Deutsches Rettungsschiff darf in Messina anlegen

  • 61 Gerettete gehen in Messina von Bord
  • Situation hatte sich am Dienstagabend durch aufziehenden Sturm verschärft

Nach einer sechstägigen Seeblockade hat das deutsche Rettungsschiff von Sea-Eye am frühen Mittwochmorgen in Messina anlegen dürfen. Die Situation an Bord hatte sich am Dienstagabend noch weiter zugespitzt.

Die ALAN KURDI durchquerte am Dienstagabend die Straße von Messina, um an der nördlichen Küste Siziliens Schutz vor schwerem Wetter zu finden. Zu diesem Zeitpunkt wartete die Einsatzleitung seit beinahe 6 Tagen auf einen sicheren Hafen. Am Mittwochmorgen gegen 9:00 Uhr konnten die verbliebenen 61 Geretteten schließlich in Messina von Bord gehen. Ohne einen solchen, sicheren Hafen hätten die Sicherheit und Gesundheit der Geretteten nicht weiter gewährleistet werden können.

Die ALAN KURDI hatte am 28. November in zwei Rettungen 84 Menschen aus Seenot gerettet. In den folgenden Tagen mussten 23 Menschen in drei Evakuierungen durch die italienische Küstenwache von Bord gebracht werden. Zwölf Menschen brachen während der tagelangen Wartesituation zusammen und benötigten schnellstmöglich medizinische Hilfe an Land. Zudem war ein Neugeborenes in einem kritischen Gesundheitszustand.

Julian Pahlke, Sprecher der Organisation Sea-Eye, übt schwere Kritik an dem Verfahren der europäischen Minister und der EU-Kommission:

„Monatelang feierten sich die Ministerinnen und Minister selbst für den sogenannten „Malta-Deal”, der eine schnelle Verteilung und Anlandung sicherstellen sollte. Seehofer sagte selbst am Montag noch, er sei mit dem Fortschritt bisher sehr zufrieden. Dafür haben wir kein Verständnis. Menschen sind keine Verhandlungsmasse. Es dürfte keine politischen Deals geben, wo das Gesetz längst alles regelt.”

Der Vorsitzende der Organisation Sea-Eye, Gorden Isler, äußerte sich entsetzt über die erneute Erfahrung einer Seeblockade:

„Die grundlegendsten Rechte von Menschen auf der Flucht, werden diesen Menschen so weiter abgesprochen. Die Geretteten haben unseren Crewmitgliedern von Fluchterfahrungen berichtet, die auch uns an Land schlaflose Nächte besorgten. Wir kümmern uns nach dem Anlegen um unsere Besatzung und vertrauen Europa 84 hoffnungsvolle und verletzte Seelen an.”

Während das Schiff ALAN KURDI vor den Häfen wartete, wurde ein Holzboot mit vermutlich 70 Personen vermisst. Es wurde bis heute nicht gefunden. Die Suche wurde Samstagnacht von der maltesischen Army abgebrochen. Der Verbleib dieser 70 Menschen ist ungeklärt.

Maltesische Rettungsleitstelle telefonisch nicht erreichbar

  • vier Personen kollabiert
  • kein sicherer Hafen für die ALAN KURDI

Die Situation an Bord des deutschen Rettungsschiffes ALAN KURDI hat sich über das Wochenende zugespitzt. Am Samstag mussten acht Personen von Bord des Schiffes nach Lampedusa evakuiert werden, darunter zwei Säuglinge jeweils vier und acht Wochen alt. Ein Neugeborenes nahm keine Nahrung mehr zu sich, war dehydriert, unterernährt und deshalb in kritischer Verfassung.

Seit Sonntagnachmittag kollabierten an Bord des deutschen Rettungsschiffes vier Personen. Sie werden seither im Bordhospital behandelt. Die mit Dringlichkeit angefragten Evakuierungen wurden von der maltesischen Rettungsleitstelle wiederholt abgelehnt. Die italienische Leitstelle antwortet auf eine entsprechende Anfrage nicht. Die maltesische Seenotleitung teilte dem Schiff zudem per Mail mit, dass die Menschen an Bord der ALAN KURDI für sie keinen Notfall darstellen.

