Regensburger Seenotretter*innen wehren sich erfolgreich gegen Hass und Hetze

Das Berliner Landgericht bestätigte am Donnerstagabend, 18.03.2021, nach mündlicher Verhandlung am Vormittag die Aufrechterhaltung der einstweiligen Verfügung gegen den Berliner AfD-Politiker Georg Pazderski. Dieser hatte am 31.10.2020 in einem Post behauptet, dass die Besatzung der ALAN KURDI „den Nizza-Attentäter nach Lampedusa brachte“ und dass der Verein deshalb „spätestens jetzt Blut an seinen Händen“ habe. Pazderski verbreitete diese Lüge trotz besseren Wissens über seine sozialen Kanäle und erreichte damit tausende Menschen. Als Reaktionen darauf erhielt der Verein Hassbotschaften und sogar Morddrohungen.

Pazderskis Rechtsanwält*innen hatten Widerspruch gegen die Verfügung eingelegt. Das Berliner Landgericht wies den Widerspruch heute zurück und bestätigt damit die einstweilige Verfügung. So wehrte sich Sea-Eye erfolgreich gegen die unwahre Behauptung und gegen Hass und Hetze.

An der Verhandlung nahm der AfD-Politiker selbst nicht teil. Der Richter der 27. Zivilkammer des Berliner Landgerichts stellte einleitend unmissverständlich klar, dass Pazderski keine Vermutung geäußert habe und sich selbst auch nicht darauf berufen könne „Laie“ zu sein, weil „Migration und Flucht“ bekanntermaßen sein politisches Schwerpunktthema ist.

Es ist systematisch, wie AfD-Politiker*innen immer wieder Unsägliches von sich geben, um die Gesellschaft zu spalten und Hass zwischen den Menschen schüren. Es ist wichtig, sich zu wehren, denn für Sea-Eye engagieren sich mehr als 700 Menschen bundesweit, deren Sicherheit durch die Verbreitung solcher Lügen bewusst gefährdet wird“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Der Rechtsanwalt des AfD-Politikers trug hingegen wenig Substantielles vor. „Wir sehen es halt anders“, erwiderte Dr. Christian Conrad von der Düsseldorfer Kanzlei Höcker auf die klare Einschätzung des Richters und bezeichnete die Sicht des Gerichts als „dogmatisch“. In Richtung des Sea-Eye Vorsitzenden fragte Conrad mit einem Lächeln, wie man den Namen des Sea-Eye Schiffes ALAN KURDI denn überhaupt „richtig ausspreche“. 

Sollte der AfD-Politiker seine Behauptung wiederholen, droht ihm eine Geldstrafe von bis zu 250.000 €. Die Kosten des Verfahrens muss Georg Pazderski tragen.

Das Gericht hat klargestellt, dass ein Berufspolitiker eine erhöhte Pflicht hat, die Richtigkeit seiner Beiträge zu überprüfen. Gegen diese Pflicht hat Pazderski in erheblichem Maße verstoßen. Ob er dieses Urteil akzeptieren wird oder in Berufung geht, bleibt abzuwarten“, sagt Jeremias Mameghani, Rechtsanwalt von Sea-Eye e. V.

Sea-Eye macht es genau richtig. Die Politik des Hasses durch Desinformation der AfD braucht als Antwort die volle Härte des Rechtsstaates“, sagt Helge Lindh (SPD), Bundestagsabgeordneter aus Wuppertal, der am Donnerstagmorgen eigens aus Wuppertal anreiste, um die Verhandlung zu beobachten.


Sea-Eye schickt bald ein neues Rettungsschiff, die SEA-EYE 4, in den Einsatz ins Mittelmeer. Unterstützen Sie uns dabei!

Wie europäischer Rassismus im Mittelmeer Schwarze Menschen tötet

Rassismus ist ein gewaltiges Problem unserer Gesellschaft. Dies zeigt sich auch anhand der Zustände an den EU-Außengrenzen, wo Menschenleben aufgrund von Herkunft und Hautfarbe unterschiedlich bewertet werden. Wir wollen deshalb anlässlich der Internationalen Wochen gegen Rassismus vom 15. bis 28. März 2021 mit euch zusammen auf die strukturelle Gewalt gegen flüchtende Menschen auf dem Mittelmeer aufmerksam machen.

Die rassistischen Strukturen der EU-Politik im Mittelmeer offenbaren sich an den folgenden beiden Fällen. Fall 1 zeigt, wie der Notruf von 63 flüchtenden Menschen tagelang ignoriert wurde. Wohingegen in Fall 2 für eine weiße Europäerin eine aufwendige Suchaktion gestartet wurde, die zeigt, wie Seenotrettung durch EU-Staaten für alle Menschen aussehen muss.

