Interview mit Bärbel, Kapitänin auf der ALAN KURDI

Immer, wenn ich an euch denke, fällt mir das alte Kinderlied ein: „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord“. Gibts Parallelen?

Ich bin da eher bei Berthold Brecht „(…) ein Schiff mit acht Segeln und fünfzig Kanonen wird liegen am Kai (…)“. Aber im Ernst: Mich nervt das momentan und ich persönlich halte die Maßnahme für unnötig, weil ich ziemlich sicher bin, dass wir eben nicht die Pest bzw. Corona an Bord haben.

Aber die Nerven liegen trotzdem blank?

Ja, wir wissen einfach nicht, wie es weitergeht. Anweisungen ändern sich teilweise im Tagesrhythmus.

Kann man da als Kapitänin, die ja schließlich die Verantwortung trägt, überhaupt noch ruhig schlafen?

Na, ja. Jetzt wieder. Als die Gäste an Bord waren, war es schon sehr, sehr heftig. Aber in dem Moment, wo die Situation gelöst war und wir sie dem italienischen Roten Kreuz übergeben konnten, fiel die Anspannung. Jetzt ist ja nur noch die Crew an Bord und die funktioniert toll.

Schmerzt es sehr, jetzt zur Untätigkeit verdammt zu sein?

Wenn ich jetzt lese, dass wieder Boote mit Flüchtenden aus Libyen abgefahren sind und niemand gerettet wird, dann kommt natürlich Wut auf. Während wir hier zum Nichtstun verurteilt sind, ertrinken dort Menschen. Eine unerträgliche Situation.

Angenommen Sie hätten in Sachen Seenotrettung drei Wünsche frei, welche wären das?

Größere Unterstützung durch die Regierungen für die private Seenotrettung, eine funktionierende staatliche Seenotrettung, die den Großteil von diesem Job erledigt und eine Anlaufstelle, wo Menschen – egal ob sie von privaten Organisationen, von Handelsschiffen oder eben von staatlicher Seite gerettet worden sind – hingebracht werden können. Dieses unwürdige Geschachere, die Situation hier an Bord bis die Verteilung endlich geklärt wird, ist nur schwer erträglich.

Unsere Kapitänin Bärbel

Die psychologische Belastung war sicher enorm, wie gehen Sie damit um?

Wir haben ausführliche Debriefings und haben viel miteinander gesprochen. Solange die Rettung läuft und die Menschen an Bord sind, ist man natürlich voll unter Anspannung. Wir arbeiten fast rund um die Uhr und die wenigen Minuten dazwischen nutzt man zum Schlafen. Da kommt man nicht groß zum Nachdenken. Aber ab dem Zeitpunkt, wo die Geflüchteten von Bord sind, fängt man an, das aufzuarbeiten. Dazu hatten wir von Sea-Eye professionelle Hilfe zur Seite gestellt bekommen. Diesmal leider nur über Videokonferenz.

Wie geht es nach der Quarantäne weiter?

Eigentlich ist heute (Samstag) die Quarantäne vorbei. Aber jetzt ist hier Wochenende und wir können erst in den Hafen, wenn jemand da ist, der bei uns einen Corona-Test macht. Und das, nachdem wir 14 Tage von der Außenwelt abgeschlossen an Bord verbracht haben. Wenn sie dann feststellen, dass wir kein Corona haben – was im Übrigen wieder 24 Stunden dauert, bis das Ergebnis da ist – können wir anfangen, das Schiff zu desinfizieren, das dauert noch mal 48 Stunden. Und wenn das dann erledigt ist, suchen wir uns einen Hafen, wo wir die ALAN KURDI der nächsten Crew übergeben können.

Ob wir danach in Deutschland nochmal in Quarantäne müssen, ist noch nicht ganz klar. Vermutlich ist das dann von Bundesland zu Bundesland verschieden.

Haben Sie denn Angst vor Corona?

Nein. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns mit Corona infizieren, ist verschwindend gering. Die Seefahrt gehört zu den zehn gefährlichsten Berufen der Welt, da habe ich vor ganz anderen Dingen Angst. Die Gefahr, dass ich beispielsweise an Bord einen Schlaganfall bekomme, ist viel größer. Und den könnten wir mit unseren Mitteln an Bord nicht behandeln.

Unsere Kapitänin Bärbel

Was machen Sie als erstes, wenn Sie wieder daheim sind?

Eine Reederei anrufen und ihnen sagen, dass ich meinen neuen Job antreten kann. Durch die Quarantäne und die ganze Situation ist mein Urlaub auf null geschrumpft. Ab nächste Woche sogar im Minusbereich.

Sehr professionell. Gibt es für Sie eine Rückkehr auf die ALAN KURDI?

Das kann ich mir durchaus vorstellen, ja. Ich bin jetzt schon das zweite Mal für die Seenotrettung im Einsatz und auch diese Situation kann mich nicht schocken.

Welche persönlichen Schutzmechanismen haben Sie, damit die Bilder Sie nicht in den Schlaf verfolgen?

Bei der ersten Mission hat mich die Aktion der Libyer, dass sie mit Waffen auf uns gezielt haben, dass sie in die Luft geschossen haben, doch sehr beeindruckt. Diesmal schon nicht mehr. Ich dachte mir: die haben letztes Mal schon in die Luft geschossen, und wenn wir jetzt Cojones (Eier) zeigen, dann kommen wir weiter.

In diesem Sinne, zeigen wir das. Vielen Dank für das Gespräch!

(Interview: Martin Geiger)