SOS Mediterranee: Tweet

22. April 2021, 21:35 Uhr

Bevor ich anfing, diesen Text zu schreiben, war ich mit dem normalen Tagesgeschäft einer humanitären Organisation beschäftigt. Vor allem mit dem Schreiben von E-Mails und der Arbeit an Dokumenten. Dann schaute ich auf mein Telefon und was ich sah, war erschreckend. Ich musste mit dem, was ich tat, aufhören und schrieb stattdessen die folgenden Zeilen – es sind meine Gedanken und Gefühle, und es ist ein Plädoyer – ein Plädoyer für die Menschlichkeit.

Heute Abend piepte mein Handy und es erschien ein Tweet unserer Kolleg*innen von der Seenotrettungsorganisation SOS Méditerranée. Gestern hatten wir bereits von einer Frau und einem Kind gehört, die bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, gestorben sind. Es ist also nicht gerade eine Vorahnung, wenn man ein komisches Gefühl im Bauch bekommt, wenn man einen Tweet aus der Such- und Rettungszone im Mittelmeer erhält. Schon als ich die ersten Worte las, spürte ich, wie ich mich verschluckte. Ich krampfte meinen Kiefer zusammen. Ein nur allzu vertrautes Gefühl, seit ich vor drei Jahren begonnen habe, bei der zivilen Seenotrettung mitzuarbeiten.

Sophie Weidenhiller

In diesem Tweet berichtet die Organisation, dass „nach stundenlanger Suche [ihre] schlimmste Befürchtung wahr geworden ist“. Sie sprechen über einen der Such- und Rettungsfälle, zu denen sie alarmiert wurden: 130 Menschen an Bord eines seeuntüchtigen Bootes mitten auf dem zentralen Mittelmeer bei rauer See. Sie versuchten ihr Bestes, um diese Menschen zu retten, mussten aber erleben, was die schlimmste Befürchtung für jede*n in der Seenotrettung ist: Sie kamen zu spät.

Ca. 130 Menschenleben gingen auf See verloren, wieder einmal. Es gab keine staatliche Unterstützung für die Suche und die Rettung dieser Personen. Alle Behörden weigerten sich, die Verantwortung zu übernehmen, um diesen Verlust von Menschenleben zu verhindern, wie sie es sich so bequem angewöhnt haben.

Lediglich die leblosen Körper einiger der Menschen wurden von der Crew der OCEAN VIKING geborgen. Die Crew an Bord dieses Rettungsschiffes musste sich heute Nacht dem stellen, vor dem sich europäische Politiker*innen verweigern: von Menschen verursachtes menschliches Leid jenseits aller Vorstellungskraft.

Das Folgende passiert mir immer wieder: Wenn ich über die zivile Seenotrettung schreibe, recherchiere ich die Zahl der Opfer, die bis zum heutigen Tag gestorben sind. Und fast jedes Mal ist die Zahl in der kurzen Zeitspanne, bis der Text oder das Interview veröffentlicht wird, gestiegen. Erst vor wenigen Stunden habe ich ein Radiointerview gegeben und über die bisher 448 dokumentierten Todesfälle in diesem Jahr berichtet. Kurz darauf habe ich noch einmal nachgeschaut und auf der Webseite der vermissten Migrant*innen der IOM wurden bereits 450 Tote angezeigt. Und da sind die Opfer, über die uns SOS Méditerranée und Alarmphone gerade informiert haben, noch gar nicht mit eingerechnet. Diese gelben Zahlen auf der Karte zwischen Afrika und Europa sind für mich zu einem quälenden Ticker geworden: eine ständige Erinnerung daran, wie wir weiterhin darin versagen, diejenigen zu schützen, die am dringendsten Rettung, Schutz und Unterstützung brauchen.

Menschenrechte enden nicht einfach an unseren Grenzen, aber genau dort werden sie derzeit ertränkt.