Fall 1: Keine Rettung für Schwarze Schutzsuchende

Am 9. April 2020 flohen 63 Menschen, darunter drei Kinder, mit einem Schlauchboot von Qarapoli aus dem Bürgerkriegsland Libyen. In der Nacht vom 10. auf den 11. April setzten die Menschen einen Notruf an die Organisation Alarmphone ab und übermittelten ihre Koordinaten. Alarmphone leitete den Notruf unmittelbar an maltesische, italienische, portugiesische und deutsche Behörden und sogar an die sogenannte libysche Küstenwache sowie die EU-Agentur Frontex weiter. Erst nach mehreren vergeblichen Versuchen, eine Küstenwache zur Rettung zu bewegen, organisierten die italienische und die maltesische Küstenwache am Ostersonntag, 12. April, Suchflüge, wodurch die Menschen in der maltesischen Such- und Rettungszone gefunden wurden, aber keine Rettung eingeleitet wurde.

Schlauchboot im Mittelmeer

In der Nacht vom 14. April näherte sich ein Frachtschiff den Menschen in Seenot. Wegen schlechter Seebedingungen und mangels Anweisung des anwesenden maltesischen Militärflugzeugs unterließ das Frachtschiff jedoch jegliche Hilfeleistung. Auf Anordnung der maltesischen Küstenwache verließ das Frachtschiff den Ort, ohne einen Rettungsversuch gestartet zu haben.

Fast 4 Tage nach dem ersten Notruf nahm ein Fischerboot die 51 Überlebenden an Bord und brachte diese auf Anweisung der maltesischen Küstenwache in einem illegalen Push-Back zurück ins Bürgerkriegsland Libyen. Insgesamt befanden sich unter den 51 Überlebenden 40 Männer, 8 Frauen und 3 Kinder aus Eritrea und dem Sudan. Während der Tage, in denen die maltesische Küstenwache sowie andere europäische Behörden eine Rettung verweigerten und untätig blieben, starben 12 Menschen; 5 Menschen aus Eritrea und Äthiopien verdursteten und 7 ertranken.

Diesem sehr drastischen Fall von unterlassener Hilfeleistung für Flüchtende in Seenot steht folgender Fall gegenüber, der beispielhaft zeigt, wie Seenotrettung durch staatliche und EU-Institutionen für alle Menschen aussehen sollte und kann.

Fall 2: Große Rettungsaktion für weiße Europäerin

In der Nacht vom 18. auf den 19. August 2018 fiel eine 46-jährige Britin vom Kreuzfahrtschiff NORWEGIAN STAR in die kroatische Adria. Daraufhin wurde eine aufwendige Suchaktion gestartet, in die die kroatische Marine und Küstenwache, ein Suchflugzeug und Privatboote involviert waren. Nach zehn Stunden im 20 Grad warmen Wasser wurde sie dann um 9:40 Uhr von einem kroatischen Rettungsschwimmer unversehrt an Bord eines Marineschiffs gebracht.

Der zweite Fall zeigt, wie Menschen gerettet werden sollten, die im Mittelmeer zu ertrinken drohen. Leider zeigt die Praxis, dass offensichtlich Unterschiede darin gemacht werden, wer gerettet wird und wer nicht. Das Problem heißt Rassismus.

Küstenwache im Mittelmeer

Diesem strukturellen Rassismus treten wir entschieden entgegen und fordern: Jeder Mensch muss aus Seenot gerettet werden, egal wo die Person herkommt, welche Hautfarbe und welche Religion sie hat. Das ist nicht nur unsere Überzeugung, das sagt auch Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: „Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“

Sea-Eye fordert daher:

  • Die EU-Mitgliedsstaaten müssen eine europäische staatliche Seenotrettung einsetzen, die den klaren Auftrag hat, möglichst vielen Menschen im Mittelmeer das Leben zu retten.
  • Auf Notrufe von Menschen im Mittelmeer muss unverzüglich reagiert werden, egal welche Hautfarbe und Herkunft sie haben.
  • Die EU-Mitgliedsstaaten müssen die Finanzierung und Unterstützung der sogenannten libyschen Küstenwache sofort einstellen. Die Kooperation besteht, damit die sogenannte libysche Küstenwache Menschen auf dem Mittelmeer abfängt und zurück in das Bürgerkriegsland Libyen bringt. Diese menschenverachtende Praxis muss beendet werden. Libyen ist kein sicherer Ort!

