Rotes Kreuz evakuiert 146 Gerettete auf italienisches Quarantäneschiff

  • beispiellose Solidarität für ALAN KURDIs Mission
  • Bundesinnenministerium appellierte, die Rettungen einzustellen
  • Crew der ALAN KURDI erwartet 14-tägige Quarantäne

Nach einer fast zweiwöchigen Blockade endete die Odyssee des deutschen Rettungsschiffes ALAN KURDI am Freitag vor dem Hafen von Palermo. Bereits am Ostersonntag schlugen die italienische Verkehrsministerin Paola De Micheli und der Leiter des Zivilschutzes Angelo Borelli vor, die geretteten Menschen an Bord des deutschen Rettungsschiffes auf ein größeres, geeigneteres Schiff zu übernehmen. Dort könnten sie einerseits unter Quarantäne gestellt und andererseits besser und sicherer versorgt werden. Am Donnerstagabend schließlich bestätigten die italienischen und die deutschen Behörden die konkrete Umsetzung des Vorhabens für Freitagvormittag.

„Die Situation auf der ALAN KURDI war bereits seit Tagen untragbar. Wir sind unendlich erleichtert, dass diese Blockade endlich endet“, sagte Jan Ribbeck, Missionsleiter für Sea-Eye.

Rotes Kreuz evakuiert 146 Gerettete auf italienisches Quarantäneschiff

Italienische Küstenwache

Unter Koordinierung des italienischen Roten Kreuzes begann am Freitagnachmittag die Evakuierung für 146 gerettete Menschen auf das italienische Passagierschiff RAFFAELE RUBATTINO. Mehrere Schiffe der italienischen Küstenwache, unter anderem das Schiff DICIOTTI, waren in den Transfer der Menschen auf die RAFFAELE RUBATTINO eingebunden.

Ausschiffung

Auf dem italienischen Fährschiff sollen die Menschen nun für weitere 14 Tage unter Quarantäne gestellt werden. Unklar ist bisher, wie es für die Menschen anschließend weitergeht. Italien hat seine Häfen für die Ausschiffung von aus Seenot geretteten Menschen vorübergehend wegen des gesundheitlichen Notstandes geschlossen. Über einen Ausschiffungshafen und die Verteilung der Geflüchteten hatten die Behörden bis zum Freitag keine Pläne veröffentlicht.

„Es ist jetzt sehr wichtig, auch an die geretteten Menschen des spanischen Schiffes AITA MARI zu denken. Auch auf diesem Schiff warten noch rund 40 Menschen auf eine humanitäre Lösung“, sagte Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Beispiellose Solidarität für ALAN KURDIs Mission

Während der Blockade erfuhren Sea-Eye und die ALAN KURDI insbesondere in Italien eine bisher beispiellose Solidarität. Nach einem Brief des italienischen Seenotretters Luca Casarini an Papst Franziskus antwortete das Kirchenoberhaupt und stellte sich unmissverständlich hinter alle zivilen Seenotretter*innen. Besonders hervorzuheben ist jedoch das Engagement des Bürgermeisters von Palermo. Leoluca Orlando stand in regelmäßigem Kontakt zu Missionsleiter Jan Ribbeck und erkundigte sich täglich nach den Menschen auf der ALAN KURDI.

„Man kann sagen, dass Leoluca Orlando ein wichtiger Anwalt der Menschenrechte der geretteten Menschen und auch unserer Crew auf der ALAN KURDI war. Sein Engagement war für das Ende dieser Blockade unentbehrlich wichtig“, sagt Missionsleiter Jan Ribbeck von Sea-Eye.

Doch auch die Seenotretter*innen von Mediterranea und Sea-Watch-Italy insistierten bei der Regierung in Rom. Sie setzten sich dafür ein, dass die Seenotrettung fortgesetzt werden müsse und dass die Schiffe ALAN KURDI und AITA MARI sichere Häfen bekommen. Für die AITA MARI steht eine solche Lösung aber noch aus.

