Interview mit Stefan, Einsatzleiter auf der ALAN KURDI

Sie sind Einsatzleiter auf der ALAN KURDI. Können Sie den Job kurz beschreiben?

Im Prinzip bin ich für alles verantwortlich, was mit dem Rettungseinsatz zusammenhängt, direkt und indirekt. Das fängt bei der Organisation der Trainings im Hafen an und geht weiter bis zur gesamten Tagesstruktur. Dienstpläne werden erstellt, der Kontakt zu Behörden, zu unserem Flaggenstaat (Anm.: Deutschland) und natürlich der Kontakt mit unserer Einsatzleitung an Land. Für die Crew gibt es tägliche Besprechungen, die durch den Einsatzleiter abgehalten werden. Es ist eine Management-Aufgabe. Für die Schiffsführung ist die 1. Offizierin und die Kapitänin zuständig. In der Praxis gibt es viele Überschneidungen, das erfordert gute Zusammenarbeit.

Sie sind aber nicht Teil der Profi-Crew, sondern ehrenamtlicher Freiwilliger?

Ja, ich bin ehrenamtlicher Freiwilliger, wie viele andere der Crew auch.

Das bedeutet?

Das bedeutet, dass ich diesen Einsatz in meiner Freizeit und ohne Bezahlung mache.

Wenn ich das richtig verstanden habe, dann hängt der Erfolg der Mission zu großen Teilen von Ihnen ab?

Ich würde sagen, dass es von jedem einzelnen Crewmitglied abhängt.

Wie funktioniert ihr miteinander?

Es war natürlich eine außergewöhnliche Mission, auf der die Crew auch Außergewöhnliches geleistet hat. Durch die Corona-Pandemie mussten wir schon vor dem Auslaufen fast drei Wochen gemeinsam im Hafen verbringen. Da lernt man sich natürlich gut kennen. Das hat zu einer riesengroßen Solidarität und Rücksichtnahme untereinander geführt. Beispielsweise wurden freiwillig Nachtschichten übernommen, wenn jemand übermüdet war. Es war insgesamt ein gelungenes Miteinander ohne größere Konflikte. Und das ist garantiert worden durch das gegenseitige Vertrauen, was wir aufgebaut haben.

ALAN KURDI auf dem Mittelmeer

Wenn wir rückblickend die Quarantäne betrachten, liegen da nicht trotzdem die Nerven blank?

Es waren einige sehr erfahrene Crewmitglieder dabei, die schon auf mehreren Missionen waren. Die bringen natürlich eine gewisse Stabilität mit. Das hat sich mit den neuen Mitgliedern gut ergänzt. Dadurch war es tolles Teamwork, in dem jede und jeder Einzelne unheimlich wichtig war.

Was wäre gewesen wenn… doch mal jemand von der Crew die Nerven verliert?

So jemand wird erstmal aus den Schichten genommen, es wird Rücksicht genommen, Gespräche geführt, der oder die wird geschont und wenn es wirklich so gravierend ist, dass es keinen Ausweg mehr gibt, dann muss dafür gesorgt werden, dass die Person vom Schiff gebracht wird. Aber davon waren wir zum Glück ganz weit entfernt. Es hat bei uns überhaupt keine Ausfälle gegeben.

Sie sorgen an Bord für einen funktionierenden Ablauf. Wer unterstützt sie von Land?

Die Einsatzleitung an Land von Sea-Eye, die einwandfrei funktioniert hat. Es war eine tolle Zusammenarbeit, die mich wirklich begeistert hat. Ein gutes Gefühl, zu wissen, dass ein ganzer Stab den ganzen Tag damit beschäftigt ist, dass wir gut klarkommen. Beispielsweise gibt es ein Team von Jurist*innen, die einen in rechtlichen Fragen unterstützen. Wenn ich da Fachleute nach einer Einschätzung fragen kann, gibt das einem natürlich Sicherheit.

Die Gäste an Bord sind ja alle in einer psychologischen Ausnahmesituation. Wie vermeiden Sie da Panik?

