Wir reden viel über Geflüchtete, statt mit ihnen zu sprechen.

Ein Kommentar von Sophie Weidenhiller, Pressesprecherin von Sea-Eye e. V.

Wenn ich Texte wie diesen schreibe, dann deshalb, weil ich eine starke emotionale Reaktion auf etwas habe, das ich erlebe. Dieses Mal kommt meine öffentliche Bitte, wie schon oft zuvor, aus einem Gespräch mit einem jungen syrischen Geflüchteten, den ich an Bord eines Sea-Eye Schiffes kennengelernt habe. Nennen wir ihn Adil*. Wenn wir uns unterhalten, sehe ich eine andere Welt, eine andere Seite der gleichen Welt. Ich habe einen EU-Pass, er hat keinen und das wird er wahrscheinlich auch nie. Adil hat Traumata erlebt, die ich noch nie durchmachen musste und wahrscheinlich auch nie werde. Wir verstehen uns aber gut. Wir sprechen nicht einmal die gleiche Sprache und Google-Translate ist unser bester Kumpel, der mich oft über die Ironie des situativen Humors aufgrund der Verwendung solcher Apps zum Lachen bringt.

Sophie Weidenhiller, Pressesprecherin von Sea-Eye

Adil ist auch ein lustiger Kerl, er hat mir etwas von der Musik gezeigt, die er gerne hört, er kocht gerne Milchreis für alle und er würde auch gerne für mich kochen. Er ist schlau, er wollte in Syrien an einer Universität studieren, aber dann machte der Krieg das unmöglich. Als ich ihm sagte, es tut mir leid, dass er nicht wie ich studieren kann, sagte er: „Muss es dir nicht – es ist in Ordnung, weil dort niemand mehr studieren kann.“ Für ihn sollte ich nicht nur Mitleid mit ihm haben, da schließlich sein ganzes Land leidet.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft ich sprachlos und voller Ehrfurcht vor den unterschiedlichen Perspektiven und Ideen von geflüchteten Menschen stand und wie viel ich aus den Gesprächen mit diesen vielen verschiedenen Menschen, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt habe, gelernt habe. Es ist erstaunlich, wie wenig und gleichzeitig auch wie viel wir gemeinsam haben. Wie wir zusammen lachen können, ohne die gleiche Sprache zu sprechen, wie wir uns auch ohne Worte verstehen können und wie sich Umarmungen auch zwischen völlig Fremden so tröstend anfühlen können. Und ja, ich verurteile immer noch manche Personen vorzeitig oder habe meine Vorurteile gegenüber so manchen Individuen, wie eben bei allen Menschen. Aber ich habe gemerkt, dass es normalerweise sehr aufschlussreich ist, wenn ich mich mit jemandem zusammensetze und einfach nur seinen unglaublich ehrlichen Geschichten und Ansichten zuhöre. Und es zeigt mir auch meine eigenen Schwächen sowie die der europäischen Entscheidungsträger.

Aus eurozentrischer und privilegierter Sicht mögen einige unserer Strategien sinnvoll erscheinen, obwohl sie in Wirklichkeit nicht nur unglaublich unethisch, sondern auch völlig ineffektiv sind.

Konkret spreche ich von der Abschreckungs- und Abwehrpolitik der EU, dem Versuch unsere Grenzen zu schließen und Menschen von der Flucht abzuhalten, indem sie Flucht gefährlich und potenziell tödlich erscheinen lassen. Wir denken, dass wir durch die Schaffung von Stacheldrahtzäunen, hohen Mauern, Push-Back-Agenturen, Überwachung und übermäßiger Gewaltanwendung Menschen daran hindern könnten, zu europäischen Küsten und Gebieten aufzubrechen. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Diese völlig unethische Praxis funktioniert nicht. Dies ist der Grund:

Geflüchtete mit Baby

Europa versucht, die Menschen warnen und sie daran zu hindern, nach Europa zu gehen, indem es ihnen zeigt, dass Sie, wenn Sie versuchen, hierher zu kommen, auf dem Grund des Meeres, im Sand erschossen oder in einem Wald erfroren enden können.

Aber haben wir uns jemals gefragt, wie Menschen, die auf der Flucht sind oder fliehen wollen, solche Bedrohungen wahrnehmen? Wissen Sie, was ihre Antwort auf diese grausame Warnung ist? Ich kann Ihnen sagen, was ich immer wieder als Antwort darauf gehört habe:

„Ich weiß, dass ich sterben könnte, aber ich würde lieber auf dem Weg in die Freiheit sterben, als weiter zu leiden, wo ich bin.

Eine andere Version der gleichen Sicht, die mir erzählt wurde, war:

„Hier gibt es kein Leben – selbst der Tod ist besser als diese Hölle.“

Als Person mit psychotherapeutischem Hintergrund muss ich sagen, dass diese Einstellungen und Fluchthandlungen fast schon den Anschein von „para- oder quasi-suizidalen“ Handlungen haben. Das bedeutet, dass die Menschen, die versuchen zu fliehen, im vollen Bewusstsein um die große Gefahr für Leib und Leben, so verzweifelt sind, dass sie sich gezielt, wenn auch in akuter und schwerer Not, für dieses Risiko entscheiden. Für einige von ihnen erscheint der Tod auf dem Weg tragischerweise fast wie eine Art Erlösung, denn es würde ein Ende ihres ewigen Leidens bedeuten, das die meisten von ihnen seit Jahren ertragen haben, und dass sie vielleicht ihre Liebsten, die sie verloren haben, im Jenseits treffen könnten.

Geflüchteter

Natürlich wollen diese Menschen nicht tatsächlich sterben, aber wenn die einzige Wahl, die ihnen bleibt, Tod oder Leiden ist, dann treffen sie die einzige Entscheidung, die sie noch zur Verfügung haben.

Ein anderer Aspekt, den ich gehört habe, ist, dass manche Menschen sagen, sie hätten das Gefühl „meine Seele ist schon lange gestorben, ich habe keine Angst mehr vor dem Tod, weil ich mich innerlich schon tot fühle“. Oder wie Adil es ausdrückte: „Das Letzte, wovor ich Angst habe, ist der Tod. (…) Ich wünschte, ich könnte sterben, wenn ich bete.“ Er fügte auch hinzu: „Wenn Sie meine Worte verstehen wollen, schauen Sie sich die Videos von muslimischen Müttern und Vätern in Syrien an, deren gesamte Familie vor ihren Augen ermordet wurde und sie [die Mutter] Gott dankt und weint und sagt, dass sie zurückkehren wird zu ihnen.“

Dies ist einer der ausschlaggebenden psychologischen Gründe warum Menschen nicht durch Abschreckungspolitik aufgehalten werden. Die Verzweiflung, mit der flüchtende Menschen heute konfrontiert sind, ist so groß, so allumfassend, so unbegreiflich für uns alle, die wir hier in Europa leben und EU-Pässe besitzen. Wir können uns die Schrecken, denen diese Menschen ausgesetzt waren, nicht vorstellen und deshalb würdigen wir ihre Erfahrungen herab und missachten sie, indem wir ihnen ihre Hoffnung und Entscheidungsmöglichkeiten nehmen und ihnen als einzige Optionen Ablehnung und Tod übrig lassen.

Baby

Wenn wir mit Migration gut umgehen wollen, müssen wir zunächst verstehen, was die Menschen tatsächlich durchmachen, wie sie denken und fühlen, was von uns erfordert, mit ihnen zu sprechen und zuzuhören und – so traurig es auch ist, dies erwähnen zu müssen – sie wie Menschen zu behandeln und nicht nur eine ständig wachsende Zahl von Kollateralschäden, gemessen in menschlichen Überresten.

Das ist der Stand der Dinge für Flüchtende heute, wie ich aus vielen Gesprächen mit Menschen, die fliehen mussten, resümiert habe – und das ist zutiefst beunruhigend. Ich fordere daher die europäischen Politiker*innen auf, ihre unethische Politik zu beenden, denn noch einmal – sie sind nicht nur unmenschlich, sie funktionieren auch nicht. Was sie anrichten sind Massengräber, Wellen der Verzweiflung, die zum Selbstmord führen, und Generationen traumatisierter Überlebender. Wenn wir dieses Problem lösen wollen, müssen wir den Menschen echte Hoffnung und konkrete Hilfe geben, statt zusätzlicher Traumata und Hürden.