Die Seenotleitstellen in Rom, Malta und Bremen weisen seit Samstagmittag die Verantwortung von sich und erklären jeweils eine andere Leitstelle für zuständig. Die deutsche Seenotleitstelle MRCC Bremen verwies nach der Rettung sogar an die libysche Navy, obwohl sich das Schiff inzwischen in der maltesischen Koordinierungszone befand.

„Wir sind entsetzt über die Verantwortungslosigkeit europäischer Seenotleitstellen. Die Leitstellen verweigern sich förmlich und unterlaufen ihre Pflicht, die Rettung zu koordinieren und uns einen sicheren Hafen zuzuweisen. Noch nicht einmal kollabierte Personen können vom Schiff evakuiert werden. Uns gehen die Superlative für die Ignoranz Europas aus”, sagt Julian Pahlke, Sprecher von Sea-Eye.

Am Montagmorgen sind an Bord der ALAN KURDI zwei weitere Person kollabiert. Auf das Ersuchen des Schiffes bei den drei Seenotleitstellen kam erneut keine Antwort.

„Wir sind ausgerüstet wie ein moderner Krankenwagen, aber wir können bald nicht mehr für die Gesundheit aller Menschen garantieren. Die Geretteten sind durchweg in schlechter Verfassung. Mit unseren Bordmittel werden wir die Situation in absehbarer Zeit nicht mehr bewältigen können”, sagt die Bordärztin der ALAN KURDI, Barbara Hammerl-Kraus.

„Wir befürchten an Bord das Schlimmste. Wir haben das Auswärtige Amt darum gebeten, dass man die italienischen und maltesischen Partner auf die humanitäre Dringlichkeit hinweist. Es kann nicht sein, dass europäische Leitstellen telefonisch nicht erreichbar sind und sich schlicht verweigern. Deutschland muss darauf drängen, dass internationale Gesetze und seerechtliche Verpflichtungen eigehalten werden, statt sich für rein medienwirksame, sogenannte Deals zu feiern”, fügt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye hinzu.

Erstmalig war die maltesische Rettungsleitstelle für die Einsatzleitung von Sea-Eye telefonisch nicht mehr erreichbar. Ebenfalls neu ist, dass Italien an die Zuständigkeit der deutschen Rettungsleitstelle in Bremen verweist und dort um die Koordinierung bittet.

„Offenbar leidet auf Malta nicht nur die Regierung unter Auflösungserscheinungen. Die Rettungskette dieser beiden Mittelmeeranrainer hat sich in Luft aufgelöst hat“, sagt Isler weiter.

Rettungsschiff ALAN KURDI rettet 84 Menschen auf dem Mittelmeer

  • Unter den Geretteten sind drei Kleinkinder und drei Neugeborene
  • Eine Frau wurde bewusstlos geborgen
  • Zustand eines Neugeborenen ist kritisch

Am Donnerstagmorgen wurde das zivile Rettungsschiff ALAN KURDI der Regensburger Organisation Sea-Eye über den ersten der beiden Seenotfälle informiert. Die Organisation „Watch the Med Alarm Phone“ kontaktierte die Einsatzleitung und übermittelte die Position. Sea-Eye informierte die zuständigen Behörden und das Schiff nahm Kurs auf die kommunizierte Koordinate.

Am späten Vormittag erreichte die ALAN KURDI das seeuntaugliche Schlauchboot und evakuierte die 44 Menschen unverzüglich. Unter ihnen sind 21 Frauen, eine von ihnen ist schwanger. Ebenfalls wurden ein Kleinkind und zwei Neugeborene gerettet, eines vier und ein anderes 8 Wochen alt. Einige Frauen berichten dem Medizinerteam, dass sie bereits seit drei Jahren in Libyen festgesessen haben. An Bord des Schiffes wurden sofort alle Geretteten medizinisch betreut.

Zeitgleich wurde die ALAN KURDI von Alarm Phone über einen weiteren Seenotfall informiert. Am Nachmittag entdeckte das zivile Suchflugzeug „Colibri“ der französischen Hilfsorganisation Pilotes Volontaires das zweite Schlauchboot. Das Sea-Eye-Schiff erreichte die Position gegen 17 Uhr. Auch hier befanden sich drei Kleinkinder unter den Geretteten. Eine Frau wurde bewusstlos von Bord des Schlauchbootes geborgen und musste im Bordhospital behandelt werden. Ihr Zustand ist instabil. Der Zustand eines Neugeborenen wird ebenfalls als kritisch beschrieben. Das Kind konnte zwei Tage nicht mit Wasser versorgt oder von der Mutter gestillt werden.