Die SEA-EYE 4

Seenotrettung durch private Organisationen ist zwar nicht die Lösung für den strukturellen Rassismus in der EU-Politik, aber sie rettet so viele Menschenleben wie möglich. Deshalb bauen wir die SEA-EYE 4 zum Rettungsschiff um und schicken sie so schnell wie möglich in den Einsatz. Helfen Sie uns dabei und spenden Sie für ein Schiff, das Menschen unabhängig ihrer Herkunft und Hautfarbe rettet.

Berichterstattung zu den Fällen zum Nachlesen:

Fall 1: Keine Rettung für Schwarze Schutzsuchende
Alarmphone: Twelve Deaths and a Secret Push-Back to Libya (16. April 2020)
Internationale Organisation für Migration (IOM): Mediterranean Migrant Arrivals Reach 16,724 in 2020; Deaths Reach 256 (24. April 2020)

Fall 2: Große Rettungsaktion für weiße Europäerin
Deutsche Welle: Britin überlebt nach Sturz von Kreuzfahrtschiff zehn Stunden in der Adria (20. August 2018)
Süddeutsche Zeitung: Vom Kreuzfahrtschiff gefallene Urlauberin nach zehn Stunden gerettet (20. August 2018)

Hinweis: Bei den Fotos handelt es sich um Symbolbilder.

Jan Ribbecks Rede auf der Taufe der SEA-EYE 4

Warum machen wir das? Um Menschenleben zu retten. Um Menschen vor dem Ertrinken zu retten, damit niemand zurückbleibt“, erklärt Jan Ribbeck, stellv. Vorsitzender von Sea-Eye und Einsatzleiter auf der Mission, bei der wir Alpha, den Taufpaten der SEA-EYE 4, kennenlernten.

Unsere Mission ist klarer denn je: Solange es nötig ist, werden wir Rettungsmissionen im Mittelmeer durchführen, denn jedes Menschenleben zählt.

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Darmstadt und Greifswald übernehmen Patenschaften für Sea-Eye Rettungsschiff

Die Wissenschaftsstadt Darmstadt und die Hansestadt Greifswald haben beschlossen, die lebensrettenden Einsätze von Sea-Eye finanziell zu fördern. So rief Darmstadt bereits im Oktober 2020 zu Spenden für das neue Rettungsschiff SEA-EYE 4 auf und sammelte bis Februar 2021 7.000 €. Greifswald entschloss sich, am 01.03.2021 eine Patenschaft für die SEA-EYE 4 für die Jahre 2021 und 2022 mit jeweils 2.000 € zu übernehmen.

Mit breiter Mehrheit stimmten die Bürgerschaftsmitglieder in Greifswald für die Patenschaft für das Rettungsschiff.

Mit der Übernahme einer Patenschaft für das zivile Seenotrettungsschiff SEA-EYE 4 soll das Bekenntnis zum Sicheren Hafen der Universitäts- und Hansestadt Greifswald bekräftigt und konsequent fortgesetzt werden. Vor allem unsere hanseatische Tradition gebietet es, dem Sterben auf hoher See nicht tatenlos zuzusehen“, sagt der Greifswalder Oberbürgermeister Dr. Stefan Fassbinder zum Beschluss der Greifswalder Bürgerschaft.

Greifswald

Zuvor erklärte am 17.02.2021 Oberbürgermeister Jochen Partsch, mit den gesammelten Spendengeldern eine Patenschaft für ein ganzes Jahr zu übernehmen.

Darmstadt hat eine weltoffene, solidarische und hilfsbereite Zivilgesellschaft. Das Leid der Menschen auf dem Mittelmeer und an den europäischen Außengrenzen ist für viele Darmstädterinnen und Darmstädter Anlass zu handeln und Menschlichkeit zu zeigen. Dafür danke ich allen Unterstützerinnen und Unterstützern herzlich. Wir hoffen, mit der Übernahme einer Schiffspatenschaft einen Beitrag zur Rettung von in Seenot geratenen Flüchtenden auf dem Mittelmeer leisten zu können“, so Jochen Partsch, Oberbürgermeister von Darmstadt.

