Über die brutalen Angriffe von EU-Staaten auf flüchtende Menschen

Ein Kommentar von Axel Pasligh, Politikwissenschaftler und Head of Communications bei Sea-Eye e. V.

Die SEA-EYE 4 lief am 8. Mai vom spanischen Burriana zu ihrer ersten Rettungsmission aus. Am 22. Mai ging sie in Pozzallo auf Sizilien zu Ende. Es gelang der Sea-Eye Crew, über 400 Menschen, darunter 150 Kinder, in Sicherheit zu bringen.

Dass diese zivile Rettungsmission überhaupt notwendig war, liegt daran, dass die EU-Staaten seit Jahren keine staatlichen Rettungsmissionen mehr betreiben. Sie benutzen Ertrinkenlassen als Waffe, um Menschen auf der Flucht sterben zu lassen. Zusätzlich beschäftigen sie die sogenannte libysche Küstenwache, um Menschen, die aus einem Bürgerkrieg fliehen, abzufangen und in die Internierungslager zurückzubringen.

SEA-EYE 4: Gerettete

2017 bezeichnete das Auswärtige Amt die Verhältnisse in libyschen Lagern als KZ-ähnlich. Trotz vieler ähnlicher Berichte unterstützen die EU-Staaten seit langem die Zwangsrückführungen der sogenannten libyschen Küstenwache, indem sie Koordinaten von Booten mit Schutzsuchenden an Libyen übermitteln. Damit beteiligt sich auch Deutschland an den Zwangsrückführungen in KZ-ähnliche Lager, von denen uns Folter, Sklaverei, Vergewaltigung und willkürliche Hinrichtungen bekannt sind.

Gleichzeitig sehen wir, wie spanische Soldat*innen am Strand von Ceuta hemmungslos auf wehrlose Menschen einprügeln. Um die schutzsuchenden Menschen, unter ihnen unbegleitete Minderjährige, direkt danach abzuschieben, ohne ihnen eine Chance auf einen Asylantrag zu geben. Videoaufnahmen zeigen, wie Menschen unter den Schlägen der Einsatzkräfte von Felsen ins Meer stürzen.

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In dem meterhohen, mit Stacheldraht und modernster Überwachungstechnik ausgestatteten Grenzzaun, der die spanische Exklave von Marokko trennt, sehen wir die architektonische Umsetzung der EU-Politik gegen flüchtende Menschen. Wo die EU-Staaten sich nicht durch das Mittelmeer abgrenzen können, verbarrikadieren sie sich, als würden auf der anderen Seite marodierende Horden und nicht hilfesuchende Familien mit Kindern stehen.

Wenn die Nachbarländer der EU-Staaten, wie kürzlich Marokko oder letztes Jahr die Türkei, nicht mehr die Drecksarbeit für die EU erledigen und schutzsuchende Menschen an die Grenze kommen lassen, sehen wir immer wieder das gleiche Bild. Europäische Polizist*innen und Soldat*innen prügeln auf die wehrlosen Menschen ein.

Die EU-Staaten wollen keine flüchtenden Menschen auf europäischem Boden. Deshalb bauen sie Grenzzäune, prügeln auf Flüchtende ein, lassen sie ertrinken, in Internierungslager zurückführen oder bauen selbst Elendslager, in denen Kinder von Ratten angefressen werden. Die EU-Staaten erkennen Flucht und die Suche nach Sicherheit nicht mehr als Menschenrechte an. Ihr Ziel ist stattdessen: Die Vernichtung von Flucht nach Europa.


Neuste Beiträge

SEA-EYE 4: Gerettete

Alle geretteten Menschen der SEA-EYE 4 sind an Land gegangen

Am 22. Mai konnte sich die Crew von den letzten der über 400 geretteten Menschen im Hafen von Pozzallo verabschieden und die Rettungsmission erfolgreich zu Ende führen. Der Empfang war jedoch alles andere als herzlich.

SEA-EYE 4: Gerettete

SEA-EYE 4: Die erste Rettungsmission

Die erste Rettungsmission der SEA-EYE 4 ist erfolgreich zu Ende gegangen. Wir haben die Ereignisse dieser besonderen Mission in einem Video zusammengefasst und wir haben eine Bitte.