„Wir sind sehr froh, zur richtigen Zeit vor Ort gewesen zu sein. Die ALAN KURDI ist in diesen Stunden das einzige zivile Rettungsschiff vor der libyschen Küste. Vor allem das Schicksal der sechs Kleinkinder, teilweise nur wenige Wochen alt, bereitet uns in diesen Stunden große Sorgen. Ein Schiff ist noch kein sicherer Ort für Gerettete und schon gar nicht für Neugeborene. Die Behörden müssen sofort handeln und Verantwortung übernehmen“, sagt Sea-Eye Vorsitzender Gorden Isler.

Sea-Eye hat bereits am Nachmittag um Zuweisung eines sicheren Hafens für die Geretteten der ALAN KURDI gebeten. Eine Antwort der europäischen Seenotleistellen blieb bisher aus. Die libyschen Behörden boten am Nachmittag wiederholt Tripolis als Ausschiffungshafen an.

„Wäre Libyen ein sicherer Ort, dann hätten diese Menschen nicht ihr Leben riskiert, um diesen Ort zu verlassen“, sagt Isler weiter.

Sea-Eye lehnt es daher weiter kategorisch ab Menschen zurück nach Libyen zu bringen.

„Es darf jetzt kein Geschacher um Menschen auf der Flucht geben. Das internationale Recht schreibt klar vor, dass die Geretteten in einen sicheren Hafen gebracht werden müssen und der kann nur in Europa liegen. Wir drängen deshalb darauf, schnellstmöglich einen sicheren Ort zugewiesen zu bekommen“, sagt Sea-Eye Sprecher Julian Pahlke.

Sea-Eye-Crew meistert umfangreiche, italienische Hafenstaatskontrolle

  • Die katholische Kirche, die Mennoniten und Heinrich Bedford-Strohm für die EKD sprechen Segen für die ALAN KURDI aus
  • Gesammelte Spenden von TUA, Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf kommen zum Einsatz

Das Rettungsschiff ALAN KURDI hat am Donnerstagvormittag den Hafen von Tarent in Süditalien verlassen und befindet sich nun auf dem Weg in die libysche Such- und Rettungszone.

„Nach dem gewalttätigen Zwischenfall mit libyschen Küstenwächtern beginnen wir nun mit großer Sorge den nächsten Einsatz. Wir betrachten die sogenannte libysche Seepolizei als ernstzunehmende Bedrohung für Menschen auf der Flucht und die Retter an Bord unseres Schiffes. Die Tatsache, dass solche Milizen als Partner der Bundesregierung und der EU bewusst und willentlich Menschenrechte brechen, ist durch nichts zu entschuldigen. Die Rettung von Menschenleben scheint keine Priorität mehr zu sein”, sagt Julian Pahlke, Sprecher von Sea-Eye.

Nach der erstmaligen Ankunft der ALAN KURDI in einem italienischen Hafen kam es unmittelbar zu einer intensiven, tagelangen Hafenstaatskontrolle des Schiffes.

„Durch die schnelle Reaktion der deutschen Behörden und die professionelle Arbeit unserer Crew, konnte die aufwendige Inspektion gemeistert werden. Dabei bestätigten die deutschen Behörden den italienischen Kollegen ausdrücklich, dass der Zustand und die Papiere der ALAN KURDI ausdrücklich in Ordnung sind”, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Die Abfahrt aus dem Hafen von Tarent verzögerte sich weiterhin wegen eines starken Sturmes, der über weite Teile Italiens hinwegzog. Dabei hat das Schiff schwere Schäden in Höhe von rund 30.000 € erlitten, die aufwendig behoben werden mussten.

Für die achte Mission des Sea-Eye-Schiffes ALAN KURDI senden am Donnerstag verschiedene Kirchen ihre bewegenden Segenssprüche an die Regensburger Seenotretter.

„Die Mennoniten sind wichtige Unterstützer der ersten Stunde. Die katholischen Bistümer München-Freising, Paderborn, Hildesheim und Regensburg sind zusammen die größten, kirchlichen Förderer von Sea-Eye. Seit 2018 werden wir auch aus dem Raum der EKD gefördert. Wir sind auf die Unterstützung der Kirchen dringend angewiesen”, sagt Isler weiter.