Bundesinnenministerium appellierte, die Rettungen einzustellen

Während der Rettungen vor 11 Tagen hatte ein Brief des Bundesinnenministeriums die Einsatzleitung erreicht. Darin wurde an deutsche Seenotrettungsorganisationen appelliert, Rettungsaktionen einzustellen und Schiffe gegebenenfalls zurückzurufen, weil es an Ausschiffungshäfen im zentralen Mittelmeer fehle. Zu diesem Zeitpunkt hatte die ALAN KURDI bereits 150 Menschenleben gerettet.

„Man kann nicht von uns verlangen, die Rettung von Menschenleben einzustellen, während die selben Politiker*innen in Deutschland fordern, dass alles Menschenmögliche dazu beigetragen werden muss, um möglichst viele Menschenleben zu retten“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Crew der ALAN KURDI erwartet 14-tägige Quarantäne

Der Crew der ALAN KURDI steht nun ebenfalls eine 14-tägige Quarantäne bevor. Das Schiff soll dazu vor Palermo vor Anker liegen. Die nächste geplante Rettungsmission von Sea-Eye fällt diesen Umständen zum Opfer. Die Corona-Krise führte jedoch nicht nur zu operativen Problemen. So wie viele Hilfsorganisationen beklagt auch Sea-Eye einen hohen Spendenrückgang.

„Wir wollen gern alles tun, um einen Rettungseinsatz im Mai starten zu können. Menschen wegen der Corona-Krise ertrinken zu lassen, ist ein genauso schlechter Grund wie jeder andere Grund, der bisher in dieser Debatte vorgetragen worden ist“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Verzweiflung und Ratlosigkeit der geretteten Menschen nimmt dramatisch zu

  • Selbsttötungsversuch an Bord der ALAN KURDI
  • Kapitänin bittet italienische Küstenwache um die Evakuierung mehrerer Personen
  • schwierige Evakuierung bei Nacht
  • Blockade hält trotz Lösungsvorschlag von Italien weiter an

Am Mittwoch kam es an Bord der ALAN KURDI zu einem Selbsttötungsversuch eines 24-jährigen Mannes. In ihrem medizinischen Bericht schreibt die Schiffsärztin von Angstzuständen, Gewalterfahrungen in einem libyschen Gefängnis und einem konfliktbehafteten Verhältnis zu anderen geretteten Personen an Bord. Die Verzweiflung war in der Nacht zum Mittwoch so groß geworden, dass der Mann keinen anderen Ausweg mehr für sich selbst sah, als sich durch Selbsttötung der Situation zu entziehen.

„Der Patient ist eine Gefahr für sich selbst und andere. Wir sind sicher, dass sich der Zustand weiter verschlechtern wird“, schreibt Schiffsärztin Dr. Caterina Ciufegni in ihrem medizinischen Bericht an die italienische Küstenwache.

Die Verzweiflung und Ratlosigkeit einiger Personen erreicht ein bisher unbekanntes Ausmaß. Einem anderen jungen Mann macht der Stress so sehr zu schaffen, dass er sich seit Tagen immer stärker selbst verletzt. Am Mittwochnachmittag hat Kapitänin Bärbel Beuse um die Evakuierung von drei Personen gebeten. Die Antwort der italienischen Küstenwache erfolgte prompt. Ein Offizier des MRCC ROM teilte der Kapitänin über Funk die Koordinaten für einen Treffpunkt mit einem Schiff der Küstenwache mit.

„Wir sind froh und dankbar, dass Rom die Gefahr für die geretteten Menschen und uns genauso einschätzte und sofort ein Schiff schickte“, sagt Kapitänin Bärbel Beuse.

Die Evakuierung verlief sehr schwierig. Die drei Boote der italienischen Küstenwache konnten sich kaum annähern, ohne dramatische Szenen auf der ALAN KURDI zu verursachen.

„Die Menschen sind total verzweifelt und werden seit 10 Tagen auf der ALAN KURDI festgehalten. Sie deuteten an, ins Wasser springen zu wollen, um die italienischen Boote zu erreichen. Sie ließen sich kaum beruhigen“, sagt Jan Ribbeck, Einsatzleiter von Sea-Eye.

