Norddeutscher Reeder der KARINA ruft SEA-EYE 4 vor Libyen zur Hilfe

Am Montagnachmittag, dem 28.03.2022, rettete die Crew des Handelsschiffes KARINA unter der Schiffsführung des ukrainischen Kapitäns Vasyl Maksymenko 32 flüchtende Menschen in den internationalen Gewässern vor Libyen vor dem Ertrinken. Das Handelsschiff der norddeutschen KLINGENBERG Bereederungs- & Befrachtungs GmbH & Co. KG aus Ellerbek war auf dem Weg von Malta nach Benghazi, als es von der Hilfsorganisation Alarm Phone auf den Seenotfall aufmerksam gemacht worden war.

Das Boot drohte zu kentern. Die Menschen hätten das nicht überlebt. Der Wellengang erreichte inzwischen vier Meter. Aus eigener Kraft hätten sie nirgends mehr ankommen können“, sagt Vasyl Maksymenko, Kapitän der KARINA.

Die SEA-EYE 4 war zu diesem Zeitpunkt rund 50 Stunden von dem Notfall entfernt und konnte keine Soforthilfe leisten. Das Rettungsschiff und die Einsatzleitung der Seenotretter*innen waren jedoch zusammen mit zahlreichen staatlichen und anderen nichtstaatlichen Akteuren in die Korrespondenz zu dem Seenotfall eingebunden.

Handelsschiff KARINA

Aufgrund des dramatischen Schriftwechsels kontaktierte die SEA-EYE 4 das Handelsschiff KARINA und bot Unterstützung an. Gleichzeitig kontaktierte die Einsatzleitung der SEA-EYE 4 die Reederei der KARINA, um Hilfsbereitschaft zu signalisieren.

Reeder Thies Klingenberg war sich der schwierigen Situation sofort bewusst.

Es ist nicht das erste Mal, dass wir Menschen aus dem Mittelmeer retten. Unsere Schiffe sind jedoch nicht für die Verpflegung und die medizinische Behandlung von Schiffbrüchigen geeignet“, sagt Klingenberg.

Am Montagnachmittag baten die Reederei und Kapitän Maksymenko die SEA-EYE 4 um Hilfe.

Handelsschiff KARINA

Der Flaggenstaat von KARINA, Antigua und Barbuda, hat die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet“, schrieb Kapitän Maksymenko an die SEA-EYE 4. Man müsse die Menschen an einen sicheren Ort bringen. „Ein sicherer Ort ist ein Ort, an dem das Leben der Überlebenden nicht bedroht ist und an dem ihre grundlegenden menschlichen Bedarfe abgedeckt werden können. Dabei ist der Schutz ihrer Grundrechte zu berücksichtigen: Für Flüchtende bedeutet das, dass sie nicht in ein Kriegsgebiet zurückgewiesen werden dürfen. Dies verbietet, flüchtende Menschen nach Libyen zurückzubringen!“, fährt Maksymenko fort.

Die KARINA und die SEA-EYE 4 vereinbarten einen Treffpunkt und begegneten sich am Dienstagmittag, rund 55 nautische Meilen von der libyschen Küste entfernt. Ein Ärzteteam und der Einsatzleiter der SEA-EYE 4 betraten die KARINA, um die Situation einzuschätzen. Die flüchtenden Menschen harrten nach eigenen Angaben mindestens drei Tage auf ihrem Holzboot aus. Deshalb werden derzeit einige der geretteten Menschen wegen Unterkühlung und Dehydrierung im Bordhospital behandelt. Die Kapitäne beider Schiffe bewerteten die Situation so, dass die SEA-EYE 4 das geeignetere und sicherere Schiff für die 32 Überlebenden ist. Daraufhin willigte die Sea-Eye-Einsatzleitung ein, die geretteten Menschen zu übernehmen.

Handelsschiff KARINA & SEA-EYE 4

Wir haben genügend Proviant, Unterkünfte und ein Bordhospital, sodass wir eine solche Anzahl von Menschen für eine kurze Zeit sicher an Bord nehmen können“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

So verfügt die SEA-EYE 4 über eine sogenannte Rescue Notation von ihrer Klassifizierungsgesellschaft und die italienische Küstenwache bestätigte der SEA-EYE 4 nach technischen Anpassungen im Sommer 2021 die Eignung, kurzzeitig bis zu 200 Menschen versorgen zu können, wenn anschließend ein sicherer Hafen zur Ausschiffung Überlebender angesteuert wird.

Handelsschiff KARINA

Die SEA-EYE 4 wird in den nächsten Stunden Malta ansteuern.