Wie viele Tote werden europäische Politiker*innen noch brauchen, um diesen Wahnsinn endlich zu stoppen? Dieses System funktioniert nicht und es tötet Tausende von Menschen. Wir müssen aufhören, die Lebensrealitäten von fliehenden Menschen zu vernachlässigen und wir müssen das sinnlose Sterben sofort stoppen!

* Name geändert, um seine Privatsphäre zu schützen.

Wenn das Wasser sicherer ist als das Land

Ein Gastbeitrag von Melanie M. Klimmer

Bei der ersten Mission des Rettungsschiffes Sea-Eye 4 ins zentrale Mittelmeer werden auch Schwangere und kleine Kinder von Schlauch- und Holzbooten aus dem Meer geborgen. Wie ist ihr Zustand, wie erleben sie die kurzfristige Hilfe, wo können sie Geborgenheit und wie zurück ins Leben finden?

Aus Seenot gerettete Frauen vor Libyens Küste erzählen immer wieder von den gleichen schrecklichen Erfahrungen: »Folter an Leib und Seele, brutale Vergewaltigungen, Sklaverei, exzessive Gewalt – man kann es sich nicht vorstellen, was diesen Frauen immer und immer wieder angetan wird«, sagt Sophie Weidenhiller am 15. Juli 2021 im Interview. Sie ist internationale Pressesprecherin der zivilen Seenotrettungsorganisation Sea-Eye e.V. und als »RHIB-Communicator« Crew-Mitglied bei der ersten Mission des Rettungsschiffes Sea-Eye 4 vom 8. bis 23. Mai 2021. RHIB steht für Rigid-Hulled Inflatable Boat, zu Deutsch »Festrumpfschlauchboot«, mit dem Menschen in Seenot zunächst aufgesucht und dann zum Mutterschiff gebracht werden.

Einsatzcrew der SEA-EYE 4

Sophie Weidenhiller übernimmt in Einsätzen mit den RHIBs den Erstkontakt mit den oft tief verängstigten Menschen und erklärt ihnen, dass sie in Sicherheit sind. An Bord leistet die Psychotherapeutin in Ausbildung psychologische erste Hilfe.

»In Libyen sind geflüchtete Frauen sozusagen ›Freiwild‹. Man macht dort mit ihnen, was man gerade will, ohne dass die Täter dafür zur Rechenschaft gezogen werden«, sagt die 31-Jährige. »Man kann es sich nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, als schwangere Frau in einem Gefängnis zu sitzen und ein Kind vom eigenen Peiniger austragen zu müssen, der sich auf der anderen Seite der Gitterstäbe aufhält.« Folter werde meist ganz bewusst eingesetzt, um die Person zu vernichten, ohne sie physisch zu töten, weiß Dr. Barbara Preitler (Preitler 2010). Sie ist Gründerin des Hemayat-Betreuungszentrums für Folter- und Kriegsüberlebende in Wien. »Der Schmerz soll so intensiv sein, dass der Tod als Erlösung – die aber nicht gewährt wird – empfunden wird«, sagt die erfahrene Psychologin. »Fast alle Menschen, die Folter überleben, leiden an den Folgen dieser schweren Verletzungen: körperlich und psychisch.«

Schwanger durch sexualisierte Gewalt

»Geflüchtete Frauen gehen oft in die Hölle und wieder zurück«, berichtet auch die freie Journalistin Sára Činčurová im Audio-Podcast der Regensburger Seenotrettungsorganisation »Ehrlich gesagt« im Gespräch mit Sophie Weidenhiller anlässlich des Internationalen Frauentages (Sea-Eye, Episode 10, 8.3.2021). Entlang der Fluchtrouten erführen Frauen häufig sexualisierte Gewalt oder beobachteten diese im Kontext von Menschenhandel, Sklaverei, Gefangenschaft und Zwangsprostitution. Viele Frauen, auch minderjährige Mädchen, würden auf der Flucht schwanger, weil sie sich nicht schützen könnten.

Hochschwangere Frau

»Oft sind es Schmuggler, von denen Frauen auf der Flucht vergewaltigt werden«, so Weidenhiller im Gespräch mit der Journalistin. »Oft wissen sie nicht, wie sie sonst überleben sollen, begeben sich in Abhängigkeit und können sich dann nicht wehren: Da ist niemand, dem sie davon berichten könnten, auch nicht der Polizei.« »Manchmal stellen sie zu spät fest, dass sie in die Hände von Menschenhändler:innen geraten sind«, sagt Sára Činčurová.

Zwei Monate später, am 8. Mai, brechen die beiden Frauen gemeinsam mit 21 weiteren Crew-Mitgliedern vom spanischen Hafen Burriana aus mit der Sea-Eye 4 ins zentrale Mittelmeer auf.

Rettung aus Seenot

In mehreren Rettungseinsätzen vom 16. bis 18. Mai rettete die Crew 406 Menschen aus 18 Nationen aus Seenot, viele davon aus Mali, Bangladesch, Eritrea, Ägypten, dem Sudan und Syrien. Schon am 14. Mai sind zwei libysche Bürgerkriegsflüchtlinge geborgen worden.

Nun befinden sich auf der Sea-Eye 4 auch 36 Frauen, darunter vier Schwangere. 150 Kinder, 19 davon unter zwölf Jahre alt, ein Drittel unbegleitet, befinden sich ebenfalls unter den Geretteten. Die beiden 8 und 15 Monate alten Babys sind bei ihrer Rettung triefend nass, dehydriert, mangel- und unterernährt und starr vor Angst. Unter Tränen berichten gerettete Frauen, wie sie erst nach Monaten täglicher und systematischer Vergewaltigung aus den libyschen Detention Camps (Internierungslager) fliehen konnten. Dort haben sie unter Hunger gelitten, weder Nahrung noch Trinkwasser für ihre Kinder auftreiben können. Eine der Frauen hatte zehn Monate mit ihrem Baby in einem dieser Lager zugebracht.

Der Internist und Bordarzt Dr. med. Stefan Mees von German Doctors stellte bei späteren Gesundheitschecks deutliche Spuren von Gewaltanwendung und schwerster Traumatisierung bei den meisten Geflüchteten fest.

In der »Search- and Rescue-Zone«

Die Situation der Frauen und Kinder in den überfüllten Holz- und Plastikbooten schildern Seenotretter:innen immer wieder als katastrophal. Sonne, Wind, Witterung und Wasser ausgesetzt, ohne Nahrung und ausreichend Trinkwasser, treiben die Boote ohne Navigation oft tagelang auf hoher See – die Mütter sind erfüllt von der quälenden Sorge um ihre Kinder. Die Journalistin Sára Činčurová erinnert sich an die Bergung einer Schwangeren durch das Rescue-Team der Sea-Eye 4: »Es war für mich schwer erträglich, eine schwangere Frau im sechsten Monat so durchnässt zu sehen« (Sea-Eye, Episode 13).

Frauen und Kinder harren zumeist im Innern der Boot aus, wo sich ein gefährliches Gemisch aus Benzin, Salzwasser und Exkrementen ansammeln kann. Die Berührung damit führt zu schweren Verätzungen und Verbrennungen der Haut, sogenannten »Fuel Burns«. Das berichtet die Gesundheits- und Krankenpflegerin Marlene Fießinger an einem frühen Sonntagmorgen Mitte Mai nach ihrer vierstündigen Brückenwache aus dem Bordhospital der Sea-Eye 4. Zu dem Zeitpunkt befindet sie sich etwa 40 Seemeilen vor Tripolis und ahnt noch nicht, dass sie wenig später zusammen mit Dr. Stefan Mees und dem Paramedic Tobias Schlegl in ihren ersten großen Einsatz gerufen wird.

