Wie europäischer Rassismus im Mittelmeer Schwarze Menschen tötet

Rassismus ist ein gewaltiges Problem unserer Gesellschaft. Dies zeigt sich auch anhand der Zustände an den EU-Außengrenzen, wo Menschenleben aufgrund von Herkunft und Hautfarbe unterschiedlich bewertet werden. Wir wollen deshalb anlässlich der Internationalen Wochen gegen Rassismus vom 15. bis 28. März 2021 mit euch zusammen auf die strukturelle Gewalt gegen flüchtende Menschen auf dem Mittelmeer aufmerksam machen.

Die rassistischen Strukturen der EU-Politik im Mittelmeer offenbaren sich an den folgenden beiden Fällen. Fall 1 zeigt, wie der Notruf von 63 flüchtenden Menschen tagelang ignoriert wurde. Wohingegen in Fall 2 für eine weiße Europäerin eine aufwendige Suchaktion gestartet wurde, die zeigt, wie Seenotrettung durch EU-Staaten für alle Menschen aussehen muss.

Fall 1: Keine Rettung für Schwarze Schutzsuchende

Am 9. April 2020 flohen 63 Menschen, darunter drei Kinder, mit einem Schlauchboot von Qarapoli aus dem Bürgerkriegsland Libyen. In der Nacht vom 10. auf den 11. April setzten die Menschen einen Notruf an die Organisation Alarmphone ab und übermittelten ihre Koordinaten. Alarmphone leitete den Notruf unmittelbar an maltesische, italienische, portugiesische und deutsche Behörden und sogar an die sogenannte libysche Küstenwache sowie die EU-Agentur Frontex weiter. Erst nach mehreren vergeblichen Versuchen, eine Küstenwache zur Rettung zu bewegen, organisierten die italienische und die maltesische Küstenwache am Ostersonntag, 12. April, Suchflüge, wodurch die Menschen in der maltesischen Such- und Rettungszone gefunden wurden, aber keine Rettung eingeleitet wurde.

Schlauchboot im Mittelmeer

In der Nacht vom 14. April näherte sich ein Frachtschiff den Menschen in Seenot. Wegen schlechter Seebedingungen und mangels Anweisung des anwesenden maltesischen Militärflugzeugs unterließ das Frachtschiff jedoch jegliche Hilfeleistung. Auf Anordnung der maltesischen Küstenwache verließ das Frachtschiff den Ort, ohne einen Rettungsversuch gestartet zu haben.

Fast 4 Tage nach dem ersten Notruf nahm ein Fischerboot die 51 Überlebenden an Bord und brachte diese auf Anweisung der maltesischen Küstenwache in einem illegalen Push-Back zurück ins Bürgerkriegsland Libyen. Insgesamt befanden sich unter den 51 Überlebenden 40 Männer, 8 Frauen und 3 Kinder aus Eritrea und dem Sudan. Während der Tage, in denen die maltesische Küstenwache sowie andere europäische Behörden eine Rettung verweigerten und untätig blieben, starben 12 Menschen; 5 Menschen aus Eritrea und Äthiopien verdursteten und 7 ertranken.

Diesem sehr drastischen Fall von unterlassener Hilfeleistung für Flüchtende in Seenot steht folgender Fall gegenüber, der beispielhaft zeigt, wie Seenotrettung durch staatliche und EU-Institutionen für alle Menschen aussehen sollte und kann.

Fall 2: Große Rettungsaktion für weiße Europäerin

In der Nacht vom 18. auf den 19. August 2018 fiel eine 46-jährige Britin vom Kreuzfahrtschiff NORWEGIAN STAR in die kroatische Adria. Daraufhin wurde eine aufwendige Suchaktion gestartet, in die die kroatische Marine und Küstenwache, ein Suchflugzeug und Privatboote involviert waren. Nach zehn Stunden im 20 Grad warmen Wasser wurde sie dann um 9:40 Uhr von einem kroatischen Rettungsschwimmer unversehrt an Bord eines Marineschiffs gebracht.

Der zweite Fall zeigt, wie Menschen gerettet werden sollten, die im Mittelmeer zu ertrinken drohen. Leider zeigt die Praxis, dass offensichtlich Unterschiede darin gemacht werden, wer gerettet wird und wer nicht. Das Problem heißt Rassismus.

Küstenwache im Mittelmeer

Diesem strukturellen Rassismus treten wir entschieden entgegen und fordern: Jeder Mensch muss aus Seenot gerettet werden, egal wo die Person herkommt, welche Hautfarbe und welche Religion sie hat. Das ist nicht nur unsere Überzeugung, das sagt auch Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: „Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“

Sea-Eye fordert daher:

  • Die EU-Mitgliedsstaaten müssen eine europäische staatliche Seenotrettung einsetzen, die den klaren Auftrag hat, möglichst vielen Menschen im Mittelmeer das Leben zu retten.
  • Auf Notrufe von Menschen im Mittelmeer muss unverzüglich reagiert werden, egal welche Hautfarbe und Herkunft sie haben.
  • Die EU-Mitgliedsstaaten müssen die Finanzierung und Unterstützung der sogenannten libyschen Küstenwache sofort einstellen. Die Kooperation besteht, damit die sogenannte libysche Küstenwache Menschen auf dem Mittelmeer abfängt und zurück in das Bürgerkriegsland Libyen bringt. Diese menschenverachtende Praxis muss beendet werden. Libyen ist kein sicherer Ort!

Die SEA-EYE 4

Seenotrettung durch private Organisationen ist zwar nicht die Lösung für den strukturellen Rassismus in der EU-Politik, aber sie rettet so viele Menschenleben wie möglich. Deshalb bauen wir die SEA-EYE 4 zum Rettungsschiff um und schicken sie so schnell wie möglich in den Einsatz. Helfen Sie uns dabei und spenden Sie für ein Schiff, das Menschen unabhängig ihrer Herkunft und Hautfarbe rettet.

Berichterstattung zu den Fällen zum Nachlesen:

Fall 1: Keine Rettung für Schwarze Schutzsuchende
Alarmphone: Twelve Deaths and a Secret Push-Back to Libya (16. April 2020)
Internationale Organisation für Migration (IOM): Mediterranean Migrant Arrivals Reach 16,724 in 2020; Deaths Reach 256 (24. April 2020)

Fall 2: Große Rettungsaktion für weiße Europäerin
Deutsche Welle: Britin überlebt nach Sturz von Kreuzfahrtschiff zehn Stunden in der Adria (20. August 2018)
Süddeutsche Zeitung: Vom Kreuzfahrtschiff gefallene Urlauberin nach zehn Stunden gerettet (20. August 2018)

Hinweis: Bei den Fotos handelt es sich um Symbolbilder.