Ein Bericht über Raissa und ihr Baby, die vor zwei Jahren von der ALAN KURDI gerettet wurden

Raissa, eine Frau die aus Kamerun geflohen war, wurde von der Sea-Eye Crew aus einem in Seenot geratenen Schlauchboot im Mittelmeer gerettet. Sie war im letzten Drittel ihrer Schwangerschaft und als die Besatzung sie aus dem Wasser zog, war sie bewusstlos, konnte weder gehen noch sprechen. Als sie schließlich an Land gehen durfte, erholte sie sich und brachte ein gesundes Mädchen zur Welt. Lesen Sie hier ihre Geschichte und helfen Sie dabei, mehr Menschenleben zu retten.

Raissa ist vor Krieg, Gewalt, Körperverletzung und Missbrauch in ihrem Heimatland Kamerun geflohen. Aber ihre erschütternde Reise nach Europa war nicht weniger gefährlich: Als alleinstehende Frau wurde sie von Schmugglern misshandelt und gewaltsam in einem libyschen Internierungslager eingesperrt. Sie wurde über ein Jahr lang gefangen gehalten und missbraucht.

„Ich bin vor dem Chaos von Krieg und Gewalt geflohen und war so gestresst, dass ich kaum wusste, wohin ich gehen würde“, sagte Raissa.

Raissa wurde gefoltert, zusammengeschlagen, unterernährt und plötzlich fand sie heraus, dass sie schwanger war. Während eines Luftangriffs, wie sie im vom Krieg heimgesuchten Libyen häufig vorkommen, gelang es Raissa, aus dem Internierungslager zu entkommen. Ein Mann aus der Gegend, der sah, dass sie schwanger war, hatte Mitleid mit ihr und half ihr, sich auf ein Schlauchboot Richtung Europa zu begeben.

Aber Raissas nicht seetüchtiges Schlauchboot begann 24 Stunden nachdem sie mit dutzenden anderen Menschen darauf zusammengepfercht wurde, in Seenot zu geraten. Wenn die ALAN KURDI nicht zu ihrer Rettung gekommen wäre, wären möglicherweise alle Passagiere gestorben.

„Ich war so krank, verwirrt und verletzt, dass ich nicht wusste, was mit mir geschah, und ich verlor das Bewusstsein, als die ALAN KURDI mich rettete“, sagte Raissa.

ALAN KURDI

Als sie sich erholte, hatte Raissa nur eine Hoffnung: ein anständiges Leben für ihr ungeborenes Kind aufzubauen und einen Ort zu finden, der frei von Gewalt und Missbrauch ist.

Vera, eine ehrenamtliche Krankenschwester an Bord der ALAN KURDI, erinnerte sich daran, dass Raissa, als sie gerettet wurde, im achten Monat schwanger war, das Bewusstsein verlor und stark zitterte.

„Später, als sie sich besser fühlte, umarmte sie mich und nannte mich immer wieder ‚Mama Vera‘. Das hat mich unglaublich berührt und es war mir eine große Ehre“, sagte Vera.

Sophie, ein weiteres ehrenamtliches Crewmitglied an Bord des Schiffes, erinnerte sich daran, dass Raissa immer geholfen hatte, auf die anderen Kinder an Bord aufzupassen.

„Ich wusste, dass sie eine großartige Mutter sein würde“, sagte Sophie.

Trotz aller Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert war, wurde Raissas Baby, ein wunderschönes kleines Mädchen, kurz nach ihrer Ausschiffung gesund und voller Leben in Europa geboren. Dank der Arbeit von Sea-Eye überlebten Raissa und ihr kleines Baby.