Boot und SEA-EYE 4

Triage und Notfallversorgung

Von diesen Verletzungen berichtet auch der Münchner Arzt Dr. Thomas Kunkel, der an Ostern 2017 mit einem anderen Rettungsschiff von Sea-Eye e.V. mehrere Frauen mit Fuel Burns behandelt hatte. Er schildert »sehr großflächige, zweitgradige Verbrennungen an den Oberschenkeln, Genitalien, am Gesäß und Bauch« (Andrae 2018). »Auf solche Fälle sind wir dieses Mal noch besser vorbereitet«, so Marlene Fießinger. Sie hat federführend an der Ausstattung des Medical Rooms an Bord des neuen Rettungsschiffes Sea-Eye 4 mitgewirkt. »Wir haben eine Dusche im Hospital, wo solche Wunden zuerst ausgeduscht werden können.«

Auf dem Rettungsschiff gibt es nach jeder Bergung einen hohen Bedarf an medizinischen Erstbehandlungen. Das Medical Team führt bei den Geretteten zuerst eine Triage durch. 25 Menschen sind bei insgesamt sechs Einsätzen der Sea-Eye 4 Mitte Mai 2021 in kritischem Zustand oder müssen umgehend behandelt werden. Sie sind bradykard, hypotherm, massiv dehydriert. Ein Junge braucht Sauerstoff. »Vor allem Jugendliche kollabierten reihenweise nach der Rettung«, berichtet Marlene Fießinger aus ihrer Quarantäne vor Palermo. Ein zehnjähriges Mädchen aus Syrien sei bei der Bergung triefend nass, kalt, fast ohnmächtig und traumatisiert gewesen.

SEA-EYE 4: Krankenstation

Nicht nur haben Geflüchtete oft monatelang keine medizinische Versorgung erhalten. Viele befinden sich mit ihrer Vorgeschichte in libyschen Detention Camps und aufgrund der Umstände auf See in kritischem Zustand. »Ich versuchte, mich besonders auf die vulnerablen Personen wie Schwangere oder Minderjährige zu fokussieren«, sagt die 31-Jährige, die als Intensivpflegekraft am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe arbeitet, einer anthroposophischen Akutklinik in Berlin. »Sie können ihre Beschwerden nicht immer eigenständig äußern.«

Für den Fall, dass fachliche Rücksprache notwendig werden sollte, hat das medizinische Team vorgesorgt. Rund um die Uhr stehen im Hintergrund spezialisierte Fachkräfte auf dem Festland bereit, so zum Beispiel auch eine Hebamme in Deutschland. Durch die Umstände der Flucht kann es schnell zu Unregelmäßigkeiten bei Schwangerschaft und Geburt kommen. Der Start ins Leben ist auf der Flucht mit deutlich mehr Risiken verbunden. Früh-, Fehl- oder Totgeburten sind häufiger, Intensivbehandlungen für Neugeborene wahrscheinlicher und die Sterblichkeit für Mutter und Kind höher (Klimmer, DHZ 12/2020, Seite 86–90).

Gerettetes Kind

Schwangere tragen höhere Risiken bei Seekrankheit

Vor vier Jahren starb eine unterkühlte Schwangere an Bord eines Rettungsschiffes der deutschen Nichtregierungsorganisation. Sie war plötzlich nicht mehr ansprechbar. Reanimationsversuche blieben erfolglos. Bei schwangeren Frauen, die aus Seenot geborgen werden, ist die Seekrankheit mit einem höheren Risiko verbunden. Meist dehydriert und mangelernährt, können Schwangere in Seenot schneller das Bewusstsein verlieren. Ihre Situation kann dann schnell lebensbedrohlich werden, wie auch der Mediziner Thomas Kunkel im Interview mit Agnes Andrae berichtet: Manche »sind von langanhaltender, quälender Übelkeit geplagt, müssen ständig erbrechen und verlieren darüber viel Flüssigkeit und Energie.« (Andrae 2018) Durch die Notwendigkeit einer engmaschigen Überwachung im Falle von Seekrankheit bei Schwangeren und der erhöhten Gefahr von Komplikationen sei die Betreuung deshalb zeitintensiver.

Zu lange ohne gesundheitliche Versorgung

In den libyschen Detention Camps haben Geflüchtete oft über längere Zeit keinen Zugang zu medizinischer Versorgung oder auch zu Verhütungsmitteln – selbst in europäischen Flüchtlingslagern ist das keine seltene Randerscheinung. »Eine geflüchtete Frau kann ich nicht vergessen«, erinnert sich Sára Činčurová (Sea-Eye, Episode 10). »Sie war zum sechsten Mal schwanger und passierte das Mittelmeer von der Türkei aus nach Lesbos. Das Kind kam dann dort im Januar zur Welt. Die Frau lebte lediglich in einem Zelt inmitten von Nässe und Dreck. Sie verlangte bei lokalen NGOs nach einer sicheren Unterkunft, denn es mangelte an allem: an Sanitäranlagen, Nahrung, vor allem aber an der Wahrnehmung dessen, was eine schwangere Frau benötigt. Es ist einfach Fakt, dass die Gesundheit unter diesen Umständen leidet: Neugeborene und kleine Kinder bekommen in einer solchen Umgebung schnell Infektionen.«


Brief einer Geretteten: »Niemand glaubte, dass wir das schaffen würden …«

»Ich verlor meine Mutter und meinen Vater als Kind. Ich komme aus einer Familie mit acht Kindern. Ich wurde zwangsverheiratet. Mein erstes Kind ist eine acht Jahre alte Tochter. Ihr Vater zwang sie, sich einer Genitalverstümmelung zu unterziehen und begleitete sie zu einem reichen Arzt gegen Geld. Später hatte ich eine zweite Tochter, die jetzt zwei Jahre alt ist, und sie sollte ebenso zu dieser Misshandlung gezwungen werden. Das ist der Grund, warum ich mit meiner jüngeren Tochter geflohen bin, weil sie ihr dasselbe antun wollten.

Ein Mann aus meinem Dorf half mir, nach Algerien zu kommen. Wir verbrachten dort einen Monat zusammen im Gefängnis. Von dort wurden wir nach Niger geschickt. Meine Tochter und ich verbrachten einen Monat in der Sahara-Wüste. Später wurde ich als Sklavin nach Libyen verkauft. Ich brauchte fünf Monate, um zu entkommen.
Ich blieb bis zur Überquerung an der Küste. Niemand glaubte daran, dass wir das lebend schaffen würden. Alle hatten Todesängste, denn das Meer war gewaltig und endlos und alles, was ich sah, waren Wellen. Wir brachten zwei Tage damit zu, an Körpergewicht zu verlieren. Wir tranken nur Wasser. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ihr uns gerettet habt. Die Überquerung war wie ein Albtraum.

Dadurch, dass ihr uns gerettet habt, ist es, als hättet ihr die ganze Welt gerettet. Ihr habt eine beachtliche Aufgabe vollbracht, für die euch nur der allmächtige Gott belohnen kann.«

Brief an Sára Činčurová, Übersetzung aus dem Englischen: Melanie M. Klimmer


Das Bordhospital als Rückzugsort

»Im Frauen-Container ist es eng. Es ist stickig, heiß, die Kinder sind laut«, berichtet Sophie Weidenhiller in einer Sprachnachricht am 20. Mai von Bord des Rettungsschiffes. »Kinder haben sich übergeben. Das Ganze ist natürlich kein Dauerzustand«.

Das Medical Team hält nach Notfallversorgung, Corona-Antigentests und Gesundheitschecks den Zugang zum Bordhospital möglichst offen. Besonders für Frauen, die sich zurückziehen wollen, erweist sich der Ort als Schutzraum für etwas Privatsphäre und auch das Unaussprechliche. Auf den Ruheliegen können sie sich für Momente ausruhen. Viele Frauen – auch vier im dritten bis achten Monat Schwangere – weisen psychosomatische Schmerz-Syndrome auf, somatoforme Reaktionen auf sexualisierte Gewalt und schwerste Traumatisierung. Hier wissen sie, dass sie darüber sprechen können und sich mit den Informationen nicht in Gefahr begeben. Oft aber finden sie nur stark vereinfachte, fast schon bagatellisierende, Ausdrucksformen für das Unsägliche (siehe »Brief einer Geretteten«).

Geflüchtete mit Kind an Bord der SEA-EYE 4

Nicht jedes Trauma traumatisiert, insbesondere wenn es den Betroffenen gelingt, das Widerfahrene in neue, konstruktive Energie zu verwandeln und in die individuelle Lebensausrichtung zu integrieren. Die Expert:innengruppe der S3-Leitlinie »Posttraumatische Belastungsstörung ICD-10: F43.1« um den Privatdozenten Dr. med. Guido Flatten, unter anderem Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Leiter der Aachener Trauma-Ambulanz, nennen mehrere Arten von Traumata, für die eine besonders hohe Prävalenz von 50 % für eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) besteht (Flatten 2011, S. 203).

