Schlamm in den Tiefgaragen, Müllberge auf Fußballplätzen und aufgetürmte Autos: Noch viele Wochen nach der Flutkatastrophe in Spanien sind die Folgen verheerend. Mittendrin: Rund 400 Freiwillige von Sea-Eye und unserer spanischen Partnerorganisation L’Aurora, die seit der Flut Ende Oktober 2024 unermüdlich in der Region Valencia im Einsatz sind. Unsere Bilanz aus 60 Tagen Dauereinsatz im letzten Jahr…

Jeden Tag bereiteten unsere Crew und die ehrenamtlichen Helfer*innen auf der SEA-EYE 4 Essen vor und brachten es zu den Betroffenen: Insgesamt 14.000 Mahlzeiten, 3.000 Sandwiches, 1.000 kg Obst und Gemüse, 7.000 Brote und immer wieder auch besondere Leckereien fanden ihren Weg zu den Menschen. Freiwillige sammelten Trucks voller Spenden, sortierten sie und brachten sie direkt in die betroffenen Viertel. Gespendete Fahrräder wurden repariert, um den Menschen ihre Mobilität zurückzugeben. Auch Schutzsuchende haben wir nicht vergessen: Besonders im nahegelegenen Sagunt unterstützten wir die Menschen, die oft durch das Raster staatlicher Unterstützung fallen.

Zu Silvester brachten die Ehrenamtlichen zusätzlich Weintrauben mit den üblichen Essenslieferungen nach Valencia – um eine besondere spanische Tradition zu ermöglichen. Mit jedem Glockenschlag um Mitternacht wird in Spanien eine Traube gegessen, wobei jeder Bissen einen Wunsch für das neue Jahr symbolisiert: Mögen viele dieser Wünsche in Erfüllung gehen für die Menschen in dieser schwer getroffenen Region, die uns im Hafen von Burriana in der Vergangenheit so viel Solidarität gezeigt haben. 

Unsere 12 Trauben-Neujahrswünsche sind klar: Viel Unterstützung für die Arbeit vor Ort, die wir gemeinsam mit L’Aurora auch nach diesen ersten 60 Tagen Dauereinsatz weiter fortsetzen. Mit einer Spende kannst du dies unterstützen.

Eineinhalb Jahre liegt das Staatsverbrechen nahe Pylos zurück, bei dem über 600 Menschen auf dem Weg nach Europa starben. Trotz der unwiderlegbaren Beweise und der Zeugenaussagen der Überlebenden des Schiffbruchs wurden die für dieses Verbrechen Verantwortlichen immer noch nicht vor Gericht gestellt. Die Täter setzen ihre Arbeit weiterhin ungestraft fort, was nicht nur eine ständige Bedrohung für Menschen auf der Flucht darstellt, sondern auch die Straffreiheit verdeutlicht, die ihnen gewährt wird.

Das staatliche Verbrechen von Pylos war weder Einzelfall noch das letzte seiner Art. Der Schiffbruch ist das Ergebnis der zunehmenden systematischen Gewalt gegen Menschen, die nach Griechenland und in die EU gelangen wollen. Die zunehmende Entmenschlichung dieser Menschen hat zu einem entsetzlichen Zustand geführt: Die repressive Grenzsicherungs- und Militarisierungspolitik der EU bedeutet für die Menschen auf der Flucht noch mehr Gewalt und ständige Verletzungen ihrer Rechte. Pushback-Operationen, willkürliche und langandauernde Inhaftierungen in Haftzentren in Ländern an den europäischen Außengrenzstaaten und die Zusammenarbeit mit autoritären Regimen in Nachbarländern haben zu beispiellosen Zahl von Toten und Vermissten geführt.