Darmstadt

Wir sind außerordentlich dankbar, dass Darmstadt und Greifswald keine Symbolpolitik betreiben, sondern die SEA-EYE 4 fördern und sich so an unseren Rettungseinsätzen beteiligen“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Darmstadt und Greifswald gehören zum zivilgesellschaftlichen Bündnis „Seebrücke – schafft sichere Häfen“, in dem sich in Deutschland 235 Städte und Kommunen zum Sicheren Hafen erklärt haben. Damit zeigen sie ihre Bereitschaft, mehr Geflüchtete und Schutzsuchende aufzunehmen. Ganz gleich, ob diese aus Seenot gerettet werden mussten, in den europäischen Elends- und Abschreckungslagern Griechenlands leiden oder unter haltlosen Bedingungen an der kroatisch-bosnischen Grenze ums Überleben kämpfen.

Trotz der enormen Hilfsbereitschaft und Solidarität dieser Städte und Kommunen lehnt Bundesinnenminister Horst Seehofer jede zusätzliche Hilfe ab. Seehofer selbst wird nicht müde, die eigene Verweigerung mit dem Fehlen einer „gemeinsamen, europäischen Lösung“ zu begründen.

Horst Seehofer kann den Städten und Kommunen verbieten, geflüchteten oder aus Seenot geretteten Menschen Schutz zu bieten, aber er kann ihnen nicht verbieten, Rettungsschiffe aufzutanken oder Hilfsgüter zu schicken“, so Isler.

Inzwischen sind einige Städte aktiv geworden und suchen nach konkreten Möglichkeiten, Seenotretter*innen zu unterstützen. So wird Sea-Eye außerdem von der Stadt Konstanz, dem Landkreis Konstanz, dem Kreis Nordfriesland und der Gemeinde Schöneiche bei Berlin unterstützt. Sea-Eye ist mit weiteren Städten und Kommunen im Gespräch und freut sich über Anfragen zu kommunalen Patenschaften.

Wir sind für die Unterstützung aus Darmstadt und Greifswald sehr dankbar und hoffen, dass viele weitere Städte und Kommunen Wege finden, die Seenotrettungsorganisationen zu unterstützen. Denn wir brauchen ihre Hilfe“, betont Isler.

Mehr Informationen zu institutionellen Patenschaften für Sea-Eye e. V.:

Michael Schwickarts Rede auf der Taufe der SEA-EYE 4

„Ich bin richtig wütend auf Europa! Ein Europa, das Menschen ertrinken lässt, das sich abschottet, das die sogenannte libysche Küstenwache unterstützt.“

Michael Schwickart von unserem großartigen Bündnispartner United4Rescue erklärt bei seiner Rede zur Taufe der SEA-EYE 4, warum er wütend auf Europa ist und warum wir alle unsere Wut in Energie umwandeln müssen, um Menschen dort aus Seenot retten zu können, wo Europa seiner Pflicht nicht nachkommt.

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Claudia Roths Rede auf der Taufe der SEA-EYE 4

Wir haben uns sehr gefreut, dass auch die Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth auf der Taufe der SEA-EYE 4 gesprochen hat und dabei so deutliche Worte fand:

Ich will mich nicht gewöhnen an das Sterben im Mittelmeer. Sterben, dass zu grausamer Normalität verkommen ist. Eine Normalität, die nie, die nie normal sein darf. Ich will nicht wegschauen und verdrängen, sondern will Gesicht zeigen und die Stimme erheben, für die Menschlichkeit, die jeden Tag ertrinkt.

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Alphas Rede auf der Taufe der SEA-EYE 4

Alpha wurde am 29.12.2018 von der ALAN KURDI im Mittelmeer gerettet. Bei der Taufe der SEA-EYE 4 hat er eine aufrüttelnde Rede gehalten. Hört ihm zu! Hört zu, wenn er seine Erfahrungen mit uns teilt und seine Forderungen stellt. Das geht vor allem an die Adresse der Europäischen Union.

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Wie Sophie den heutigen Taufpaten der SEA-EYE 4 traf

Sophie, Crewmitglied der ersten ALAN KURDI Rettungsmission, berichtet, wie sie Alpha Jor Barry, den heutigen Taufpaten der SEA-EYE 4, zwischen zwei Stürmen auf Hoher See fand.

Manchmal trifft man jemanden unter den seltsamsten und schwierigsten Umständen, aber gerade in Zeiten der Not können starke Freundschaften entstehen.

Im Dezember 2018 backte ich gerade traditionelle österreichische Weihnachtsplätzchen, als ich einen Anruf von der Sea-Eye-Crewingabteilung erhielt. Ein Crewmitglied für die nächste Rettungsmission war ausgefallen und ich wurde gebeten, einzuspringen. Anstatt nach dem Weihnachtsessen mit meiner Familie Kekse zu essen, sollte ich meine erste Seenotrettungsmission im Mittelmeer beginnen. Ich war sehr aufgeregt über die Neuigkeiten. Meine Familie hingegen machte sich große Sorgen, weil ich so lange auf See sein würde und wegen der schrecklichen Berichte über die sogenannte libysche Küstenwache, die für ihre gewalttätigen Einsätze bekannt ist.