Auf den Fluchtkontext übertragen sind das die Erfahrungen von Vertreibung, Geiselnahme und Entführung, Menschenhandel, sexualisierte Gewalterfahrungen wie Vergewaltigung oder Zwangsprostitution, sowie politische Haft, Folter und andere Erfahrungen in Todesnähe. Dabei kann die PTBS unmittelbar oder auch verzögert auftreten und Folge eines einzelnen Ereignisses oder auch einer Aufeinanderfolge mehrerer Ereignisse sein (»Sequenzielle Traumatisierung« nach H. Keilson). Es muss nicht die eigene Person betroffen sein. Oft reicht es aus, die Ereignisse beobachtet zu haben.

Gerettetes Kind auf der SEA-EYE 4

Retraumatisierung im Aufnahmeland

In Deutschland erhalten geflüchtete Frauen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz nur eine Akutversorgung, Gesundheitsversorgung im Rahmen von Schwangerschaft und Geburt und bei akuten Schmerzen (§ 4 Abs. 1 AsylbLG). Aber auch Personen, »die Folter, Vergewaltigung oder sonstige schwere Formen psychischer, physischer oder sexueller Gewalt erlitten haben, wird die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe gewährt«, sofern sie eine Aufenthaltserlaubnis gemäß § 24 Abs. 1 des Aufenthaltsgesetzes besitzen (§ 6 Abs. 2 AsylbLG). In der Realität ist das frühestens ab dem 16. Monat ihres Aufenthaltes in Deutschland der Fall.

Geflüchtete an Bord der SEA-EYE 4

Für von Gewalt betroffene Frauen nach Fluchterfahrung – noch dazu bei Schwangerschaft nach Vergewaltigung – kann dies eine außerordentlich lange Zeit bedeuten, gerade wenn ein komplexer Versorgungsbedarf besteht. Erschwert wird die Versorgungssituation durch eine unzureichende Datenlage.

Die Psychologin Jenny Jesuthasan ist Projektkoordinatorin für die Studie »Study on Female Refugees« der Berliner Charité Universitätsmedizin. Mit Blick auf die Fluchtgeschichte vieler Frauen gibt sie zu bedenken, dass Beschränkungen beim Zugang zu Gesundheitsleistungen im Aufnahmeland, die von den Frauen als dringend notwendig empfunden werden, dazu führen können, dass diese ein höheres Risiko für eine PTBS entwickeln und retraumatisiert werden. Grund dafür ist, dass ihnen dieser Versorgungsmangel bereits von ihrer Flucht her bekannt ist und medizinische und psychologische Hilfe auch an dem Ort nicht gewährt wird, der ihnen Schutz und Hilfe geben sollte.

Wenn die Kinder staatenlos werden

Ein weiterer wichtiger Faktor beeinflusst die gesundheitliche Situation der schwangeren Frauen nach der Flucht aus Libyen und der Rettung aus Seenot: Werden Frauen, die ein Kind aus einer Vergewaltigung im Rahmen von Internierung, Menschenhandel und Zwangsprostitution geboren haben, aus Europa abgeschoben, müssen sie damit rechnen, in der Herkunftsfamilie nicht mehr aufgenommen zu werden und in Armut und Ausgrenzung zu leben. Ihre Zukunft ist völlig ungewiss, denn ein Zurück gibt es oft nicht. Im Extremfall sind die Kinder staatenlos, weil ihre Mütter – in einer patrilinearen Gesellschaft – den erforderlichen Namen des Kindsvaters und Peinigers für die Ausweisdokumente nicht nennen können. In Europa könnten sie dagegen eher rechtliche Anerkennung erfahren.

Erfahrungen dazu gibt es in vielen Staaten mit sogenannten »Kindern des Krieges«, wie sie in der Wissenschaft genannt werden, das heißt mit Kindern, die von »Feinden« – Rebellen oder Militärs – gezeugt wurden. In vielen Gesellschaften wird die kulturelle Praxis der sozialen Ausgrenzung solcher Mütter mit ihren Kindern viel zu selten hinterfragt. Dass es gelingen kann, in die Familie zurückzukehren, zeigen Beispiele wie Grace Acan, die 1996 als Mädchen von Rebellen der Lord’s Resistance Army (LRA) in Uganda entführt worden war. Sie hat zwei »Kinder des Krieges« geboren. Sie sieht in ihnen ihre Zukunft, gleich unter welchen Umständen sie geboren wurden. Während ihrer Gefangenschaft hätte sie alles für ihre Kinder getan (Acan 2018). Die soziale Integration durch die Familie hat es möglich gemacht und wirkt sich nun positiv auf die Beziehung zu ihren Kindern aus.

Geflüchtete mit Kind an Bord der SEA-EYE 4

Die Bedeutung der Familie für die Gesundheit geflüchteter Frauen stellen auch die Forscher:innen an der Charité in den Mittelpunkt. »Familie repräsentiert einen elementaren Schutzfaktor und erfüllt die Grundbedürfnisse von Sicherheit und sozialer Zugehörigkeit. Daher führt eine Ausstoßung aus diesem elementaren Schutzraum zu langanhaltenden Folgen« (Jesuthasan et al. 2018).


Daten aus Interviews: Situation von Frauen auf der Flucht

Rund 87 % der Frauen mussten sich auf der Flucht Schmuggler:innen anvertrauen. Fast jede zweite Frau auf der Flucht berichtet von erlittenem Hunger und Durst (46,3 %) und hatte keinen Zugang zu medizinischer Grundversorgung (47,6 %). Mehr als jede dritte Frau wurden unfreiwillig von der Familie getrennt (34,5 %), fast jede vierte inhaftiert (23 %). Mehr als jede fünfte Frau wurde gefoltert (22,1 %) und knapp jede fünfte gibt an, sexualisierte Gewalt erlebt zu haben (19,1 %). Die Dunkelziffer dürfte jedoch weit höher sein.

Quelle: Daten aus strukturierten, muttersprachlichen Interviews mit geflüchteten Frauen (n=663) aus Afghanistan, Syrien, Iran, Irak, Somalia und Eritrea in Deutschland (Jesuthasan J et al. 2018)


Unglaubliche Stärke der Frauen

»Wenn man Säuglinge auf dem Mittelmeer treiben lässt, anstatt sie zu retten, zeigt das doch überdeutlich, dass wir an dieser Stelle massiv versagt haben«, so Sophie Weidenhiller. »Angesichts all diesen Horrors bin ich zutiefst beeindruckt von der unglaublichen Stärke dieser Frauen und davon, dass sie trotz allem nicht verlernt haben, menschlich zu bleiben. Indem sie über das Erlebte berichten, möchten sie sich auch dafür einsetzen, dass anderen Frauen solche Gräueltaten erspart bleiben. Ich ziehe den Hut vor dieser Stärke.«

Nach der Anlandung in Pozzallo auf Sizilien werden die Frauen zusammen mit ihren Familien in eine Einrichtung gebracht, wo sie auch medizinisch versorgt werden können.

SEA-EYE 4: Gerettete

Die Männer werden trotz zweitem Negativtest gleich nach der Ausschiffung für eine zehntägige Quarantäne auf einem anderen Schiff untergebracht. Eine der geretteten Schwangeren erleidet wenige Tage nach der Ausschiffung in einem Lager auf Sizilien eine Fehlgeburt.

»Es gibt einfach keine Alternative, als diese Frauen aus den Lagern herauszuholen und in sicheren Unterkünften unterzubringen«, sagt Sára Činčurová (Sea-Eye, Episode 10). »Vor allem aber brauchen sie eine angemessene medizinische Versorgung. Es wird also unsere Aufgabe sein, darüber nachzudenken, wie wir Fluchtwege sicherer machen können.«

»Besonders schön ist es dann auch wieder, wenn wir sehen, wie Kinder groß werden«, sagt Sophie Weidenhiller, »oder wenn wir davon erfahren, wie zuletzt im Juli, dass eine der Schwangeren, die wir gerettet haben, in Italien ein gesundes Baby zur Welt gebracht hat.«


Auf der Suche nach einem Port of Safety
Illustration: © Melanie M. Klimmer

Nachdem Malta nicht auf die Anfrage des ersten Offiziers der Sea-Eye 4 nach einem sicheren Hafen reagiert und der palermitanische Bürgermeister Leoluca Orlando den Geflüchteten einen »Port of Safety« angeboten hat, weist ihnen das italienische Maritime Rescue Coordination Center (MRCC) den Hafen Pozzallo auf der anderen Seite Siziliens in zwei Tagen Entfernung zu.


