Kritik an Italiens Vorgehen gegen Flüchtende

Gestern konnte sich die Crew von den letzten der über 400 geretteten Menschen, unter ihnen waren 150 Kinder, im Hafen von Pozzallo verabschieden und die erste Rettungsmission mit unserem neuen Schiff SEA-EYE 4 erfolgreich zu Ende führen.

Während der Suche nach einem sicheren Hafen und bei der Ausschiffung der Geretteten zeigten die italienischen Behörden ihren tiefen Unwillen gegen uns und die Schutzsuchenden. So antwortete Italien erst zwei Tage nachdem wir einen sicheren Hafen angefragt hatten und wies uns daraufhin einen weit entfernten Hafen zu, der den geschwächten und teils traumatisierten Menschen eine weitere zweitägige Seereise auferlegte.

SEA-EYE 4: Gerettete

Als die SEA-EYE 4 im Hafen von Pozzallo angekommen war, begann ein menschenunwürdiges Trauerspiel mit den italienischen Einsatzkräften in der Hauptrolle. Ein Mitarbeiter der Hafenbehörde weigerte sich zuerst, an Bord zu kommen, weil er Angst habe, dass die „Migrant*innen“ Krankheiten übertragen würden. Flüchtende Menschen mit Krankheiten zu assoziieren, ist ein weit verbreitetes, rassistisches Stereotyp, mit dem Zweck, Menschen abzuwerten. Dieser Vorfall ist nicht nur beschämend, sondern ein Sinnbild für die gesamte rassistische Abschottungs- und Abschreckungspolitik der EU-Mitgliedsstaaten.

SEA-EYE 4: Gerettete

Der Tiefpunkt war die gewaltsame medizinische Untersuchung von Kleinkindern.

Dr. Jan Ribbeck Einsatzleiter auf der SEA-EYE 4 berichtete: „Das medizinische Personal vor Ort führte an Kleinkindern auf brutalste Art und Weise Zwangs-PCR-Tests durch die Nase durch. Sie haben vor Schmerzen geschrien. Als Arzt kann ich nicht verstehen, wie man kleine Kinder auf diese Weise behandeln kann. Es macht auch medizinisch keinen Sinn, Kindern in einem so jungen Alter solche Tests aufzuzwingen.

SEA-EYE 4: Gerettete

Am Freitagabend erklärten die italienischen Behörden, dass die SEA-EYE 4 mit den verbliebenen 141 geretteten Menschen wieder auf See hinausfahren solle, um dort die Nacht zu verbringen. Der Kapitän der SEA-EYE 4 befürchtete, dass sich die verbliebenen Menschen aus Verzweiflung ins Wasser stürzen könnten. Dank seines couragierten Protests konnte diese realitätsferne und gefährliche Anweisung abgewendet werden.

Nach zwei Tagen ging der letzte Gerettete von Bord der SEA-EYE 4. Italien hat sich wieder einmal von seiner schlechtesten Seite gezeigt. Wir fragen uns, was Italien mit diesem menschenunwürdigen und teils brutalen Vorgehen bezwecken möchte. Denkt es, damit die EU-Staaten zu einer schnelleren Verteilung der Geflüchteten zu bewegen? Oder meint es, dass wir unsere Arbeit einstellen würden? Warum diese Schikanen und diese Gewalt gegen Schutzsuchende? Warum kämpfen die EU-Mitgliedstaaten gegen Geflüchtete, statt endlich etwas gegen Fluchtursachen zu unternehmen? Wie viele Menschen müssen diese Politik noch mit dem Leben bezahlen, bis man in den europäischen Hauptstädten bemerkt, dass diese Politik der Abschreckung und Abschottung menschenverachtend ist?

SEA-EYE 4: Gerettete