KURDI tragen wird. Das hatte der Verein bereits am 1. September auf einer Pressekonferenz in Regensburg mitgeteilt. Welches Schiff Sea-Eye ausgewählt hat, wird weiter vertraulich behandelt. Dabei geht es um reines Risikomanagement.

Es gibt einige Umbauten zu erledigen. Wir sind schlicht um die Sicherheit unserer ehrenamtlichen Helfer*innen und um die Sicherheit des letzten Eigentümers besorgt“, sagt Isler.

Auch bei der Übernahme des ehemaligen, deutschen Forschungsschiffes PROFESSOR ALBRECHT PENCK (der heutigen ALAN KURDI) gab Sea-Eye den Namen des Schiffes erst bekannt, als es sicher in den Einsatz starten konnte.

Wir werden das Schiff so schnell wie möglich ausrüsten und dann zusammen mit unseren neuen Kooperationspartner*innen vorstellen, mit denen wir dann in gemeinsame Einsätze aufbrechen werden“, sagt Isler weiter. 

Jederzeit kann ein Notruf eingehen

Wir sind nun im Such- und Rettungsgebiet angekommen und bereiten uns darauf vor, Menschen aus Seenot zu retten. Zwar hoffen wir, dass keine Menschen in seeuntauglichen Booten die gefährliche Überfahrt wagen, doch die letzten Monate und Jahre haben gezeigt, dass viele Menschen im Bürgerkriegsland Libyen keinen anderen Ausweg sehen und dann wollen wir da sein.

Die ALAN KURDI im Mittelmeer

Seitdem wir das Einsatzgebiet erreicht haben, halten wir intensiv Ausschau. Zusätzlich zu den Alltagsaufgaben an Bord (Kochen, Putzen, Waschen) und den Wachschichten, bei denen die Einsatzcrew in 4-Stunden-Schichten die Offiziere auf der Brücke unterstützen, halten wir nun jeweils zu zweit Ausschau vom Top-Deck, um Boote in Seenot rechtzeitig zu erkennen und zur Hilfe kommen zu können.

Ausschau halten nach Booten in Seenot

Dabei suchen wir akribisch den Horizont nach kleinen „Punkten“ ab, denn größer sieht ein Boot aus der Distanz nicht aus. Es ist sehr wichtig, sehr langsam vorzugehen und sich abzuwechseln – vier Augen sehen mehr als zwei.

Falls wir einen Anhaltspunkt haben, dass ein Boot in Seenot geraten ist, halten wir Rücksprache mit dem Kapitän und dem Einsatzleiter und nähern uns dann der Position, um genauer zu prüfen, ob jemand unsere Hilfe braucht.

Aktuell ist das Wetter schlecht und wir haben sehr hohe Wellen, sodass es sehr schwer wäre, nun eine Rettung durchzuführen. Wir sind alle sehr angespannt, da jederzeit ein Notruf kommen kann. Auch wenn wir gut vorbereitet sind und viele Trainings durchgeführt haben, kann man nie voraussehen, wie eine Rettung abläuft und muss gut auf die jeweiligen Umstände reagieren.

Was noch auf unserer Mission geschieht, erfahren Sie hier oder auf unseren Kanälen in den sozialen Medien.

Mit solidarischen Grüßen
Kai

Wir sind nun seit einigen Tagen mit der ALAN KURDI auf dem Weg ins Einsatzgebiet und gewöhnen uns an den Alltag an Bord.

Es ist wirklich ein gutes Gefühl, nun unterwegs zu sein, denn wir wissen alle, wie dringend wir gebraucht werden. Mehrere Schiffe sind in Italien festgesetzt und werden von Rettungsmissionen abgehalten. Währenddessen wagen weiterhin viele Menschen die gefährliche Überfahrt in überfüllten Schlauch- oder Holzbooten. In diesem Jahr sind bereits über 500 Menschen bei dem Versuch, das zentrale Mittelmeer zu überqueren, ertrunken. Die Dunkelziffer wird vermutlich deutlich höher liegen.

Training mit Einsatzboot

In der letzten Woche hat allein das Rettungsschiff OPEN ARMS 267 Menschen gerettet und wartet nun auf einen sicheren Hafen. Das bedeutet, dass wir vermutlich das einzige Rettungsschiff im Einsatzgebiet sein werden.

Während der Überfahrt gewöhnen wir uns an das Leben an Bord und bereiten uns gut auf unseren Einsatz vor. Wir haben in den letzten Tagen viel trainiert. Unter anderem haben wir heute wieder ein ausführliches Training mit unseren Einsatzbooten gemacht.

Wir sprechen bei jedem Training verschiedenste Szenarien durch und stellen uns auf das Schlimmste ein, um gut vorbereitet zu sein. Besonders anstrengend wird es, wenn viele Menschen unsere Hilfe brauchen und gerettet werden müssen. Unsere Erfahrung aus den letzten Monaten zeigt, dass wir damit rechnen müssen, lange zu warten, bis uns ein sicherer Hafen zugewiesen wird. Daher lag in den letzten Tagen ein besonderer Fokus darauf, die Betreuung und Versorgung unserer möglichen Gäste zu planen. Falls wir wie im April bei unserer letzten Mission wieder 150 Personen retten sollten, dann ist alleine das Kochen ein Riesenaufwand.

Training mit Einsatzboot

Neben den Trainings teilen wir uns die täglichen Aufgaben an Bord auf. Dazu gehören Kochen, Putzen, Waschen, Wache halten und das Kontrollieren der Maschine. Auf der Brücke haben der Kapitän Joachim und die beiden Offiziere Josh und Thorsten jeweils zwei 4-Stunden-Schichten am Tag und werden dabei von einer Person unterstützt. Im Maschinenraum teilen sich unsere drei Maschinisten Simon, Albert und Dietmar die Schichten ebenso auf.

Sobald wir das Einsatzgebiet erreicht haben, kommt auch Ausschau halten dazu, damit wir kein Boot in Seenot übersehen. Neben der Ausschau checken wir natürlich rund um die Uhr den Funk, um keinen Not-Funkruf zu verpassen.

Ich bin sehr gespannt, was in den nächsten Tagen auf uns zukommt. Ich halte Sie hier, wenn möglich, auf dem Laufenden.

Mit solidarischen Grüßen von der Crew
Kai