Offenbar rechnete die italienische Küstenwache mit solchen Schwierigkeiten, denn sie schickte mehrere Boote für drei zu evakuierende Personen. Die Küstenwache scheint sich über die schwierige Lage auf der ALAN KURDI absolut bewusst zu sein. Nach insgesamt zwei Stunden war die Evakuierung von drei Personen schließlich abgeschlossen.

Seit Sonntag liegt ein Lösungsvorschlag der italienischen Verkehrsministerin auf dem Tisch. Die Menschen auf der ALAN KURDI sollen auf ein größeres Schiff evakuiert werden, um dort besser versorgt und unter Quarantäne gestellt zu werden. Seither sind drei weitere Tage vergangen. Eine konkrete Information über Ort und Zeitpunkt der Evakuierung kommt weder aus Rom noch aus Berlin.

„Die italienischen Behörden sind weiter bei der Vorbereitung eines Schiffes, auf das die 149 Personen verlegt werden können“, teilte das Auswärtige Amt am Mittwochabend der Einsatzleitung von Sea-Eye mit.

Über den Zeitpunkt könne aber keine Auskunft erteilt werden.

Die Häfen von Italien, Malta und Libyen sind geschlossen. 146 Menschen auf der ALAN KURDI und 43 Menschen auf dem spanischen Rettungsschiff AITA MARI wird weiterhin ein sicherer Hafen verwehrt. Für mehrere Seenotfälle übernahm am Osterwochenende keine Rettungsleitstelle Verantwortung. Statt nach 85 vermissten Menschen zu suchen, wurde dessen Existenz von Malta und Italien schlicht abgestritten.

„Der erbarmungslose Umgang mit Flüchtenden scheint derzeit an allen Grenzen der EU politischer Konsens zu sein. Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen, ist kein neues Phänomen und kann deshalb nicht allein mit Corona begründet werden. Die gesteigerte Brutalität gegen Flüchtende und die neue Härte gegen Rettungsorganisationen kann nur mit dem Versuch der abschreckenden Wirkung erklärt werden. Ein solidarisches Verhalten der EU-Mitgliedsstaaten gegenüber Italien und Malta ist längst überfällig“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Niemand fühlt sich für die Rettung von Menschen verantwortlich

  • Lage auf der ALAN KURDI bleibt unverändert schlecht
  • Unsere Bordärztin dokumentiert Folterspuren
  • Ein Lösungsvorschlag für die ALAN KURDI steht im Raum

Auf dem zentralen Mittelmeer spielten sich am Ostersonntag dramatische Szenen ab. Während die ALAN KURDI vor Sizilien blockiert wird, wurden am Ostersonntag weitere Seenotfälle bekannt, für die sich niemand verantwortlich fühlt. Selbst für Seenotfälle, die eindeutig in der maltesischen Such- und Rettungszone gemeldet wurden, leitete Malta keine Rettungen ein. Die sogenannte libysche Küstenwache hat ebenfalls die Arbeit eingestellt, weil nicht genügend Schutzmasken vorrätig seien, berichtete Spiegel Online. Es ist zu befürchten, dass an diesem Osterwochenende dutzende Menschen ertrunken sind.

Derweil mussten 149 gerettete Menschen ihre achte Nacht auf der ALAN KURDI verbringen. Die Menschen müssen auf engstem Raum an Deck schlafen und sich zwei Toiletten und eine Dusche teilen. In Gesprächen mit unserem Menschenrechtsbeobachter berichteten einige Gerettete, in Libyen gefoltert worden zu sein. Unsere Bordärztin dokumentierte Narben und Verbrennungen. Einer Person wurden die Finger gebrochen.

Die italienische Verkehrsministerin und der Leiter des Zivilschutzes machten inzwischen den Vorschlag, die geflüchteten Menschen auf ein größeres, italienisches Schiff zu transferieren, um dort eine Quarantäne durchzuführen. Das Auswärtige Amt bestätigt, dass es sich um einen sehr ernsthaften Lösungsweg handelt.

