Von den ersten Einsätzen auf einem ehemaligen Rettungskreuzer der DGzRS bis zur Sea-Eye 5: Gorden Isler blickt auf viele Jahre ziviler Seenotrettung zurück.
Mit großem Engagement hat Gorden Isler Sea-Eye über viele Jahre hinweg begleitet und geprägt. Nun hat er seine Zeit im Vorstand beendet und die Verantwortung in neue Hände gelegt. Im Interview blickt er auf seine ersten Begegnungen mit Sea-Eye, bewegende Momente, schwierige Entscheidungen und seine Wünsche für die Zukunft der zivilen Seenotrettung zurück.
Gorden Isler engagiert sich seit 2016 für Sea-Eye. Neben Einsätzen an Bord setzte er sich insbesondere in Politik und Medien für die zivile Seenotrettung ein und trug dazu bei, die Arbeit von Sea-Eye einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen.
”Für mich schließt sich gerade ein Kreis. Ich habe auf einem ehemaligen Rettungskreuzer der DGzRS angefangen – und mit der Sea-Eye 5 hat die Organisation heute wieder ein solches Schiff.
Gorden IslerEhemaliges Vorstandsmitglied von Sea-Eye
Erinnerst du dich noch an deine erste Begegnung mit Sea-Eye? Wie bist du auf die Organisation aufmerksam geworden?
Ich stand vor rund 10 Jahren auf einem ganz anderen Schiff, als ich Sea-Eye zum ersten Mal wahrgenommen habe. Ende 2016 war ich Crewmitglied des Rettungsschiffes Minden, das zu diesem Zeitpunkt von der Hamburger Organisation LifeBoat betrieben wurde. Wir lagen im Hafen von Valletta, und direkt neben uns lag die Sea-Eye 1.
Was mich in diesem Hafen am meisten beeindruckt hat, war aber etwas anderes. Dort lag die gesamte zivile Flotte. Die Schiffe von Jugend Rettet, die Sea-Watch, Ärzte ohne Grenzen, Proactiva Open Arms, Save the Children und MOAS. Erst vor Ort habe ich verstanden, wie viele Menschen sich diesem sinnlosen Sterben schutzsuchender Menschen entgegenstellen, während die EU-Mitgliedstaaten sich nach dem Ende von Mare Nostrum gemeinsam aus der Verantwortung gestohlen hatten.
Und mitten in dieser Flotte lag dieser grüne, rostige, umgebaute Fischkutter. Ich will ehrlich sein, das Schiff hat mich nicht wirklich beeindruckt. Die Minden hingegen war ein ehemaliger Seenotrettungskreuzer der DGZRS, gebaut für genau diese Arbeit und für nichts anderes. Was mich aber an der Organisation Sea-Eye angesprochen hat, war nicht das Schiff, sondern wer darauf Einsätze fuhr. Ein Bündnis aus Ehrenamtlichen, die aus völlig unterschiedlichen Welten kamen. Das fand ich von Anfang an sympathisch und verlangte mir großen Respekt ab.
Wie bist du überhaupt dazu gekommen, dich zu bewerben?
Auslöser war der Tod des kleinen Alan Kurdi. Das bewegte mich sehr und lies mir keine Ruge, denn ich war selbst gerade erst Vater geworden. Ich saß hier in meiner Hamburger Unternehmerblase und habe gemerkt, dass vor unserer Haustür etwas geschieht, das völlig inakzeptabel ist. Menschen fliehen auf der Suche nach Schutz und ertrinken, und die EU-Regierungen zogen sich zurück. Ich bin zunächst einfach nur an dem Thema drangeblieben und habe die Missionen von LifeBoat und MOAS verfolgt. Ich kannte die anderen Organisationen vor meinem ersten Einsatz nicht.