Zwei Wochen später flog ich nach Spanien, um an Bord der ALAN KURDI meinen Platz in der Crew einzunehmen. Ich erinnere mich sehr gut an diese Mission, aber besonders erinnere ich mich an die Menschen.

Nach dem Ablegen war das Wetter zwei Wochen lang sehr rau mit hohen Wellen, die uns an Steuerbord und Backbord trafen und von rechts nach links warfen. Die alte, aber robuste ALAN KURDI rollte und stampfte in den Winterböen.

ALAN KURDI

Weihnachten feierten wir an Bord mit einem aus Holz geschnitzten Baum und einem köstlichen Essen. Und obwohl die gesamte Crew sich gut verstanden hat, blieb ein seltsames Gefühl. Wir wussten, dass kleine Boote bei so rauem Wetter keine Chance haben und schnell sinken.

Aber dann beruhigte sich das Meer und am zweiten Morgen wurde ich durch das laute Klopfen meines – jetzt guten Freundes – Daniel geweckt: „Da ist ein Boot!“ Ich sprang aus dem Bett und war in weniger als fünf Minuten einsatzbereit. Die wachhabende Crew hatte ein Holzboot mit 17 Menschen in Seenot gefunden, darunter viele Minderjährige. Wir näherten uns dem Boot mit unseren Einsatzbooten, verteilten Rettungswesten und brachten die Menschen an Bord der ALAN KURDI in Sicherheit.

ALAN KURDI: Rettungseinsatz

In den folgenden Tagen verschlechterte sich das Wetter wieder und es braute sich ein Sturm zusammen. Das Holzboot wäre in diesem Sturm in wenigen Minuten gekentert und alle an Bord wären ertrunken. Ihre Angehörigen hätten nie wieder von ihnen gehört.

Nachdem wir die Geretteten an Bord genommen hatten, begannen wir mit Erster Hilfe und verteilten Wasser und Nahrung. Da unsere Bitte bei europäischen Seenotleitstellen um einen sicheren Hafen tagelang vergebens blieb, verbrachten wir viel Zeit mit den geretteten Menschen. Wir lernten uns besser kennen, einige redeten viel und wollten ihre Geschichten teilen, andere waren zu traumatisiert, um zu sprechen. Aber wir haben uns angenähert und viele wertvolle Momente miteinander geteilt, die ich für immer im Herzen behalten werde.

Essensausgabe an Bord der ALAN KURDI

Unter diesen Umständen habe ich auch meinen Freund Alpha kennengelernt. Vom ersten Tag an bewunderte ich seinen Elan, seine optimistische Einstellung, seinen Humor und seine unglaubliche Weisheit angesichts seines jungen Alters. An Bord sagte er mir: „Alles was ich will, ist frei zu sein.“ Ich freue mich sehr, diesen jungen Mann noch heute meinen Freund nennen zu dürfen.

Ich freue mich auch sehr über die Tatsache, dass Alpha unserer Einladung, offizieller Taufpate unseres neuen Rettungsschiffs zu sein, gefolgt ist. Er erweist uns die Ehre, die SEA-EYE 4 zu taufen, die bald ins Mittelmeer entsendet wird. Die Aufgabe des neuen Rettungsschiffs wird es sein, Menschen, die wie Alpha auf der Suche nach Freiheit und Sicherheit sind, in den schwersten Stunden ihres Lebens zur Hilfe zu kommen.

Alpha Jor Barry

Ich war überglücklich, Alpha in den Tagen vor der Taufe wiederzusehen und zu wissen, dass er unsere Arbeit unterstützt. Es gibt mir das Gefühl, dass wir ganz genau auf dem richtigen Weg sind.

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth spricht von einem großen Tag für die Menschenrechte

Die Seenotrettungsorganisation Sea-Eye tauft am 28. Februar 2021 um 11 Uhr ihr neues, viertes Rettungsschiff offiziell auf den Namen SEA‑EYE 4. Die Schiffstaufe findet unter strengen Corona-Regeln in kleinem Kreis in der Werft statt, wo die SEA‑EYE 4 gerade zum Rettungsschiff umgebaut wird.