Lebensmittel für die ALAN KURDI

Die italienische Küstenwache unterstützte die ALAN KURDI bereits zweimal mit einem Hilfsgütertransport. Leoluca Orlando, der Bürgermeister von Palermo, steht im engen Kontakt zu unserem Einsatzleiter Jan Ribbeck. Orlando kämpft für die Geretteten und die Crew der ALAN KURDI.

„Das Recht auf Gesundheit hat ein jeder Mensch“, sagte Orlando der italienischen Presse.

Am Osterwochenende sollte eigentlich die dritte Rettungsmission des Jahres starten. Aber die Mission musste leider abgesagt werden. Die Blockade setzt Sea-Eye neben dem Corona bedingten Spendeneinbruch ernsthaft zu. Jeder zusätzliche Tag kostet rund 2.500 €. Die Zeiten, in denen die Rettung von Menschenleben zu öffentlicher Aufmerksamkeit und zu Spenden führten, sind längst vorbei. Deshalb bitten wir Sie um Ihre Unterstützung.

In einem dramatischen Rettungseinsatz konnte die Crew der ALAN KURDI letzten Montag 68 Menschen das Leben retten. Ein zweiter Rettungseinsatz mit 82 Menschen folgte wenige Stunden später.

Unsere einzige Bitte an die 27 EU-Mitgliedsstaaten mit 447 Millionen Einwohnern war, diesen 150 Menschen Sicherheit und Frieden zu geben.

Hilfe schickte bisher nur Italien. Wir erhielten Lebensmittel und eine Person wurde von der italienischen Küstenwache evakuiert. Einige Menschen sind durch Folterspuren aus dem Bürgerkriegsland Libyen gezeichnet.

Anna, erste Offizierin der ALAN KURDI, und Josefin, Teil unseres medizinischen Teams, berichten von Bord.

Video von Boxfish

Italienische Küstenwache evakuiert eine Person in der Nacht zum Karfreitag

  • ALAN KURDI erhält keine Lebensmittel, Medikamente oder Treibstoff von Italien
  • Italienische Küstenwache evakuiert eine Person vor Lampedusa
  • Italien, Malta und Libyen bezeichnen eigene Häfen als unsicher
  • deutsche Rettungsleitstelle mit Koordinierung überfordert
  • ALAN KURDI sucht Wetterschutz im Nordwesten von Sizilien

Rund einen Tag brauchte die italienische Rettungsleitstelle MRCC Rom, um die Bitte der ALAN KURDI-Kapitänin Bärbel Beuse nach Lebensmitteln, Medikamenten und Treibstoff abzulehnen. Die dazu nötigen Bootsdienste seien auf den Inseln Lampedusa und Linosa nicht verfügbar. Italien verwies auf Malta. Die maltesische Rettungsleitstelle reagierte sofort: „Versuchen Sie nicht, das auf Malta abzuladen.“ Damit macht die Rettungsleitstelle in Valletta klar, dass auch Malta nicht zur Hilfe bereit ist.

Die Lage an Bord der ALAN KURDI spitzt sich immer weiter zu, denn das Rettungsschiff ist zur dauerhaften Beherbergung von 150 Menschen nicht geeignet. Die Kapitänin Bärbel Beuse insistiert in der Nacht zum Karfreitag und wiederholt ihre Bitte nach den dringendsten Bedarfen:

Wir müssen betonen, dass unser Schiff innerhalb der nächsten 48 Stunden Lebensmittel benötigt.

Inzwischen erklärte neben Italien und Malta nun auch Libyen die eigenen Häfen als unsicher für die Ausschiffung und Versorgung von aus Seenot geretteten Menschen. Aktuell verbietet Libyen einem Schiff der sogenannten libyschen Küstenwache mit rund 280 Personen das Einlaufen in einen libyschen Hafen. Die libysche Küstenwache erklärte derweil, dass sie keine weiteren Rettungen durchführen könne, weil keine Atemschutzmasken vorhanden seien. Vincent Cochetel, Sonderbotschafter der Vereinten Nationen, sagt gegenüber Spiegel Online, dass die Schlepper diese Situation ausnutzen könnten und die Flüchtenden notfalls anlügen würden. Tatsächlich erreichten in den vergangenen Tagen Flüchtende mit mehreren Booten unter großer Gefahr die italienische Insel Lampedusa. Wie viele Boote auf dem Mittelmeer verschwanden und wie viele Menschen ertranken, ist unbekannt.