2016 las ich dann eine weitere erschütternde Nachricht von LifeBoat Minden in einem Sozialen Netzwerk. Eine Mutter starb bei dem Versuch, ihre beiden Kinder zu retten. Die Kinder überlebten, sie nicht. Es zerriss mir wirklich das Herz. Ich habe dann direkt, nachts gegen eins eine Bewerbung an LifeBoat Minden geschrieben. Das war keine gut überlegte Entscheidung oder gründliche lange Abwägung, das war Schock und der Wunsch helfen zu wollen. Drei Monate später war ich Crewmitglied. Mein erster Einsatz prägte mich. Wir retteten mehr als 1.200 Menschen innerhalb von nur drei Tagen. Wir konnten nicht allen helfen. Ich sah einen Menschen ertrinken, der jünger war als ich. Einem anderen hielt ich Nachts die Hand, bis er zu sich kam und seinem panischen Blick Erleichterung wich, als er begriff, dass er in Sicherheit ist. Das alles veränderte mich und treibt mich bis heute an.
Wie wurde aus dem Schiff nebenan dann deine eigene Organisation?
Wir haben es nicht geschafft. LifeBoat hat in gut einem Jahr über 12.000 Menschenleben gerettet und musste trotzdem aufgeben. Fast keine der Seenotrettungsorganisationen war damals auf Langfristigkeit angelegt. Niemand hat ein Schiff losgeschickt mit dem Plan, diese Arbeit zehn Jahre lang zu machen. Alle dachten, das sei ein Notbehelf für ein paar Monate, bis EU-Politik wieder zur Vernunft kommt. Doch es kam alles anders.
Nach dem Ende von LifeBoat Minden wollte ich weitermachen, also habe ich mich bei Sea-Eye als Crewmitglied beworben. Bevor ich in den Vorstand kam, war ich zweimal mit genau dem Kutter im Einsatz, den ich in Valletta gesehen hatte.
Ich weiß noch, wie ich kurz vor meinem ersten Einsatz an Deck stand. Ursula Putz, die damals die Einsätze vor Ort koordinierte, hat mich angesehen, gelächelt und gesagt, das sei schon etwas anderes als die Minden. Sie hatte recht. Unser Rettungsboot wurde zum Beispiel nicht auf Knopfdruck aus einer Wanne gelassen. Alles musste mühsam von bis zu vier Personen erledigt und das Rettungsboot von Hand ausgekrant werden. Ein völlig anderes Einsatzkonzept, viel aufwendiger, viel manueller. Ich bin trotzdem gefahren, weil diese Arbeit weiter wichtig war.
Was macht Sea-Eye für dich aus? Was unterscheidet die Organisation aus deiner Sicht von anderen?
Die Vielfalt. Auf der Website waren damals ein Taxifahrer zu sehen, ein Unternehmensberater, eine Geologin und eine Ärztin. Menschen aus allen Altersgruppen, Bundesländern und Berufen. Und das war kein Marketingbild, das war tatsächlich die Organisation. Es gab keine Angestellten, alles lief ehrenamtlich. Sea-Eye hat in den ersten Jahren Hunderte Menschen aus völlig unterschiedlichen sozialen und beruflichen Milieus zusammen auf zwei Schiffen miteinander in Einsätze geschickt. Da sind Freundschaften zwischen Menschen entstanden, die im normalen Leben nie miteinander gesprochen hätten. Das hat mir imponiert. Es ist das Erbe der Gründer*innengeneration, das die Organisation bis heute prägt.
Heute ist der Rettungsbetrieb professioneller. Wir arbeiten mit Hauptamtlichen, gerade zur See, weil politische Akteure und EU-Behörden uns diese Professionalisierung abverlangt haben. Aber das Ehrenamt ist nicht verschwunden, es hat sich verlagert. Keine andere Organisation hat so viele engagierte Menschen in Lokalgruppen zusammengeführt. Über 30 sind es inzwischen, und sie speisen sich auch aus Menschen, die selbst mit unseren Schiffen zur See gefahren sind. Weit über tausend Menschen hat Sea-Eye befähigt, diesen humanitären Dienst auf dem Meer zu leisten, und das hatte auch Folgen an Land. Wir haben als Vorstand daraus eine Strategie gemacht. Menschen tragen das Thema in ihre Kreise und ihre eigenen Kommunen und machen zivile Seenotrettung dort anschlussfähig.