Sophie erinnerte sich: „Als ich zum ersten Mal ein Bild von Raissas Baby erhielt, war mein Herz voller Freude: Dieses perfekte kleine Mädchen lebt und es geht ihr gut! Das ist alles, was ich mir zuvor gewünscht und erhofft hatte. Sie leben dank Menschen, die sich immer noch kümmern, denen andere Menschen nicht egal sind. Dank jener Menschen, die die zivile Seenotrettung unterstützen. Leute wie Sie, die diese Geschichte gerade lesen.“

Raissa mit ihrer Tochter

Heute leben Raissa und ihre Tochter in einem Flüchtlingslager in Portugal, und obwohl sie immer noch mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert sind, sind sie vorerst am Leben, gesund und in Sicherheit.

„Gott hat die Sea-Eye-Crew auf meinen Weg geschickt und bis heute sind diejenigen, die mich gerettet haben, meine einzige Familie in Europa – sie sind die einzigen, die mir auf diesem Weg etwas Freundlichkeit gezeigt haben“, sagt Raissa heute. „Ich wünsche mir nur, dass sie immer ihre Liebe zu refugees und die Freundlichkeit, die sie in ihren Herzen haben, behalten.“

Unterstützen Sie Sea-Eye und die Schiffe ALAN KURDI und SEA-EYE 4 bei der Durchführung lebensrettender Missionen und zeigen Sie Ihre Nächstenliebe, Ihre Empathie, Ihre Rücksichtnahme und Ihren Respekt für das Leben von Menschen auf der Flucht.

Helfen Sie, Frauen und Kinder wie Raissa und ihr Baby zu schützen. Lassen wir Menschen nicht ertrinken.

Friedliche Feiertage an all unsere Unterstützer*innen!
Vielen Dank.

Bericht von: Sara Cincurova, freie Journalistin mit Schwerpunkt Menschenrechte.

* Zu Raissas Sicherheit wurden ihr Name und sensible Details ihrer Geschichte redigiert.

Ein Beitrag von Stefano Lotumolo zur Ankunft der ALAN KURDI in Olbia

Übersetzung aus dem Englischen

Am Donnerstagabend (24.09.2020) hatte uns die Nachricht von der Ankunft der ALAN KURDI über Facebook erreicht. Unter dem Post zu dieser Nachricht lesen wir viele rassistische Kommentare.

Ich schaue meine Freundin an und sage: „Okay, das dürfen wir nicht verpassen.

Wir wachen um 5:30 Uhr auf, die Ankunft der ALAN KURDI ist für 6:00 Uhr geplant. Das Wetter ist schlecht, weshalb die ALAN KURDI ihren Kurs nach Marseille nicht fortsetzt und in Olbia anlegen darf.

Gegen 9:00 Uhr trifft ein jämmerlicher Haufen von Lega-Anhängern und Neofaschisten ein.

Die ALAN KURDI dockt um 10:00 Uhr an.

Nehmt sie mit zu euch nach Hause“, schreien sie uns an, mit ihrer arroganten und intoleranten Haltung.

Sie machen ihre Show für die üblichen Fotos. Angeben ist das Einzige, was für sie zählt.

Sie wollen die italienischen Grenzen vor 125 schutzsuchenden Menschen verteidigen, die vor Krieg fliehen, rausgefischt von den Engeln der ALAN KURDI in drei verschiedenen Rettungseinsätzen im Mittelmeer.

Ankunft der ALAN KURDI in Olbia

Fast die Hälfte der Migrant*innen sind minderjährig.

Der Jüngste ist fünf Monate alt.

Wir grüßen die verängstigten Männer und Frauen und versuchen zu verstehen, was passieren wird.

Der Aufbau der Zelte beginnt gegen 12:00 Uhr.

Warum konnte es nicht früher gemacht werden? Wir waren schon ab 6:00 Uhr morgens dort.

Der Wind weht stark, manchmal geht er in einen Sturm über und die Menschen sind gezwungen, auf dem Schiff zu bleiben.

Gegen 18 Uhr beginnen sie mit dem Aussteigen, auf dem Boden sitzen Frauen mit ihren Kindern.

Es ist kalt.

Die meisten von ihnen sind barfuß.

Sie schauen uns an, wir schauen sie an. Ich fühle mich schuldig. Furchtbar schuldig.