Maritime Koordinierung? Weil die staatliche Seenotrettung fehlt …

Seenotrettungsorganisationen dokumentieren immer aggressivere Push-Backs der libyschen Küstenwache (LYCG). Anstatt zivile Seenotrettungsschiffe in der Nähe gezielt mit Rettungen zu beauftragen, koordiniert die europäische Grenzschutzagentur Frontex die Push-Backs aus der Luft, damit die LYCG die Geflüchteten illegal in einen unsicheren Hafen nach Libyen zurückbringt. Statt aus Seenot gerettet zu werden, werden die Geflüchteten dann in ein Land zurückgeschleppt, in dem sie schwerste Menschenrechtsverletzungen erleiden. Bis 16. September 2021 sind in diesem Jahr bereits 1.357 Menschen auf ihrer Flucht über das Mittelmeer ertrunken, allein im zentralen Mittelmeer 1.081 Personen.
> https://missingmigrants.iom.int/region/mediterranean.


Nachgefragt

»Schwangere Frauen haben viele Härten erlitten«

Die freie slowakische Journalistin Sára Činčurová war an Bord der Sea-Eye 4 und hat mit geretteten Frauen gesprochen.

Melanie M. Klimmer: Von welchen Fluchterfahrungen berichteten schwangere Frauen, die an Bord der Sea-Eye 4 gerettet wurden?

Sára Činčurová: Schwangere Frauen erleiden auf ihrer Flucht viele Härten. Von den 408 geretteten Menschen waren 36 Frauen, darunter vier Schwangere – die meisten waren von ihren Erlebnissen gezeichnet und zeigten tiefe Spuren der Traumatisierung. Einige der Frauen gaben Unterleibsschmerzen an, die das medizinische Team mit sexualisierten Gewalterfahrungen in Verbindung bringen konnte. Mindestens vier Frauen schilderten unter Tränen, wie sie in libyschen Detention Centers (Inter­nierungslagern) wiederholt verge­waltigt und geschlagen worden seien.

Melanie M. Klimmer: Immer wieder hört man von Menschenrechtsverletzungen in den libyschen Detention Centers. Was haben dir die Frauen darüber berichtet?

Sára Činčurová

Sára Činčurová: Neben den systematischen Vergewaltigungen und Schlägen in den Detention Centers erzählten uns mindestens vier Frauen von Filmaufnahmen während den Vergewaltigungen und wie libysche Männer mit ihnen »gespielt« hätten. Sie erzählten außerdem, dass es dort weder Nahrung noch Wasser gegeben habe, nicht einmal für die Kleinsten. Von Tränen überströmt schilderte mir eine Frau, wie ihr acht Monate altes Baby aufgrund dieser Umstände in ihren Armen fast verhungert und verdurstet sei. Diese Erfahrung habe sie schließlich bewogen, mit ihrem Baby dieses Risiko einzugehen und sich auf das Meer in die Wellen zu begeben, um dem Kind ein besseres Leben zu schenken. Viele Frauen berichteten uns, dass sie bei der Überquerung des Mittelmeers in hochseeuntauglichen Booten voller Angst um das Leben und das Wohlergehen ihrer – oft noch kleinen – Kinder gewesen seien. Eine Alternative aber sehen sie nicht.

Übersetzung aus dem Englischen: Melanie M. Klimmer


Dieser Artikel ist erstmals in der Deutschen Hebammen Zeitschrift erschienen:
Melanie M. Klimmer: „Schwangere und Mütter auf der Flucht. Wenn das Wasser sicherer ist als das Land“, erschienen in der Deutschen Hebammen Zeitschrift 2021, 73 (10): 76-81, Hannover, Link: https://www.dhz-online.de/de/news/detail/artikel/wenn-das-wasser-sicherer-ist-als-das-land/

Die Autorin: Melanie M. Klimmer

Melanie M. Klimmer ist freie Wissenschaftsjournalistin (DFJV), Reporterin und Autorin, Klinische Soziologin (Intervention) und Beraterin für Konflikttransformation nach J. Galtung sowie Dozentin für Gesundheit nach Fluchterfahrung und sozialpolitische Nischenthemen. Als Ethnologin M.A. und Sozialwissenschaftlerin arbeitete sie bis 2001 als Koordinatorin in der Menschenrechts- und Umweltarbeit, bis 2011 als Examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin mit Fortbildung für humanitäre Auslandseinsätze und intersektorale Arbeit in HIV/Aids in der Pflege. Sie lehrte viele Jahre an Universitäten, politischen Bildungsstätten und Akademien.

Fotos

Die Fotos sind Symbolbilder und stammen aus unterschiedlichen Einsätzen der Sea-Eye 4.

Literatur

Acan G: Not yet sunset. A Story of Survival and Perseverance in LRA Captivity. Kampala. Uganda 2018

Andrae A: »Was im Mittelmeer durch die sogenannte libysche Küstenwache passiert, ist nicht legal«. Hinterland-Magazin #39/2018:16–21. Hrsg. v. Bayrischen Flüchtlingsrat. www.hinterland-magazin.de/wp-content/uploads/2018/10/hinterland-magazin39-16.pdf (letzter Zugriff: 11.8.2021)

Flatten G et al.: S3-Leitlinie. Posttraumatische Belastungsstörung ICD-10: F43.1. Trauma & Gewalt. H 3 (5): 202–209. Stuttgart 2011

Jesuthasan J, Sönmez E, Abels I et al.: Near-death experiences, attacks by family members, and absence of health care in their home countries affect the quality of life of refugee women in Germany: a multi-region, cross-sectional, gender-sensitive study. BMC Med 2018. 16, 15

Klimmer MM: Schwanger auf der Flucht in Corona-Zeiten: Die Krise hat sich noch verschärft. Deutsche Hebammen Zeitschrift 2020. 72 (12): 86–90. www.dhz-online.de/de/archiv/archiv-inhalt-heft/archiv-detail-abo/artikel/die-krise-hat-sich-noch-verschaerft/

Preitler B: Der unzumutbare Schmerz – Folgen von Folter und Verfolgung. In: Mirzaei S, Schenk M (Hrsg.): Abbilder der Folter. Hemayat: 15 Jahre Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen. Wien. Mandelbaum 2010. 52–72

Weidenhiller S: Sea-Eye-Podcast »Ehrlich gesagt«. Episode 10 with journalist & activist Sára Činčurová, 8.3.2021 (engl.). https://open.spotify.com/episode/67WHUZmb50xC7uaYbROAKK?go=1&utm_source=embed_v3&t=0&nd=1 (letzter Zugriff: 21.6.2021)

Dies.: Sea-Eye-Podcast »Ehrlich gesagt« Episode 13 with Sára Činčurová (engl.). https://open.spotify.com/embed-podcast/episode/3aplFMfqRo2RQfT8f3YJ7p?si=PbZNwqYzRYq0wixiD7_a_g&dl_branch=1 (letzter Zugriff: 21.7.2021)

Wolfe L: The missing women of the mediterranean refugee crisis. July 24 2015. https://womensmediacenter.com/women-under-siege/missing-women-of-the-mediterranean-refugee-crisis (letzter Zugriff: 21.6.2021)

Wolff H, Epiney M, Lourenco AP, Costanza MC, Delieutraz-Marchand J, Andreoli N et al.: Undocumented migrants lack access to pregnancy care and prevention. BMC public health 2008. H 8 (93), S. 1–10. https://pdfs.semanticscholar.org/ecc/e805d9ff40b248adaf4b0644400fae629f21.pdf

Über die brutalen Angriffe von EU-Staaten auf flüchtende Menschen

Ein Kommentar von Axel Pasligh, Politikwissenschaftler und Head of Communications bei Sea-Eye e. V.