Es gibt drei wichtige Punkte, auf denen wir aufbauen: Struktur, Information und Vertrauen. Und wir haben es geschafft, dass uns die Leute vertrauen. Sie hatten verstanden, dass wir es gut mit ihnen meinen. Zur Struktur gehören feste Essenszeiten. Es ist wichtig, dass die hygienischen Zustände erträglich sind. Zu einer funktionierenden Information gehört, dass die Gäste immer ausreichend über alle Schritte auf dem Laufenden gehalten werden. Wie ist der aktuelle Stand? Was ist als nächstes geplant? Wie geht es weiter? Wir hatten diesmal auf der Mission eine Psychologin dabei, die ganz tolle Arbeit geleistet hat. Sie hat als Teil des medizinischen Teams individuelle Gespräche geführt. Das war sehr wertvoll, da alle Schutzsuchenden in einer retraumatisierenden Ausnahmesituation waren.

ALAN KURDI mit Geretteten an Bord

150 Menschen machen nichts, außer warten. Wie beschäftigt man die? Wie werden die bei Laune gehalten?

Das ist wirklich eine Herkulesaufgabe. Nochmal: Wir reden von 150 Menschen auf einem kleinen Schiff: 38 Meter und 12 Tage. Aber zwei Dinge haben dazu geführt, dass wir das gut geschafft haben. Das war einerseits der Zusammenhalt der Crew und – was man nicht vergessen darf – die Geduld der Schutzsuchenden. Wir sind durch die Regierungen von Italien, Malta und Deutschland 12 Tage lang blockiert worden, eine unmögliche Situation, die absolut vermeidbar gewesen wäre.

Was wäre Ihr Wunsch für die Seenotrettung?

Die EU sowie deren Mitgliedsstaaten sollen aufhören die libysche Küstenwache zu unterstützen. Die libysche Küstenwache kassiert Geld, dabei gibt es eindeutige Hinweise, dass sie selbst ins Schleppergeschäft involviert ist. Unser erster Rettungseinsatz wurde von einem Schnellboot mit libyscher Flagge und vier Mann Besatzung gestört. Sie sind mit hoher Geschwindigkeit auf uns zugefahren, haben in die Luft geschossen und gezielt eine Massenpanik ausgelöst. Viele der Geflüchteten sind ohne Rettungswesten ins Wasser gesprungen. Eine lebensbedrohliche Situation.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelte es sich hier um die libysche Küstenwache oder Personen, die mit ihr in Verbindung stehen. Anschließend haben sie das Holzboot der Geflüchteten beschlagnahmt und ich halte es für naheliegend, dass dies in Libyen wieder verkauft wird.
Die libysche Küstenwache sollte weder finanziell noch durch Trainings oder Material unterstützt werden. Das ist mehr als nur Wegschauen. Europa macht sich schuldig!

Gibt es für sie eine Rückkehr auf die ALAN KURDI?

Ja, klar. Ich hoffe nur, dass es bald wieder verlässliche Reisemöglichkeiten gibt.

Nach der Corona-Odyssee, was erwartet sie daheim?

Zwei Wochen Quarantäne. Aber darauf habe ich mich schon eingestellt. Danach werden Familie und Freund*innen besucht.

(Martin Geiger)

Interview mit Stephen, Menschenrechtsbeobachter auf der ALAN KURDI

Menschenrechtsbeobachter auf der ALAN KURDI. Wie muss man sich diesen Job vorstellen?

Der Menschenrechtsbeobachter hat im Prinzip mehrere Aufgaben. Die erste Tätigkeit ist der ganz normale Schichtbetrieb: Wachen übernehmen, Essen kochen, putzen, all die Aufgaben an Bord, die alle Crewmitglieder machen.

Während einer Rettung dokumentiert der Menschenrechtsbeobachter den Einsatz. Mit einem Minutenprotokoll wird jede Einzelheit festgehalten: Wann wurde welche E-Mail an welche Behörde verschickt, wer hat was über Funk mitgeteilt? Das dient der Dokumentation der Geschehnisse, falls es aus irgendwelchen Gründen zu juristischen Auseinandersetzungen kommen sollte. Es muss genau festgehalten werden, wo die Rettung stattfand und wie viele Personen gerettet wurden.