Es kann nicht sein, dass wir milliardenschwere Rettungspakete für die europäische Industrie sehen und gleichzeitig behauptet wird, dass es für den Schutz von Migrant*innen keine Ressourcen gibt“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V. „So hat Europa eine Situation zugelassen, in der humanitäre Katastrophen mittlerweile miteinander konkurrieren und gegeneinander ausgespielt werden“, sagt Isler weiter.

Die deutsche Rettungsleitstelle gibt in der Nacht zum Karfreitag an, dass man mit der Koordinierung der Situation des deutschen Schiffes überfordert sei.

So schrieb Bremen an die Kolleg*innen in Rom: „I am fully aware of the brisance of the actual situation but MRCC Bremen is not able to respond as you expect or hope for.“

Freitagmittag setzte die ALAN KURDI Kurs auf eine Position nordwestlich von Sizilien, um Wetterschutz vor bevorstehenden, schweren Unwettern zu suchen. Die Sea-Eye-Einsatzleitung informierte die deutschen Behörden bereits am Vormittag über diese Entscheidung.

Italienisches Versorgungsschiff verweigert die Rettung von 82 Menschen

  • ALAN KURDI rettet 68 Menschen am Montagvormittag
  • Libysche Miliz gefährdet Rettung und gibt Schüsse ab
  • weitere Rettung von 82 Menschen am Montagnachmittag
  • italienischer Offshore-Versorger ASSO VENTINOVE verweigert die Rettung
  • Bundesinnenministerium bittet Seenotrettungsorganisationen darum, die Arbeit einzustellen

Am Montagmorgen rettete die Crew der ALAN KURDI 68 Menschen aus einem überfüllten Holzboot in den internationalen Gewässern vor Libyen. Der Notruf wurde von Alarm Phone gemeldet und von Sea-Eye-Kapitänin Bärbel Beuse sofort an die zuständigen Behörden weitergeleitet. Während der Rettung gefährdete ein libysch beflaggtes Schnellboot die Arbeit der Sea-Eye-Rettungskräfte. Nach Schüssen in die Luft sprang rund die Hälfte der Flüchtenden ohne Rettungsweste panisch ins Meer, um zur ALAN KURDI zu schwimmen. Unsere Rettungskräfte brachten alle vorhandenen Rettungsmittel ins Wasser und setzten ein sogenanntes CentiFloat ein, um die Personen vor dem Ertrinken zu retten.

„Als ich die Schüsse der Libyer hörte, hatte ich große Sorge um meine Mannschaft und die Flüchtenden“, sagt Stefan Schütz, Einsatzleiter an Bord der ALAN KURDI.

Nachdem sich die Lage beruhigte und die Libyer sich zurücknahmen, konnten alle Personen mit Schwimmwesten versorgt und gerettet werden.

Schon während der ersten Rettung meldete das Alarm Phone einen weiteren Seenotfall nördlich der Position der ALAN KURDI. Der italienische Offshore-Versorger ASSO VENTINOVE erreichte diesen zweiten Notfall zwar mehrere Stunden vor der ALAN KURDI, leitete jedoch keine Rettungsversuche ein. Aufgrund der Größe wäre das italienische Versorgungsschiff deutlich besser geeignet gewesen, die 82 Personen, darunter auch Kinder, auf dem Holzboot zu retten. Mit der Begründung, dass man für die Bohrinseln bereit bleiben müsse, um dort zu helfen, wenn es zu einem Unglück käme, verweigerte ASSO VENTINOVE die Rettung und lehnte die Zuständigkeit für die Koordinierung ab. Die ALAN KURDI evakuierte deshalb auch das zweite Boot und sucht nun mit insgesamt 150 Geretteten an Bord nach einem sicheren Hafen.