Die Kirchen stehen Sea-Eye nicht nur finanziell zur Seite. Zur achten Mission der ALAN KURDI senden Dekan Roman Derl von der Diözese Regensburg für die katholische Kirche, Präses Dr. Michael Diener und Ratspräsident Heinrich Bedford-Strohm für die EKD, sowie Doris Hege als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden, ihren Segen für die Arbeit der Regensburger Seenotretter.

Bei der Finanzierung der anfallenden Kosten helfen unter anderem der Rapper TUA, der sein neues Video „Wenn ich gehen muss” für Sea-Eye veröffentlichte und zu Spenden für die Regensburger Seenotretter aufrief (zur Spendenseite). Aber auch der Treuhandfonds, in dem die gesammelten Spenden von Jan Böhmermann und Klaas-Heufer Umlauf verwaltet und verteilt werden, trägt maßgeblich zum aktuellen Einsatz bei. Insgesamt wurden 60.000 € für den Rettungseinsatz und die nachhaltige Organisationsentwicklung von Sea-Eye e. V. bewilligt und bereitgestellt.

Der Berliner Rapper Tua spendet ein Musikvideo und sammelt Spenden für die ALAN KURDI

„Es ist ein wichtiges Zeichen, dass die Zivilgesellschaft so zusammensteht und gemeinsam sicherstellt, dass die ALAN KURDI in den nächsten Einsatz aufbrechen kann. Vor allem, dass junge Künstler wie TUA oder Jan Böhmermann dieses wichtige Thema zunehmend aufgreifen und die Kirchen Deutschlands sich immer wieder insistierend für die Seenotrettung einsetzen, lässt uns zuversichtlich bleiben. Wir sind gerade jetzt wieder auf Spenden angewiesen, weil mit diesem schweren Sturmschaden einfach nicht zu rechnen war”, sagt Isler weiter.

Sea-Eye e. V. gratuliert Vereinsgründer Michael Buschheuer zur Verleihung des Georg-Elser-Preis für besondere Zivilcourage

„Die Mutter hat unter Schluchzen nur gefragt: ‚Georg, warum hast Du das getan?‘ und er hat gesagt: ‚Mutter, ich habe den Krieg verhindern wollen.’“

Georg Elser war ein deutscher Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Er versuchte den zweiten Weltkrieg durch ein Attentat auf Adolf Hitler zu verhindern und scheiterte nur knapp. Am 9. April 1945 wurde er dafür im Konzentrationslager Dachau ermordet. Nur wenige Auszeichnungen stehen so sehr für Mut und Zivilcourage, wie der Georg-Elser-Preis.

Deshalb lieber Michael sind wir stolz und gratulieren dir herzlich zu dieser Auszeichnung. Ohne dich hätten wir alle nicht zueinander gefunden. Ohne deinen Mut, hätte es weniger Rettungsschiffe in einer Such- und Rettungszone gegeben, in der Vernunft und Gewissen abwesend und Tod sowie schwerste Verbrechen längst Alltag geworden sind. Ohne dich, deine Courage wären viele Menschen gestorben. Wir gratulieren dir herzlichst, dass du dich in die Reihe namhafter, couragierter Menschen einreihen darfst und folgen eurem couragierten Beispiel, indem wir weiter Menschen vor dem Ertrinken retten.

Kein Hafen für deutsches Rettungsschiff trotz politischer Lösung

Die Situation an Bord des deutschen Rettungsschiffs ALAN KURDI spitzt sich weiter zu. Auf der Innenministerkonferenz verkündete Bundesinnenminister Horst Seehofer bereits am Dienstag, dass es eine politische Lösung für die von der ALAN KURDI geretteten Menschen gäbe. Das Auswärtige Amt und die EU-Kommission bestätigten das gegenüber Sea-Eye. Die Blockade vor Lampedusa hält trotz dieser Aussagen weiter an.

Die italienische Seenotleitstelle Rom teilte der Kapitänin Bärbel Beuse am Dienstag auf Nachfrage mit, dass man keine Informationen dazu habe. Anfragen des Schiffes leite die Rettungsleitstelle an die „zuständigen Behörden“ weiter.