Vor eineinhalb Jahren, am 14. Juni 2023, wurde den griechischen Behörden gemeldet, dass das Fischerboot Adriana mit 750 Menschen an Bord in akuter Gefahr sei. Trotzdem verzögerten sie absichtlich jede Rettungsaktion. Zunächst ignorierten die zuständigen Behörden die Notrufe und beobachteten das Boot lediglich, dann versuchten sie, die Adriana aus der griechischen Such- und Rettungszone herauszuschleppen, wodurch sie kenterte. Bei diesem zynischen und tödlichen Vorgehen wollten die Behörden Augenzeugen vermeiden. Sie lehnten nicht nur die Hilfe der EU-Agentur Frontex ab. Sie wiesen auch Handelsschiffe zurück, die Unterstützung hätten leisten können. Nach dem Untergang der Adriana berichteten Überlebende von unbegründeten Verzögerungen bei der Rettung, wodurch letztlich nur 104 Menschen gerettet werden konnten. Statt den Überlebenden zu helfen, gingen die griechischen Behörden sogar einen Schritt weiter und klagten die gerade erst Geretteten unmittelbar wegen “illegaler Einreise” ins Land an. In einem Versuch, den öffentlichen Aufschrei und internationale Verurteilungen abzuwenden, wiesen die Behörden jede Verantwortung für den Tod von über 600 Menschen von sich. Stattdessen beschuldigten sie neun der Überlebenden, sie seien “Schleuser” und für den Schiffsbruch verantwortlich. Diese neun Angeklagten, die selbst Überlebende sind, wurden im Mai 2024 endlich von den griechischen Gerichten freigesprochen. Dennoch bleibt ihnen das Recht auf Entschädigung für fast ein Jahr, das sie zu Unrecht im Gefängnis verbrachten, verwehrt.

Nachdem die griechische Küstenwache sich weigerte, eine interne Untersuchung zu den Handlungen ihrer Führungsebene und Beamten einzuleiten, nahm der europäische Ombudsmann für Griechenland die Sache in die Hand und prüft aus eigenem Antrieb die entsprechenden Staatsakte und -versäumnisse. Nach Strafanzeigen der Überlebenden laufen zudem seit über einem Jahr Ermittlungen zu den Ursachen des Staatsverbrechens. Die hierfür zuständigen Behörden des Marinegerichts Piräus prüfen dabei die strafrechtliche Verantwortung für den Schiffsbruch. Das Ermittlungsverfahren wurde jedoch erst Ende November abgeschlossen. Die Entscheidung, ob gegen die Verantwortlichen Anklage erhoben wird, liegt nun beim Generalstaatsanwalt des Seegerichts.

Die Behandlung der meisten Überlebenden des Schiffsbruchs verstößt auch gegen völkerrechtliche Pflichten des griechischen Staates, einschließlich der Verantwortung, Überlebenden psychosoziale Unterstützung zu gewähren. Nicht nur wurde den meisten der Überlebenden der internationale Schutzstatus verweigert, sie sind auch von Abschiebung bedroht. Gleichzeitig warten viele Familien der Opfer noch immer auf die Rückführung der Leichname ihrer Angehörigen, die bislang nicht stattgefunden hat.

Die Forderung nach Gerechtigkeit für das Staatsverbrechen von Pylos ist das Mindeste, was wir den Opfern des Schiffsbruchs und ihren Angehörigen schulden, ebenso wie den Überlebenden, die unvorstellbare Traumata erlitten haben. Doch es geht um mehr: Es ist ein entscheidender Schritt im Kampf für den Schutz von Migrierenden und ihren Rechten. In einer Zeit, in der europäische Regierungen Diskriminierung, Rassismus und Ausbeutung vorantreiben, erheben wir unsere Stimmen für eine Welt, die von Gerechtigkeit und Solidarität geprägt ist.

Das Staatsverbrechen von Pylos wird weder vergessen noch vergeben werden.

Die unterzeichnenden Organisationen fordern:

  • Eine lückenlose Aufklärung der Ursachen des „Pylos-Schiffsbruchs“ und die Strafverfolgung der tatsächlichen Verantwortlichen.
  • Die Bereitstellung notwendiger psychosozialer Unterstützung und die Gewährung internationalen Schutzes für alle Überlebenden.
  • Ein sofortiges Ende der Kriminalisierung von Migration und der Verfolgung von „Schleuserkriminalität“ als Vorwand für die systematische Inhaftierung von Menschen auf der Flucht.
  • Ein sofortiges Ende der zunehmend tödlichen Grenzgewalt.

Zur Erklärung mit allen unterzeichnenden Organisationen

Ein Antrag der Fraktion stellt eine finanzielle Unterstützung nur dann in Aussicht, wenn der Verein gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt.

