Ein Beitrag von Michael Wüstenberg

Michael Wüstenberg, emeritierter Bischof, ist Teil der Crew, die die SEA-EYE 4 ins Mittelmeer überführt. An Bord denkt er viel über die Probleme und Ursachen, die zur humanitären Krise im Mittelmeer führen, nach.

Charles aus Ghana erzählt seine Geschichte im Adventskalender 2020 von United4Rescue und der Caritas-Hildesheim. Er gehört zu einer Fischerfamilie. Internationaler Fischfang vor ihrer Küste ließ sie ohne Einkommen. Er wurde nach Europa geschickt, um Geld zu verdienen. Die einen lassen vor fremden Küsten fischen, die anderen in Hamburg arbeiten. Wer ist wirklich ein Wirtschafts-“Migrant“?

Zur Kolonialzeit wurden Rohstoffe gewonnen und in Europa weiterverarbeitet. Heute ist die Ausbeutung von Koltan für unsere Handys ein Problem. Es ist wie mit unserer Umwelt: Die an der Natur verursachten Schäden gehen ebenso wenig in die Kostenrechnung ein wie die Schäden an der Arbeitswelt von Menschen im Kongo oder in Ghana.

Michael Wüstenberg

Zum Schutz des Urwalds Amazoniens, der zur Sojaproduktion „für uns“ gerodet wird, müsste eine Sauerstoffsteuer weltweit bedacht werden. Die einheimischen Menschen bräuchten dann nicht zu fliehen, sondern könnten Hüter weltweiter Sauerstoffvorräte sein. Lebensstil kann sich zur postkolonialen Fluchtursache entwickeln.

Immer mehr wird mir bewusst, dass wir Europäer all das wie selbstverständlich „dürfen“, was anderen untersagt sein soll. Es gibt heute eine Fernsehshow: „Die Auswanderer“. Im 19. Jahrhundert zogen arme Deutsche aus dem Westen Deutschlands nach Brasilien. Ob die von den Einheimischen eingeladen waren? Spanier, Engländer, Polen, Italiener … zog es nach Amerika. Die Hopi, die Dakota und andere Völker hatten ihnen keine Visa erteilt. Die jungen USA begannen die Immigration zu regeln.

Ein wichtiges Prinzip der Ethik ist die Verallgemeinerung. Was für die einen gilt, muss auch für die anderen gelten. Das unterscheidet sie von einer Mafiamoral, die streng ist, sich aber nur am Wohl der eigenen Gruppe ausrichtet.

SEA-EYE 4

Das Asylrecht für politisch Verfolgte erscheint mir als Anfang. Was gebraucht wird, wäre ein großzügiges, europäisch-solidarisches Immigrationsrecht, das unter anderem auch wirtschaftliche Gerechtigkeit, Verfolgung aufgrund sexueller Veranlagung und klimabedingte Faktoren in Betracht zieht. Dann könnten alle in Frieden ziehen – wie die Leute aus der Eiffel.

Vergangenheit verpflichtet. Europäische Museen zeigen das. Vielerorts sind sie dabei, Kulturgut an die ursprünglichen Eigentümer in Afrika und anderswo zurückzugeben. Es geht! Das kann sich sehr wohl auch auf wirtschaftliche Gerechtigkeit anwenden lassen.

Es gibt ein Verursacherprinzip. Das muss konsequent auch auf Verursacher von Fluchtbewegungen angewendet werden. Wenn ein Krieg mit Unwahrhaftigkeiten begonnen wird wie im Irak und im ungewollten wie effektiven Zusammenspiel mit tyrannischem religiösen Totalitarismus in einer Kettenreaktion vielerorts viele zur Flucht treibt, dann müssen die Verursacher für die immensen Folgen gerade stehen.

Michael Wüstenberg

Sinnvollerweise müsste das Mandat eines internationalen Gerichtshofs erweitert werden. Fairerweise sollten die Verantwortlichen nicht einfach Ärger oder Wut erfahren, sondern der Gegenwartskultur entsprechend in einem Prozess Rede und Antwort stehen.

Der Autor: Michael Wüstenberg

Michael Wüstenberg lebt als emeritierter Bischof in Hildesheim. Von 2008 bis 2017 war er Bischof der Diözese Aliwal in Südafrika. Sein Arbeitsschwerpunkt war das Netzwerken kleiner christlicher Gemeinschaften und die Ausbildung von verantwortlichen „Ehrenamtlichen“ in Gemeinden unter dem Leitbild einer Kirche, die der Menschlichkeit dient. Armut und HIV/AIDS waren da die wesentlichen Herausforderungen. Er beschäftigt sich weiter mit den Themen Rassismus und Immigration. Ihn interessiert kirchliches Leben, in dem das Herzblut der Menschlichkeit klar erkennbar ist.