Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth spricht von einem großen Tag für die Menschenrechte

Die Seenotrettungsorganisation Sea-Eye tauft am 28. Februar 2021 um 11 Uhr ihr neues, viertes Rettungsschiff offiziell auf den Namen SEA‑EYE 4. Die Schiffstaufe findet unter strengen Corona-Regeln in kleinem Kreis in der Werft statt, wo die SEA‑EYE 4 gerade zum Rettungsschiff umgebaut wird.

Die Taufe wird von Bundestagsvizepräsidentin und Sea‑Eye‑Mitglied Claudia Roth eröffnet. Ebenfalls vor Ort sind Vertreter*innen von United4Rescue, dem Bündnis zur Unterstützung der zivilen Seenotrettung, das Kauf und Umbau des Rettungsschiffs maßgeblich finanziell ermöglichte.

Überlebender tauft das Schiff auf den Namen SEA‑EYE 4

Der Taufpate, Alpha Jor Barry, ist inzwischen 18 Jahre alt und gehört zu den ersten 17 Menschen, die durch die ALAN KURDI wenige Tage nach Weihnachten am 29.12.2018 gerettet worden sind. Zwei Jahre und zwei Monate später steht er an der Seite der Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth, um das vierte Rettungsschiff der Regensburger Seenotretter*innen von Sea-Eye zu taufen.

Wenn die ALAN KURDI mich damals nicht gefunden hätte, wäre ich nicht mehr am Leben. Ein Sturm zog auf, den wir in unserem kleinen Holzboot nicht überlebt hätten. Ich freue mich sehr, dass Sea-Eye ein größeres Schiff in den Einsatz bringt, um noch mehr Menschen zu retten. Ich weiß, was es bedeutet, auf hoher See in einem kleinen Boot zu treiben. Ich wünsche jedem, dass ihm*ihr in so einer Situation Hilfe geleistet wird“, sagt Alpha Jor Barry, Taufpate der SEA‑EYE 4.

Alpha Jor Barry: Taufpate

Die Taufe wird von Claudia Roth eröffnet, die Sea-Eye seit Jahren als Mitglied unterstützt und regelmäßig zu Spenden aufrief.

Die Schiffstaufe der SEA‑EYE 4 ist dieser Tage ein wichtiges Zeichen für die Solidarität, die Humanität und für das praktische Eintreten für Menschenrechte. Da, wo die europäischen Regierungen ihrer Verantwortung nicht nachkommen, sind es die zivilen Seenotretterinnen und Seenotretter, die die Grundwerte der Europäischen Union und die Menschenrechte hochhalten“, sagt Claudia Roth, Bundestagsvizepräsidentin und Sea-Eye-Mitglied.

Claudia Roth: Bundestagsvizepräsidentin

Michael Schwickart, stellv. Vorsitzender von United4Rescue fügt hinzu: „Hinter der SEA‑EYE 4 stehen die über 700 Organisationen, die unser Bündnis United4Rescue versammelt und tausende von Spenderinnen und Spendern, die nicht tatenlos zuschauen wollen, wenn Menschen ertrinken. Auch dieses zweite Bündnisschiff schicken wir gemeinsam mit vielen.

Michael Schwickart: United4Rescue

Die wenigen Besucher*innen mussten negative Corona Tests vorlegen. Groß ist die Sorge, dass ein Ausbruch die Werftarbeiten zum Erliegen bringt. Mit Atemschutzmaske und Mindestabstand folgt die Werftcrew, die das Schiff seit Monaten zum Rettungsschiff umbaut, der Taufzeremonie.

Taufpate Alpha Jor Barry und SeaEye

Die ALAN KURDI, das dritte Rettungsschiff von Sea-Eye, rettete am 29.12.2018 den jungen Taufpaten aus Seenot. Alpha Jor Barry war zusammen mit 16 Personen mit einem kleinen Fischerboot aus dem Bürgerkriegsland Libyen geflohen und auf hoher See dem Mittelmeer ausgeliefert. Aus eigener Kraft hätte das kleine Holzboot keinen sicheren Ort erreichen können.