Die Taufe wird von Bundestagsvizepräsidentin und Sea‑Eye‑Mitglied Claudia Roth eröffnet. Ebenfalls vor Ort sind Vertreter*innen von United4Rescue, dem Bündnis zur Unterstützung der zivilen Seenotrettung, das Kauf und Umbau des Rettungsschiffs maßgeblich finanziell ermöglichte.

Überlebender tauft das Schiff auf den Namen SEA‑EYE 4

Der Taufpate, Alpha Jor Barry, ist inzwischen 18 Jahre alt und gehört zu den ersten 17 Menschen, die durch die ALAN KURDI wenige Tage nach Weihnachten am 29.12.2018 gerettet worden sind. Zwei Jahre und zwei Monate später steht er an der Seite der Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth, um das vierte Rettungsschiff der Regensburger Seenotretter*innen von Sea-Eye zu taufen.

Wenn die ALAN KURDI mich damals nicht gefunden hätte, wäre ich nicht mehr am Leben. Ein Sturm zog auf, den wir in unserem kleinen Holzboot nicht überlebt hätten. Ich freue mich sehr, dass Sea-Eye ein größeres Schiff in den Einsatz bringt, um noch mehr Menschen zu retten. Ich weiß, was es bedeutet, auf hoher See in einem kleinen Boot zu treiben. Ich wünsche jedem, dass ihm*ihr in so einer Situation Hilfe geleistet wird“, sagt Alpha Jor Barry, Taufpate der SEA‑EYE 4.

Alpha Jor Barry: Taufpate

Die Taufe wird von Claudia Roth eröffnet, die Sea-Eye seit Jahren als Mitglied unterstützt und regelmäßig zu Spenden aufrief.

Die Schiffstaufe der SEA‑EYE 4 ist dieser Tage ein wichtiges Zeichen für die Solidarität, die Humanität und für das praktische Eintreten für Menschenrechte. Da, wo die europäischen Regierungen ihrer Verantwortung nicht nachkommen, sind es die zivilen Seenotretterinnen und Seenotretter, die die Grundwerte der Europäischen Union und die Menschenrechte hochhalten“, sagt Claudia Roth, Bundestagsvizepräsidentin und Sea-Eye-Mitglied.

Claudia Roth: Bundestagsvizepräsidentin

Michael Schwickart, stellv. Vorsitzender von United4Rescue fügt hinzu: „Hinter der SEA‑EYE 4 stehen die über 700 Organisationen, die unser Bündnis United4Rescue versammelt und tausende von Spenderinnen und Spendern, die nicht tatenlos zuschauen wollen, wenn Menschen ertrinken. Auch dieses zweite Bündnisschiff schicken wir gemeinsam mit vielen.

Michael Schwickart: United4Rescue

Die wenigen Besucher*innen mussten negative Corona Tests vorlegen. Groß ist die Sorge, dass ein Ausbruch die Werftarbeiten zum Erliegen bringt. Mit Atemschutzmaske und Mindestabstand folgt die Werftcrew, die das Schiff seit Monaten zum Rettungsschiff umbaut, der Taufzeremonie.

Taufpate Alpha Jor Barry und SeaEye

Die ALAN KURDI, das dritte Rettungsschiff von Sea-Eye, rettete am 29.12.2018 den jungen Taufpaten aus Seenot. Alpha Jor Barry war zusammen mit 16 Personen mit einem kleinen Fischerboot aus dem Bürgerkriegsland Libyen geflohen und auf hoher See dem Mittelmeer ausgeliefert. Aus eigener Kraft hätte das kleine Holzboot keinen sicheren Ort erreichen können.

In der Einsatzcrew waren Jan Ribbeck, stellvertretender Vorsitzender, und Sophie Weidenhiller, heute Pressesprecherin von Sea-Eye, bei der Rettung von Alpha dabei. Beide hielten bis heute den Kontakt und unterstützen Alpha auf seinem Weg. Sie baten ihn, als einen der ersten Geretteten des dritten Sea‑Eye‑Schiffes, die Taufe des vierten Rettungsschiffs durchzuführen.

Alpha und ich blieben auch über die Rettungsmission Ende 2018 hinaus in Kontakt. Es hat sich eine Freundschaft entwickelt, die mir sehr viel bedeutet und ich freue mich, dass er nun unser viertes Rettungsschiff tauft“, sagt Jan Ribbeck, Vorstand bei Sea‑Eye e. V. „Alpha lebt und ist der Beweis dafür, was wir verlieren würden, wenn wir aufgeben würden und die Seenotrettung im zentralen Mittelmeer gänzlich zum Erliegen käme“, fügt Ribbeck hinzu.