Ein Beitrag von Michael Wüstenberg

Michael Wüstenberg, emeritierter Bischof, ist Teil der Crew, die die SEA-EYE 4 ins Mittelmeer überführt. An Bord denkt er viel über die Probleme und Ursachen, die zur humanitären Krise im Mittelmeer führen, nach.

Charles aus Ghana erzählt seine Geschichte im Adventskalender 2020 von United4Rescue und der Caritas-Hildesheim. Er gehört zu einer Fischerfamilie. Internationaler Fischfang vor ihrer Küste ließ sie ohne Einkommen. Er wurde nach Europa geschickt, um Geld zu verdienen. Die einen lassen vor fremden Küsten fischen, die anderen in Hamburg arbeiten. Wer ist wirklich ein Wirtschafts-“Migrant“?

Zur Kolonialzeit wurden Rohstoffe gewonnen und in Europa weiterverarbeitet. Heute ist die Ausbeutung von Koltan für unsere Handys ein Problem. Es ist wie mit unserer Umwelt: Die an der Natur verursachten Schäden gehen ebenso wenig in die Kostenrechnung ein wie die Schäden an der Arbeitswelt von Menschen im Kongo oder in Ghana.

Michael Wüstenberg

Zum Schutz des Urwalds Amazoniens, der zur Sojaproduktion „für uns“ gerodet wird, müsste eine Sauerstoffsteuer weltweit bedacht werden. Die einheimischen Menschen bräuchten dann nicht zu fliehen, sondern könnten Hüter weltweiter Sauerstoffvorräte sein. Lebensstil kann sich zur postkolonialen Fluchtursache entwickeln.

Immer mehr wird mir bewusst, dass wir Europäer all das wie selbstverständlich „dürfen“, was anderen untersagt sein soll. Es gibt heute eine Fernsehshow: „Die Auswanderer“. Im 19. Jahrhundert zogen arme Deutsche aus dem Westen Deutschlands nach Brasilien. Ob die von den Einheimischen eingeladen waren? Spanier, Engländer, Polen, Italiener … zog es nach Amerika. Die Hopi, die Dakota und andere Völker hatten ihnen keine Visa erteilt. Die jungen USA begannen die Immigration zu regeln.

Ein wichtiges Prinzip der Ethik ist die Verallgemeinerung. Was für die einen gilt, muss auch für die anderen gelten. Das unterscheidet sie von einer Mafiamoral, die streng ist, sich aber nur am Wohl der eigenen Gruppe ausrichtet.

SEA-EYE 4

Das Asylrecht für politisch Verfolgte erscheint mir als Anfang. Was gebraucht wird, wäre ein großzügiges, europäisch-solidarisches Immigrationsrecht, das unter anderem auch wirtschaftliche Gerechtigkeit, Verfolgung aufgrund sexueller Veranlagung und klimabedingte Faktoren in Betracht zieht. Dann könnten alle in Frieden ziehen – wie die Leute aus der Eiffel.

Vergangenheit verpflichtet. Europäische Museen zeigen das. Vielerorts sind sie dabei, Kulturgut an die ursprünglichen Eigentümer in Afrika und anderswo zurückzugeben. Es geht! Das kann sich sehr wohl auch auf wirtschaftliche Gerechtigkeit anwenden lassen.

Es gibt ein Verursacherprinzip. Das muss konsequent auch auf Verursacher von Fluchtbewegungen angewendet werden. Wenn ein Krieg mit Unwahrhaftigkeiten begonnen wird wie im Irak und im ungewollten wie effektiven Zusammenspiel mit tyrannischem religiösen Totalitarismus in einer Kettenreaktion vielerorts viele zur Flucht treibt, dann müssen die Verursacher für die immensen Folgen gerade stehen.

Michael Wüstenberg

Sinnvollerweise müsste das Mandat eines internationalen Gerichtshofs erweitert werden. Fairerweise sollten die Verantwortlichen nicht einfach Ärger oder Wut erfahren, sondern der Gegenwartskultur entsprechend in einem Prozess Rede und Antwort stehen.

