Interview mit Stephen, Menschenrechtsbeobachter auf der ALAN KURDI

Menschenrechtsbeobachter auf der ALAN KURDI. Wie muss man sich diesen Job vorstellen?

Der Menschenrechtsbeobachter hat im Prinzip mehrere Aufgaben. Die erste Tätigkeit ist der ganz normale Schichtbetrieb: Wachen übernehmen, Essen kochen, putzen, all die Aufgaben an Bord, die alle Crewmitglieder machen.

Während einer Rettung dokumentiert der Menschenrechtsbeobachter den Einsatz. Mit einem Minutenprotokoll wird jede Einzelheit festgehalten: Wann wurde welche E-Mail an welche Behörde verschickt, wer hat was über Funk mitgeteilt? Das dient der Dokumentation der Geschehnisse, falls es aus irgendwelchen Gründen zu juristischen Auseinandersetzungen kommen sollte. Es muss genau festgehalten werden, wo die Rettung stattfand und wie viele Personen gerettet wurden.

Dafür machen wir Fotos und Audioaufnahmen und ergänzen diese mit unseren Notizen. Dabei lege ich – wie der Name des Menschenrechtsbeobachters schon sagt – besonderes Augenmerk auf die Menschenrechtslage. Gerade wenn libysche Boote am Ort der Rettung auftauchen, kann das entscheidend sein. Wie verhalten sich die verschiedenen Akteur*innen, halten sich alle an geltendes Recht? Das kann auch die eigene Crew betreffen.

Die dritte Aufgabe besteht darin, Informationen über die Menschenrechtslage auf der Fluchtroute und in den Herkunftsländern zu sammeln. Dazu führe ich Interviews und frage die Menschen, was ihnen zugestoßen ist und nach ihren Gründen für die Flucht. Manchmal macht mich auch das medizinische Team auf eindeutige Folterspuren aufmerksam. Wenn die Person das Bedürfnis äußert, die Erlebnisse zu dokumentieren und ein Gespräch zu führen, biete ich ihr ein Interview an und versuche zu erfahren, was passiert ist.

Diese Menschenrechtsverletzungen müssen dokumentiert und schließlich öffentlich gemacht werden.

Milizen stören Rettungseinsatz

Wie gehen Sie mit dem Erlebten persönlich um?

Solange ich an Bord der ALAN KURDI bin, findet bei mir noch kein richtiger Verarbeitungsprozess statt, da bin ich noch nicht angekommen. Für die Zeit nach der Mission habe ich meine eigenen Techniken, die ich in ähnlichen Positionen, beispielsweise in Ghana, entwickelt habe. Dazu gehören Musik, Sport und Meditation, um diese Dinge aufzuarbeiten.

Andere Organisationen wie Repubblika dokumentieren zum Teil grausamste Folter an den Geflüchteten. Was erzählen Ihnen die Gäste?

Die Geschichten, die ich erzählt bekomme, beginnen fast immer in dem Moment, in dem die Menschen ihr Land verlassen. Sie erzählen von unrechtmäßigen Verhaftungen, von Korruption, von Menschenhandel. Doch der Fokus ihrer Erzählung über ihre Flucht liegt meist auf Libyen und den Detention Camps dort. Auf dieser Mission habe ich viel über Zwangsarbeit, Folter und über Menschenhandel gehört. Viele wurden bedroht, um von ihnen und ihren Familien Geld zu erpressen. Das erzählen fast alle. Dazu kommen Erzählungen über Menschenrechtsverletzungen, deren Zeuge sie wurden, wie Menschen willkürlich erschossen oder in der Wüste zurückgelassen wurden. Einige berichten über sexuelle Gewalt – im Prinzip die ganze Bandbreite an gewaltsamen Menschenrechtsverletzungen, die man sich ausmalen kann. All das haben die Menschen in diesen Interviews erzählt. Durch die angespannte Lage an Bord hatte ich wenig Zeit für diese Interviews. Aber das was ich gehört habe, war mehr als genug.