Werftarbeiten an der SEA‑EYE 4

Die SEA‑EYE 4 ist das vierte und größte Rettungsschiff, das Sea-Eye bisher in den Rettungseinsatz entsandte. Sie ist das zweite Bündnisschiff, das maßgeblich durch das von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) initiierte zivile Seenotrettungsbündnis United4Rescue finanziert worden ist. Seit Oktober 2020 wird die SEA‑EYE 4 von hunderten Ehrenamtlichen zum Rettungsschiff umgebaut und soll im Frühjahr in den Einsatz starten.

Die Corona-Pandemie führt derzeit zu Verzögerungen durch Lieferschwierigkeiten und Mehrkosten im gemeinsamen Projekt von Sea-Eye und United4Rescue. Während United4Rescue bereits Spenden für die erste Mission des gemeinsamen Bündnisschiffes sammelt, benötigt Sea‑Eye noch Spenden für die Fertigstellung der aufwendigen Umbauarbeiten.

Bereits 169 Tote im Mittelmeer in 2021

Dass allein in diesem jungen Jahr bereits 169 Menschen im zentralen Mittelmeer ertrunken sind, ist schieres Versagen der europäischen humanitären Verantwortung. Die EU und die deutsche Bundesregierung stehen in der Pflicht, sich aktiv für den Schutz des Menschen- und Völkerrechts einzusetzen, statt weitere Tote billigend in Kauf zu nehmen.
Noch immer existiert keine europäisch finanzierte staatlich getragene zivile Seenotrettung, noch immer gibt es keine sicheren Zugangswege und noch immer keinen dauerhaften und solidarischen Verteilmechanismus für gerettete Menschen in Europa. Die konstanten Schikanen gegen die Seenotrettungsorganisationen, die Kriminalisierung der Retterinnen und Retter sind vor diesem Hintergrund unerträglich. Wer Menschenrechte schützt und überwacht muss sich auf die Unterstützung des Bundestages und der Bundesregierung verlassen können.
Den vielen Engagierten auf See, die sich jeden Tag mutig und unbeirrt dafür einsetzen, Menschenleben zu retten, gilt mein höchster Respekt und Dank. Heute ist ein großer Tag der Zivilgesellschaft, der Solidarität und der Menschenrechte
“, sagt Claudia Roth zur Taufe der SEA‑EYE 4.

In 2021 sind laut IOM bereits 169 Menschen bei ihrer Flucht über das Mittelmeer ums Leben gekommen. Die EU-Mitgliedsstaaten setzen weiterhin auf Abschottung und schaffen damit die tödlichste Grenze der Welt. Zeitgleich ermittelt die EU gegen die eigene Grenzschutzagentur FRONTEX wegen schwerster Menschenrechtsverletzungen.

Und ein Appell an Europa: „Flucht ist ein Menschenrecht“

Die ALAN KURDI wurde nach einer erfolgreichen Rettungsmission im September 2020 auf Sardinien festgesetzt. Bei mehreren Rettungseinsätzen rettete die Crew 133 Menschen, darunter 62 Minderjährige. Daraufhin verweigerten die EU-Staaten die Aufnahme der geretteten Menschen. Erst als die ALAN KURDI Kurs auf ihren Zielhafen Marseille nahm, forderte Italien das Rettungsschiff auf, in den Hafen von Olbia einzulaufen. Daraufhin setzte die italienische Küstenwache das Schiff zum zweiten Mal in 2020 fest. Gegen diesen Schritt hat Sea-Eye im Januar Klage eingereicht und wartet seitdem auf den ersten Gerichtstermin.

Joshua war als erster Offizier bei der Rettungsmission im September dabei und ist auch jetzt wieder auf der ALAN KURDI. Wir haben ihm drei Fragen gestellt:

Wie fühlt es sich an, Nachrichten über ertrunkene und vermisste Menschen im Mittelmeer zu lesen, wenn man sich an Bord eines einsatzfähigen Rettungsschiffs befindet und nicht auslaufen darf?

Es ist schwer, sich von solchen schrecklichen Nachrichten nicht überwältigen zu lassen. Die meisten Emotionen, die aufkommen, sind Verzweiflung, Ratlosigkeit und Wut.

Verzweiflung, weil ich weiß, dass wir sofort die Leinen loswerfen könnten, um Menschen in den Stunden ihrer größten Not beistehen zu können. Ich selber fühle mich machtlos, weil wir ein Spielball innerhalb der europäischen Politik sind. Diese scheint von rassistischen Denkmustern durchzogen zu sein. Anders kann ich mir das Sterben auf dem Mittelmeer nicht erklären.