Malta ist der nächstgelegene EU-Mitgliedsstaat. Wir werden dort um einen Ausschiffungshafen bitten“, so Isler.

Allerdings hat Malta seine Häfen für die Ausschiffung von aus Seenot geretteten Menschen seit einigen Jahren geschlossen. Zuletzt durften Sea-Eye-Schiffe im Sommer 2019 gerettete Menschen auf Malta in Sicherheit bringen. Seither wurde die maltesische Politik gegenüber flüchtenden Menschen immer abwehrender.

Geflüchtete auf der SEA-EYE 4

Wir werden nun sehen, ob Malta die Genfer Flüchtlingskonvention genauso wichtig ist wie dem ukrainischen Kapitän Maksymenko, der eine völkerrechtswidrige Zurückweisung in ein Kriegsgebiet verhinderte“, sagt Isler weiter.

An Bord der SEA-EYE 4 erzählte Monique unserem Crewmitglied Fiona kurz vor Weihnachten ihre erschütternde Geschichte. Sie gibt uns einen Einblick in das Schicksal der jungen Frau, die Gefahren auf der Flucht sowie die Hölle in Libyen.

„Meine Mutter ist aus Sierra Leone und mein Vater aus Mali. Ich wurde als uneheliches Kind geboren. Als ich etwa fünf Jahre alt war, entführte mich mein Vater und wir gingen nach Mali. Dann kam der Krieg und er ging allein in die USA. Ich blieb bei meiner Großmutter. Sie hat mich schlecht behandelt. Meine Mutter suchte nach mir, meine Mutter wusste nicht, wo ich war, und ich hatte keine Nachricht von meinem Vater.

In Mali musste ich mit 15 Jahren heiraten. Ich habe eine arrangierte Ehe bekommen. Der Mann, der mich heiratete, schlug mich den ganzen Tag. Wir bekamen drei Kinder, das dritte wurde als Frühgeburt geboren. Das erste Kind bekam ich mit 15 Jahren und mein letztes Kind mit 20 Jahren.

Gerettete

Ich wusste nicht, was ich tun sollte… Wenn ich bei meinem Mann bleibe, schlägt er mich, wenn ich zu meiner Familie zurückkehre, schickt sie mich weg… Ich kam aus einem winzigen Dorf in Mali, ich hatte kein Geld mehr. Ich floh vor meiner arrangierten Ehe mit einer meiner Töchter. Eine alte Dame, die mit uns eine Wohnung teilte, kümmerte sich um mich. Dann erzählte mir jemand, dass meine Mutter gestorben war. Ich hörte, sie sei obdachlos gestorben.

Ich lernte auf Facebook einen nigerianischen Mann kennen, der in Belgien lebte, und wir verliebten uns ineinander. Ich versuchte über das Mittelmeer zu kommen. Aber dann wurde ich erwischt und kam ins Gefängnis.

Dort habe ich eine Menge gesehen. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber der Schmerz ist zu groß. Sie misshandelten mich, sperrten mich ohne Essen ein. Wenn du krank wirst, wirst du dort sterben. Und wenn du dann nach Hause willst, kannst du nicht mehr zurück.

Sie vergewaltigten Mädchen vor aller Augen.

Boot

Einmal suchten sie sich ein Mädchen aus und baten einen Mann, vor allen Leuten mit ihr zu schlafen. Sie hatte keine andere Wahl, denn sie hatten eine Kalaschnikow in der Hand. Er schlief mit dem Mädchen vor allen Leuten, nur weil sie schwarz war. Es gab einen Mann, der seine schwangere Frau mit seinen beiden Kindern beerdigte. Dann wurde er krank… sein ganzer Körper war abgemagert, aber sie ließen ihn nicht raus, weil er kein Geld hatte. Er starb im Gefängnis, er hatte keine Hoffnung mehr. Auf Leute, die versuchen zu fliehen, wird geschossen. In meiner Zelle sind einige Leute gestorben. Einmal hat einer versucht zu fliehen und sie haben ihn vor unseren Augen so schwer geschlagen, dass sein ganzer Körper mit Blut bedeckt war.

Es sind dieselben, die dir bei der Überfahrt helfen und dann dieselben, die dich ins Gefängnis bringen. Sie fangen dich auf dem Meer, sie misshandeln dich. Sie fangen dich zu Hause, sie misshandeln dich auf der Straße, sie misshandeln dich. Sie sagen dir, du sollst zu Hause anrufen und nach Geld fragen. Sie verlangen 1000, 1500 Euro. Und selbst wenn du diese Summe gibst, können sie immer noch zurückkommen. Im Gefängnis kann man Schwarze kaufen. Ein Typ wollte mich, er wollte eine sexuelle Beziehung haben. Er hat 1000 Euro bezahlt, damit ich aus dem Gefängnis komme. Aber ich wollte ihn nicht, also bin ich geflohen.“

Boot

Monique*, 25 Jahre aus Sierra Leone wurde zusammen mit 223 Menschen auf der Weihnachtsmission der SEA-EYE 4 gerettet und an Heilig Abend sicher in Pozzallo an Land gebracht.
*Name und persönliche Daten wurden zum Schutz ihrer Person geändert.