Geflüchtete und Polizei in Olbia

Ich wünschte, ich wäre auf diesem Schiff; ich möchte ihnen sagen, dass alles in Ordnung sein wird und dass in kurzer Zeit endlich alles vorbei sein wird.

Aber leider ist das nicht der Fall.

Für die Nacht wird ein Empfangszentrum außerhalb des Industriehafens eingerichtet, dort würden sie bleiben.

Willkommensgruß in Olbia

Wir fahren am Samstag zurück, um Neuigkeiten zu erfahren, und es gelingt uns, Josh, den ersten Offizier der ALAN KURDI, zu interviewen, der uns mit „offenen Armen“ hinter der Reling empfängt.

„NIEMAND SETZT SEINE KINDER IN EIN BOOT, WENN DAS WASSER NICHT SICHERER IST ALS DAS LAND.“

Aus dem Gedicht Home von Warsan Shire, einer jungen kenianischen Schriftstellerin und Dichterin.

Heute interessiert sich niemand mehr für die Nachrichten.

Ankunft in Olbia

Aber wie sehr kümmern wir uns wirklich um diese Menschen?

Oder kommen sie nur an einem Tag in die Nachrichten und sind am nächsten Tag verschwunden?

„Aber wie sehr kümmern wir uns wirklich um diese Menschen?“

Viele von ihnen sind unbegleitete Minderjährige, Kinder, die ohne ihre Eltern in einem unbekannten Land ankommen, nachdem sie, niemandem weiß welche, Tragödien erlebt haben.

„Liebe Hasser*innen, seht, auf wen ihr euren Hass geschüttet habt.“

Liebe Hasser*innen, seht, auf wen ihr euren Hass geschüttet habt.

Auf die verletzlichsten Menschen dieser ungerechten Welt.

Am Sonntagabend gelingt es uns, der gesamten Besatzung Pizzas zu bringen.

Eine große Ehre für uns.

Die Ankunft kurz vor meiner nächsten Erfahrung dokumentieren zu können, war ein großartiges Zeichen. Ich bin im Begriff, einen stillen Spaziergang zu beginnen, der mich von Assisi nach Riace führen wird, wo ich Domenico Lucano treffen werde.

Domenico, der ehemalige Bürgermeister von Riace, hat ein Integrationsmodell für Migrant*innen geschaffen, das weltweit Anerkennung gefunden hat.

Es liegt nun an Europa, Lösungen zu finden, auch für die Hotspots in Griechenland. Wir brauchen präzise Regeln.

Wir sind alle gleich, es gibt keine Menschen erster oder zweiter Klasse.

Liebe erzeugt Liebe.
Liebe erzeugt positive Gefühle.
Liebe erzeugt Leben.

Ich wünsche Ihnen allen ein schönes Leben.

Mit Liebe.
Stefano.

Der Autor: Stefano Lotumolo

Mit einem Diplom in Buchhaltung arbeitete er bis zum Alter von 28 Jahren als Blumenzüchter im Familienbetrieb. Im Jahr 2015 verließ er seinen sicheren Hafen, um auf Reisen zu gehen und sich selbst und die Welt kennenzulernen.

Im Juni 2017 trat er seine erste fotografische Reise an, eine dreimonatige Rucksacktour in Afrika. Von dort aus änderte sich sein Leben völlig. Durch die Fotografie möchte er, dass die Menschen die Menschen so sehen, wie er sie durch seine Augen sieht, und er nimmt sie mit seinem Herzen wahr.

Er möchte dieselbe Liebe und denselben Respekt vermitteln, den er für das Leben empfindet.

Durch die Fotografie möchte Stefano eine Stimme für die Stimmlosen sein, Geschichten aus dem wirklichen Leben und den verschiedenen Unbeständigkeiten der Menschen erzählen, mit denen er seine Lebenserfahrungen teilt.

Fotos in diesem Beitrag: © Stefano Lotumolo