Dafür machen wir Fotos und Audioaufnahmen und ergänzen diese mit unseren Notizen. Dabei lege ich – wie der Name des Menschenrechtsbeobachters schon sagt – besonderes Augenmerk auf die Menschenrechtslage. Gerade wenn libysche Boote am Ort der Rettung auftauchen, kann das entscheidend sein. Wie verhalten sich die verschiedenen Akteur*innen, halten sich alle an geltendes Recht? Das kann auch die eigene Crew betreffen.

Die dritte Aufgabe besteht darin, Informationen über die Menschenrechtslage auf der Fluchtroute und in den Herkunftsländern zu sammeln. Dazu führe ich Interviews und frage die Menschen, was ihnen zugestoßen ist und nach ihren Gründen für die Flucht. Manchmal macht mich auch das medizinische Team auf eindeutige Folterspuren aufmerksam. Wenn die Person das Bedürfnis äußert, die Erlebnisse zu dokumentieren und ein Gespräch zu führen, biete ich ihr ein Interview an und versuche zu erfahren, was passiert ist.

Diese Menschenrechtsverletzungen müssen dokumentiert und schließlich öffentlich gemacht werden.

Milizen stören Rettungseinsatz

Wie gehen Sie mit dem Erlebten persönlich um?

Solange ich an Bord der ALAN KURDI bin, findet bei mir noch kein richtiger Verarbeitungsprozess statt, da bin ich noch nicht angekommen. Für die Zeit nach der Mission habe ich meine eigenen Techniken, die ich in ähnlichen Positionen, beispielsweise in Ghana, entwickelt habe. Dazu gehören Musik, Sport und Meditation, um diese Dinge aufzuarbeiten.

Andere Organisationen wie Repubblika dokumentieren zum Teil grausamste Folter an den Geflüchteten. Was erzählen Ihnen die Gäste?

Die Geschichten, die ich erzählt bekomme, beginnen fast immer in dem Moment, in dem die Menschen ihr Land verlassen. Sie erzählen von unrechtmäßigen Verhaftungen, von Korruption, von Menschenhandel. Doch der Fokus ihrer Erzählung über ihre Flucht liegt meist auf Libyen und den Detention Camps dort. Auf dieser Mission habe ich viel über Zwangsarbeit, Folter und über Menschenhandel gehört. Viele wurden bedroht, um von ihnen und ihren Familien Geld zu erpressen. Das erzählen fast alle. Dazu kommen Erzählungen über Menschenrechtsverletzungen, deren Zeuge sie wurden, wie Menschen willkürlich erschossen oder in der Wüste zurückgelassen wurden. Einige berichten über sexuelle Gewalt – im Prinzip die ganze Bandbreite an gewaltsamen Menschenrechtsverletzungen, die man sich ausmalen kann. All das haben die Menschen in diesen Interviews erzählt. Durch die angespannte Lage an Bord hatte ich wenig Zeit für diese Interviews. Aber das was ich gehört habe, war mehr als genug.

Wenn man von all diesen Grausamkeiten hört und sie dokumentieren muss, wie dünnhäutig wird man bei dem Argument, dass die Menschen wieder zurück nach Libyen geschickt werden sollen?

Das ist tatsächlich eine Argumentation, die mich wirklich wild macht. Die meisten geflüchteten Menschen kommen nicht ursprünglich aus Libyen, sondern sind über Libyen geflüchtet. Einige sind zum Arbeiten nach Libyen migriert. Mit der Verschärfung der Kriegszustände in Libyen ist der Rückweg in ihre Heimatländer abgeschnitten. Sie haben teilweise viel Geld für diese Flucht aufbringen müssen und haben dann Grauenhaftes erlebt.

Viele sind mit der Gewissheit in ein seeuntüchtiges Boot gestiegen, dass diese Reise in den Tod führen kann. Und sie waren trotzdem gezwungen es zu tun, weil die Lage vor Ort unerträglich ist.