Italienische und maltesische Ministerien hatten nach dem Ablegen der ALAN KURDI gegenüber dem Auswärtigen Amt mit einer Verbalnote klargestellt, dass man einer Ausschiffung von geretteten Personen auch dann nicht zustimmen würde, wenn die Verteilung der Geretteten geregelt worden sei. Als Begründung gaben die beiden Küstenstaaten den gesundheitlichen Notstand im eigenen Land an. Während die zweite Rettung anlief, meldete sich das Bundesinnenministerium bei Sea-Eye und anderen Rettungsorganisationen mit folgender Bitte:

„Angesichts der aktuellen schwierigen Lage appellieren wir deshalb an Sie, derzeit keine Fahrten aufzunehmen und bereits in See gegangene Schiffe zurückzurufen.“

Zu diesem Zeitpunkt war die ALAN KURDI bereits 7 Tage im Einsatz und evakuierte das zweite überfüllte Holzboot.

Jedes Menschenleben ist wertvoll. Wir vertrauen darauf, dass es dem Bundesaußenminister gelingt, für 150 Menschenleben zusätzliche Verantwortung zu übernehmen. Denn Deutschland ist schließlich unser Flaggenstaat. In den vergangenen Tagen hat die Bundesregierung mehr als 200.000 Menschen in einem unglaublichen Kraftakt aus dem Ausland heimgeholt. Es muss doch vorstellbar und menschenmöglich sein, eine Maschine für 150 Schutzsuchende nach Südeuropa zu senden, um die Menschen unverzüglich zu evakuieren. In Deutschland gibt es rund 150 Städte im Bündnis Sicherer Häfen, die ihre Bereitschaft zu Aufnahme von Geflüchteten erklärt haben, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Sea-Eye-Rettungsschiff rettet 68 Menschen in internationalen Gewässern vor Libyen

  • ALAN KURDI rettete 68 Menschen
  • Libysche Miliz behinderte Rettung und gibt Schüsse ab
  • Menschen sprangen verzweifelt ins Wasser
  • ALAN KURDI auf dem Weg zu einem zweiten Seenotfall

Am Montagmorgen erhielt die Crew der ALAN KURDI einen Notruf über Alarmphone. Die Kapitänin Bärbel Beuse informierte die zuständigen Behörden und setzte Kurs auf die von Alarmphone übermittelten Koordinaten. Nur eine Stunde später erreichte die ALAN KURDI die Position. Dort fand die Crew ein Holzboot mit insgesamt 68 Menschen vor. Keiner der Personen verfügte über eine Rettungsweste.

Während die Crew der ALAN KURDI das erste Rettungsboot zu Wasser ließ, näherte sich ein libysch beflaggtes Schnellboot mit hoher Geschwindigkeit. Die Schüsse und riskanten Manöver der Libyer führten schnell zu einer lebensgefährdenden Eskalation der Situation. Von dem überfüllten Holzboot sprang rund die Hälfte der Menschen ins Wasser und versuchte die ALAN KURDI aus eigener Kraft zu erreichen.

„Als ich die Schüsse der Libyer hörte, hatte ich große Sorge um meine Mannschaft und die Flüchtenden“, sagt Stefan Schütz, Einsatzleiter an Bord der ALAN KURDI.

Die Besatzungen der Rettungsboote brachten zügig Rettungsmittel zu Wasser, um zu verhindern, dass die Menschen im Wasser ertrinken.

Die Kapitänin informierte die deutschen Behörden über die Bedrohung durch die Libyer. Nach kurzer Zeit entspannte sich die Situation und die Libyer ließen die Rettung der Menschen im Wasser, die Versorgung der Menschen mit Rettungswesten auf dem Holzboot und die anschließende Evakuierung der im Holzboot verbliebenen Flüchtenden schließlich zu. Alle 68 Menschen konnten gerettet werden. Die Libyer entwendeten umgehend das Holzboot und verschwanden. Einige der Geretteten stehen unter Schock, sind unterkühlt und werden deshalb medizinisch versorgt. Der überwiegende Teil der Geretteten teilte mit, aus Bangladesch zu stammen. Wenige stammen aus Syrien, dem Tschad oder dem Sudan. 20 Personen geben an, minderjährig zu sein.