Die SEA-EYE 4 lief am 8. Mai vom spanischen Burriana zu ihrer ersten Rettungsmission aus. Am 22. Mai ging sie in Pozzallo auf Sizilien zu Ende. Es gelang der Sea-Eye Crew, über 400 Menschen, darunter 150 Kinder, in Sicherheit zu bringen.

Dass diese zivile Rettungsmission überhaupt notwendig war, liegt daran, dass die EU-Staaten seit Jahren keine staatlichen Rettungsmissionen mehr betreiben. Sie benutzen Ertrinkenlassen als Waffe, um Menschen auf der Flucht sterben zu lassen. Zusätzlich beschäftigen sie die sogenannte libysche Küstenwache, um Menschen, die aus einem Bürgerkrieg fliehen, abzufangen und in die Internierungslager zurückzubringen.

SEA-EYE 4: Gerettete

2017 bezeichnete das Auswärtige Amt die Verhältnisse in libyschen Lagern als KZ-ähnlich. Trotz vieler ähnlicher Berichte unterstützen die EU-Staaten seit langem die Zwangsrückführungen der sogenannten libyschen Küstenwache, indem sie Koordinaten von Booten mit Schutzsuchenden an Libyen übermitteln. Damit beteiligt sich auch Deutschland an den Zwangsrückführungen in KZ-ähnliche Lager, von denen uns Folter, Sklaverei, Vergewaltigung und willkürliche Hinrichtungen bekannt sind.

Gleichzeitig sehen wir, wie spanische Soldat*innen am Strand von Ceuta hemmungslos auf wehrlose Menschen einprügeln. Um die schutzsuchenden Menschen, unter ihnen unbegleitete Minderjährige, direkt danach abzuschieben, ohne ihnen eine Chance auf einen Asylantrag zu geben. Videoaufnahmen zeigen, wie Menschen unter den Schlägen der Einsatzkräfte von Felsen ins Meer stürzen.

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In dem meterhohen, mit Stacheldraht und modernster Überwachungstechnik ausgestatteten Grenzzaun, der die spanische Exklave von Marokko trennt, sehen wir die architektonische Umsetzung der EU-Politik gegen flüchtende Menschen. Wo die EU-Staaten sich nicht durch das Mittelmeer abgrenzen können, verbarrikadieren sie sich, als würden auf der anderen Seite marodierende Horden und nicht hilfesuchende Familien mit Kindern stehen.

Wenn die Nachbarländer der EU-Staaten, wie kürzlich Marokko oder letztes Jahr die Türkei, nicht mehr die Drecksarbeit für die EU erledigen und schutzsuchende Menschen an die Grenze kommen lassen, sehen wir immer wieder das gleiche Bild. Europäische Polizist*innen und Soldat*innen prügeln auf die wehrlosen Menschen ein.

Die EU-Staaten wollen keine flüchtenden Menschen auf europäischem Boden. Deshalb bauen sie Grenzzäune, prügeln auf Flüchtende ein, lassen sie ertrinken, in Internierungslager zurückführen oder bauen selbst Elendslager, in denen Kinder von Ratten angefressen werden. Die EU-Staaten erkennen Flucht und die Suche nach Sicherheit nicht mehr als Menschenrechte an. Ihr Ziel ist stattdessen: Die Vernichtung von Flucht nach Europa.


Neuste Beiträge

SEA-EYE 4: Gerettete

Alle geretteten Menschen der SEA-EYE 4 sind an Land gegangen

Am 22. Mai konnte sich die Crew von den letzten der über 400 geretteten Menschen im Hafen von Pozzallo verabschieden und die Rettungsmission erfolgreich zu Ende führen. Der Empfang war jedoch alles andere als herzlich.

SEA-EYE 4: Gerettete

SEA-EYE 4: Die erste Rettungsmission

Die erste Rettungsmission der SEA-EYE 4 ist erfolgreich zu Ende gegangen. Wir haben die Ereignisse dieser besonderen Mission in einem Video zusammengefasst und wir haben eine Bitte.

Ein Beitrag von Michael Wüstenberg

Michael Wüstenberg, emeritierter Bischof, ist Teil der Crew, die die SEA-EYE 4 ins Mittelmeer überführt. An Bord denkt er viel über die Probleme und Ursachen, die zur humanitären Krise im Mittelmeer führen, nach.

Charles aus Ghana erzählt seine Geschichte im Adventskalender 2020 von United4Rescue und der Caritas-Hildesheim. Er gehört zu einer Fischerfamilie. Internationaler Fischfang vor ihrer Küste ließ sie ohne Einkommen. Er wurde nach Europa geschickt, um Geld zu verdienen. Die einen lassen vor fremden Küsten fischen, die anderen in Hamburg arbeiten. Wer ist wirklich ein Wirtschafts-“Migrant“?

Zur Kolonialzeit wurden Rohstoffe gewonnen und in Europa weiterverarbeitet. Heute ist die Ausbeutung von Koltan für unsere Handys ein Problem. Es ist wie mit unserer Umwelt: Die an der Natur verursachten Schäden gehen ebenso wenig in die Kostenrechnung ein wie die Schäden an der Arbeitswelt von Menschen im Kongo oder in Ghana.

Michael Wüstenberg

Zum Schutz des Urwalds Amazoniens, der zur Sojaproduktion „für uns“ gerodet wird, müsste eine Sauerstoffsteuer weltweit bedacht werden. Die einheimischen Menschen bräuchten dann nicht zu fliehen, sondern könnten Hüter weltweiter Sauerstoffvorräte sein. Lebensstil kann sich zur postkolonialen Fluchtursache entwickeln.

Immer mehr wird mir bewusst, dass wir Europäer all das wie selbstverständlich „dürfen“, was anderen untersagt sein soll. Es gibt heute eine Fernsehshow: „Die Auswanderer“. Im 19. Jahrhundert zogen arme Deutsche aus dem Westen Deutschlands nach Brasilien. Ob die von den Einheimischen eingeladen waren? Spanier, Engländer, Polen, Italiener … zog es nach Amerika. Die Hopi, die Dakota und andere Völker hatten ihnen keine Visa erteilt. Die jungen USA begannen die Immigration zu regeln.

Ein wichtiges Prinzip der Ethik ist die Verallgemeinerung. Was für die einen gilt, muss auch für die anderen gelten. Das unterscheidet sie von einer Mafiamoral, die streng ist, sich aber nur am Wohl der eigenen Gruppe ausrichtet.

SEA-EYE 4

Das Asylrecht für politisch Verfolgte erscheint mir als Anfang. Was gebraucht wird, wäre ein großzügiges, europäisch-solidarisches Immigrationsrecht, das unter anderem auch wirtschaftliche Gerechtigkeit, Verfolgung aufgrund sexueller Veranlagung und klimabedingte Faktoren in Betracht zieht. Dann könnten alle in Frieden ziehen – wie die Leute aus der Eiffel.

Vergangenheit verpflichtet. Europäische Museen zeigen das. Vielerorts sind sie dabei, Kulturgut an die ursprünglichen Eigentümer in Afrika und anderswo zurückzugeben. Es geht! Das kann sich sehr wohl auch auf wirtschaftliche Gerechtigkeit anwenden lassen.

Es gibt ein Verursacherprinzip. Das muss konsequent auch auf Verursacher von Fluchtbewegungen angewendet werden. Wenn ein Krieg mit Unwahrhaftigkeiten begonnen wird wie im Irak und im ungewollten wie effektiven Zusammenspiel mit tyrannischem religiösen Totalitarismus in einer Kettenreaktion vielerorts viele zur Flucht treibt, dann müssen die Verursacher für die immensen Folgen gerade stehen.

Michael Wüstenberg

Sinnvollerweise müsste das Mandat eines internationalen Gerichtshofs erweitert werden. Fairerweise sollten die Verantwortlichen nicht einfach Ärger oder Wut erfahren, sondern der Gegenwartskultur entsprechend in einem Prozess Rede und Antwort stehen.

Der Autor: Michael Wüstenberg

Michael Wüstenberg lebt als emeritierter Bischof in Hildesheim. Von 2008 bis 2017 war er Bischof der Diözese Aliwal in Südafrika. Sein Arbeitsschwerpunkt war das Netzwerken kleiner christlicher Gemeinschaften und die Ausbildung von verantwortlichen „Ehrenamtlichen“ in Gemeinden unter dem Leitbild einer Kirche, die der Menschlichkeit dient. Armut und HIV/AIDS waren da die wesentlichen Herausforderungen. Er beschäftigt sich weiter mit den Themen Rassismus und Immigration. Ihn interessiert kirchliches Leben, in dem das Herzblut der Menschlichkeit klar erkennbar ist.