Joshua, erster Offizier der ALAN KURDI

Ratlosigkeit, weil ich nicht weiß, wann und wie es mit der ALAN KURDI weitergeht. Dieses Schiff ist in den letzten 2 Jahren zu meinem zweiten Zuhause geworden und hat vielen Menschen das Leben gerettet sowie eine Chance auf einen Neuanfang in vermeintlicher Sicherheit ermöglicht.

Wut empfinde ich auf Europa und die heutige Gesellschaft. Ein Europa, das lieber das Risiko eingeht, Menschen ertrinken zu lassen, statt private NICHT-Regierungsorganisationen ihre Arbeit tun zu lassen. Eine Arbeit, die nicht durch private Vereine getätigt werden sollte, sondern in der Verantwortung der EU-Mitgliedsstaaten liegt.

Du hast an sechs Rettungsmissionen im Mittelmeer teilgenommen und mit Menschen gesprochen, die gerade dem sicheren Tod entgangen sind. Diese Menschen hatten versucht, in seenuntauglichen Booten das Mittelmeer zu überqueren, um Gewalt und Folter in Libyen zu entkommen. Wie haben diese Menschen die Zeit auf See in diesen Booten beschrieben?

Als wahr gewordener Albtraum. Mir wurde zum Beispiel davon erzählt, wie ein Boot insgesamt 4 Tage unterwegs war. Ohne Verpflegung, Kommunikationsmöglichkeit oder Sonnenschutz. Als wir die Menschen schließlich durch Zufall gefunden haben, waren viele der 60 Menschen bereits dem Verdursten nahe und kaum noch bei Bewusstsein. Später haben sie uns davon erzählt, dass Haie ihr Boot umkreist haben und Handelsschiffe an ihnen vorbeigefahren sind, ohne Hilfe zu leisten. Das ist etwas, was mir immer wieder berichtet wurde: Unterlassene Hilfeleistung von Handelsschiffen, falsche Versprechungen auf Proviant, Benzin und Kommunikationsmöglichkeiten seitens der libyschen Schleuser und pure Angst ums eigene Überleben.

Krankenstation der ALAN KURDI

Obwohl sich die meisten bewusst sind, auf was sie sich einlassen, wenn sie in solch ein Boot steigen, machen sie es jedoch ohne zu zögern, nur um der Hölle auf Erden namens Libyen zu entfliehen. Ich habe Menschen kennengelernt, die bereits mehrfach die Flucht über das Mittelmeer versucht haben und sich damit mehrfach bewusst in Lebensgefahr begeben haben, um in Europa ein bisschen Sicherheit zu finden. Die meisten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, würden lieber sterben, als zurück nach Libyen zu gehen.

Was müssen die EU-Staaten tun, damit keine Menschen mehr über das Mittelmeer fliehen müssen?

Die Balkan Route muss geöffnet werden und alternative sichere Fluchtrouten geschaffen werden.

Eine Einreise per Flugzeug sollte möglich werden, um flüchtenden Personen die Möglichkeit zu geben, in den EU-Ländern ihrer Wahl Asyl zu beantragen.

Das neue EU-Migrations- und Asylpaket sollte dahingehend verändert werden, dass die Asylanträge von Personen geprüft werden, welche die erforderlichen fachlichen Kompetenzen vorweisen können wie Psycholog*innen, Menschenrechtsbeauftragte, Migrationsexpert*innen, Jurist*innen etc.

Ressourcenausbeutung in Ländern des Globalen Südens muss sofort gestoppt werden. Klimakatastrophen und Fluchtbewegungen gehen Hand in Hand. Bekämpft man aktiv den Klimawandel und sorgt für ein nachhaltiges Leben, ist dies auch ein erster Schritt gegen Fluchtbewegungen.

Waffen- und Rüstungsexporte in Krisengebiete müssen umgehend unterbunden und aufs Schärfste überwacht werden.

Die EU muss sich bewusst werden, dass sie für die Fluchtgründe der Menschen eine Mitverantwortung trägt und sie deshalb verpflichtet ist, diese zu bekämpfen. Postkoloniale Strukturen müssen aufgebrochen werden, Chancengleichheit ermöglicht und die Grundrechte von Menschen müssen über dem Wirtschaftswachstum stehen.

Zum Schluss hat Joshua noch einen dringenden Appell an die EU und ihre Mitgliedsstaaten.

Die EU muss Flucht als ein Menschenrecht ansehen und dementsprechend handeln. Schützt die Menschen und nicht die Grenzen!