Bei ihrem Einsatz am letzten Samstag wurden unsere Crewmitglieder zusammen mit den Geretteten Opfer eines gewaltsamen, bewaffneten Überfalls. Bei der Nachbesprechung des Einsatzes am Sonntag brachen viele von ihnen in Tränen aus. Niemand von unserer Crew hat damit gerechnet, in libysche Gewehrläufe schauen zu müssen, als sie sich freiwillig für einen Rettungseinsatz meldeten.

Auf den Videos der Helmkameras sieht man, was die Rettungscrew der ALAN KURDI durchlebt hat. Die Gespräche zwischen den Besatzungsmitgliedern zeigen, wie ernst die Lage am Samstag wirklich war. Trotz dieser traumatisierenden Erfahrungen und der besonders gravierenden Umstände dieses Rettungseinsatzes müssen 17 Besatzungsmitglieder und 90 gerettete Menschen weiter auf der ALAN KURDI ausharren.

„Wenn es eine politische Lösung gibt, worauf lässt man uns dann jetzt noch warten?“, fragt Crewmitglied Karsten Jäger, der die Ereignisse vom Samstag als Medienkoordinator dokumentierte.

Die Seeblockade der ALAN KURDI hält nun seit fünf Tagen an. Die Wasser- und Lebensmittelvorräte werden knapp. Der Zustand einiger Geretteter verschlechtert sich zusehends. Viele von ihnen haben Grausames durchlebt. Das Sea-Eye-Schiff fährt unter der Bundesflagge. Italien verletzt wiederholt auch Rechte des Flaggenstaates der ALAN KURDI. Gegenüber Sea-Eye versichern die deutschen Behörden, dass man bei den italienischen Kollegen auf „eine rasche Lösung dränge“. Über die Gründe für die andauernde Blockade, trotzt politischer Regelung der Verteilung der Geretteten, kann man bei Sea-Eye nur spekulieren.

„Möglicherweise möchte man genau wie bei der Sea-Watch 3 und der Eleonore warten, bis die Kapitänin den Notstand erklären und sich Zugang zu einem Hafen verschaffen muss“, vermutet Isler.

Die „Sea-Watch 3“ und die „Eleonore“ sind seither in italienischen Häfen blockiert worden.

„Zwar bleiben Beleidigungen durch italienische Minister seit dem Regierungswechsel aus, für einen wirklichen Kurswechsel gibt es aber keine messbaren Anzeichen“, sagt Isler weiter.

Doch auch aus der Bundesregierung und dem Deutschen Bundestag hört man wenig Konkretes zu dem bewaffneten Überfall auf das einzige, deutsche Rettungsschiff. Die Wahlergebnisse in Thüringen scheinen wichtiger zu seien, als das Leben der ALAN KURDI Crew.

„Das muss man sich mal klarmachen. Da wird bei einem Rettungseinsatz von deutschen Rettungskräften scharf geschossen und in Deutschland redet der Innenminister nun über einen Verhaltenskodex für Seenotretter. Das ist so, als würde man dem Opfer eines Verbrechens Verhaltensänderungen empfehlen wollen, um so den Straftätern keine weiteren Gelegenheiten zu geben, erneut Verbrechen gegen uns zu begehen“, sagt Isler weiter.

Notfall vor Lampedusa und ein vermisstes Familienmitglied

Am Sonntag erreichte die ALAN KURDI die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa. Zuvor hatte die Crew des deutschen Rettungsschiffes am Samstag 91 Menschen von einem Schlauchboot gerettet. Bei der Rettung kam es zu einer schwerwiegenden Bedrohung durch eine libysche Miliz. Es fielen Schüsse. Ein Mann wird nun doch vermisst.

Die italienische Küstenwache evakuierte am Sonntagnachmittag die 22 Jahre alte, schwangere Nigerianerin Faith. Das medizinische Team der ALAN KURDI fürchtete um das Leben des ungeborenen Kindes.

Missionsleiter Jan Ribbeck ist Arzt und betreut den Einsatz von Land. Er sagt: „Solch schwere Blutungen im vierten Monat einer Schwangerschaft sind ein alarmierendes Zeichen.“

Seit Samstagabend bat Ribbeck die italienischen und maltesischen Rettungsleitstellen um eine medizinische Evakuierung.

Die Malteser sicherten zunächst eine Evakuierung für Sonntagmorgen mit dem Helikopter zu. Die Rettungsaktion wurde dann aber verschoben, schließlich aufgrund des Wetters abgesagt und Malta verwies darauf, dass die ALAN KURDI näher an Lampedusa liegt.