„Die Libyer haben mit ihrem Verhalten das Ertrinken vieler Menschen riskiert. Während die EU-Mitgliedsstaaten Geld an sogenannte libysche Küstenwächter zahlen, wird unsere Crew erneut beim Retten von Menschenleben behindert und bedroht“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Der ALAN KURDI wurde ein weiterer Seenotfall gemeldet. Sie ist in diesem Moment auf dem Weg dorthin.

Höchste Sicherheitsvorkehrungen im Falle eines Corona-Ausbruchs an Bord

  • Sea-Eye-Rettungsschiff nach mehrwöchiger Werftpause einsatzbereit
  • ALAN KURDI wird einziges Rettungsschiff im Einsatzgebiet sein
  • Crew der „Sea-Watch 4“ führt abschließende Reparaturen durch
  • neue Sicherheitsvorkehrungen für den Fall eines Corona-Ausbruchs

Nach achtwöchiger Pause kehrt das deutsche Rettungsschiff ALAN KURDI nun zurück in den Einsatz. Mehr als 60 ehrenamtliche Helfer*innen bereiteten die ALAN KURDI auf das Einsatzjahr 2020 vor. Am Montagnachmittag erteilten die spanischen Behörden grünes Licht zum Ablegen. Inzwischen hat die Crew um die deutsche Kapitänin Bärbel Beuse die internationalen Gewässer erreicht.

„Meine Crew ist trotz aller Schwierigkeiten angetreten, trainiert und einsatzbereit. Wie könnten wir jetzt im Hafen bleiben, während kein einziges Rettungsschiff im Einsatz ist? Als Menschen ist es unsere Pflicht, alles Vernünftige dafür zu tun, um anderen Menschen das Leben zu retten“, sagt Bärbel Beuse, Kapitänin der ALAN KURDI.

Beuse führt die ALAN KURDI zum zweiten Mal in den lebensrettenden Einsatz.

„Sea-Eye wurde gegründet, um Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Jedes Leben besitzt einen unschätzbaren Wert. Kein Menschenleben ist entbehrlich oder weniger wertvoll. Deshalb ist die ALAN KURDI auf dem Weg in den Einsatz“, begründet Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V., den Einsatz während der Corona-Krise.

Die Seenotretter*innen rechnen mit großen Schwierigkeiten, einen sicheren Hafen zugeteilt zu bekommen, falls es tatsächlich zu einer Rettung kommt.

„Wir verlassen uns auch in dieser Krise auf die Verantwortung und ein beherztes politisches Handeln unseres Flaggenstaates. Wir stehen in engem Austausch mit den deutschen Behörden“, sagt Isler weiter.

Aufgrund der Corona-Krise hat die Einsatzleitung des Vereins weitere Sicherheitsvorkehrungen getroffen und einen „Outbreak Management Plan“ etabliert.

„Deutsche Hochseeschiffe haben ohnehin höchste Sicherheitsanforderungen. Darüber hinaus haben wir ausreichende, persönliche Schutzausrüstung für unsere Crew an Bord“, sagt Jan Ribbeck, Einsatzleiter der Mission.

Die ALAN KURDI wird die libysche Such- und Rettungszone voraussichtlich am Wochenende erreichen.

Seit Wochen gelang es aufgrund der Corona-Krise keiner Hilfsorganisation mehr, ein Rettungsschiff in den Einsatz zu entsenden, denn Crewmitglieder können nicht ohne Weiteres reisen, um die Schiffe zu erreichen oder heimzukehren. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen berichtete zuletzt von hunderten Geflüchteten, die durch die sogenannte libysche Küstenwache von der Flucht aus dem Bürgerkriegsland abgehalten worden sind. Wie viele Menschen in den vergangenen Wochen unbemerkt auf dem Meer verschwanden ist unbekannt.