In dem Beschlussantrag, der auf der Tagesordnung des Konstanzer Kreistags am 09.12.2024 steht, wird die zivile Seenotrettungsorganisation dazu aufgefordert, „die aus Seenot aufgegriffenen Menschen zurück zu ihrem Ursprung/-Abfahrtsort, die afrikanische Küste bzw. gegebenenfalls die türkische Küste“ zu bringen. Andernfalls solle die finanzielle Unterstützung durch den Landkreis eingestellt werden. Falls Sea-Eye den vorgeschlagenen illegalen Rückführungen zustimmen würde, wäre die CDU-Fraktion sogar bereit, über eine Erhöhung der Förderung zu diskutieren. Unterzeichnet wurde das Dokument von Bernd Häusler, Fraktionsvorsitzender und Oberbürgermeister der Stadt Singen. 

Dass ein solches Vorgehen völkerrechtswidrig wäre, wird in dem Antrag nicht erwähnt. Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e.V., kommentiert: „Beim Lesen des Dokuments wird deutlich, dass sich die Verfasser*innen weder mit der geltenden Gesetzgebung noch mit der aktuellen Situation im Mittelmeer beschäftigt haben. Wir werden uns selbstverständlich weiterhin an die Gesetze halten und lehnen eine Unterstützung durch den Landkreis Konstanz unter diesen menschenrechtswidrigen Bedingungen entschieden ab.“

Die Europäische Menschenrechtskonvention und die Genfer Flüchtlingskonvention verbieten grundsätzlich die Rückführung von Menschen in Staaten, in denen Menschenrechtsverletzungen drohen. Erst im Februar diesen Jahres hat das oberste italienische Berufungsgericht die Übergabe von Menschen an die sogenannte libysche Küstenwache als Straftat eingestuft, da Libyen aufgrund schwerer Menschenrechtsverletzungen wie Folter, Vergewaltigung und Mord kein sicherer Ort sei. Zudem schreibt das Internationale Übereinkommen von 1979 zur Seenotrettung vor, dass Menschen in Seenot nicht nur gerettet und medizinisch erstversorgt, sondern auch an einen sicheren Ort („place of safety“) gebracht werden müssen.

Die CDU-Kreistagsfraktion begründet ihren Antrag damit, dass die Präsenz ziviler Seenotrettungsschiffe „Anreize für irreguläre Migration und lebensbedrohliche Migrationsrouten verfestigen“ würde. Diese Argumentation haben bereits mehrere wissenschaftliche Studien – beispielsweise der Universität Potsdam oder des European University Institute und des Italian Institute of International Policy Studies – widerlegt: Ein Zusammenhang zwischen der Anwesenheit ziviler Rettungsschiffe und der Zahl der Menschen, die die gefährliche Überfahrt wagten, wurde durch die Wissenschaftler*innen nicht festgestellt. Vielmehr deuten Analysen darauf hin, dass Fluchtbewegungen über das zentrale Mittelmeer durch Fluchtursachen wie Konflikte, Verfolgungen, ökologische Bedingungen und den Klimawandel beeinflusst werden.

Das Gericht von Vibo Valentia bestätigt die Pflicht zur Seenotrettung – und bekräftigt, dass das Befolgen von Anweisungen der sogenannten libyschen Küstenwache nicht mit dem internationalen Recht vereinbar ist.

Die Regensburger Seenotrettungsorganisation Sea-Eye e.V. hat einen bedeutenden juristischen Erfolg erzielt: Das Gericht von Vibo Valentia hat in einem Urteil entschieden, dass die Besatzung der SEA-EYE 4 bei einem Einsatz im Mittelmeer im vergangenen Jahr ihrer Pflicht zur Seenotrettung in vollem Umfang nachgekommen ist. In dem Verfahren ging es um eine 20-tägige Festsetzung, die im Oktober 2023 gegen das Schiff verhängt worden war.

Die Richterin stellte klar, dass die von Sea-Eye durchgeführte Rettung zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Sicherheit der beteiligten Personen dargestellt habe. Zudem betonte sie, dass ein Befolgen der Anweisungen der sogenannten libyschen Küstenwache nicht mit dem internationalen Recht vereinbart gewesen wäre.