Ein Beitrag von Michael Wüstenberg

Michael Wüstenberg, emeritierter Bischof, ist Teil der Crew, die die SEA-EYE 4 ins Mittelmeer überführt. An Bord denkt er viel über die Probleme und Ursachen, die zur humanitären Krise im Mittelmeer führen, nach.

Veränderung ist ein Schlüsselwort. Es ist eines meiner Lieblingsworte. Metanoia steht in unseren Schriften. Oft wird es mit Umkehr übersetzt: kehret um! Es meint aber: Ändert Euer Denken! Viele tun das. Die positiven Reaktionen auf meine Reise mit der SEA-EYE 4 und ihre späteren Einsätze zur Rettung von Flüchtenden aus Seenot bezeugen das.

Christen sind Mentalitätsarbeiter, Klimaarbeiter. Es geht um ein gutes „Betriebsklima“ unter allen Menschen. Wie das aussehen kann, das können wir aus unseren Schriften erheben, ohne der Versuchung zu erliegen, den eigenen Vorlieben und Vorurteilen nachzugeben.

Der „rote Faden“ der „heiligen Schriften“ will aufgegriffen werden. Es gilt, umfassend die am Rande: die Armen, die Fremden, die Witwen und Waisen … in die Mitte zu stellen.

SEA-EYE 4

Vieles ist möglich, besonders wenn wir in einer Koalition der Menschlichkeit einander den Rücken stärken. Wenn dann eine Gruppe oder ein Pfarrer als Sprachrohr auftritt, wird es denen guttun, dass ihre Leute sie aktiv unterstützen, wenn ihnen Gehässigkeiten entgegenschlagen. Es geht um Menschlichkeit, über alle Parteigrenzen hinweg.

Ob Christen da, wo herablassend oder abfällig über Flüchtende gesprochen wird, einen entschieden anderen Ton einbringen können? Das ist ja nicht verhandelbar. Man kann das sogar trainieren. Auch andere gesellschaftliche Gruppen tun das.

Ich wünsche mir, dass Glaubensgespräche und religiöse Bildung, wenn sie Themen der Menschlichkeit behandeln, in die Tiefe gehen. Das kann helfen, widerstandskräftig gegen schwarz-weiß-Malerei, gegen billige Polemik zu werden. Die analytischen Fragen „Warum? Warum? Warum?“ können alle stellen, um Dingen auf den Grund zu gehen: Warum verlassen Menschen, was einige so hochhalten: ihre Heimat? Warum haben Menschen Angst vor Fremden? Warum können sie deren Not nicht sehen? Warum kommt bei manchen Angst auf, weil sie sich an eigene Flucht oder Vertreibung erinnert fühlen? Warum fühlen sich einige in ihrer eigenen Not und Bedürftigkeit übersehen und brauchen Aufmerksamkeit – manches Sozialeinkommen ist ja wirklich beschämend gering?

SEA-EYE 4

Ich kann hier keinen Kurs in sozialer Analyse anbieten, aber jede Antwort kann noch tiefer hinterfragt werden. Vielleicht entdecken wir dabei sogar, dass einiges von dem auch mit uns und unserem Lebensstil zu tun hat. Da eröffnen sich neue Denkweisen und weite Aktionsfelder.

Das kann menschenfreundliches Engagement sein. Das kann auch weitergehen: durch öffentliche Aktionen, durch Überzeugungsarbeit. Manche sind als Influencer unterwegs. Etliches wird auch von denen getan, die Zugang zu weiteren Informationen und Einflussmöglichkeiten haben, wie den kirchlichen Hilfswerken, Brot für die Welt oder Misereor, Diakonie oder Caritas.

Nicht alle mögen, was die sagen, nicht Politiker, nicht Kirchenmitglieder. Auch deren Haltungen gehören dann auf den Prüfstand der uralten und sich weiter entwickelnden Charta der Menschenfreundlichkeit, die wir in der Bibel haben: Ändert Eure Denkweise.

SEA-EYE 4

Der Autor: Michael Wüstenberg

Michael Wüstenberg lebt als emeritierter Bischof in Hildesheim. Von 2008 bis 2017 war er Bischof der Diözese Aliwal in Südafrika. Sein Arbeitsschwerpunkt war das Netzwerken kleiner christlicher Gemeinschaften und die Ausbildung von verantwortlichen „Ehrenamtlichen“ in Gemeinden unter dem Leitbild einer Kirche, die der Menschlichkeit dient. Armut und HIV/AIDS waren da die wesentlichen Herausforderungen. Er beschäftigt sich weiter mit den Themen Rassismus und Immigration. Ihn interessiert kirchliches Leben, in dem das Herzblut der Menschlichkeit klar erkennbar ist.

Ein Bericht über Raissa und ihr Baby, die vor zwei Jahren von der ALAN KURDI gerettet wurden

Raissa, eine Frau die aus Kamerun geflohen war, wurde von der Sea-Eye Crew aus einem in Seenot geratenen Schlauchboot im Mittelmeer gerettet. Sie war im letzten Drittel ihrer Schwangerschaft und als die Besatzung sie aus dem Wasser zog, war sie bewusstlos, konnte weder gehen noch sprechen. Als sie schließlich an Land gehen durfte, erholte sie sich und brachte ein gesundes Mädchen zur Welt. Lesen Sie hier ihre Geschichte und helfen Sie dabei, mehr Menschenleben zu retten.

Raissa ist vor Krieg, Gewalt, Körperverletzung und Missbrauch in ihrem Heimatland Kamerun geflohen. Aber ihre erschütternde Reise nach Europa war nicht weniger gefährlich: Als alleinstehende Frau wurde sie von Schmugglern misshandelt und gewaltsam in einem libyschen Internierungslager eingesperrt. Sie wurde über ein Jahr lang gefangen gehalten und missbraucht.

„Ich bin vor dem Chaos von Krieg und Gewalt geflohen und war so gestresst, dass ich kaum wusste, wohin ich gehen würde“, sagte Raissa.

Raissa wurde gefoltert, zusammengeschlagen, unterernährt und plötzlich fand sie heraus, dass sie schwanger war. Während eines Luftangriffs, wie sie im vom Krieg heimgesuchten Libyen häufig vorkommen, gelang es Raissa, aus dem Internierungslager zu entkommen. Ein Mann aus der Gegend, der sah, dass sie schwanger war, hatte Mitleid mit ihr und half ihr, sich auf ein Schlauchboot Richtung Europa zu begeben.

Aber Raissas nicht seetüchtiges Schlauchboot begann 24 Stunden nachdem sie mit dutzenden anderen Menschen darauf zusammengepfercht wurde, in Seenot zu geraten. Wenn die ALAN KURDI nicht zu ihrer Rettung gekommen wäre, wären möglicherweise alle Passagiere gestorben.

„Ich war so krank, verwirrt und verletzt, dass ich nicht wusste, was mit mir geschah, und ich verlor das Bewusstsein, als die ALAN KURDI mich rettete“, sagte Raissa.

ALAN KURDI

Als sie sich erholte, hatte Raissa nur eine Hoffnung: ein anständiges Leben für ihr ungeborenes Kind aufzubauen und einen Ort zu finden, der frei von Gewalt und Missbrauch ist.

Vera, eine ehrenamtliche Krankenschwester an Bord der ALAN KURDI, erinnerte sich daran, dass Raissa, als sie gerettet wurde, im achten Monat schwanger war, das Bewusstsein verlor und stark zitterte.

„Später, als sie sich besser fühlte, umarmte sie mich und nannte mich immer wieder ‚Mama Vera‘. Das hat mich unglaublich berührt und es war mir eine große Ehre“, sagte Vera.

Sophie, ein weiteres ehrenamtliches Crewmitglied an Bord des Schiffes, erinnerte sich daran, dass Raissa immer geholfen hatte, auf die anderen Kinder an Bord aufzupassen.

„Ich wusste, dass sie eine großartige Mutter sein würde“, sagte Sophie.