Die jetzt von Malta durchgeführten Push-Backs machen mich sprachlos. Es gibt für mich kein Argument, das für eine Rückführung dieser Menschen nach Libyen spricht. Die Menschen flüchten vor Gewalt, Ausbeutung und Folter. Manche sagen sie würden lieber sterben als nach Libyen zurückzukehren. Ja, es stimmt, da werde ich dann schon sehr dünnhäutig.

Was glauben Sie, erwartet die geflüchteten Menschen in Libyen?

Das ist in Zeiten von Corona tatsächlich schwer zu sagen. Denn auch libysche Häfen sind gesperrt und flüchtende Menschen wurden auf Veranlassung Maltas durch Dritte und nicht von der eigenen Küstenwache oder libyschen Milizen zurückgebracht. Aber ich konnte aus den Interviews rekonstruieren, dass die Menschen nach der Rückführung erneut in Gefangenschaft geraten und zurück in die Detention Camps gebracht werden, aus denen sie nur entkommen können, wenn sie sehr hohe Geldbeträge aufbringen. Oder eben dort eine sehr lange Zeit ausharren.

Unser Menschenrechtsbeobachter Stephen

Seenotrettung in Corona-Zeiten. Was wäre Ihre Lösung?

Corona ist kein Argument, die Seenotrettung einzustellen. Wir retten einen Menschen ja auch aus einem Badesee vor dem Ertrinken und fragen nicht vorher, ob er vielleicht an Covid-19 erkrankt ist. Es wird uns im Augenblick unendlich schwer gemacht, Menschenleben zu retten. Daran wird sich vermutlich auch so schnell nichts ändern. Wahrscheinlich ist, dass die Menschen wie jetzt bei unserer Mission vorübergehend auf Fähren untergebracht werden und nach einer Quarantäne auf verschiedene Länder verteilt werden. Die Crews der Rettungsschiffe müssen nach einer Mission auch erstmal geschlossen in eine 14-tägige Quarantäne. Die Seenotrettung wird verlangsamt, sie wird erschwert, aber noch nicht unmöglich gemacht. Dabei ist es unnötig, dass wir nochmal 14 Tage festgesetzt wurden. Wir waren bereits 12 Tage mit den geflüchteten Menschen isoliert auf See. Alle Corona-Tests unserer Gäste wurden auf dem Quarantäneschiff bereits als negativ ausgewertet. Zudem waren wir vorab bereits 11 Tage mit den Geflüchteten isoliert auf See.

14 Tage Quarantäne, 14 Tage Untätigkeit. Was mache Sie als erstes, wenn diese Zeit vorbei ist?

Das ist eine gute Frage. Erstmal muss ich wieder einen Rückweg nach Deutschland finden, was in diesen Zeiten gar nicht so einfach sein wird.

Gibt es für Sie eine Rückkehr auf die ALAN KURDI?

Auf jeden Fall. Für mich war es ja die erste Mission und so richtig wusste ich nicht, worauf ich mich einlasse. Natürlich gab es Momente der Anspannung, aber eine ganz tolle Crew hat alles wieder wett gemacht.

(Interview: Martin Geiger)

Interview mit Bärbel, Kapitänin auf der ALAN KURDI

Immer, wenn ich an euch denke, fällt mir das alte Kinderlied ein: „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord“. Gibts Parallelen?

Ich bin da eher bei Berthold Brecht „(…) ein Schiff mit acht Segeln und fünfzig Kanonen wird liegen am Kai (…)“. Aber im Ernst: Mich nervt das momentan und ich persönlich halte die Maßnahme für unnötig, weil ich ziemlich sicher bin, dass wir eben nicht die Pest bzw. Corona an Bord haben.

Aber die Nerven liegen trotzdem blank?

Ja, wir wissen einfach nicht, wie es weitergeht. Anweisungen ändern sich teilweise im Tagesrhythmus.

Kann man da als Kapitänin, die ja schließlich die Verantwortung trägt, überhaupt noch ruhig schlafen?