Der Autor: Michael Wüstenberg

Michael Wüstenberg lebt als emeritierter Bischof in Hildesheim. Von 2008 bis 2017 war er Bischof der Diözese Aliwal in Südafrika. Sein Arbeitsschwerpunkt war das Netzwerken kleiner christlicher Gemeinschaften und die Ausbildung von verantwortlichen „Ehrenamtlichen“ in Gemeinden unter dem Leitbild einer Kirche, die der Menschlichkeit dient. Armut und HIV/AIDS waren da die wesentlichen Herausforderungen. Er beschäftigt sich weiter mit den Themen Rassismus und Immigration. Ihn interessiert kirchliches Leben, in dem das Herzblut der Menschlichkeit klar erkennbar ist.

Ein Beitrag von Michael Wüstenberg

Michael Wüstenberg, emeritierter Bischof, ist Teil der Crew, die die SEA-EYE 4 ins Mittelmeer überführt. An Bord denkt er viel über die Probleme und Ursachen, die zur humanitären Krise im Mittelmeer führen, nach.

Veränderung ist ein Schlüsselwort. Es ist eines meiner Lieblingsworte. Metanoia steht in unseren Schriften. Oft wird es mit Umkehr übersetzt: kehret um! Es meint aber: Ändert Euer Denken! Viele tun das. Die positiven Reaktionen auf meine Reise mit der SEA-EYE 4 und ihre späteren Einsätze zur Rettung von Flüchtenden aus Seenot bezeugen das.

Christen sind Mentalitätsarbeiter, Klimaarbeiter. Es geht um ein gutes „Betriebsklima“ unter allen Menschen. Wie das aussehen kann, das können wir aus unseren Schriften erheben, ohne der Versuchung zu erliegen, den eigenen Vorlieben und Vorurteilen nachzugeben.

Der „rote Faden“ der „heiligen Schriften“ will aufgegriffen werden. Es gilt, umfassend die am Rande: die Armen, die Fremden, die Witwen und Waisen … in die Mitte zu stellen.

SEA-EYE 4

Vieles ist möglich, besonders wenn wir in einer Koalition der Menschlichkeit einander den Rücken stärken. Wenn dann eine Gruppe oder ein Pfarrer als Sprachrohr auftritt, wird es denen guttun, dass ihre Leute sie aktiv unterstützen, wenn ihnen Gehässigkeiten entgegenschlagen. Es geht um Menschlichkeit, über alle Parteigrenzen hinweg.

Ob Christen da, wo herablassend oder abfällig über Flüchtende gesprochen wird, einen entschieden anderen Ton einbringen können? Das ist ja nicht verhandelbar. Man kann das sogar trainieren. Auch andere gesellschaftliche Gruppen tun das.

Ich wünsche mir, dass Glaubensgespräche und religiöse Bildung, wenn sie Themen der Menschlichkeit behandeln, in die Tiefe gehen. Das kann helfen, widerstandskräftig gegen schwarz-weiß-Malerei, gegen billige Polemik zu werden. Die analytischen Fragen „Warum? Warum? Warum?“ können alle stellen, um Dingen auf den Grund zu gehen: Warum verlassen Menschen, was einige so hochhalten: ihre Heimat? Warum haben Menschen Angst vor Fremden? Warum können sie deren Not nicht sehen? Warum kommt bei manchen Angst auf, weil sie sich an eigene Flucht oder Vertreibung erinnert fühlen? Warum fühlen sich einige in ihrer eigenen Not und Bedürftigkeit übersehen und brauchen Aufmerksamkeit – manches Sozialeinkommen ist ja wirklich beschämend gering?

SEA-EYE 4

Ich kann hier keinen Kurs in sozialer Analyse anbieten, aber jede Antwort kann noch tiefer hinterfragt werden. Vielleicht entdecken wir dabei sogar, dass einiges von dem auch mit uns und unserem Lebensstil zu tun hat. Da eröffnen sich neue Denkweisen und weite Aktionsfelder.

Das kann menschenfreundliches Engagement sein. Das kann auch weitergehen: durch öffentliche Aktionen, durch Überzeugungsarbeit. Manche sind als Influencer unterwegs. Etliches wird auch von denen getan, die Zugang zu weiteren Informationen und Einflussmöglichkeiten haben, wie den kirchlichen Hilfswerken, Brot für die Welt oder Misereor, Diakonie oder Caritas.