„Erneut entschieden Italiens Gerichte gegen die italienische Politik und die italienische Verwaltungspraxis. Wir konnten beweisen, dass die Festsetzung ziviler Rettungsschiffe rechtswidrig ist! Dieses Urteil ist deshalb ein Erfolg auf ganzer Linie, weil sich die Richterin nicht auf Verfahrensfragen konzentrierte, sondern die Pflicht zur Seenotrettung betonte und klarstellte, dass kein Mensch im Mittelmeer ertrinken darf“, erklärt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e.V.

Die SEA-EYE 4 war am 30. Oktober 2023 von den italienischen Behörden festgesetzt worden, nachdem sich die Besatzung geweigert hatte, den Anweisungen der sogenannten libyschen Küstenwache Folge zu leisten. Bei dem Einsatz am 27. Oktober 2023 wurden rund 50 Menschen gerettet. Die Besatzungsmitglieder der SEA-EYE 4 dokumentierten dabei die rücksichtslosen und brutalen Methoden der sogenannten libyschen Küstenwache. Unter Androhung von Gewalt wurde die SEA-EYE 4 aufgefordert, das Seegebiet zu verlassen. Nach mehreren gefährlichen Manövern der unter libyscher Flagge fahrenden Schiffe konnte die Sea-Eye-Besatzung vier der schutzsuchenden Menschen nur noch tot aus einem Schlauchboot bergen.

Seit 2018 sind mehr als 1.500 Kinder im Mittelmeer ertrunken.

Am 20. November 2024 jährt sich die Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention zum 35. Mal. Doch das Abkommen, das den Schutz und die Rechte von Kindern weltweit sichern soll, steht in gravierendem Gegensatz zur Realität an den Grenzen Europas: Seit 2018 sind laut UNICEF mehr als 1.500 Kinder auf der tödlichsten Fluchtroute der Welt ertrunken – allein im Jahr 2023 verloren etwa 300 Kinder auf der Suche nach Schutz ihr Leben im Mittelmeer.

„Es ist unerträglich, dass Kinder weiterhin im Mittelmeer ihr Leben verlieren, obwohl sich alle EU-Mitgliedstaaten mit der Unterzeichnung der UN-Kinderrechtskonvention dazu verpflichtet haben, das Leben und die Rechte jedes Kindes zu schützen. Diese Verpflichtung darf keine leere Erklärung bleiben. Wir müssen handeln, um das Sterben an Europas Grenzen zu beenden und Kinder auf der Flucht zu schützen”, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e.V.

Die UN-Kinderrechtskonvention gilt laut Deutschem Kinderhilfswerk als das wichtigste Menschenrechtsinstrument für Kinder und ist die Konvention, die bisher von den meisten Staaten unterzeichnet wurde. Sie wurde am 20. November 1989 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet und trat am 2. September 1990 völkerrechtlich in Kraft. Seit 1992 gilt sie auch in Deutschland.

Bis Ende 2023 waren laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen weltweit mehr als 117 Millionen Menschen auf der Flucht. Rund 40 Prozent von ihnen sind minderjährig. Sea-Eye hat seit 2016 mehr als 18.000 Menschen vor dem Ertrinken gerettet – darunter zahlreiche Kinder und Jugendliche. Im Rahmen einer Kampagne zum 35. Jahrestag der UN-Kinderrechtskonvention macht der Verein auf das Schicksal von Kindern auf der Flucht aufmerksam.

Weitere Informationen

Die zivile Seenotrettungsorganisation Sea-Eye unterstützt die spanische NGO L’Aurora bei Soforthilfen in besonders betroffenen Regionen Valencias.

Die Flutkatastrophe in Spanien hat bislang über 200 Menschen das Leben gekostet, viele werden noch vermisst. Um Menschen mit Lebensmitteln, Kleidung und Hygieneartikeln zu versorgen, wird die SEA-EYE 4, die derzeit im Hafen von Burriana liegt, als Hilfszentrum genutzt. Küche, Sanitätsstation und Schlafmöglichkeiten auf dem Rettungsschiff stehen den Helfer*innen der Flutkatastrophe zur Verfügung. Die Besatzungsmitglieder engagieren sich zudem ehrenamtlich im Krisengebiet, kochen Mahlzeiten und verteilen Wasser, Erste-Hilfe-Pakete sowie Sicherheitsausrüstung.