Ausschiffung für Heilig Abend erwartet

Der SEA-EYE 4 wurde nachmittags am 23.12. ein sicherer Hafen in Pozzallo zugewiesen. Das Rettungsschiff wird den Hafen am 24.12. gegen 07:30 Uhr erreichen. „Wir hoffen, dass die Menschen nun zeitnah an Land gehen dürfen und nicht auch noch die Weihnachtstage an Bord verbringen müssen“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V. Viele der geretteten Menschen mussten an Bord medizinisch versorgt werden und brauchen auch an Land weiterhin medizinische Behandlung.

Die Crew der SEA-EYE 4 hatte am 16. und 17. Dezember in vier Rettungseinsätzen 223 Menschen in der maltesischen Such-, Rettungs- und Koordinierungszone gerettet, Malta hatte sich jedoch geweigert die Koordinierung zu übernehmen. Während die SEA-EYE 4 eine Woche lang auf einen sicheren Hafen wartete, mussten 9 Personen aus medizinischen Gründen von der italienischen Küstenwache in vier Einsätzen evakuiert werden.

SEA-EYE 4

Wir sind unendlich erleichtert, dass die Menschen nun endlich an Land dürfen. Es ist schon bezeichnend, dass auch an Heiligabend Menschen von Seenotretter*innen in Sicherheit gebracht werden. Die humanitäre Krise macht keine Weihnachtsferien. Besonders dankbar sind wir dem zivilgesellschaftlichen Seenotrettungsbündnis United4Rescue, die diesen zusätzlichen Einsatz möglich gemacht haben. Die Mission rettete weiteren 223 Menschen das Leben“, sagt Isler.

Insgesamt hat die SEA-EYE 4 in 2021 auf 4 Rettungsmissionen über 1400 Menschen gerettet.

Evangelische Kirche fordert neue Bundesregierung zur Mitwirkung auf

Auf dem Sea-Eye-Rettungsschiff SEA-EYE 4 warten nach 7 Nächten noch immer 216 Menschen auf die Zuweisung eines sicheren Hafens durch die italienischen Behörden. Sieben Menschen wurden bereits aus medizinischen Gründen von der italienischen Küstenwache evakuiert. Die 223 Menschen wurden bereits am 16. und 17. Dezember in der maltesischen Such-, Rettungs- und Koordinierungszone gerettet. Die italienischen Behörden koordinieren seit Sonntag (19. Dezember) die Anfrage, für die Malta trotz unstrittiger Zuständigkeit die Verantwortung ablehnt.

Die Schiffsführung der SEA-EYE 4 hat seit Sonntag viermal in Italien um die Zuweisung eines sicheren Hafens gebeten. Die Bundestagsabgeordneten Julian Pahlke (Bündnis 90/DIE GRÜNEN) und Helge Lindh (SPD) sind aktiv im Austausch zwischen Sea-Eye, dem Auswärtigen Amt und dem Bundesinnenministerium und bemühen sich um eine Lösung für hunderte gerettete Menschen. Denn auch die Rettungsschiffe OCEAN VIKING von SOS Méditerranée und GEO BARENTS von Ärzte ohne Grenzen haben über 500 Menschen gerettet und werden an Weihnachten einen Ausschiffungshafen benötigen.

SEA-EYE 4

Mit jeder Stunde, die vergeht, befürchtet Sea-Eye, dass eine Ausschiffung vor Weihnachten unwahrscheinlicher wird. „Die Menschen sind seit vielen Tagen auf dem Meer. Sie sind erschöpft, sie frieren und verstehen nicht, warum sie nicht willkommen sind. Die Not der Menschen macht keine Weihnachtsferien. Der Bundeskanzler hat die historische Chance klarzustellen, dass die neue Bundesregierung einen menschenrechtsbasierten Politikansatz verfolgt und sich im Wesentlichen von dem Kurs der Vorgängerregierung unterscheidet. Deutschland muss sich jetzt zur Aufnahme der Schutzsuchenden bereit erklären. Bisher vermissen wir ein solches Signal von Olaf Scholz. Es ist jetzt keine CDU mehr Teil der Regierung, der man die Schuld an der Blockierung humanitärer Maßnahmen geben könnte“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Anna-Nicole Heinrich, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, erinnert in diesem Zusammenhang an die Bedeutung von Weihnachten und fordert die neue Bundesregierung zur Mitwirkung auf:

Die Weihnachtsgeschichte erzählt davon, was es bedeutet, vor Verfolgung zu fliehen und schutzlos zu sein. Diese dunkle Seite der Geschichte gehört zu Weihnachten, wie die Engel und der helle Stern über dem Stall. Und sie macht Weihnachten aktueller denn je. Auch heute noch müssen sich hochschwangere Frauen auf den Weg machen oder Familien sich mit ihren Kindern in Gefahr begeben, weil Flucht ihre letzte Hoffnung ist. Auch nach 2000 Jahren ist immer noch ‚kein Raum in der Herberge‘: die EU-Staaten weisen Schutzsuchende unbarmherzig ab und verweigern jede Hilfe. 216 Menschen warten aktuell auf der SEA-EYE 4 auf einen Sicheren Hafen. Ich hoffe sehr, dass die politisch Verantwortlichen, auch die neue Bundesregierung, alles dafür tun, dass alle Geretteten spätestens Heiligabend an Land sind!

SEA-EYE 4

Das zivile Bündnis United4Rescue forderte von der Bundesregierung eine Kehrtwende in der Flüchtlings- und Migrationspolitik. Liza Pflaum, Vorsitzende von United4Rescue e. V. sagt: „An den Grenzen unseres Kontinents ertrinken und erfrieren Menschen. Auch an Weihnachten! Liebe Bundesregierung, habt keine Angst vor Solidarität und Menschlichkeit! Unsere mehr als 800 Bündnispartner und eine große Mehrheit der Menschen in unserem Land wollen eine Politik, die die Menschenrechte schützt und Leben rettet. Und über 260 Städte und Kommunen in Deutschland würden mehr Schutzsuchende aufnehmen, wenn die Bundesregierung nur zustimmen würde. Wir haben lange genug gewartet. Jetzt ist es an der Zeit den schönen Worten endlich Taten folgen zu lassen.

Malta verletzt seine Pflicht, Boote in Seenot zu retten

Seitdem die SEA-EYE 4 am Donnerstag, 16.12.2021, in der maltesischen Such- und Rettungszone eintraf, erreichten zahlreiche Meldungen über Boote in Seenot das Rettungsschiff. Insgesamt rettete die Crew der SEA-EYE 4 in vier Rettungseinsätzen 223 Menschen. Unter ihnen sind 29 Frauen, von denen 7 schwanger sind, und 8 Kinder. Die Crew sucht derzeit nach einem weiteren Boot in Seenot.

Obwohl seit gestern noch weitere Boote mit zahlreichen Menschen in akuter Lebensgefahr an Bord auf See gemeldet wurden, hat Malta seine Verpflichtung zur Koordinierung und Rettung von Seenotfällen erneut nicht wahrgenommen. Zivile Seenotrettungsorganisationen sind derzeit die einzigen europäischen Einsatzkräfte, die aktiv nach den Menschen suchen und sie in Sicherheit bringen möchten. Da sich das Wetter voraussichtlich bald deutlich verschlechtern wird, sinken die Überlebenschancen für die sich immer noch auf See befindlichen Menschen deutlich.

Einerseits bin ich dankbar, dass die SEA-EYE 4 erneut viele Menschen retten konnte. Gleichzeitig ist es schwer zu ertragen, dass wir annehmen müssen, dass für einige Boote in Not keine Hilfe kam. Die Kapazitäten der zivilen Seenotrettung sind wichtig, aber auch begrenzt. Die kaltblütige Ignoranz der EU kostet uns Menschenleben – das Seegrab wächst, auch wenn wir konstant dagegen ankämpfen. Die Menschen, die qualvoll ertrinken mussten, wollten bloß ein Leben in Sicherheit, auf das sie ein Recht haben – und wir verneinen es ihnen. Aber mit welchem Recht, stellen wir uns über diese Menschen und ihr Schicksal?“, sagt Sophie Weidenhiller, Pressesprecherin von Sea-Eye e. V.

Die Überlebenden an Bord der SEA-EYE 4 werden von der Besatzung versorgt und medizinisch behandelt. Ein Kind hat einen gebrochenen Arm, ein anderes einen gebrochenen Finger. Zwei schwangere Frauen leiden an Magenschmerzen und mehrere Personen mussten wegen chemischen Verbrennungen und Hypothermie behandelt werden.