Nicht alle mögen, was die sagen, nicht Politiker, nicht Kirchenmitglieder. Auch deren Haltungen gehören dann auf den Prüfstand der uralten und sich weiter entwickelnden Charta der Menschenfreundlichkeit, die wir in der Bibel haben: Ändert Eure Denkweise.

SEA-EYE 4

Der Autor: Michael Wüstenberg

Michael Wüstenberg lebt als emeritierter Bischof in Hildesheim. Von 2008 bis 2017 war er Bischof der Diözese Aliwal in Südafrika. Sein Arbeitsschwerpunkt war das Netzwerken kleiner christlicher Gemeinschaften und die Ausbildung von verantwortlichen „Ehrenamtlichen“ in Gemeinden unter dem Leitbild einer Kirche, die der Menschlichkeit dient. Armut und HIV/AIDS waren da die wesentlichen Herausforderungen. Er beschäftigt sich weiter mit den Themen Rassismus und Immigration. Ihn interessiert kirchliches Leben, in dem das Herzblut der Menschlichkeit klar erkennbar ist.

Ein Bericht über Raissa und ihr Baby, die vor zwei Jahren von der ALAN KURDI gerettet wurden

Raissa, eine Frau die aus Kamerun geflohen war, wurde von der Sea-Eye Crew aus einem in Seenot geratenen Schlauchboot im Mittelmeer gerettet. Sie war im letzten Drittel ihrer Schwangerschaft und als die Besatzung sie aus dem Wasser zog, war sie bewusstlos, konnte weder gehen noch sprechen. Als sie schließlich an Land gehen durfte, erholte sie sich und brachte ein gesundes Mädchen zur Welt. Lesen Sie hier ihre Geschichte und helfen Sie dabei, mehr Menschenleben zu retten.

Raissa ist vor Krieg, Gewalt, Körperverletzung und Missbrauch in ihrem Heimatland Kamerun geflohen. Aber ihre erschütternde Reise nach Europa war nicht weniger gefährlich: Als alleinstehende Frau wurde sie von Schmugglern misshandelt und gewaltsam in einem libyschen Internierungslager eingesperrt. Sie wurde über ein Jahr lang gefangen gehalten und missbraucht.

„Ich bin vor dem Chaos von Krieg und Gewalt geflohen und war so gestresst, dass ich kaum wusste, wohin ich gehen würde“, sagte Raissa.

Raissa wurde gefoltert, zusammengeschlagen, unterernährt und plötzlich fand sie heraus, dass sie schwanger war. Während eines Luftangriffs, wie sie im vom Krieg heimgesuchten Libyen häufig vorkommen, gelang es Raissa, aus dem Internierungslager zu entkommen. Ein Mann aus der Gegend, der sah, dass sie schwanger war, hatte Mitleid mit ihr und half ihr, sich auf ein Schlauchboot Richtung Europa zu begeben.

Aber Raissas nicht seetüchtiges Schlauchboot begann 24 Stunden nachdem sie mit dutzenden anderen Menschen darauf zusammengepfercht wurde, in Seenot zu geraten. Wenn die ALAN KURDI nicht zu ihrer Rettung gekommen wäre, wären möglicherweise alle Passagiere gestorben.

„Ich war so krank, verwirrt und verletzt, dass ich nicht wusste, was mit mir geschah, und ich verlor das Bewusstsein, als die ALAN KURDI mich rettete“, sagte Raissa.

ALAN KURDI

Als sie sich erholte, hatte Raissa nur eine Hoffnung: ein anständiges Leben für ihr ungeborenes Kind aufzubauen und einen Ort zu finden, der frei von Gewalt und Missbrauch ist.

Vera, eine ehrenamtliche Krankenschwester an Bord der ALAN KURDI, erinnerte sich daran, dass Raissa, als sie gerettet wurde, im achten Monat schwanger war, das Bewusstsein verlor und stark zitterte.

„Später, als sie sich besser fühlte, umarmte sie mich und nannte mich immer wieder ‚Mama Vera‘. Das hat mich unglaublich berührt und es war mir eine große Ehre“, sagte Vera.

Sophie, ein weiteres ehrenamtliches Crewmitglied an Bord des Schiffes, erinnerte sich daran, dass Raissa immer geholfen hatte, auf die anderen Kinder an Bord aufzupassen.

„Ich wusste, dass sie eine großartige Mutter sein würde“, sagte Sophie.