Na, ja. Jetzt wieder. Als die Gäste an Bord waren, war es schon sehr, sehr heftig. Aber in dem Moment, wo die Situation gelöst war und wir sie dem italienischen Roten Kreuz übergeben konnten, fiel die Anspannung. Jetzt ist ja nur noch die Crew an Bord und die funktioniert toll.

Schmerzt es sehr, jetzt zur Untätigkeit verdammt zu sein?

Wenn ich jetzt lese, dass wieder Boote mit Flüchtenden aus Libyen abgefahren sind und niemand gerettet wird, dann kommt natürlich Wut auf. Während wir hier zum Nichtstun verurteilt sind, ertrinken dort Menschen. Eine unerträgliche Situation.

Angenommen Sie hätten in Sachen Seenotrettung drei Wünsche frei, welche wären das?

Größere Unterstützung durch die Regierungen für die private Seenotrettung, eine funktionierende staatliche Seenotrettung, die den Großteil von diesem Job erledigt und eine Anlaufstelle, wo Menschen – egal ob sie von privaten Organisationen, von Handelsschiffen oder eben von staatlicher Seite gerettet worden sind – hingebracht werden können. Dieses unwürdige Geschachere, die Situation hier an Bord bis die Verteilung endlich geklärt wird, ist nur schwer erträglich.

Unsere Kapitänin Bärbel

Die psychologische Belastung war sicher enorm, wie gehen Sie damit um?

Wir haben ausführliche Debriefings und haben viel miteinander gesprochen. Solange die Rettung läuft und die Menschen an Bord sind, ist man natürlich voll unter Anspannung. Wir arbeiten fast rund um die Uhr und die wenigen Minuten dazwischen nutzt man zum Schlafen. Da kommt man nicht groß zum Nachdenken. Aber ab dem Zeitpunkt, wo die Geflüchteten von Bord sind, fängt man an, das aufzuarbeiten. Dazu hatten wir von Sea-Eye professionelle Hilfe zur Seite gestellt bekommen. Diesmal leider nur über Videokonferenz.

Wie geht es nach der Quarantäne weiter?

Eigentlich ist heute (Samstag) die Quarantäne vorbei. Aber jetzt ist hier Wochenende und wir können erst in den Hafen, wenn jemand da ist, der bei uns einen Corona-Test macht. Und das, nachdem wir 14 Tage von der Außenwelt abgeschlossen an Bord verbracht haben. Wenn sie dann feststellen, dass wir kein Corona haben – was im Übrigen wieder 24 Stunden dauert, bis das Ergebnis da ist – können wir anfangen, das Schiff zu desinfizieren, das dauert noch mal 48 Stunden. Und wenn das dann erledigt ist, suchen wir uns einen Hafen, wo wir die ALAN KURDI der nächsten Crew übergeben können.

Ob wir danach in Deutschland nochmal in Quarantäne müssen, ist noch nicht ganz klar. Vermutlich ist das dann von Bundesland zu Bundesland verschieden.

Haben Sie denn Angst vor Corona?

Nein. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns mit Corona infizieren, ist verschwindend gering. Die Seefahrt gehört zu den zehn gefährlichsten Berufen der Welt, da habe ich vor ganz anderen Dingen Angst. Die Gefahr, dass ich beispielsweise an Bord einen Schlaganfall bekomme, ist viel größer. Und den könnten wir mit unseren Mitteln an Bord nicht behandeln.

Unsere Kapitänin Bärbel

Was machen Sie als erstes, wenn Sie wieder daheim sind?

Eine Reederei anrufen und ihnen sagen, dass ich meinen neuen Job antreten kann. Durch die Quarantäne und die ganze Situation ist mein Urlaub auf null geschrumpft. Ab nächste Woche sogar im Minusbereich.

Sehr professionell. Gibt es für Sie eine Rückkehr auf die ALAN KURDI?

Das kann ich mir durchaus vorstellen, ja. Ich bin jetzt schon das zweite Mal für die Seenotrettung im Einsatz und auch diese Situation kann mich nicht schocken.

Welche persönlichen Schutzmechanismen haben Sie, damit die Bilder Sie nicht in den Schlaf verfolgen?