In der Einsatzcrew waren Jan Ribbeck, stellvertretender Vorsitzender, und Sophie Weidenhiller, heute Pressesprecherin von Sea-Eye, bei der Rettung von Alpha dabei. Beide hielten bis heute den Kontakt und unterstützen Alpha auf seinem Weg. Sie baten ihn, als einen der ersten Geretteten des dritten Sea‑Eye‑Schiffes, die Taufe des vierten Rettungsschiffs durchzuführen.

Alpha und ich blieben auch über die Rettungsmission Ende 2018 hinaus in Kontakt. Es hat sich eine Freundschaft entwickelt, die mir sehr viel bedeutet und ich freue mich, dass er nun unser viertes Rettungsschiff tauft“, sagt Jan Ribbeck, Vorstand bei Sea‑Eye e. V. „Alpha lebt und ist der Beweis dafür, was wir verlieren würden, wenn wir aufgeben würden und die Seenotrettung im zentralen Mittelmeer gänzlich zum Erliegen käme“, fügt Ribbeck hinzu.

Werftarbeiten an der SEA‑EYE 4

Die SEA‑EYE 4 ist das vierte und größte Rettungsschiff, das Sea-Eye bisher in den Rettungseinsatz entsandte. Sie ist das zweite Bündnisschiff, das maßgeblich durch das von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) initiierte zivile Seenotrettungsbündnis United4Rescue finanziert worden ist. Seit Oktober 2020 wird die SEA‑EYE 4 von hunderten Ehrenamtlichen zum Rettungsschiff umgebaut und soll im Frühjahr in den Einsatz starten.

Die Corona-Pandemie führt derzeit zu Verzögerungen durch Lieferschwierigkeiten und Mehrkosten im gemeinsamen Projekt von Sea-Eye und United4Rescue. Während United4Rescue bereits Spenden für die erste Mission des gemeinsamen Bündnisschiffes sammelt, benötigt Sea‑Eye noch Spenden für die Fertigstellung der aufwendigen Umbauarbeiten.

Bereits 169 Tote im Mittelmeer in 2021

Dass allein in diesem jungen Jahr bereits 169 Menschen im zentralen Mittelmeer ertrunken sind, ist schieres Versagen der europäischen humanitären Verantwortung. Die EU und die deutsche Bundesregierung stehen in der Pflicht, sich aktiv für den Schutz des Menschen- und Völkerrechts einzusetzen, statt weitere Tote billigend in Kauf zu nehmen.
Noch immer existiert keine europäisch finanzierte staatlich getragene zivile Seenotrettung, noch immer gibt es keine sicheren Zugangswege und noch immer keinen dauerhaften und solidarischen Verteilmechanismus für gerettete Menschen in Europa. Die konstanten Schikanen gegen die Seenotrettungsorganisationen, die Kriminalisierung der Retterinnen und Retter sind vor diesem Hintergrund unerträglich. Wer Menschenrechte schützt und überwacht muss sich auf die Unterstützung des Bundestages und der Bundesregierung verlassen können.
Den vielen Engagierten auf See, die sich jeden Tag mutig und unbeirrt dafür einsetzen, Menschenleben zu retten, gilt mein höchster Respekt und Dank. Heute ist ein großer Tag der Zivilgesellschaft, der Solidarität und der Menschenrechte
“, sagt Claudia Roth zur Taufe der SEA‑EYE 4.

In 2021 sind laut IOM bereits 169 Menschen bei ihrer Flucht über das Mittelmeer ums Leben gekommen. Die EU-Mitgliedsstaaten setzen weiterhin auf Abschottung und schaffen damit die tödlichste Grenze der Welt. Zeitgleich ermittelt die EU gegen die eigene Grenzschutzagentur FRONTEX wegen schwerster Menschenrechtsverletzungen.