Trotz aller Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert war, wurde Raissas Baby, ein wunderschönes kleines Mädchen, kurz nach ihrer Ausschiffung gesund und voller Leben in Europa geboren. Dank der Arbeit von Sea-Eye überlebten Raissa und ihr kleines Baby.

Sophie erinnerte sich: „Als ich zum ersten Mal ein Bild von Raissas Baby erhielt, war mein Herz voller Freude: Dieses perfekte kleine Mädchen lebt und es geht ihr gut! Das ist alles, was ich mir zuvor gewünscht und erhofft hatte. Sie leben dank Menschen, die sich immer noch kümmern, denen andere Menschen nicht egal sind. Dank jener Menschen, die die zivile Seenotrettung unterstützen. Leute wie Sie, die diese Geschichte gerade lesen.“

Raissa mit ihrer Tochter

Heute leben Raissa und ihre Tochter in einem Flüchtlingslager in Portugal, und obwohl sie immer noch mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert sind, sind sie vorerst am Leben, gesund und in Sicherheit.

„Gott hat die Sea-Eye-Crew auf meinen Weg geschickt und bis heute sind diejenigen, die mich gerettet haben, meine einzige Familie in Europa – sie sind die einzigen, die mir auf diesem Weg etwas Freundlichkeit gezeigt haben“, sagt Raissa heute. „Ich wünsche mir nur, dass sie immer ihre Liebe zu refugees und die Freundlichkeit, die sie in ihren Herzen haben, behalten.“

Unterstützen Sie Sea-Eye und die Schiffe ALAN KURDI und SEA-EYE 4 bei der Durchführung lebensrettender Missionen und zeigen Sie Ihre Nächstenliebe, Ihre Empathie, Ihre Rücksichtnahme und Ihren Respekt für das Leben von Menschen auf der Flucht.

Helfen Sie, Frauen und Kinder wie Raissa und ihr Baby zu schützen. Lassen wir Menschen nicht ertrinken.

Friedliche Feiertage an all unsere Unterstützer*innen!
Vielen Dank.

Bericht von: Sara Cincurova, freie Journalistin mit Schwerpunkt Menschenrechte.

* Zu Raissas Sicherheit wurden ihr Name und sensible Details ihrer Geschichte redigiert.

Ein Beitrag von Stefano Lotumolo zur Ankunft der ALAN KURDI in Olbia

Übersetzung aus dem Englischen

Am Donnerstagabend (24.09.2020) hatte uns die Nachricht von der Ankunft der ALAN KURDI über Facebook erreicht. Unter dem Post zu dieser Nachricht lesen wir viele rassistische Kommentare.

Ich schaue meine Freundin an und sage: „Okay, das dürfen wir nicht verpassen.

Wir wachen um 5:30 Uhr auf, die Ankunft der ALAN KURDI ist für 6:00 Uhr geplant. Das Wetter ist schlecht, weshalb die ALAN KURDI ihren Kurs nach Marseille nicht fortsetzt und in Olbia anlegen darf.

Gegen 9:00 Uhr trifft ein jämmerlicher Haufen von Lega-Anhängern und Neofaschisten ein.

Die ALAN KURDI dockt um 10:00 Uhr an.

Nehmt sie mit zu euch nach Hause“, schreien sie uns an, mit ihrer arroganten und intoleranten Haltung.

Sie machen ihre Show für die üblichen Fotos. Angeben ist das Einzige, was für sie zählt.

Sie wollen die italienischen Grenzen vor 125 schutzsuchenden Menschen verteidigen, die vor Krieg fliehen, rausgefischt von den Engeln der ALAN KURDI in drei verschiedenen Rettungseinsätzen im Mittelmeer.

Ankunft der ALAN KURDI in Olbia

Fast die Hälfte der Migrant*innen sind minderjährig.

Der Jüngste ist fünf Monate alt.

Wir grüßen die verängstigten Männer und Frauen und versuchen zu verstehen, was passieren wird.

Der Aufbau der Zelte beginnt gegen 12:00 Uhr.

Warum konnte es nicht früher gemacht werden? Wir waren schon ab 6:00 Uhr morgens dort.

Der Wind weht stark, manchmal geht er in einen Sturm über und die Menschen sind gezwungen, auf dem Schiff zu bleiben.