Bei der ersten Mission hat mich die Aktion der Libyer, dass sie mit Waffen auf uns gezielt haben, dass sie in die Luft geschossen haben, doch sehr beeindruckt. Diesmal schon nicht mehr. Ich dachte mir: die haben letztes Mal schon in die Luft geschossen, und wenn wir jetzt Cojones (Eier) zeigen, dann kommen wir weiter.

In diesem Sinne, zeigen wir das. Vielen Dank für das Gespräch!

(Interview: Martin Geiger)

Interview mit Caterina, Bordärztin auf der ALAN KURDI

Seenotrettung in Zeiten der Pandemie. Nach den dramatischen Ereignissen auf der ALAN KURDI liegt das Schiff von Sea-Eye mit seiner Crew in der Bucht von Palermo. 14 Tage Zwangspause. An Bord ist auch Caterina, Ärztin aus Berlin. Wir sprachen mit ihr.

Fangen wir mit einer scheinbar belanglosen Frage an, die aber in Zeiten der Pandemie eine besondere Bedeutung hat. Wie geht’s?

(lacht) Ja, das ist schwierig. Es geht mir gut, auch wenn wir noch eine Woche in Quarantäne auf der ALAN KURDI bleiben müssen. Die Mission war sehr anstrengend, ist dann aber doch gut gelaufen. Ich kann nicht sagen, es geht mir supergut, aber alle an Bord sind nett. Das ist viel wert.

Nach den dramatischen Ereignissen der letzten Wochen sind Sie jetzt zum Nichtstun verdammt. Wie geht man damit um?

Es ist für mich eine ganz komische Situation. Nachdem die Geflüchteten – unsere Gäste – von Bord waren, dachte ich erst, es ist nicht passiert. Wir waren fertig, fix und fertig. Wir haben in der Zeit, als wir die Geflüchteten an Bord hatten, kaum geschlafen und waren erstmal einfach nur müde (Anm.: Die Crew rettete am 6. April 150 Geflüchtete und übergab sie am 17. April dem italienischen Roten Kreuz). Vieles kann ich noch gar nicht realisieren oder psychologisch verarbeiten. Um das richtig einzuordnen, müssen wir erstmal die ALAN KURDI verlassen (Anm.: Während des Aufenthaltes gab es zwei Suizid-Versuche unter den Gästen).

Ausschiffung
Die Geflüchteten werden dem italienischen Roten Kreuz übergeben

Wie ist die Stimmung an Bord und was machen Sie den ganzen Tag?

Wir beschäftigen uns mit kleineren Arbeiten, bringen das Schiff auf Vordermann, machen Inventur von allen Dingen. Kleine Ausbesserungsarbeiten wie Malerarbeiten stehen an. Alles was wir auf See machen können. Die Stimmung ist gut.

Jetzt sind Sie 14 Tage in Quarantäne auf dem Schiff und wenn Sie an Land dürfen, kommt die nächste. Haben Sie dafür Verständnis?

Ich glaube, wir müssen in Italien nicht noch einmal in Quarantäne, aber wenn ich nach Berlin zurückkomme, dann schon. Natürlich bin ich auf der Reise nicht allein und das Risiko einer Ansteckung ist da. Insofern verstehe ich das. Auch wenn ich mich auf zwei Wochen erneute Quarantäne in Berlin nicht unbedingt freue. Meine Wohnung in Mitte hat keinen Balkon, und wenn man aus dem Fenster blickt, sieht man nur ein anderes Gebäude.  Es gibt schöneres, aber so ist es jetzt nun mal.

Alle Geflüchteten sind negativ auf Corona getestet worden. Beruhigt Sie das?

Ja, das ist schon eine ganz gute Nachricht. Auch die Gäste auf der AITA MARI (Anm.: Das Schiff der spanischen NGO rettete 43 Geflüchtete im Mittelmeer, die ebenso von der italienischen Fähre übernommen wurden) sind alle negativ auf das Virus getestet worden. Ja, das ist eine gute Nachricht.

Was hätten Sie im Fall eines Covid-19-Ausbruches getan?