Im Jahr 2021 sind bereits hunderte Menschen bei dem Versuch, ihr Leben zu retten und sich in Sicherheit zu bringen, gestorben. Sie haben ihr Leben aufgrund der rücksichtslosen, grausamen, unmenschlichen und tödlichen sogenannten EU-Migrations- und Asylpolitik verloren. Und die Zahl der Todesopfer wäre noch höher, wenn es nicht zivile Seenotrettungsorganisationen gäbe – wie unsere mutigen und engagierten Kolleg*innen – die nicht aufgeben oder zurückweichen und weiterhin Seenotrettungsmissionen durchführen, egal mit welchen Schwierigkeiten sie konfrontiert werden.

Mehr als zweimal so viele Menschen sind in diesem Jahr bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, gestorben, verglichen mit dem letzten Jahr. Insgesamt sind mehr als zweimal so viele Menschen gestorben wie im gleichen Zeitraum des Jahres 2020. Diese Route wird von Tag zu Tag tödlicher, während die EU sich weigert, sich an internationale Gesetze zu halten oder auch nur einfachen menschlichen Anstand zu zeigen. Dies geschieht, während die verantwortlichen Behörden untätig herumsitzen und damit eine Beihilfe zu dieser vorsätzlichen Fahrlässigkeit leisten.

Ich schicke meine Grüße der Besatzung der OCEAN VIKING. Ich hoffe, es reicht ihnen irgendwie, zu wissen, dass sie wenigstens ihr Bestes versucht haben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sie sich fühlen müssen, nur noch Leichen bergen zu können, denen die Angst vor dem Tod noch im Gesicht steht. Anstatt lebenden, atmenden Menschen helfen zu können.

Ich fühle mich wütend. Ich fühle mich tief betrübt. Ich fühle mich frustriert. Ich fühle viele Dinge. Ich werde weiterhin alles fühlen, jedes einzelne Mal, bei jeder einzelnen Todesnachricht. Denn ich weigere mich, mich daran zu gewöhnen. Das kann ich nicht und werde ich nicht. Niemals. Und ich weiß, dass es so viele Menschen gibt, denen es genauso geht. Und das ist entscheidend: Denn es geht nicht um mich, nicht im Geringsten. Es geht um die Menschen, die alles verloren haben, was sie hatten, einschließlich ihres Lebens.

Sophie Weidenhiller

Wir müssen weiterhin traurig sein und wir müssen wütend bleiben, wachsam bleiben, wir dürfen nicht aufhören, uns zu sorgen. Aber diese Gefühle müssen uns zum Handeln leiten. Wir müssen handeln. Wir müssen uns für die Menschen einsetzen, die an unseren Grenzen durch den Willen unserer Politiker*innen sterben, und wir müssen laut und deutlich sagen: Wir wollen und akzeptieren nicht, dass es zu diesen Todesfällen kommt. Wir, als Europäer*innen, müssen es besser machen. Jetzt!

Und schließlich, und das ist das Wichtigste, gehen meine Gedanken, meine Gebete und mein Herz an diejenigen, die heute auf so tragische und vermeidbare Weise ihr Leben verloren haben, diejenigen, die um Hilfe schrien und niemand kam, niemand schaffte es rechtzeitig. Das Gleiche gilt für jeden einzelnen Menschen, der ein solches Schicksal erlitten hat oder einen geliebten Menschen durch diesen Wahnsinn, den wir Grenzpolitik nennen, verloren hat. Ich weiß, dass es nichts gibt, was irgendjemand sagen oder tun kann, um ihren Schmerz zu lindern oder jemanden zurück ins Leben zu holen.

Das Einzige, was wir tun können, ist zu versprechen, es besser zu machen, besser zu helfen, bessere Verbündete zu sein, weiter für die Menschenrechte zu kämpfen und den Verlust von Menschenleben auf See so gut es geht zu verhindern.

Europa, wir können es besser machen. Wir müssen es besser machen.

Sophie Weidenhiller,
Pressesprecherin von Sea-Eye, SEA-EYE 4 Crewmitglied, aber vor allem: Mitmensch

Quelle:
https://sosmediterranee.com/statement-ocean-viking-witnesses-aftermath-of-deadly-shipwreck-off-libya/
https://missingmigrants.iom.int/region/mediterranean?migrant_route%5B%5D=1376&migrant_route%5B%5D=1377&migrant_route%5B%5D=1378

Fotos von einem Rettungseinsatz unter Beteiligung von Sophie Weidenhiller von 2018.