Es ist erschütternd, wie viele Menschen ungeachtet der Gefahren in überfüllten, völlig hochseeuntauglichen Booten über das Mittelmeer fliehen. Und es ist zutiefst menschenverachtend, dass die EU nach wie vor die Rettung dieser verzweifelten Menschen NGOs wie uns überlässt. Kurz vor dem Jahreswechsel hoffen wir darauf, dass sich die Politik in 2022 endlich ändert und das Sterben an der tödlichsten Seegrenze ein Ende nimmt“, so Dr. Christine Winkelmann, Vorständin German Doctors e. V. Die Bonner Hilfsorganisation unterstützt die Sea-Eye Rettungseinsätze finanziell und mit medizinischem Personal und Expertise.

Rettungseinsatz

Dass unser Bündnisschiff SEA-EYE 4 bereits 223 Menschen während dieser Mission retten konnte, ist eine wunderbare Nachricht. Und eine Botschaft, die zu Weihnachten passt! Als United4Rescue freut uns besonders, dass das Flugzeug SKYBIRD die ersten beiden Seenotfälle entdeckt hat – denn United4Rescue hat erst vor kurzem finanzielle Starthilfe gegeben, dieses neue Aufklärungsflugzeug in den Einsatz zu bringen. Wir hoffen sehr, dass die Besatzung der SEA-EYE 4 auf dieser Weihnachtsmission noch viele weitere Leben retten wird“, sagt Liza Pflaum, Vorstandsmitglied von United4Rescue.

SEA-EYE 4

Seenotrettungsbündnis übernimmt Kosten für den vierten Rettungseinsatz

Am Samstagnachmittag, 11.12.2021, brach das Rettungsschiff SEA-EYE 4 in seinen vierten Rettungseinsatz auf. Wesentlich ermöglicht hat das Auslaufen das zivilgesellschaftliche Seenotrettungsbündnis United4Rescue, das unter dem Stichwort #Weihnachtsmission Spenden sammelt, um den Einsatz des Sea-Eye Rettungsschiffs finanzieren zu können. Die SEA-EYE 4 ist das zweite Bündnisschiff von United4Rescue. Das Bündnis hatte sich bereits maßgeblich an den Anschaffungskosten des Rettungsschiffs SEA-EYE 4 beteiligt.

Wir sind dem Bündnis United4Rescue wirklich sehr dankbar. Es bündelt die Kräfte von über 800 Organisationen und stellt heute nun sicher, dass wir jetzt schon in den vierten Einsatz aufbrechen können“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Dass unser Bündnisschiff SEA-EYE 4 jetzt zu ihrer Weihnachtsmission ausläuft und Leben retten wird, ist eine gute Nachricht! Dass wir als United4Rescue dank unzähliger Spenden diese Mission möglich machen können, zeigt auch: Es gibt sehr, sehr viele Menschen, die nicht einverstanden sind mit der europäischen Abschottungspolitik und nicht mitverantwortlich sein wollen, für das Leid und Sterben an den EU-Außengrenzen“, sagt Liza Pflaum, Vorstandsmitglied von United4Rescue e. V.

Die gemeinsamen Crews der Regensburger Seenotretter*innen von Sea-Eye e. V. und der Bonner Hilfsorganisation German Doctors e. V. retteten in ihren bisherigen drei Missionen mit der SEA-EYE 4 bereits 1.194 Menschenleben. Dabei beteiligte sich German Doctors e. V. substantiell am Aufbau und dem Betrieb des Bordhospitals der SEA-EYE 4. Auf der dritten Rettungsmission im November 2021 kam die Crew 757 Menschen zur Hilfe, nachdem sich Malta geweigert hatte, mehrere Seenotfälle zu koordinieren und Menschen von einem mit 400 Personen überladenen Holzboot zu retten.

Noch immer unternimmt die EU zu wenig, um das Sterben auf dem Mittelmeer zu verhindern. Gemeinsam mit unseren Partnern werden wir daher auch im nächsten Jahr die notwendigen, lebensrettenden Einsätze der SEA-EYE 4 unterstützen“, so Dr. Harald Kischlat, Vorstandsmitglied des German Doctors e. V.

Die SEA-EYE 4 wird ihr Einsatzgebiet noch vor dem 4. Advent erreichen. Die Besatzung wird auf dem Weg dorthin für den Ernstfall weiter trainieren. Die 25-köpfige Crew wird am Heiligabend und an Weihnachten voraussichtlich im Einsatzgebiet Wache halten.

Wir vermissen dich, Wolli!