„Es grenzt an ein Wunder, dass wir eine Crew zusammenstellen, trainieren und auf die besonderen Umstände vorbereiten konnten“, sagt Isler.

Aufgrund der Corona-Krise konnten Reparaturen an der ALAN KURDI nicht nach Plan abgeschlossen werden. Viele Werftarbeiter*innen mussten vorzeitig zu ihren Familien zurückkehren. Zuletzt halfen deshalb die Crewmitglieder des neuen Rettungsschiffes „Sea-Watch 4“ dabei, die Reparaturen abzuschließen. Die „Sea-Watch 4“ wird ebenfalls in Burriana auf ihren ersten Rettungseinsatz vorbereitet. Die ALAN KURDI ist damit das einzige Rettungsschiff, das sich auf dem Weg in die libysche Such-und Rettungszone befindet.

Der Hamburger Sänger Stefan Stoppok setzt sich auch während der Corona-Krise dafür ein, dass weitergeholfen und gerettet wird. 

  • Stoppok gibt online-Solikonzert für Sea-Eye
  • Corona-Pandemie bedroht Flüchtende weltweit

Die Corona-Pandemie stellt gerade für Flüchtende und Migrant*innen eine ungeahnte existenzielle Gefahr dar. Auch Sea-Eye spürt die Folgen der Corona-Krise täglich. Deshalb gibt der Liedermacher Stefan Stoppok am 26. März 2020 um 14 Uhr live aus seinem Wohnzimmer ein Soli-Konzert für Sea-Eye. Die fünfzehnminütige Show wird über die Facebook-Kanäle von Stoppok und Sea-Eye und auf der Sea-Eye-Website zu sehen sein.

Bei der Corona-Pandemie handelt es sich um eine weltweite Krise, die Menschen überall bedroht. Hierunter sind auch viele Menschen, die weitaus schutzloser und verletzlicher sind als andere. Besonders Flüchtende sind von der Corona-Krise bedroht. Denn sie verfügen über keine Wohnung und häufig nicht einmal über ein Zelt. In überfüllten Lagern können sich Flüchtende nicht von anderen Menschen separieren. Gleichzeitig mangelt es ihnen an hygienischen Mitteln wie sauberem Wasser, Seife oder Toiletten. Zudem haben die meisten Flüchtende keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und sind im Krankheitsfall völlig schutzlos.

„Lasst uns deshalb in dieser schwierigen Zeit für uns alle nicht die Verwundbarsten vergessen und allen weiterhelfen“, sagt Stoppok.

Die Lage der Flüchtenden verschlimmert sich dadurch, dass Hilfsorganisationen in ihrer Arbeit eingeschränkt sind. Auch Sea-Eye muss sich in seiner Arbeit an die neuen Bedingungen anpassen, ist aber grundsätzlich einsatzbereit. Seit Anfang März muss der Verein mit einem Spendeneinbruch kämpfen, der im schlimmsten Fall auch die Existenz des Vereins bedrohen könnte. Deshalb ist Sea-Eye auch gerade in der Corona-Krise auf Spenden angewiesen, um denjenigen zu helfen, die sich derzeit absolut schutzlos auf der Suche nach Sicherheit befinden.

Das Soli-Konzert wird unter #weiterhelfen auf der facebook-Seite des Künstlers und der Website von Sea-Eye verbreitet:
https://www.facebook.com/Stoppok.de/
www.sea-eye.org/stoppok/
www.stoppok.com

Kindergerechter Beitrag der ARD zur Seenotrettung

Robert, Reporter von neuneinhalb, hat uns auf der ALAN KURDI besucht und mit Joshua, unserem 1. Offizier, über die Seenotrettung im Mittelmeer gesprochen. Joshua hat Robert unser Schiff gezeigt und wo wir Geflüchtete nach der Rettung an Bord unterbringen. Robert wollte es ganz genau wissen, also haben wir ihn mit aufs Meer genommen und ihm gezeigt, wie eine Rettung abläuft.

Schauen Sie sich den Beitrag von neuneinhalb an, er ist nicht nur für Kinder geeignet.