Trotz aller Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert war, wurde Raissas Baby, ein wunderschönes kleines Mädchen, kurz nach ihrer Ausschiffung gesund und voller Leben in Europa geboren. Dank der Arbeit von Sea-Eye überlebten Raissa und ihr kleines Baby.

Sophie erinnerte sich: „Als ich zum ersten Mal ein Bild von Raissas Baby erhielt, war mein Herz voller Freude: Dieses perfekte kleine Mädchen lebt und es geht ihr gut! Das ist alles, was ich mir zuvor gewünscht und erhofft hatte. Sie leben dank Menschen, die sich immer noch kümmern, denen andere Menschen nicht egal sind. Dank jener Menschen, die die zivile Seenotrettung unterstützen. Leute wie Sie, die diese Geschichte gerade lesen.“

Raissa mit ihrer Tochter

Heute leben Raissa und ihre Tochter in einem Flüchtlingslager in Portugal, und obwohl sie immer noch mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert sind, sind sie vorerst am Leben, gesund und in Sicherheit.

„Gott hat die Sea-Eye-Crew auf meinen Weg geschickt und bis heute sind diejenigen, die mich gerettet haben, meine einzige Familie in Europa – sie sind die einzigen, die mir auf diesem Weg etwas Freundlichkeit gezeigt haben“, sagt Raissa heute. „Ich wünsche mir nur, dass sie immer ihre Liebe zu refugees und die Freundlichkeit, die sie in ihren Herzen haben, behalten.“

Unterstützen Sie Sea-Eye und die Schiffe ALAN KURDI und SEA-EYE 4 bei der Durchführung lebensrettender Missionen und zeigen Sie Ihre Nächstenliebe, Ihre Empathie, Ihre Rücksichtnahme und Ihren Respekt für das Leben von Menschen auf der Flucht.

Helfen Sie, Frauen und Kinder wie Raissa und ihr Baby zu schützen. Lassen wir Menschen nicht ertrinken.

Friedliche Feiertage an all unsere Unterstützer*innen!
Vielen Dank.

Bericht von: Sara Cincurova, freie Journalistin mit Schwerpunkt Menschenrechte.

* Zu Raissas Sicherheit wurden ihr Name und sensible Details ihrer Geschichte redigiert.

Ein Beitrag von Stefano Lotumolo zur Ankunft der ALAN KURDI in Olbia

Übersetzung aus dem Englischen

Am Donnerstagabend (24.09.2020) hatte uns die Nachricht von der Ankunft der ALAN KURDI über Facebook erreicht. Unter dem Post zu dieser Nachricht lesen wir viele rassistische Kommentare.

Ich schaue meine Freundin an und sage: „Okay, das dürfen wir nicht verpassen.

Wir wachen um 5:30 Uhr auf, die Ankunft der ALAN KURDI ist für 6:00 Uhr geplant. Das Wetter ist schlecht, weshalb die ALAN KURDI ihren Kurs nach Marseille nicht fortsetzt und in Olbia anlegen darf.

Gegen 9:00 Uhr trifft ein jämmerlicher Haufen von Lega-Anhängern und Neofaschisten ein.

Die ALAN KURDI dockt um 10:00 Uhr an.

Nehmt sie mit zu euch nach Hause“, schreien sie uns an, mit ihrer arroganten und intoleranten Haltung.

Sie machen ihre Show für die üblichen Fotos. Angeben ist das Einzige, was für sie zählt.

Sie wollen die italienischen Grenzen vor 125 schutzsuchenden Menschen verteidigen, die vor Krieg fliehen, rausgefischt von den Engeln der ALAN KURDI in drei verschiedenen Rettungseinsätzen im Mittelmeer.

Ankunft der ALAN KURDI in Olbia

Fast die Hälfte der Migrant*innen sind minderjährig.

Der Jüngste ist fünf Monate alt.

Wir grüßen die verängstigten Männer und Frauen und versuchen zu verstehen, was passieren wird.

Der Aufbau der Zelte beginnt gegen 12:00 Uhr.

Warum konnte es nicht früher gemacht werden? Wir waren schon ab 6:00 Uhr morgens dort.

Der Wind weht stark, manchmal geht er in einen Sturm über und die Menschen sind gezwungen, auf dem Schiff zu bleiben.

Gegen 18 Uhr beginnen sie mit dem Aussteigen, auf dem Boden sitzen Frauen mit ihren Kindern.

Es ist kalt.

Die meisten von ihnen sind barfuß.

Sie schauen uns an, wir schauen sie an. Ich fühle mich schuldig. Furchtbar schuldig.

Geflüchtete und Polizei in Olbia

Ich wünschte, ich wäre auf diesem Schiff; ich möchte ihnen sagen, dass alles in Ordnung sein wird und dass in kurzer Zeit endlich alles vorbei sein wird.

Aber leider ist das nicht der Fall.

Für die Nacht wird ein Empfangszentrum außerhalb des Industriehafens eingerichtet, dort würden sie bleiben.

Willkommensgruß in Olbia

Wir fahren am Samstag zurück, um Neuigkeiten zu erfahren, und es gelingt uns, Josh, den ersten Offizier der ALAN KURDI, zu interviewen, der uns mit „offenen Armen“ hinter der Reling empfängt.

„NIEMAND SETZT SEINE KINDER IN EIN BOOT, WENN DAS WASSER NICHT SICHERER IST ALS DAS LAND.“

Aus dem Gedicht Home von Warsan Shire, einer jungen kenianischen Schriftstellerin und Dichterin.

Heute interessiert sich niemand mehr für die Nachrichten.

Ankunft in Olbia

Aber wie sehr kümmern wir uns wirklich um diese Menschen?

Oder kommen sie nur an einem Tag in die Nachrichten und sind am nächsten Tag verschwunden?

„Aber wie sehr kümmern wir uns wirklich um diese Menschen?“

Viele von ihnen sind unbegleitete Minderjährige, Kinder, die ohne ihre Eltern in einem unbekannten Land ankommen, nachdem sie, niemandem weiß welche, Tragödien erlebt haben.

„Liebe Hasser*innen, seht, auf wen ihr euren Hass geschüttet habt.“

Liebe Hasser*innen, seht, auf wen ihr euren Hass geschüttet habt.

Auf die verletzlichsten Menschen dieser ungerechten Welt.

Am Sonntagabend gelingt es uns, der gesamten Besatzung Pizzas zu bringen.

Eine große Ehre für uns.

Die Ankunft kurz vor meiner nächsten Erfahrung dokumentieren zu können, war ein großartiges Zeichen. Ich bin im Begriff, einen stillen Spaziergang zu beginnen, der mich von Assisi nach Riace führen wird, wo ich Domenico Lucano treffen werde.

Domenico, der ehemalige Bürgermeister von Riace, hat ein Integrationsmodell für Migrant*innen geschaffen, das weltweit Anerkennung gefunden hat.

Es liegt nun an Europa, Lösungen zu finden, auch für die Hotspots in Griechenland. Wir brauchen präzise Regeln.

Wir sind alle gleich, es gibt keine Menschen erster oder zweiter Klasse.

Liebe erzeugt Liebe.
Liebe erzeugt positive Gefühle.
Liebe erzeugt Leben.

Ich wünsche Ihnen allen ein schönes Leben.

Mit Liebe.
Stefano.

Der Autor: Stefano Lotumolo

Mit einem Diplom in Buchhaltung arbeitete er bis zum Alter von 28 Jahren als Blumenzüchter im Familienbetrieb. Im Jahr 2015 verließ er seinen sicheren Hafen, um auf Reisen zu gehen und sich selbst und die Welt kennenzulernen.

Im Juni 2017 trat er seine erste fotografische Reise an, eine dreimonatige Rucksacktour in Afrika. Von dort aus änderte sich sein Leben völlig. Durch die Fotografie möchte er, dass die Menschen die Menschen so sehen, wie er sie durch seine Augen sieht, und er nimmt sie mit seinem Herzen wahr.

Er möchte dieselbe Liebe und denselben Respekt vermitteln, den er für das Leben empfindet.

Durch die Fotografie möchte Stefano eine Stimme für die Stimmlosen sein, Geschichten aus dem wirklichen Leben und den verschiedenen Unbeständigkeiten der Menschen erzählen, mit denen er seine Lebenserfahrungen teilt.

Fotos in diesem Beitrag: © Stefano Lotumolo