Gegen 18 Uhr beginnen sie mit dem Aussteigen, auf dem Boden sitzen Frauen mit ihren Kindern.

Es ist kalt.

Die meisten von ihnen sind barfuß.

Sie schauen uns an, wir schauen sie an. Ich fühle mich schuldig. Furchtbar schuldig.

Geflüchtete und Polizei in Olbia

Ich wünschte, ich wäre auf diesem Schiff; ich möchte ihnen sagen, dass alles in Ordnung sein wird und dass in kurzer Zeit endlich alles vorbei sein wird.

Aber leider ist das nicht der Fall.

Für die Nacht wird ein Empfangszentrum außerhalb des Industriehafens eingerichtet, dort würden sie bleiben.

Willkommensgruß in Olbia

Wir fahren am Samstag zurück, um Neuigkeiten zu erfahren, und es gelingt uns, Josh, den ersten Offizier der ALAN KURDI, zu interviewen, der uns mit „offenen Armen“ hinter der Reling empfängt.

„NIEMAND SETZT SEINE KINDER IN EIN BOOT, WENN DAS WASSER NICHT SICHERER IST ALS DAS LAND.“

Aus dem Gedicht Home von Warsan Shire, einer jungen kenianischen Schriftstellerin und Dichterin.

Heute interessiert sich niemand mehr für die Nachrichten.

Ankunft in Olbia

Aber wie sehr kümmern wir uns wirklich um diese Menschen?

Oder kommen sie nur an einem Tag in die Nachrichten und sind am nächsten Tag verschwunden?

„Aber wie sehr kümmern wir uns wirklich um diese Menschen?“

Viele von ihnen sind unbegleitete Minderjährige, Kinder, die ohne ihre Eltern in einem unbekannten Land ankommen, nachdem sie, niemandem weiß welche, Tragödien erlebt haben.

„Liebe Hasser*innen, seht, auf wen ihr euren Hass geschüttet habt.“

Liebe Hasser*innen, seht, auf wen ihr euren Hass geschüttet habt.

Auf die verletzlichsten Menschen dieser ungerechten Welt.

Am Sonntagabend gelingt es uns, der gesamten Besatzung Pizzas zu bringen.

Eine große Ehre für uns.

Die Ankunft kurz vor meiner nächsten Erfahrung dokumentieren zu können, war ein großartiges Zeichen. Ich bin im Begriff, einen stillen Spaziergang zu beginnen, der mich von Assisi nach Riace führen wird, wo ich Domenico Lucano treffen werde.

Domenico, der ehemalige Bürgermeister von Riace, hat ein Integrationsmodell für Migrant*innen geschaffen, das weltweit Anerkennung gefunden hat.

Es liegt nun an Europa, Lösungen zu finden, auch für die Hotspots in Griechenland. Wir brauchen präzise Regeln.

Wir sind alle gleich, es gibt keine Menschen erster oder zweiter Klasse.

Liebe erzeugt Liebe.
Liebe erzeugt positive Gefühle.
Liebe erzeugt Leben.

Ich wünsche Ihnen allen ein schönes Leben.

Mit Liebe.
Stefano.

Der Autor: Stefano Lotumolo

Mit einem Diplom in Buchhaltung arbeitete er bis zum Alter von 28 Jahren als Blumenzüchter im Familienbetrieb. Im Jahr 2015 verließ er seinen sicheren Hafen, um auf Reisen zu gehen und sich selbst und die Welt kennenzulernen.

Im Juni 2017 trat er seine erste fotografische Reise an, eine dreimonatige Rucksacktour in Afrika. Von dort aus änderte sich sein Leben völlig. Durch die Fotografie möchte er, dass die Menschen die Menschen so sehen, wie er sie durch seine Augen sieht, und er nimmt sie mit seinem Herzen wahr.

Er möchte dieselbe Liebe und denselben Respekt vermitteln, den er für das Leben empfindet.

Durch die Fotografie möchte Stefano eine Stimme für die Stimmlosen sein, Geschichten aus dem wirklichen Leben und den verschiedenen Unbeständigkeiten der Menschen erzählen, mit denen er seine Lebenserfahrungen teilt.

Fotos in diesem Beitrag: © Stefano Lotumolo