Vicent Aleixandre, Gründer von L’Aurora und Koordinator der Aktion in dem betroffenen Gebiet, begrüßt jede Art von Hilfe: „Unsere Leute haben alles verloren. Die Armut in den betroffenen Gemeinden wird sich exponentiell vervielfachen. Als Gesellschaft müssen wir ihnen zur Seite stehen und Mechanismen und Instrumente entwickeln, um den Bedürftigsten zur Seite zu stehen.“

Anna di Bari, Vorstandsmitglied von Sea-Eye, ergänzt vor Ort: „Das Ausmaß der Zerstörung ist auf den Bildern kaum zu erkennen, Gespräche mit Betroffenen geben einen Einblick, was die Menschen verloren haben. Mit L’Aurora haben wir einen engen Verbündeten, der die Region gut kennt und mit voller Überzeugung dort hilft, wo kaum Hilfe ankommt. Dass Sea-Eye dabei unterstützt, ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Denn gerade die Region um Valencia hat uns in den vergangenen Jahren mit Solidarität und Herzlichkeit aufgenommen, wenn wir im Hafen von Burriana lagen.“

Für den Hilfseinsatz sammelt Sea-Eye derzeit Spenden. Interessierte finden weitere Informationen hier: Solidarity with València

Italienische Küstenwache evakuierte medizinischen Notfall

Am Donnerstagmittag, 07.11.2024, brachte der Rettungskreuzer SEA-EYE 5 insgesamt 78 Überlebende aus zwei verschiedenen Seenotfällen, die sich vor Lampedusa ereignet hatten, in Pozzallo auf Sizilien in Sicherheit.

Die Einsatzleitung von Sea-Eye hatte sich zuvor ab Dienstag um die Zuweisung eines nahegelegenen Hafens bemüht, woraufhin die italienische Küstenwache Ortona zugewiesen hatte, obwohl sie bereits aufgrund eines Rettungsfalls in der letzten Woche wusste, dass der Sea-Eye Rettungskreuzer aus technischen Gründen eine solch weite Strecke nicht zurücklegen kann. Zudem ist für die Überlebenden ein Verbleib auf der SEA-EYE 5 für mehr als 24 Stunden aus humanitären Gründen nicht zumutbar. Erst am Mittwochabend nannte die italienische Küstenwache schließlich Pozzallo als Ausschiffungshafen.

Es ist einfach beeindruckend, dieses ehemalige DGzRS-Schiff auf dem Mittelmeer im Einsatz zu sehen. Schiff und Besatzung leisteten in den vergangenen zwei Wochen überragende Arbeit und retteten insgesamt 175 Menschenleben. Die ehemalige NIS RANDERS wird noch viele Leben bewahren“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e.V.

Neben verschiedenen kleineren Verletzungen musste ein Patient mit einer schweren chronischen Krankheit an Bord behandelt werden. Ein weiterer Patient litt an einer sich schnell entwickelnden Wundinfektion. Ihm ging es schließlich so schlecht, dass die italienische Küstenwache ihn evakuieren musste. Nachdem ich einige Zeit mit den geflüchteten Menschen verbracht und Vertrauen aufgebaut hatte, berichteten sie von Gewalt, Folter und unmenschlichen Lebensbedingungen, die sie in Libyen erfahren haben“, schildert Einsatzärztin, Tamsin Drew, von German Doctors die medizinische Lage.

Die Besatzung der SEA-EYE 5 hatte am Dienstag und Mittwoch in drei Einsätzen 110 Menschen vor Lampedusa gerettet. 31 Personen aus dem dritten Rettungseinsatz wurden am Mittwoch von der italienischen Küstenwache vor Lampedusa übernommen. Zudem wurde eine weitere Person von der italienischen Küstenwache aus medizinischen Gründen von Bord evakuiert. Seit Dienstagmorgen kam es vor der Mittelmeerinsel zu mehreren Seenotfällen.

Italienische Küstenwache weist der SEA-EYE 5 Hafen außerhalb ihrer Reichweite zu

Die Besatzung des neuen Bündnissschiffes SEA-EYE 5 hat zwischen Dienstag und Mittwoch (5.11.-6.11.) in drei Einsätzen 110 Menschen vor Lampedusa gerettet. Seit Dienstagmorgen kam es vor der Mittelmeerinsel zu mehreren Seenotfällen.

