Wenn Abschottung zum System wird: GEAS wird ab dem 12. Juni 2026 angewendet und verschärft den Druck auf Schutzsuchende
GEAS treibt Europas Abschottungspolitik voran, während Menschenrechtsverletzungen an den Außengrenzen längst Realität sind – jetzt darf niemand wegsehen.
Am 12. Juni 2026 endet die Umsetzungsfrist des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) und die Seenotrettungsorganisation Sea-Eye warnt vor einer deutlichen Verschärfung der Situation für Schutzsuchende.
Sea-Eye appelliert eindringlich an Medien, Politik und Gesellschaft, die Folgen der Reform nicht als neue Normalität zu akzeptieren. Die GEAS-Reform wird den Asyl- und Menschenrechtsschutz in Europa in den nächsten Jahren entscheidend prägen.
Bereits heute werden auf dem Mittelmeer täglich die Folgen der europäischen Abschottungspolitik sichtbar: Menschen werden auf gefährliche Fluchtrouten gedrängt, tausende sterben auf See oder erhalten keinen Zugang zu fairen Asylverfahren. Mit der Anwendung des GEAS schreibt die EU diese Entwicklung nicht nur fort, sondern verschärft und systematisiert sie.
„Die Situation an den europäischen Außengrenzen ist schon jetzt dramatisch und kostet täglich Menschenleben“, sagt Anna di Bari, Vorständin von Sea-Eye. „Mit GEAS wird diese Abschottungspolitik weiter verschärft und auf eine neue Stufe gehoben – auf See und an Land. Europa entfernt sich damit weiter von seinen menschenrechtlichen Verpflichtungen.“
Sea-Eye begrüßt, dass mit dem neu eingeführten Screening-Verfahren Schutzbedarfe und medizinische Bedürfnisse künftig bereits unmittelbar nach der Ankunft von Schutzsuchenden erfasst werden sollen. Gleichzeitig kritisiert die Organisation die starke sicherheitspolitische Ausrichtung des Verfahrens an den EU-Außengrenzen. Besonders problematisch ist aus Sicht von Sea-Eye die sogenannte „Fiktion der Nichteinreise“: Obwohl Schutzsuchende die EU-Grenze bereits überschritten haben, gilt ihre Einreise rechtlich als nicht erfolgt. Bis zum Abschluss des Verfahrens können sie dadurch unter freiheitsbeschränkenden oder freiheitsentziehenden Bedingungen festgehalten werden.
Kritisch sieht Sea-Eye zudem, dass Asylanträge künftig verstärkt im Rahmen von Grenzverfahren geprüft werden sollen. Auch hier greift die Fiktion der Nichteinreise. Schutzsuchende, darunter Minderjährige, können dadurch über Wochen hinweg in Haft oder unter haftähnlichen Bedingungen festgehalten werden. Gleichzeitig fehlen in vielen EU-Mitgliedstaaten weiterhin die notwendigen Strukturen für eine menschenrechtskonforme Umsetzung der Verfahren. Nach Einschätzung von Sea-Eye droht damit eine weitere Verschärfung der ohnehin prekären Situation an den europäischen Außengrenzen.
Sea-Eye warnt, dass mit dem GEAS ein System weiter verfestigt wird, das die Rechte von Menschen auf der Flucht zunehmend einschränkt. Bereits im Dezember vergangenen Jahres machte Sea-Eye mit einer Petition, die von mehr als 100.000 Menschen unterstützt wurde, auf die drohenden Verschärfungen für Schutzsuchende aufmerksam – insbesondere auf die Auswirkungen für Kinder und andere besonders schutzbedürftige Personen.
Ausblick
Auch wenn die zivile Seenotrettung von den neuen GEAS-Regelungen derzeit nicht unmittelbar betroffen ist, sieht Sea-Eye die Gefahr, dass humanitäre Hilfe auf See künftig weiter eingeschränkt und unter Druck geraten könnte.
So wird in Italien zur Zeit ein Gesetzesentwurf diskutiert, der die Verweigerung der Einfahrt von Rettungsschiffen in italienische Gewässer vorsieht. Darüber hinaus lässt das GEAS zunehmend Raum für die Auslagerung von Asylverfahren in Drittstaaten. Solche Modelle verwehren Menschen auf der Flucht faktisch den Zugang zu einem Asylverfahren in der Europäischen Union.
DieseVerschärfungen bereiten Sea-Eye große Sorgen. Sie drohen den Zugang zu Schutz weiter einzuschränken und könnten die Arbeit der zivilen Seenotrettung zusätzlich erschweren.
„Jeder Mensch hat das Recht auf Schutz und auf ein faires Asylverfahren“, so Anna di Bari. „Mit GEAS wird dieses Recht jedoch weiter geschwächt. Genau deshalb müssen wir jetzt genauer hinschauen, was an Europas Außengrenzen geschieht – bevor sich diese Entwicklung weiter verfestigt.“
Die Verpflichtung, Menschenleben zu schützen, gilt unabhängig von politischen Entwicklungen. Deshalb wird Sea-Eye seine Einsätze im Mittelmeer fortsetzen und weiterhin Menschen aus Seenot retten. Jede Rettung ist Ausdruck dieser Verantwortung.

Obed John, Unsplash