Erfahrungsbericht als Volunteer bei Sea-Eye
Mit dem Bus durch die trockene Landschaft Siziliens, vorbei an mit Plastik verdeckten Tomatenfeldern und mit Ethna im Rücken. Und dann war ich da, in Licata – meinem Zuhause für den nächsten Monat. Zu Fuß machte ich mich auf den kurzen Weg von der Bushaltestelle zum Hafen, in dem sich nicht nur die SEA-EYE 5 befindet, sondern auch das Basecamp, einem zweistöckigen Apartment mit mehreren Lagergaragen. Schon von weitem erkannte ich es an der wehenden Pride-Flagge am Balkon.
Es war Wochenende, als ich ankam, die meisten der Crew waren noch nicht in Licata, aber die Basecamp-Managerin Sam wartete bereits auf mich und gab mir eine Tour. Gerade als ich meinen Rucksack ablud, sprang meine Zimmernachbarin auf – „die Louise Michel fährt los“. Gemeinsam liefen wir nach unten, um zu beobachteten, wie sich das Schiff aus dem Hafen manövrierte, jubelten und winkten. Es ist ein besonderer Moment, wenn eine der anderen Seenotrettungsorganisationen in See sticht, man hält zusammen – „fare well!“.
Im Laufe der nächsten zwei Tage trudelten die restlichen Teilnehmer*innen der Rotation ein, die ich zuvor nur auf einem Kästchen auf meinem Laptop gesehen hatte. Als Joker bildete ich gemeinsam mit der Köchin, dem Logistik-Praktikanten und Sam das Basecamp Team. Aber gerade während der Trainingswochen leben und arbeiten alle eng zusammen und bilden eine gesamte Sea-Eye-Crew.
Am Montag ging es dann mit dem ersten gemeinsamen Morgenmeeting los. Jede*:r stellte sich kurz vor: wir waren ein bunter Mix, angereist von vier verschiedenen Kontinenten und mit den unterschiedlichsten Lebensgeschichten im Gepäck. Aber alle hatten eins gemeinsam: Frustriert von der menschenverachtenden Politik Europas haben wir unser individuelles Leben pausiert, um hier einen Unterschied zu machen. Für die Meisten war es nicht die erste Erfahrung mit ziviler Seenotrettung – für Beth, der anderen Freiwilligen im Basecamp, und mich schon. Alles war aufregend, wir stellten viele Fragen und hörten Geschichten, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Wir bekamen auch direkt eine Schiffstour. Was mich besonders überraschte – die SEA-EYE 5 ist viel kleiner, als ich gedacht hatte. Kaum vorstellbar, wie hier bis zu 120 gerettete Menschen Platz finden. Sea-Eye hat sich vor ein paar Jahren von ihrem größeren Schiff, der SEA-EYE 4 getrennt. Hintergrund ist die veränderte Gesetzeslage in Italien. Seit 2023 verpflichtet das Piantedosi-Dekret Schiffe, nach einer Rettung unverzüglich einen ihnen von der italienischen Regierung zugewiesenen Hafen anzusteuern, ohne nach weiteren Menschen in Seenot zu suchen – eine Form humanitäre Hilfe auf dem Mittelmeer weiter zu blockieren. Die Rettungsmissionen sind daher kleiner und die Wege zu den Häfen sind oft so weit, dass kleinere und schnellere Boote essenziell sind.
Aber zurück zu meiner Rolle als Joker: Während die anderen recht klare Aufgabenbereiche hatten, war ich da, wo eine zusätzliche Hand gebraucht wurde. Meistens waren das Aufgaben im Haushalt und in der Logistik. Man ahnt gar nicht, wie viel Planung hinter so einer Rotation steckt. Neben den alltäglichen Aufgaben bereiteten wir alles für die Ausfahrt vor. Wir machten Besorgungen, kochten Mahlzeiten vor, beschrifteten hunderte neue Rettungswesten, packten Post-Rescue-Kits für die Survivors und beluden das Schiff. Viel Zeit verbrachte ich mit Beth in der Küche, denn um eine hart arbeitende Crew glücklich zu machen, braucht es ganz schön viel Essen. Aber auch an Bord der SEA-EYE 5 5 hatte ich einige Aufgaben. Unter anderem war ein neues Reling-Netz nötig – also saßen wir tagelang an Deck und machten einen Knoten nach dem anderen, hörten uns durch diverse Alben und ließen uns die Sonne auf den Kopf scheinen.
In der ersten Hälfte der Rotation wird alles dafür getan, dass sowohl Crew als auch Equipment und Logistik bestmöglich auf die Rettungen vorbereitet sind. Dazu gehören eine Menge Trainings. Neben theoretischen Einheiten werden im Hafen und im offenen Wasser verschiedene Szenarien geprobt. Damit die Crew nicht nur mit Puppen üben muss, waren wir, das BasecampTeam als Statist*innen dabei. Es fühlt sich erstmal komisch an, eine Rettungssituation „nachzuspielen“, aber solche Trainings sind für die Crew essenziell, um verschiedene Abläufe zu verinnerlichen und im Ernstfall ruhig und koordiniert agieren zu können. Für mich war es spannend zu sehen, wie sie bei einer Rettung vorgehen und so ein bisschen mehr zu verstehen, wie es sich anfühlt an Bord eines Rettungsschiffes zu sein.
Neben einer Menge Arbeit, blieb aber auch etwas Zeit, um das Leben in Italien zu genießen. Jeden Tag vor dem Morgen-Meeting sprang ich kurz ins Meer und abends ging es oft ein zweites Mal gemeinsam zum Strand oder in eine der kleinen italienischen Bars in Licata. An den Wochenenden machten wir Roadtrips zu kleinen Buchten, übernachteten am Strand, besuchten die Tempel von Agrigent und als Highlight tanzten wir uns bei der Pride-Parade durch die Straßen von Palermo.
Die Zeit war also bunt, aber vor allem war sie sinnvoll. Als Freiwillige bei Sea-Eye ist man Teil einer größeren Mission. Eine Mission, die gegen das politische Versagen der europäischen Union arbeitet und dafür kämpft, dass keine Menschen auf der Flucht ertrinken müssen. Das Mittelmeer ist immer noch die tödlichste Fluchtroute der Welt und Wegschauen darf keine Option sein, jede Hilfe ist wichtig.