„Man muss wissen, dass wir die maltesische Rettungszone durchquerten. Das Wetter war sehr gut. Formal war Malta zuständig die Evakuierung zu organisieren, auch wenn die Person nicht nach Malta evakuiert werden soll“, erklärt Ribbeck weiter.

Malta bestritt seine Zuständigkeit für Notfälle in der maltesischen Rettungszone nicht zum ersten Mal. In einer schriftlichen Auseinandersetzung machte die italienische Rettungsleitstelle der maltesischen Leitstelle schwere Vorwürfe.

„Wir vermuten dahinter die politische Überlegung, dass Malta die Ausschiffung der weiteren 90 Personen an Bord zu verhindern versuchte, weil wir zu diesem Zeitpunkt Richtung Malta fuhren“, sagt Ribbeck.

Die Seenotleitstelle Rom erklärte sich schließlich bereit Faith am Sonntagnachmittag zu evakuieren. Sie wurde von einem italienischen Patrouillenboot abgeholt und nach Lampedusa gebracht. Sea-Eye hat Italien nun offiziell um einen sicheren Hafen gebeten und wartet außerhalb der italienischen Territorialgewässer vor Lampedusa auf eine Ausschiffung für 90 gerettete Personen.

Zunächst berichtete Sea-Eye von insgesamt 90 geretteten Menschen. Tatsächlich zählte die Crew am Samstagabend 91 Personen auf der ALAN KURDI. Ein junger Mann informierte die Crew außerdem darüber, dass er seinen Bruder an Bord nicht finden könne. Er sei mit ihm auf dem Schlauchboot gewesen. Seither gilt eine Person als vermisst, was sich mit den ursprünglichen Informationen zum Notruf von „AlarmPhone“ deckt. Die Hilfsorganisation empfing den Notruf und beschrieb ein weißes Schlauchboot mit 92 Personen in Seenot. Ob die vermisste Person von den Libyern entführt wurde oder ertrank, ist unklar.

Libysche Miliz feuert Warnschüsse auf deutsches Rettungsschiff

  • Crew der ALAN KURDI rettet 90 Menschenleben
  • Libysche Milizen behindern Rettung und feuern Schüsse in Luft und Wasser
  • Besatzung der ALAN KURDI bleibt unversehrt
  • Medizinisches Team fürchtet um das Leben eines ungeborenen Kindes
  • Libyen bietet am Abend Tripolis als sicheren Hafen an

Bei einem Seenotfall, in internationalen Gewässern vor Libyen, kam es zu einem gefährlichen Zwischenfall mit einer libyschen Miliz. Die Crew der ALAN KURDI bleibt unversehrt und rettet 90 Menschenleben.

„Als ich die Schüsse der Libyer hörte, war ich mir nicht mehr sicher, dass wir alle Menschen retten können und befürchtete das Schlimmste“, sagt Kapitänin Bärbel Beuse.

Die Hilfsorganisation „AlarmPhone“ informierte Sea-Eye und die zuständigen Behörden am Samstag über einen Notruf von einem Schlauchboot in internationalen Gewässern. Das Suchflugzeug „Moonbird“ von Sea-Watch entdeckte das Schlauchboot auf einem Flug über die libysche SAR-Zone und konnte die Koordinaten weiterleiten. Die ALAN KURDI war das erste Schiff vor Ort. Die Rettungscrew begann routiniert mit der Verteilung von Rettungswesten und evakuierte die ersten Personen. Das Schlauchboot war völlig überladen und Wasser drang ein. Plötzlich näherten sich drei schwer bewaffnete Schnellboote mit libyscher Flagge.

Die Libyer versuchten immer wieder sich zwischen dem Schlauchboot und der ALAN KURDI zu positionieren, um die Rettung zu unterbrechen. Panisch sprangen Menschen von dem Schlauchboot, um die Rettungsboote der ALAN KURDI zu erreichen. Die libysche Miliz drohte der Kapitänin über Funk mit der Ausrichtung des Bordgeschützes auf ihr Schiff. Die Kapitänin schickte den Großteil der Crew in die Messe, den hintersten Teil des Schiffes, um deren Gefährdung zu minimieren.