Noch wenige Tage vor dem 8. Oktober haben wir uns wegen des Gottesdienstes zum „Tag des Flüchtlings“ gemailt. Du wolltest kommen, hast du geschrieben, wenn du es nach der Arbeit schaffst. So warst du. Immer da, niemals ein Nein. Du hast dich aus tiefstem Herzen für die geflüchteten Menschen eingesetzt. Unbesehen ihrer Gründe, unbesehen ihrer Hautfarbe, unbesehen ihrer Herkunft, Meinung, Religion oder was sonst so gerne zu ihrer Ablehnung angeführt wird.

Für dich zählte das menschliche Leben per se. Ohne deine zielstrebige und in sich ruhende Beharrlichkeit wäre München heute wahrscheinlich noch immer kein sicherer Hafen. Ich selbst habe damals, vor Jahren, nicht geglaubt, dass das möglich wird. Du hast dich nicht beirren lassen. Statt Worte zu machen, hast du gehandelt. Du warst aktiv bei Alarm Phone. Du warst die treibende Kraft bei der Seebrücke München und hast über Vereinsgrenzen hinaus kooperiert, weil es dir um die Sache ging. Niemals habe ich dich über jemanden schlecht reden hören. Bei dir war alles, was wir vorbereiteten in zuverlässigen Händen.

Als wir in unserer Sea-Eye Lokalgruppe München von deinem völlig unerwarteten Tod erfahren haben, war es für uns, für mich, als ob das nicht wahr sein könnte.  Mir persönlich fällt es bis heute schwer, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dich in diesem Leben niemals wieder zu sehen, dich bei unserem gemeinsamen Eintreten für Menschenrechte nicht mehr an der Seite zu haben. Du bist nicht zu ersetzen, Wolli. Du hinterlässt eine große Lücke in der Gemeinschaft der SeenotretterInnen.

Wir vermissen dich als den integren Menschen, als den Aktivisten, als den motivierenden, hilfsbereiten Unterstützer. Wir vermissen dich sehr, sehr, sehr! Hab‘ es gut, dort wo du jetzt bist.

Iris und die Sea-Eye e. V. Lokalgruppe München

SEA-EYE 4 erreicht Trapani voraussichtlich am Sonntagnachmittag

Am Samstagabend teilte die italienische Küstenwache der Schiffsführung der SEA-EYE 4 mit, dass die italienischen Behörden Trapani als Ausschiffungshafen für die über 800 Geretteten bestimmt haben. Das Auswärtige Amt bestätigte die Zuweisung wenige Minuten später.

Die SEA-EYE 4 wird den Hafen von Trapani voraussichtlich am Sonntagnachmittag erreichen. Bis dahin verbringen die Geretteten die dritte Nacht an Bord des Schiffes. Einige von ihnen verbringen bereits die fünfte Nacht an Bord. Das Wetter verschlechterte sich in den vergangenen Stunden zusehends. Die italienische Küstenwache gestatte der SEA-EYE 4 zuvor sich der Küste zu nähern, um Schutz vor Wind und Wetter zu finden.

In der Zeit von Dienstag bis Donnerstag retteten die Schiffe SEA-EYE 4 von Sea-Eye e. V. und RISE ABOVE von Mission Lifeline e. V. in 7 gemeinsamen Einsätzen über 800 Menschenleben innerhalb von 48 Stunden. Sea-Eye wird an Bord von der Bonner Organisation German Doctors e. V. mit einer Bordärztin und finanzieller Unterstützung für den Hospitalbetrieb unterstützt.

SEA-EYE 4
© Hermine Poschmann & Mission Lifeline

Unsere Einsatzärztin Daniela Klein und die gesamte Crew haben in den letzten Tagen Unvorstellbares geleistet – über 800 gerettete Menschen haben nicht nur das Schiff selber, sondern alle an Bord an die Grenze der Belastbarkeit gebracht. Es ist zwingend notwendig, dass die Geretteten an Land medizinisch versorgt werden können. Deswegen sind wir unglaublich erleichtert, dass die SEA-EYE 4 nun einen sicheren Hafen ansteuern kann und die Menschen nach vielen Tagen der Ungewissheit in Sicherheit gebracht werden“, äußert sich Dr. Harald Kischlat, Vorstand German Doctors e. V.

Wir sind erleichtert und überglücklich, dass die schwierigen Stunden für unsere Besatzung und die geretteten Menschen am Sonntag enden werden und die Menschen dann endlich in Italien in Sicherheit sind. Wir sind entsetzt, dass Maltas unterlassene Hilfeleistung zu so einer Ausnahmesituation führte. Die EU-Staaten müssen Malta eindringlich dazu ermahnen, dass die Rettungsleitstelle in Valletta endlich wieder auf Notrufe reagiert und Seenotfälle koordiniert und zwar unabhängig von der Hautfarbe oder der Herkunft der Personen, die sich in Seenot befinden“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Nach Tagen der Ungewissheit ist endlich klar: Der SEA-EYE 4 wurde ein Sicherer Hafen zugewiesen. Ehrensache, dass wir sie nach Trapani begleiten und auch weiterhin alles uns Mögliche tun, sie zu unterstützen, wo wir nur können. Wir sind glücklich, dass die vielen erschöpften Menschen endlich ankommen dürfen!“, so Axel Steier, Vorstand von Mission Lifeline e.V.

