Rettungsleitstellen koordinieren nicht

Nach der Rettung von 133 Menschen am vergangenen Samstag (19.09.2020) übernahm bis zum Dienstagabend keine europäische Rettungsleitstelle die Koordinierung für die geretteten Menschen auf der ALAN KURDI. Die maltesische Rettungsleitstelle lehnte schlicht ab. Die italienische Rettungsleitstelle verwies auf die deutsche Leitstelle in Bremen und von dort aus wurden die Anfragen an das Bundesverkehrsministerium und das Auswärtige Amt weitergeleitet.

Am Dienstagmorgen evakuierte die italienische Küstenwache zwei Frauen, einen Mann und fünf Kinder, darunter ein fünf Monate altes Baby. Die Kommunikation dazu fand ausschließlich mündlich über Funk statt. Jan Ribbeck, Rettungsleiter und Vorstand bei Sea-Eye, kritisiert das Vorgehen der italienischen und der deutschen Behörden. Am Dienstagabend schrieb er der Rettungsleitstelle Rom:

Evakuierung bei Nacht

Das zuständige JRCC in der libyschen SAR-Zone hat weder vor noch nach der Rettung über E‑Mail, Funk oder Telefon Kontakt mit dem Schiff aufgenommen. Alle weiteren der SAR-Zone nächstgelegenen Behörden haben sich bis zum heutigen Tag trotz mehrfacher Kontaktversuche und Einwendungen nicht auf eine Zuständigkeit geeinigt. Die gemeinsame Pflicht zur Koordination von Seenotfällen endet nicht in Stillschweigen und Untätigkeit der Behörden. Sie gilt solange weiter, bis die Rettungsoperation mit der Verbringung der geretteten Menschen in einen sicheren Hafen abgeschlossen ist. Wegen der Untätigkeit der italienischen und deutschen Behörden muss der Kapitän konsequenterweise unseren nächsten Hafen, den sogenannten Port of Call, für die schnellstmögliche und sichere Versorgung und Evakuierung der geretteten Menschen ansteuern. Um jedoch eine lange und stressige Überfahrt zu vermeiden, müssen wir auf die sofortige Ausschiffung aller geretteten Personen innerhalb der nächsten Stunden drängen.

Rettungsschiff ALAN KURDI setzt Kurs auf Frankreich

Wenn die Rettungsleitstelle in Tripolis ausfällt und seine Verantwortung nicht wahrnehmen kann, dann sind alle anderen europäischen Rettungsleitstellen verantwortlich und zur Kooperation verpflichtet, denn schließlich geht es um Menschenleben“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Die Seenotretter*innen informierten die Rettungsleitstellen von Italien, Malta, Deutschland und Frankreich sowie das Auswärtige Amt am Dienstagabend über ihre Absichten und wiederholten ihre Anfrage auf einen sicheren Hafen erneut, doch keine Leitstelle antwortete.

Die ALAN KURDI nahm deshalb Dienstagnacht Kurs auf ihren Port of Call, den ursprünglichen Zielhafen, den das Schiff planmäßig anlaufen sollte, um dort den Crewchange durchzuführen und den nächsten Einsatz vorzubereiten. Der französische Hafen von Marseille wurde auch deshalb gewählt, weil er von Deutschland einfacher für die Helfer*innen von Sea-Eye erreicht werden kann und für das Rettungsschiff OCEAN VIKING bereits ein geeigneter Stützpunkt ist.

Gerettete und Crewmitglied

Natürlich kann auch der Port of Call ein Place of Safety sein. Die Untätigkeit der italienischen und deutschen Behörden zwingt uns zu diesem Schritt“, sagt Isler weiter.

Neu ist die Wahl eines weiter entfernten Hafens nicht. Rupert Neudeck von Cap Anamur brachte ab 1979 so über 10.000 vietnamesische Geflüchtete, die sogenannten boat people, in Sicherheit.

Weitere Blockade vor Italien inakzeptabel

Zuletzt hatten die italienischen Behörden das spanische Rettungsschiff OPEN ARMS vor Sizilien so lange blockiert, bis dutzende Menschen vor Verzweiflung von Bord sprangen, um selbst an Land zu schwimmen.

In eine solche unkontrollierbare Situation wollen wir uns nicht bringen lassen. Eine weitere Blockade werden wir nicht akzeptieren“, sagt Isler.

Nach Rücksprache mit der nautischen Crew hält Isler die Risiken der Überfahrt für vertretbar.

Da wir vor Sardinien, vor Korsika und vor Südfrankreich an vielen Hafenstädten vorbeifahren, werden wir auch überall um Unterstützung bitten können“, so Isler

Die französische Regierung hatte sich zuletzt immer wieder an der Verteilung von aus Seenot geretteten Menschen beteiligt.

Wir wissen nicht, wie die französische Regierung auf unser Hilfegesuch reagieren wird. Wir glauben jedoch an die Unterstützung durch die französischen Bevölkerung und dass man die ALAN KURDI nicht vor Marseille stranden lassen wird“, sagt Isler weiter.