Sea-Eye ist eine Bündnisorganisation. Das wollten wir immer sein, und das haben wir gepflegt, auch als es zur See immer schwieriger wurde.
Und für mich schließt sich gerade ein Kreis. Ich habe auf einem ehemaligen Rettungskreuzer der DGZRS angefangen, und mit der Sea-Eye 5 hat die Organisation heute wieder ein solches Schiff. Das ist kein Zufall, das war eine strategische Entscheidung. Mir war zuletzt sehr wichtig, dass wir ein zweifelsfrei ausgestattetes, professionelles Rettungsschiff betreiben, denn die Regulatorik wird immer enger, die Handlungsspielräume schrumpfen, und die Organisation muss für die kommenden Jahre bestens aufgestellt sein.
Was hat dieses Bündnis aus so unterschiedlichen Menschen konkret möglich gemacht?
Zwei Dinge, die ich für außergewöhnlich halte.
Das erste war die deutsche Flagge. 2018 war der Flaggenstreit mit den Niederlanden auf dem Höhepunkt. Claus-Peter Reisch wurde verhaftet, die Lifeline, unsere Seefuchs und die Sea-Eye 1 wurden festgesetzt, kein Rettungsschiff fuhr mehr, weil man die Registrierungen für unzulässig erklärte. Wir haben mit unserem letzten Geld die Professor Albrecht Penck gekauft, ein über 70 Jahre altes Forschungsschiff, das die deutsche Flagge bereits trug, und daraus ein Rettungsschiff gebaut. Im Februar 2019 haben wir sie in Alan Kurdi umbenannt.
Möglich war das, weil in unserem Vorstand niemand aus der Seefahrt kam. Menschen mit Sachverstand hätten uns zweifellos davon abgebracht. Wir waren zwei Ärzte und ein Versicherungsmakler. Papierkram hat mich nie abgeschreckt, ich arbeite beruflich in einer hochregulierten Branche. Uns wurde von Zweifler*innen gesagt, unter deutscher Flagge sei das mit all den Auflagen nicht zu machen, die Bundesbehörden würden das ganz sicher verhindern. Wir haben es trotzdem für möglich gehalten und gesagt, Probleme lösen wir dann, wenn sie auftreten. Heute fahren fast alle großen Organisationen unter deutscher Flagge. Diesen Beitrag rechnet man Sea-Eye kaum zu, aber er kam von uns.
Das zweite sind die Patenschaften. Städte und Landkreise übernahmen konkrete Verantwortung für unsere Schiffe. Konstanz war die erste Kommune, die über die symbolische Erklärung zum Sicheren Hafen hinausgegangen ist und eine echte Patenschaft geschlossen und uns substanziell unterstütz hat. Wir hatten das Konzept entwickelt und veröffentlicht, und dann haben Kommunen es umgesetzt. Regensburg, Rostock, Potsdam, Osnabrück, Köln, Bonn kamen dazu. Besonders stolz bin ich darauf, dass die Schweizer Hauptstadt Bern uns seit Jahren und bis heute mit 70.000 Franken jährlich unterstützt. Das funktioniert, weil wir dort Lokalgruppen haben, die den örtlichen Bezug herstellen und an Land für das Überleben Schutzsuchender eintreten. So viele Patenkommunen wie Sea-Eye hat keine andere Organisation.
2019 wart ihr zeitweise das einzige Schiff im Einsatz. Was hat das mit euch gemacht?
Es war beängstigend. Man musste jederzeit damit rechnen, dass es auch uns erwischt, dass wir irgendwie festgesetzt werden oder nicht mehr ablegen dürfen, weil im Hintergrund politische Prozesse laufen.