Die über 800 Menschen warten seit 2 Tagen auf einen sicheren Hafen

Am Samstagvormittag lieferte die RISE ABOVE von Mission Lifeline e. V. dringend benötigte Hilfsgüter zur SEA-EYE 4 von Sea-Eye e. V. Die Crew an Bord des Rettungsschiffs versorgt seit der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag über 800 gerettete Menschen an Bord. Lebensmitteln und Decken sind knapp, die Lieferung von der RISE ABOVE wurde deshalb dringend benötigt. Die Hilfsgüter enthalten Lebensmittel und warme Decken.

An Bord der SEA-EYE 4 befinden sich noch immer rund 800 Menschen, die gemeinsam von Sea-Eye, Mission Lifeline und German Doctors innerhalb von 48 Stunden gerettet worden sind. Weit mehr als 200 Personen sind minderjährig, darunter viele Kinder unter 10 Jahre. 5 Frauen sind schwanger. Eine genaue Zählung war bisher nicht möglich, weil die 24 köpfige Crew allein mit der Versorgung der Geretteten an Bord beschäftigt war. Über 200 Menschen mussten bisher wegen verschiedener medizinischer Bedarfe im Bordhospital von der German Doctors Ärztin Daniela Klein behandelt werden.

Mission Lifeline und SEA-EYE 4
© Hermine Poschmann & Mission Lifeline

Unsere Bordärztin berichtete der Einsatzleitung, dass die Hospital-Crew derzeit rund 25 Menschen dauerhaft behandelt. Dabei geht es u.a. um Unterkühlungen, schwerer Beschwerden wegen Seekrankheit oder auch Bluthochdruck. Es gibt aber auch Verletzungen, die den Überlebenden auf der Flucht zugefügt wurden und auf Folterungen hindeuten. Wir müssen eindringlich darauf hinweisen, dass diese Menschen so schnell wie möglich einer medizinischen Behandlung an Land zugeführt werden sollten und deshalb darf es hier zu keinem Stand-off kommen“, sagt Dr. Christine Winkelmann, Vorsitzende von German Doctors e. V.

Derzeit erhalten wir von der kleinen, Dresdner Seenotrettungsorganisation Mission Lifeline mehr Unterstützung, als von allen EU-Staaten zusammen! Damit die humanitäre Ausnahmesituation auf der SEA-EYE 4 endet, muss den über 800 geretteten Menschen unverzüglich ein sicherer Hafen zugewiesen werden. Unsere Besatzung arbeitet an den Grenzen dessen, was menschenmöglich ist. Die Verhandlungen über die Verteilung der Geretteten können auch dann geführt werden, während sie an Land versorgt werden. Das Schiff muss sofort anlegen dürfen, um die Sicherheit aller Geretteten und der Crew sicherzustellen“, fordert Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

In Deutschland sind mehr als 200 Städte und Kommunen zur Aufnahme bereit. Immer wieder werden Gespräche über die Verteilung Überlebender und Schutzsuchender erst dann intensiv geführt, wenn sie sich an Bord eines deutschen Rettungsschiffes befinden. Gemeinsam fordern wir die aktuelle und die zukünftige Bundesregierung deshalb dazu auf, großzügig bei der Aufnahme Schutzsuchender und solidarischer mit Mittelmeeranrainern wie Italien und Griechenland zu sein“, sagte Axel Steier, Vorsitzender von Mission Lifeline e. V.

Die SEA-EYE 4 und die RISE ABOVE hatten seit Dienstag, 02.11.2021, innerhalb von 48 Stunden in 7 Rettungseinsätzen über 800 Menschen gerettet. Seit Donnerstag sucht die SEA-EYE 4 für die geretteten Menschen einen sicheren Hafen.

SEA-EYE 4 mit rund 800 geretteten Menschen auf der Suche nach einem sicheren Hafen

Bis Mittwochmorgen hatten die Besatzungen der SEA-EYE 4 von Sea-Eye e. V. und German Doctors e. V. und der RISE ABOVE von Mission Lifeline e. V. insgesamt 397 Menschen in 6 gemeinsamen Einsätzen gerettet. Doch in der Nacht zum Donnerstag kam es zu einer weiteren, dramatischen Rettung von mehr als 400 Menschen aus einem überfüllten Holzboot.