„Eine solche Konfrontation zählten wir immer zu den unwahrscheinlichsten Szenarien. Dennoch haben wir auch solche Momente vorbesprochen und Verhaltensweisen trainiert“, sagt Jan Ribbeck, Director of Mission bei Sea-Eye e. V.

Die Lage eskalierte weiter durch Schüsse in die Luft und in das Wasser. Die Libyer richteten ihre Waffen auf die Menschen im Wasser. Einsatzleiter Joshua Wedler beschreibt, dass die ALAN KURDI zu diesem Zeitpunkt manövrierunfähig war, weil sich die libyschen Boote so positionierten, dass das Schiff weder vor, noch zurück steuern konnte. Bei einer Kollision zwischen der ALAN KURDI und dem Schlauchboot stürzten viele Menschen ins Wasser. Menschen, die von der libyschen Miliz an Bord genommen worden sind, sprangen direkt zurück ins Wasser.

Sea-Eye bat das Auswärtige Amt um dringende Unterstützung, um ein schweres Unglück zu vermeiden.

„Der Kontakt zum Schiff brach für fast eine Stunde ab. Bei der Informationslage hatten wir auch große Sorge um das Leben unserer eigenen Besatzung“, sagt Ribbeck weiter.

Die Crew der ALAN KURDI hat trotz des Chaos besonnen und professionell agiert. Sie zog alle Menschen aus dem Wasser und aus dem Schlauchboot auf die ALAN KURDI. Zu diesem Zeitpunkt endete die gefährliche Auseinandersetzung. Die Libyer entwendeten das leere Schlauchboot und zogen sich damit zurück.

90 Überlebende befinden sich nun zusammen mit 17 Crewmitgliedern auf dem deutschen Rettungsschiff ALAN KURDI. Die Crew blieb unversehrt.

„Ich bin total schockiert, was heute hier geschehen ist und bin glücklich, dass meine Crew unverletzt blieb. Nun kümmern wir uns erstmal um die geretteten Menschen“, sagt Kapitänin Beuse.

Das medizinische Team fürchtet derweil um das Leben eines ungeborenen Kindes. Eine schwangere Frau leidet unter schweren Unterleibsblutungen. Sea-Eye hat die italienischen und maltesischen Behörden um eine Evakuierung der Frau gebeten.

„Wir fürchten, dass die junge Mutter ihr Baby bei diesem Vorfall verloren hat“, sagt Ribbeck.

„Es ist ein unglaublicher und schockierender Fakt, dass hier europäische, zivile Rettungskräfte von Personen bedroht und gefährdet worden sind, die von den eigenen Heimatländern der Rettungskräfte bei völkerrechtswidrigen Bemühungen unterstützt werden, Menschen von der Flucht aus Libyen abzuhalten“, sagt Gorden Isler, Sprecher von Sea-Eye e. V. „Das heute keine Menschen starben, ist allein dem professionellen und deeskalierenden Verhalten unserer Besatzung zu verdanken. Wir sind glücklich, dass alle gesund zu ihren Familien zurückkehren werden“.

Am Abend schreibt der Libysche Offizier Mohamed Al Abuzidi der ALAN KURDI, dass Tripolis sich den geretteten Menschen als sicheren Hafen anbietet. Unter Hinweis auf das Völkerrecht lehnte die Sea-Eye-Einsatzleitung den zugewiesenen Hafen ab und nahm Kurs auf die italienische Insel Lampedusa.

Während auf dem Treffen der EU-Innenminister in Luxemburg erneut keine Fortschritte zur Beendigung des tödlichen Ausnahmezustandes im Mittelmeer erzielt wurden, sind es wieder einmal zivile Akteure, die der Europäischen Union Solidarität vorleben: Mit einer Spende von 60.000 Euro ermöglicht Sea-Watch e. V. dem Rettungsschiff ALAN KURDI das Auslaufen in das tödlichste Seegebiet der Welt.

Am Samstagmorgen rettete die Crew der ALAN KURDI 13 Menschen, davon 8 Minderjährige, aus einem überladenen Holzboot in der maltesischen SAR-Zone. Malta weigert sich die Koordinierung der Rettung zu übernehmen und verweist an Deutschland. Italien verbot die Einfahrt in italienische Gewässer. Aus eigener Kraft hätte das orientierungslose Holzboot keinen Ort sicher erreichen können.