Es gab im Vorfeld eine Richtlinie von Sea-Eye, die mit den medizinischen Fachkräften ausgearbeitet worden ist, was im Falle einer Infektion mit dem Corona-Virus zu unternehmen ist. Wir hätten die Patient*innen isoliert und diese wären dann ausschließlich von mir und unserer Rettungssanitäterin versorgt worden. So hätten wir die weitere Ausbreitung versucht zu stoppen. Natürlich verbunden mit der Hoffnung, dass keine Komplikationen entstehen, die wir an Bord nicht behandeln können.

Ausschiffung
Abschied von den geflüchteten Menschen

Seenotrettung in Zeiten der Pandemie. Ist das verantwortungsvoll?

Ja, diese Frage ist mir schon öfters gestellt worden. Menschen, die vor Krieg und Elend fliehen, wollen ihr Land verlassen. Viele von ihnen sind schon seit Jahren auf der Flucht, jenseits von Menschenrechten. Sie flüchten vor Folter, Hunger und Elend. Sie wollen in Sicherheit leben. Auch eine Pandemie wird sie nicht stoppen. Wissen Sie, ich bin gebürtige Italienerin. Die Situation in meinem Mutterland ist aufgrund der Corona-Krise extrem angespannt. Ich rede jeden Tag mit meiner Familie dort, mit meinen Verwandten. Ich blende das nicht aus oder ignoriere das. Aber auch die Geflüchteten haben ein Recht auf ein besseres Leben. Wir müssen diesen Menschen helfen. Wir können sie nicht einfach ertrinken lassen.

Machen Sie trotzdem weiter?

Ja! Ich mache trotzdem weiter, ja. Was wir gemacht haben, auch auf dieser Mission, ist notwendig.  Während dieser Zeit sind Menschen gestorben. Sie haben einen Notruf abgesetzt und weil niemand geholfen hat, sind sie ertrunken. Wir hatten schon 150 Personen an Bord und konnten nicht mehr helfen. Aber niemand anders ist gekommen. So etwas darf nicht passieren. Pandemie hin oder her.

Haben Sie Angst vor einer Ansteckung?

Nein. Wenn ich die Mission beendet habe, werde ich wieder im Krankenhaus arbeiten. Da ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass ich mich anstecken werde. Als Ärztin in einem Krankenhaus oder als Kundin in einem Supermarkt ist die Gefahr größer, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren, als als Ärztin auf der ALAN KURDI.

Was tun Sie als erstes, wenn Sie wieder zurück in Berlin sind?

Tja, was ich machen möchte ist, meine Freund*innen zu sehen, ein Bier zusammen am Wasser zu trinken. Aber all das wird so schnell nicht gehen. Wenn ich jetzt daran denke, dass in Berlin Frühling ist, das Wetter schön ist, dann bekomme ich Lust auf das Freiluftkino, auf die vielen kulturellen Möglichkeiten. Aber darauf werden wir alle noch eine Weile verzichten müssen.

(Martin Geiger)

Unsere Bordärztin Barbara H. berichtet von ihrem Rettungseinsatz auf der ALAN KURDI im November 2019. Dabei begegnete sie einem jungen Mädchen und erlebte eine ganz besondere Weihnachtsgeschichte.

Ich kam ganz plötzlich dazu, an der Novembermission der ALAN KURDI teilzunehmen. Am 7. November rief mich Nicole Grimske, ein Vorstandsmitglied von Sea-Eye, an. Sie fragte, ob ich bereit wäre, an der nächsten Mission teilzunehmen, da noch ein Mediziner benötigt wurde. Nach Rücksprache mit meinem Mann flog ich einen Tag später nach Bari (Italien) und fand mich am Nachmittag in Tarent wieder, wo die ALAN KURDI lag.

Barbara auf der ALAN KURDI
Barbara H., Ärztin auf der ALAN KURDI

Unser Auslaufen verzögerte sich leider, da ein schwerer Sturm über Italien zog und Schäden auf unserem Schiff im Hafen verursacht hat. Am 21. November verließen wir endlich den Hafen von Tarent und erreichten vier Tage später die Such- und Rettungszone vor Libyen. Zu dieser Zeit war die ALAN KURDI das einzige Rettungsschiff vor Ort.