Am Dienstagmorgen informierte die Organisation Alarmphone die zuständigen Behörden und die Seenotrettungsschiffe über 54 Menschen, die sich in der maltesischen Rettungszone, in der Malta für die Koordinierung der Seenotrettung zuständig ist, in Seenot befanden. Um 10:56 Uhr entdeckte die Crew der SEA-EYE 5 das Boot und kontaktierte die maltesischen Behörden. Mehr als fünf Stunden rang Einsatzleiter Jan Ribbeck mit den maltesischen und den italienischen Behörden um die Koordinierung des Seenotfalls. Da sich die Situation verschlechterte, das Boot fahruntüchtig war und Wasser eindrang, evakuierte die SEA-EYE 5 Crew das Boot schließlich. 

Da es weitere Meldungen von Seenotfällen gab, setzte das Schiff die Suche nach weiteren Booten fort. Das Segelboot TROTAMAR III  des CompassCollectives fand ein Boot mit 93 Menschen und stabilisierte die Situation. Die italienische Küstenwache bat die SEA-EYE 5 darum, die TROTAMAR III  zu unterstützen. Auf dem Weg fand die Crew der SEA-EYE 5 ein weiteres seeuntaugliches Boot und rettete 25 Menschen. Am Mittwochmorgen gegen 04:30 Uhr erreichte die SEA-EYE 5 die TROTAMAR III, die bereits 62 Menschen evakuiert hatte und keine weiteren Menschen aufnehmen konnte. Die SEA-EYE 5 nahm daraufhin 31 weitere Überlebende an Bord. 

Die italienische Küstenwache wies die SEA-EYE 5 an, im Laufe des Mittwochvormittags die 31 Überlebenden aus der letzten Rettung an ein Schiff der italienischen Küstenwache vor Lampedusa zu übergeben und die restlichen Menschen nach Ortona zu bringen. Da der Rettungskreuzer SEA-EYE 5 Ortona aus technischen Gründen nicht erreichen kann, bat die Einsatzleitung um die Zuweisung eines näher gelegenen Hafens.

Wir bitten die italienischen Behörden eindringlich darum, die technischen Limitierungen unseres Schiffes zu beachten und einen nahegelegenen Hafen zuzuweisen. Es darf nun nicht zu einem argumentativen Tauziehen auf dem Rücken der Überlebenden kommen. Die SEA-EYE 5 ist ein Rettungsschiff, das Erste Hilfe leistet und Menschenleben rettet. Sie wurde zu keinem anderen Zweck gebaut. Aber sie ist nicht für mehrtägige Seereisen geeignet“, sagte Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e.V.

Die SEA-EYE 5 und die TROTAMAR III halten nun Kurs auf Lampedusa. 

Die Überlebenden benötigen medizinische Untersuchungen und Behandlungen. Ein Verbleib von mehr als 24 Stunden auf unserem Schiff ist unzumutbar. Als Crew leisten wir alles Menschenmögliche. Aber nach rund 36 Stunden Dauereinsatz sind auch unsere Kräfte nahezu aufgebraucht. Wir brauchen dringend die Erlaubnis, in Lampedusa anlegen zu dürfen“, sagt Jan Ribbeck, Einsatzleiter an Bord der SEA-EYE 5.

Sea-Eye e.V. fordert anlässlich des 10-jährigen Endes der italienischen Marineoperation Mare Nostrum eine staatliche Rettungsoperation zur Seenotrettung im Mittelmeer

„Seit dem Ende von Mare Nostrum sind mehr als 27.000 Menschen im Mittelmeer gewaltsam ums Leben gekommen oder werden vermisst. Für die EU gehören die vielen Toten zu einem brutalen Kalkül der Abschreckung. Schließlich kann niemand mehr glaubhaft behaupten, dass ihm das Leid und die vielen Toten an den EU-Außengrenzen unbekannt sei. Und doch lässt die Politik es zu – Tag für Tag. Man muss sich klarmachen, dass es niemanden in Europa heute schlechter ginge, wenn diese Menschen sicher in Europa angekommen und mit offenen Armen empfangen worden wären. Europa wäre heute ein gerechterer Ort, wenn diese Menschen noch am Leben wären. Die EU muss nun endlich in die Verantwortung für die humanitäre Katastrophe im Mittelmeer zurückkehren und menschenrechtsbasierte Lösungen finden. Deshalb fordern wir eine staatliche Marineoperation, deren Ziel es ist, so viele Menschenleben wie möglich zu retten und die Lücke zu schließen, die mit der Einstellung der Operation Mare Nostrum entstanden ist. Solange das nicht geschieht, gibt es Organisationen wie Sea-Eye, die zusammen den Teil der europäischen Bevölkerung vertreten, der für die Menschen einsteht, die sonst von der EU weiter schutzlos auf dem Meer zum Sterben zurückgelassen werden”, erklärt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e.V.