Es kam anders. Wir haben damals viel Unterstützung aus deutschen Behörden erfahren, aus dem Auswärtigen Amt, aus der Dienststelle Schiffssicherheit der BG-Verkehr und vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie. Immer wenn eine Entscheidung auf der Kippe stand und es Spielräume gab, hatte ich den Eindruck, dass die Menschen in den Behörden eher nach Lösungen gesucht haben, als uns zu blockieren. Das hat mir Mut gemacht und unser Vertrauen in die Behörden gestärkt. Wichtig ist hier aber zwischen Politik und Behörden zu unterscheiden. Das sind unterschiedlich Akteure.
Festgesetzt wurden wir zum ersten Mal mitten in der Pandemie. Wir haben abgelegt, als alle EU-Mitgliedstaaten sich selbst quarantänisierten und behaupteten, jetzt gehe es nicht mehr. Wir waren das letzte Schiff, das noch fuhr. Wir fanden es abwegig, mit dem Rettungsdienst aufzuhören, weil eine Pandemie ausgebrochen war. Die Küstenwachen haben schließlich weiter funktioniert und wir waren einsatzbereit. Am Ende hat unser Einsatz Italien nach einem Standoff von fast zwei Wochen dazu gezwungen, eine große Passagierfähre als Quarantäneschiff zu schicken.
Die Bilder waren surreal. Ein großes Küstenwachschiff, zwei kleinere dahinter, dazu die Fähre. Wir hatten rund 200 Menschen an Bord, die nichts weiter besaßen als eine Hose und ein T-Shirt. Und dagegen fuhr Italien ein Geschwader auf, dass mehr als 1.000 Menschen hätte retten können. So wird bis heute inszeniert, Europa müsse vor Männern, Frauen und Kindern beschützt werden, die selbst um ihr Leben kämpfen müssen.
Was hat dich damals motiviert, Verantwortung im Vorstand zu übernehmen?
Ich wurde gefragt, ob ich es mir vorstellen kann. Ich war damals schon Vorstandsvorsitzender bei Hamburger* mit Herz, einem Verein, der Entwicklungszusammenarbeit und Integrationsleistungen erbringt, Schulen in Äthiopien baut, Photovoltaikanlagen finanziert und Kindern medizinische Behandlung ermöglichte. Wichtige Arbeit, aber Arbeit, die oft erst am langen Ende wirkt. Und dann wurde ich gefragt, ob ich in der größten humanitären und politischen Gerechtigkeitskrise unserer Zeit Verantwortung bei Sea-Eye übernehmen will.
Ich habe mich noch nie vor Verantwortung gedrückt, im Gegenteil, ich suche bis heute nach Möglichkeiten, meine Fähigkeiten zu einem hohen Wirkungsgrad einzubringen. Ich habe es mit meiner Familie besprochen, zugesagt, kandidiert und wurde von den Mitgliedern in den Vorstand bei einer Gegenstimme gewählt. Ich hatte vorher eine Bemerkung zu der Tatsache gemacht, dass man es nicht den Menschen in Bayern allein überlassen kann, sich für Sea-Eye zu engagieren. Ich glaube bis heute, dass mir das eine Person übel nahm.
Es hat jedoch einen Preis gehabt, für mich und für meine Familie. Ich war als Unternehmer über Jahre nicht so verfügbar, wie ich es hätte sein müssen, und mein Betrieb trägt die ganze Familie mit. Es gab Konflikte und es hat mich auch gesundheitlich einiges gekostet. Ich würde es trotzdem wieder genauso entscheiden, und ich würde wieder auf den Rückhalt meiner Familie bauen können.
Ich verstand mein Amt immer als ein Privileg. Ich war dankbar für das Vertrauen der Mitglieder, die mich alle zwei Jahre wiedergewählt haben. Als einzelner Mensch so wirksam sein zu dürfen, gemeinsam mit anderen Entscheidungen von solcher Tragweite zu treffen, politisch etwas zu bewegen und so vielen Menschen zu helfen, das wog schwerer als das, was mir als Individuum abverlangt wurde.
Welche Herausforderung oder Entscheidung ist dir besonders in Erinnerung geblieben und warum?