Am späten Vormittag des 28. Novembers hatten wir unseren ersten Einsatzfall, bei dem wir 44 Menschen aus einem seeuntüchtigen Schlauchboot retten konnten. Darunter waren 21 Frauen, ein Kleinkind erst 15 Monate alt, sowie ein vier und ein acht Wochen altes Neugeborenes. In den frühen Abendstunden des gleichen Tages fanden wir ein weiteres Schlauchboot mit 40 Menschen.

Das acht Wochen alte Mädchen, die kleine Fatima, hat mich sehr ergriffen und berührt. Ich nahm sie nass entgegen und sah die vom Meerwasser gereizte Haut, die faltigen Beinchen und Ärmchen. Sie war deutlich schwächer als das vierwöchige Baby. Von der Mutter habe ich erfahren, dass sie seit zwei Tagen die Nahrung verweigert hatte. Noch am Abend lehnte Malta eine Evakuierung des Mädchens trotz ihres schlechten gesundheitlichen Zustandes ab.

So habe ich in der darauffolgenden Nacht mit dem Mädchen einige Stunden verbracht. Die Säuglingsmilch, die ich ihr tropfenweise anbot, hat sie nicht angenommen. Sie hat nicht geweint und nicht geschlafen. Ab und zu hat sie leise gewimmert und mich mit ihren großen, dunklen und klugen Augen angeschaut, als ob sie alles Wissen der Welt in sich trüge. In den Morgenstunden schlief sie ein und ich konnte sie ruhig, aber mit grauer Hautfarbe an die italienische Küstenwache übergeben. Mit ihr wurde das zweite Neugeborene, das Kleinkind, die Eltern und eine weitere Person, die sich in einem schlechtem Allgemeinzustand befand, evakuiert.

Die folgenden Tage waren geprägt von Zusammenbrüchen und Panikattacken unserer Gäste. Die Spuckbeutel waren bald aufgebraucht und die Infusionslösungen wurden knapp, obwohl das Bordhospital gut bestückt war. Auf unsere Anfragen nach Unterstützung hat Malta entweder nicht geantwortet oder eine Evakuierung abgelehnt. Am 30. November haben die Seenotleitstellen Rom, Malta und Bremen bezüglich der Zuständigkeit für unseren Seenotfall jeweils aufeinander verwiesen.

Früh am 1. Dezember sah ich unsere Gäste, bei dieser kalten Jahreszeit nur in Decken gehüllt, an Deck liegen. Da bekam ich den Eindruck, dass wir ausgeblendet werden von Europa. Mir fiel die in der Bibel beschriebene Herbergssuche ein. Auch Adventslieder kamen mir in den Sinn: „Es kommt ein Schiff geladen (…), es trägt eine teure Fracht“ oder „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. Wo waren die weiten Tore?

Als dann unsere vorwiegend jungen Crewmitglieder an Bord wuselten, um unseren Gästen Frühstück zu bereiten, als ich Adrian hörte, wie er einen weiblichen Gast mit „Sister“ ansprach, als Philipp, der Paramedic, bei einem männlichen Gast mit geschundenem Körper aus Libyen und resignierten Gesichtszügen „ein gebrochenes Herz“ diagnostizierte und unsere Gäste mich mit „Mama“ ansprachen, da wusste ich, ich bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Die gesamte Crew hat den Menschen während ihrer Tage an Bord der ALAN KURDI ihre Würde zurückgegeben. Ich hoffe, sie erfahren auch auf ihrem weiteren Weg Würde und erhalten Brot auch in Europa. Erst fünf Tage nach ihrer Rettung fanden diese Menschen Aufnahme in Messina.

Was die kleine Fatima betrifft, so verfolgen mich ihre Augen immer noch. Ich freue mich, dass wir ihr im Gegensatz zu dem kleinen Alan, nach dem unser Rettungsschiff benannt ist, das Leben retten konnten. In diesem Jahr habe ich das Kind in der Krippe schon am 28. November gefunden.