Die italienische Marine startete die Operation Mare Nostrum am 18. Oktober 2013, nachdem sich vor Lampedusa zwei Bootsunglücke mit mehr als 600 Toten ereignet hatten. Sie rettete in knapp einem Jahr mehr als 150.000 Menschen im Mittelmeer das Leben. Am 31. Oktober 2014 wurde Mare Nostrum auf Drängen der EU beendet. Im Anschluss begann die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache (Frontex) mit der Operation Triton. Bei dieser stand jedoch nicht die Rettung von Schutzsuchenden, sondern die Grenzsicherung im Vordergrund – weshalb es seit nunmehr einem Jahrzehnt keine staatlich organisierte Seenotrettung im zentralen Mittelmeer mehr gibt. Stattdessen haben private und spendenfinanzierte Organisationen wie Sea-Eye e.V. diese Aufgabe übernommen. Trotz ihres unermüdlichen Einsatzes bleibt die humanitäre Krise im Mittelmeer, die jedes Jahr Tausende von Toten fordert, ungelöst.

Geflüchtete auf der SEA-EYE 5

SEA-EYE 5 Crew rettet 65 Menschen bei Nacht und bringt sie innerhalb von 36h in Sicherheit 

Die Crew des zivilen Rettungskreuzers SEA-EYE 5 empfing am Dienstagnachmittag, 29.10.24, die Meldung eines Seenotfalls im Einsatzgebiet vor Lampedusa. Gegen halb 12 Uhr nachts fand die Crew das überfüllte Holzboot in den Wellen treiben. Der Motor war ausgefallen und die 65 Menschen an Bord trugen keine Rettungswesten.

Das schlechte Wetter, die nächtlichen Bedingungen und die für das kleine Boot hohen Wellen erforderten eine sofortige Evakuierung. An Bord der SEA-EYE 5 konnte die Einsatzärztin allen Menschen einen guten medizinischen Gesundheitszustand ohne schwere Verletzungen attestieren.

Die italienischen Behörden wiesen dem Schiff zunächst den weit entfernten Hafen von Ortona zu. Der Kapitän und die Einsatzleitung überzeugten die italienische Küstenwache davon, dass eine mehrtägige Seereise für die Überlebenden aus humanitären Gründen unzumutbar sei. In der Nacht zum Donnerstag wiesen die italienischen Behörden der SEA-EYE 5 schließlich den deutlich näher gelegenen Hafen von Pozzallo zu.

Disembarkation

Am Donnerstagmorgen, 31.10.24, lief die SEA-EYE 5 in den Hafen von Pozzallo auf Sizilien ein, wo alle geretteten Menschen den Rettungskreuzer verlassen und an Land gehen konnten.

Wir sind überglücklich und dankbar, dass der erste Einsatz unseres neuen Schiffes so gut und sicher durchgeführt wurde. Unsere Besatzung brachte die Überlebenden in weniger als 36 Stunden in Sicherheit. Das war eine außerordentliche Leistung unseres achtköpfigen Einsatzteams”, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye e. V.

Die Rettung verdeutlicht, dass zivile Seenotrettung unverzichtbar bleibt, solange Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer ertrinken – und Europa keine Hilfe schickt. Wir danken der Crew und allen Unterstützer*innen, die diesen Einsatz ermöglicht haben und wünschen den Geretteten alles Gute für ihren weiteren Weg!“, sagt Vera Kannegießer, Geschäftsführerin von United4Rescue e.V.

Die SEA-EYE 5 ist ein ehemaliger Seenotkreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), den Sea-Eye in den letzten Monaten für seinen Einsatz im Mittelmeer umgebaut und ausgerüstet hat. Am 23.10. brach die Crew von Sizilien zur ersten Rettungsmission des Schiffs im Mittelmeer auf.