Die folgenreichste war der Paradigmenwechsel. Aus einer rein ehrenamtlichen Organisation eine zu machen, die heute über 30 Hauptamtliche beschäftigt und professionelle Seefahrt betreibt. Das war ein Bruch mit unserer Gründungsgeschichte, doch es war einfach notwendig.
Am schwersten gefallen sind mir die Entscheidungen über unsere Schiffe. Das prägendste Kapitel war für mich die Alan Kurdi. Bei der Taufe auf Mallorca waren der Vater und die Tante des kleinen Jungen dabei, dessen Tod mich überhaupt erst in Bewegung gesetzt hatte. Da hat sich für mich und für viele andere ein Kreis geschlossen. Dieses Schiff hat mir mehr Kraft abverlangt als alles andere, und es hat mich auch resilienter gemacht.
Umso schwerer war es, die Alan Kurdi durch die Sea-Eye 4 zu ersetzen. Das war deutlich kapitalintensiver, aber es ging nicht anders. Wir brauchten ein größeres, moderneres Schiff, weil Italien uns zwang, gerettete Menschen über immer weitere Strecken in immer entferntere Häfen zu bringen. Und dann kam die dritte dieser Entscheidungen, die Sea-Eye 4 wiederum durch die kleinere, schnellere Sea-Eye 5 zu ersetzen. Auf der Sea-Eye 4 haben Menschen zeitweise gelebt, es hingen unglaublich viele Erfahrungen und Emotionen an diesem Schiff. Und wir konnten nicht alle Menschen weiterbeschäftigen. Das war nicht einfach und für solche Entscheidungen gibt es auch nicht nur Beifall.
Dieser ständige Strategiewechsel, immer als Reaktion auf neue Maßnahmen der EU-Mitgliedstaaten und vor allem Italiens, das waren die härtesten Entscheidungen meiner Amtszeit.
Gab es einen medialen oder politischen Moment während deiner Zeit, auf den du besonders stolz bist?
Der Sommer 2019. Carola Rackete war gerade verhaftet worden, die Sea-Watch 3 wurde vor Lampedusa wochenlang blockiert, und wir hatten keinen Einsatzleiter für die Mission der Alan Kurdi. Also habe ich es selbst gemacht. Ich war sicher kein guter Einsatzleiter, ich hatte mich darum auch nie beworben, aber wir brauchten einen.
Die Mission war heikel. Wir haben alles medial verfolgt und sind trotzdem ausgelaufen. Auf dem Weg ins Einsatzgebiet schrieben wir #FreeCarola auf ein weißes Laken und zogen es am Mast hoch. Tatsächlich gelang es uns nicht festgesetzt zu werden. Wir haben zwei Ausschiffungen auf Malta regelrecht erzwungen. Maltas Regierung scheute Bilder, wie die von Carola Rackete. Das war unser Glück. Unsere Strategie war unspektakulär. Wir haben pflichtgemäß immer den nächstgelegenen sicheren Hafen angelaufen, meist Lampedusa, wir wussten, dass Italien Nein sagen wird, und wir haben dieses Nein dann auch akzeptiert. Das war nicht die mutigste Strategie. Aber wir haben das 2019 durchgezogen und so dafür gesorgt, dass die Alan Kurdi das ganze Jahr über operieren konnte und so rund 600 Menschen gerettet wurden. Und es zeigte den anderen Organisationen, dass die deutsche Flagge politisches Gewicht und Unterstützung durch den Flaggenstaat bedeutete. Denn wenn ein EU-Staat die Rechte eines Schiffes unter deutscher Flagge berührt, dann berührt er auch die Rechte des Flaggenstaates selbst.
Ein Bild ist mir aus diesen Tagen geblieben. Ich stand nach meiner Rückkehr von dieser Mission am Hamburger Hauptbahnhof, habe auf die großen Nachrichtenbildschirme geschaut und sah dort schon wieder unser Schiff. Die Alan Kurdi war direkt nach meiner Rückkehr wieder mit einer neuen Crew ausgelaufen und produzierte die nächsten Schlagzeilen und rettete wieder viele Menschenleben.