Das AlarmPhone meldete am Mittwochvormittag einen Seenotfall in der maltesischen Such- und Rettungszone, in der Malta für die Koordinierung von Seenotfällen verantwortlich ist. AlarmPhone veröffentlichte den Notruf u.a. auf Twitter. Fortlaufend informierte AlarmPhone die maltesische Rettungsleitstelle über neue Koordinaten und bat um Koordinierung der Rettung. Das RCC Malta reagierte jedoch auf keinen der Hilferufe. Die SEA-EYE 4 und die RISE ABOVE waren rund sechs Stunden vom Unglücksort entfernt.

Rettungseinsatz
© Hermine Poschmann & Mission Lifeline

Trotz der großen Entfernung und der Anzahl der Geretteten, die sich bereits an Bord der SEA-EYE 4 befanden, entschieden die Einsatzleiter*innen von Sea-Eye und Mission Lifeline, die von AlarmPhone an die europäischen Rettungsleitstellen übermittelten Koordinaten anzufahren, denn anderweitige Hilfe für die Menschen in akuter Lebensgefahr war nicht zu erwarten.

Die RISE ABOVE erreichte das Holzboot, das über zwei Ebenen verfügte, am Mittwochabend zuerst. Zu dem Zeitpunkt war bereits ein Leck im Boot, durch das Wasser eindrang. Mehrere Personen waren ohne Schwimmwesten im Wasser und mussten direkt aus dem Meer gerettet werden. Die SEA-EYE 4 traf kurze Zeit später ein. Die Besatzungen der Rettungsboote versorgten die Menschen zügig mit Rettungswesten, beruhigten sie und stabilisierten zunächst die gefährliche Situation. Denn ein so großes Holzboot kann leicht kentern, wenn Unruhe oder sogar Panik aufkommt. Medizinische Notfälle wurden zuerst auf die SEA-EYE 4 evakuiert. Eine Person konnte noch auf dem Rettungsboot auf dem Weg zur SEA-EYE 4 erfolgreich reanimiert werden. Die vollständige Evakuierung des Holzbootes konnte erst um Mitternacht abgeschlossen werden.

Es befinden sich nun mehr als 800 Menschen auf der SEA-EYE 4, die inzwischen Kurs auf Lampedusa genommen hat. Die italienische Insel ist nur wenige Stunden vom Unglücksort entfernt und so der am schnellsten erreichbare, sichere Hafen.

Für die 24 köpfige Besatzung der SEA-EYE 4 kommt es nun zu einer noch nie da gewesenen Belastungssituation. 

Rettungseinsatz
© Hermine Poschmann & Mission Lifeline

Das Rettungsschiff ist auf die schnelle Zuweisung eines sicheren Hafens angewiesen. Sea-Eye hat die Rettungsleitstelle in Rom bereits um die Zuweisung eines sicheren Hafens und das Auswärtige Amt um dringende Unterstützung gebeten, da Malta sich jeder Kommunikation verweigert. 

„Auf der SEA-EYE 4 herrscht nun der Ausnahmezustand. Jede Verzögerung durch die Behörden gefährdet die Gesundheit und das Leben der geretteten Menschen und unserer Besatzung. Es ist beschämend, wie Malta sich immer wieder seiner Verantwortung entzieht und Notrufe ignoriert”, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

„Das Verhalten der europäischen Behörden hat beinahe kriminelle Züge. Die Zuständigkeiten sind eindeutig und klar geregelt. Warum sich die Staaten nicht daran halten und wissentlich Menschen in Seenot im Stich lassen, kann nur mit mangelndem Verfolgungsdruck des internationalen Strafgerichtshofs zusammenhängen. Es wäre ein Leichtes, die Verantwortlichen persönlich zur Rechenschaft zu ziehen!“ so Axel Steier, Vorstand und Sprecher von MISSION LIFELINE e. V.

Es ist erschütternd, wie viele Rettungen Sea-Eye und andere Organisationen in den letzten Tagen vornehmen mussten. Die Situation vor Ort ist dramatisch, da die Rettungskräfte an den Rand ihrer Belastung kommen und die Kapazitäten nicht mehr ausreichen. Wir brauchen Hilfe, damit alle Menschen, die gerade in Seenot sind, gerettet werden können. Das ist doch unsere gemeinsame moralische Verantwortung“, so Dr. Christine Winkelmann, Vorständin der German Doctors, die durch die Bordärztin Daniela Klein an der Rettungsaktion beteiligt sind.