Wenn man von all diesen Grausamkeiten hört und sie dokumentieren muss, wie dünnhäutig wird man bei dem Argument, dass die Menschen wieder zurück nach Libyen geschickt werden sollen?

Das ist tatsächlich eine Argumentation, die mich wirklich wild macht. Die meisten geflüchteten Menschen kommen nicht ursprünglich aus Libyen, sondern sind über Libyen geflüchtet. Einige sind zum Arbeiten nach Libyen migriert. Mit der Verschärfung der Kriegszustände in Libyen ist der Rückweg in ihre Heimatländer abgeschnitten. Sie haben teilweise viel Geld für diese Flucht aufbringen müssen und haben dann Grauenhaftes erlebt.

Viele sind mit der Gewissheit in ein seeuntüchtiges Boot gestiegen, dass diese Reise in den Tod führen kann. Und sie waren trotzdem gezwungen es zu tun, weil die Lage vor Ort unerträglich ist.

Die jetzt von Malta durchgeführten Push-Backs machen mich sprachlos. Es gibt für mich kein Argument, das für eine Rückführung dieser Menschen nach Libyen spricht. Die Menschen flüchten vor Gewalt, Ausbeutung und Folter. Manche sagen sie würden lieber sterben als nach Libyen zurückzukehren. Ja, es stimmt, da werde ich dann schon sehr dünnhäutig.

Was glauben Sie, erwartet die geflüchteten Menschen in Libyen?

Das ist in Zeiten von Corona tatsächlich schwer zu sagen. Denn auch libysche Häfen sind gesperrt und flüchtende Menschen wurden auf Veranlassung Maltas durch Dritte und nicht von der eigenen Küstenwache oder libyschen Milizen zurückgebracht. Aber ich konnte aus den Interviews rekonstruieren, dass die Menschen nach der Rückführung erneut in Gefangenschaft geraten und zurück in die Detention Camps gebracht werden, aus denen sie nur entkommen können, wenn sie sehr hohe Geldbeträge aufbringen. Oder eben dort eine sehr lange Zeit ausharren.

Unser Menschenrechtsbeobachter Stephen

Seenotrettung in Corona-Zeiten. Was wäre Ihre Lösung?

Corona ist kein Argument, die Seenotrettung einzustellen. Wir retten einen Menschen ja auch aus einem Badesee vor dem Ertrinken und fragen nicht vorher, ob er vielleicht an Covid-19 erkrankt ist. Es wird uns im Augenblick unendlich schwer gemacht, Menschenleben zu retten. Daran wird sich vermutlich auch so schnell nichts ändern. Wahrscheinlich ist, dass die Menschen wie jetzt bei unserer Mission vorübergehend auf Fähren untergebracht werden und nach einer Quarantäne auf verschiedene Länder verteilt werden. Die Crews der Rettungsschiffe müssen nach einer Mission auch erstmal geschlossen in eine 14-tägige Quarantäne. Die Seenotrettung wird verlangsamt, sie wird erschwert, aber noch nicht unmöglich gemacht. Dabei ist es unnötig, dass wir nochmal 14 Tage festgesetzt wurden. Wir waren bereits 12 Tage mit den geflüchteten Menschen isoliert auf See. Alle Corona-Tests unserer Gäste wurden auf dem Quarantäneschiff bereits als negativ ausgewertet. Zudem waren wir vorab bereits 11 Tage mit den Geflüchteten isoliert auf See.

14 Tage Quarantäne, 14 Tage Untätigkeit. Was mache Sie als erstes, wenn diese Zeit vorbei ist?

Das ist eine gute Frage. Erstmal muss ich wieder einen Rückweg nach Deutschland finden, was in diesen Zeiten gar nicht so einfach sein wird.

Gibt es für Sie eine Rückkehr auf die ALAN KURDI?

Auf jeden Fall. Für mich war es ja die erste Mission und so richtig wusste ich nicht, worauf ich mich einlasse. Natürlich gab es Momente der Anspannung, aber eine ganz tolle Crew hat alles wieder wett gemacht.

(Interview: Martin Geiger)