Ich war in diesem Jahr sehr exponiert, ich habe für die Organisation gesprochen und sie repräsentiert. Das hatte aber auch eine Kehrseite. Die Hassmails dieser Zeit galten mir persönlich, ich habe auch Morddrohungen bekommen. Es war das herausforderndste Jahr meiner Amtszeit, doch es war jede Mühe wert.
Wenn du an die Zukunft der zivilen Seenotrettung denkst, was stimmt dich hoffnungsvoll und was bereitet dir Sorgen?
Hoffnungsvoll stimmen mich die engagierten Menschen. Ich konnte die Organisation an zwei großartige Nachfolgende übergeben. Und ich sehe in allen Organisationen der zivilen Flotte Menschen, die sich nicht vor Verantwortung drücken und die sich unerbittlich für die Seenotrettung stark machen.
Hoffnung macht mir auch die Vielfalt dieser Flotte. Gäbe es nur eine einzige große Organisation, in der wir uns alle engagieren, wäre sie leicht zu blockieren. Man müsste sie nur ein einziges Mal stoppen. Stattdessen gibt es viele Organisationen mit verschiedenen Schiffen, verschiedenen Fähigkeiten, verschiedenen Menschen und unterschiedlichen Strategien. Das macht unsere gemeinsame Widerstandsfähigkeit aus.
Sorge bereiten mir die schrumpfenden Handlungsräume. Die politischen Bemühungen, uns regulatorisch einzuschränken, hören nicht auf. Mit der Umsetzung der GEAS-Reform kommen auch auf die Seenotrettungsorganisationen große Herausforderungen zu, weil Italien und Malta beschleunigte Grenzverfahren mit den von uns geretteten Menschen durchführen werden. Das wird operativ, politisch und vor allem emotional eine schwere Belastung für alle Engagierten und vor allem eine neue Tortur für die schutzsuchenden Menschen.
Auch wenn deine Zeit im Vorstand endet, was liegt als Nächstes vor dir?
Zuerst Zeit zum Nachdenken. In achteinhalb Jahren Vorstandsarbeit ging alles Schlag auf Schlag, eine Krise jagte die nächste, und die Verantwortung lastete schwer. Zum Reflektieren der Ereignisse und auch meiner Entscheidungen kam ich kaum. Seit einigen Wochen habe ich mehr Ruhe, und plötzlich fällt mir wieder ungeheuer viel ein aus diesen 10 Jahren Engagement. Das möchte ich aufarbeiten. Vielleicht schreibe ich darüber ein Buch, wenn das jemand lesen wollte.
Und dann stellt sich mir die viel größere Frage. Ich engagiere mich seit 20 Jahren aktivistisch, und in dieser ganzen Zeit ist die Lebensrealität für schutzsuchende Menschen immer schlechter geworden. Fast alle demokratischen Parteien haben im Wesentlichen viele Positionen rechtsextremer Parteien übernommen. Deshalb denke ich über politischere Ansätze nach. Ich diskutiere das mit meiner Frau, denn wir wollen das wieder gemeinsam denken. Vor Sea-Eye haben wir uns beide bei Hamburger mit Herz engagiert, in den letzten Jahren hat sie mir den Rücken freigehalten und vor allem die Sorgearbeit für unsere Tochter getragen. Unsere Tochter kommt jetzt auf die weiterführende Schule, und deshalb wir wollen uns künftig wieder zusammen einbringen.
Bei Sea-Eye war mir immer wichtig, auch den Diskurs mitzugestalten. Deshalb haben wir auch Filme wie Route 4 und Kein Land für Niemand initiiert und gefördert. Wie bekommen wir eine Debatte über Flucht und Migration zurück, in der Menschen wieder als Menschen vorkommen, und wie gehen wir die Ursachen politisch an. Das ist die Frage, die uns sehr beschäftigt.
Auch wenn ich mir etwas Zeit nehme, um mich auszuruhen, muss man weiter mir mir rechnen. Versprochen.
