Interview mit Stefan, Einsatzleiter auf der ALAN KURDI

Sie sind Einsatzleiter auf der ALAN KURDI. Können Sie den Job kurz beschreiben?

Im Prinzip bin ich für alles verantwortlich, was mit dem Rettungseinsatz zusammenhängt, direkt und indirekt. Das fängt bei der Organisation der Trainings im Hafen an und geht weiter bis zur gesamten Tagesstruktur. Dienstpläne werden erstellt, der Kontakt zu Behörden, zu unserem Flaggenstaat (Anm.: Deutschland) und natürlich der Kontakt mit unserer Einsatzleitung an Land. Für die Crew gibt es tägliche Besprechungen, die durch den Einsatzleiter abgehalten werden. Es ist eine Management-Aufgabe. Für die Schiffsführung ist die 1. Offizierin und die Kapitänin zuständig. In der Praxis gibt es viele Überschneidungen, das erfordert gute Zusammenarbeit.

Sie sind aber nicht Teil der Profi-Crew, sondern ehrenamtlicher Freiwilliger?

Ja, ich bin ehrenamtlicher Freiwilliger, wie viele andere der Crew auch.

Das bedeutet?

Das bedeutet, dass ich diesen Einsatz in meiner Freizeit und ohne Bezahlung mache.

Wenn ich das richtig verstanden habe, dann hängt der Erfolg der Mission zu großen Teilen von Ihnen ab?

Ich würde sagen, dass es von jedem einzelnen Crewmitglied abhängt.

Wie funktioniert ihr miteinander?

Es war natürlich eine außergewöhnliche Mission, auf der die Crew auch Außergewöhnliches geleistet hat. Durch die Corona-Pandemie mussten wir schon vor dem Auslaufen fast drei Wochen gemeinsam im Hafen verbringen. Da lernt man sich natürlich gut kennen. Das hat zu einer riesengroßen Solidarität und Rücksichtnahme untereinander geführt. Beispielsweise wurden freiwillig Nachtschichten übernommen, wenn jemand übermüdet war. Es war insgesamt ein gelungenes Miteinander ohne größere Konflikte. Und das ist garantiert worden durch das gegenseitige Vertrauen, was wir aufgebaut haben.

ALAN KURDI auf dem Mittelmeer

Wenn wir rückblickend die Quarantäne betrachten, liegen da nicht trotzdem die Nerven blank?

Es waren einige sehr erfahrene Crewmitglieder dabei, die schon auf mehreren Missionen waren. Die bringen natürlich eine gewisse Stabilität mit. Das hat sich mit den neuen Mitgliedern gut ergänzt. Dadurch war es tolles Teamwork, in dem jede und jeder Einzelne unheimlich wichtig war.

Was wäre gewesen wenn… doch mal jemand von der Crew die Nerven verliert?

So jemand wird erstmal aus den Schichten genommen, es wird Rücksicht genommen, Gespräche geführt, der oder die wird geschont und wenn es wirklich so gravierend ist, dass es keinen Ausweg mehr gibt, dann muss dafür gesorgt werden, dass die Person vom Schiff gebracht wird. Aber davon waren wir zum Glück ganz weit entfernt. Es hat bei uns überhaupt keine Ausfälle gegeben.

Sie sorgen an Bord für einen funktionierenden Ablauf. Wer unterstützt sie von Land?

Die Einsatzleitung an Land von Sea-Eye, die einwandfrei funktioniert hat. Es war eine tolle Zusammenarbeit, die mich wirklich begeistert hat. Ein gutes Gefühl, zu wissen, dass ein ganzer Stab den ganzen Tag damit beschäftigt ist, dass wir gut klarkommen. Beispielsweise gibt es ein Team von Jurist*innen, die einen in rechtlichen Fragen unterstützen. Wenn ich da Fachleute nach einer Einschätzung fragen kann, gibt das einem natürlich Sicherheit.

Die Gäste an Bord sind ja alle in einer psychologischen Ausnahmesituation. Wie vermeiden Sie da Panik?

Es gibt drei wichtige Punkte, auf denen wir aufbauen: Struktur, Information und Vertrauen. Und wir haben es geschafft, dass uns die Leute vertrauen. Sie hatten verstanden, dass wir es gut mit ihnen meinen. Zur Struktur gehören feste Essenszeiten. Es ist wichtig, dass die hygienischen Zustände erträglich sind. Zu einer funktionierenden Information gehört, dass die Gäste immer ausreichend über alle Schritte auf dem Laufenden gehalten werden. Wie ist der aktuelle Stand? Was ist als nächstes geplant? Wie geht es weiter? Wir hatten diesmal auf der Mission eine Psychologin dabei, die ganz tolle Arbeit geleistet hat. Sie hat als Teil des medizinischen Teams individuelle Gespräche geführt. Das war sehr wertvoll, da alle Schutzsuchenden in einer retraumatisierenden Ausnahmesituation waren.

ALAN KURDI mit Geretteten an Bord

150 Menschen machen nichts, außer warten. Wie beschäftigt man die? Wie werden die bei Laune gehalten?

Das ist wirklich eine Herkulesaufgabe. Nochmal: Wir reden von 150 Menschen auf einem kleinen Schiff: 38 Meter und 12 Tage. Aber zwei Dinge haben dazu geführt, dass wir das gut geschafft haben. Das war einerseits der Zusammenhalt der Crew und – was man nicht vergessen darf – die Geduld der Schutzsuchenden. Wir sind durch die Regierungen von Italien, Malta und Deutschland 12 Tage lang blockiert worden, eine unmögliche Situation, die absolut vermeidbar gewesen wäre.

Was wäre Ihr Wunsch für die Seenotrettung?

Die EU sowie deren Mitgliedsstaaten sollen aufhören die libysche Küstenwache zu unterstützen. Die libysche Küstenwache kassiert Geld, dabei gibt es eindeutige Hinweise, dass sie selbst ins Schleppergeschäft involviert ist. Unser erster Rettungseinsatz wurde von einem Schnellboot mit libyscher Flagge und vier Mann Besatzung gestört. Sie sind mit hoher Geschwindigkeit auf uns zugefahren, haben in die Luft geschossen und gezielt eine Massenpanik ausgelöst. Viele der Geflüchteten sind ohne Rettungswesten ins Wasser gesprungen. Eine lebensbedrohliche Situation.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelte es sich hier um die libysche Küstenwache oder Personen, die mit ihr in Verbindung stehen. Anschließend haben sie das Holzboot der Geflüchteten beschlagnahmt und ich halte es für naheliegend, dass dies in Libyen wieder verkauft wird.
Die libysche Küstenwache sollte weder finanziell noch durch Trainings oder Material unterstützt werden. Das ist mehr als nur Wegschauen. Europa macht sich schuldig!

Gibt es für sie eine Rückkehr auf die ALAN KURDI?

Ja, klar. Ich hoffe nur, dass es bald wieder verlässliche Reisemöglichkeiten gibt.

Nach der Corona-Odyssee, was erwartet sie daheim?

Zwei Wochen Quarantäne. Aber darauf habe ich mich schon eingestellt. Danach werden Familie und Freund*innen besucht.

(Martin Geiger)